Eine Woche Gratis-Urlaub an der “türkischen Riviera”? Den hatte ich 1999 schon einmal “absolviert” – und bleibende Erinnerungen daran zurückbehalten, so bleibend, dass ich eine kleine Glosse darüber verfasste.

E. Franz

Individualisten unerwünscht

“Ich hab' schon wieder gewonnen!”

Verhaltene Aufregung in der Stimme meiner Mutter am Telefon. Diesmal war es eine Reise, eine Woche für zwei Personen, wahlweise nach Malta oder Antalya zu verschiedenen Terminen zwischen Dezember und April. Sie hatte den Gewinncoupon zusammen mit einem Fragebogen der Firma Media Umfragesevice GmbH erhalten und eingeschickt. Ich solle mir die Unterlagen einmal anschauen, wenn kein Haken dabei sei, könne ich fahren. Sie war in letzter Zeit schlecht zu Fuß.

Ein Haken war schon dabei – den Flug musste ich selbst bezahlen. Das Angebot enthielt Charterflüge mit Preisstaffelungen je nach Termin. Wenn schon, die zugeschickten Unterlagen wiesen diskret auf die Bertelsmann-Gruppe hin. Die Sache schien seriös zu sein. Mein ältester Sohn wollte mitkommen. Ich meldete uns für eine Reise nach Antalya Mitte März 1999 an.

Die erste Überraschung enthielt die Rechnung vom Media Umfrageservice für die Flugtickets. Statt von Halbpension war nur noch von Übernachtungen mit Frühstück die Rede. Hatte ich etwas Kleingedrucktes übersehen? Das war im August. Es blieb nicht bei dieser einen Änderung. Im Januar übernahm die Firma Ria Reisen GmbH die Buchungen und die Organisation der An- und Abreise. Zehn Tage vor dem Reisetermin ein abendlicher Anruf: Ob ich statt von Hannover von Hamburg abfliegen wolle, allerdings einen Tag früher. Und ob ich wollte. Ich wohne nur 15 Busminuten vom Flughafen Fuhlsbüttel entfernt.

Am Flughafen wartete ich vergeblich auf meinen Sohn. Er hatte es sich wegen der PKK-Drohungen in letzter Minute anders überlegt. Auch weitere Teilnehmer hatten kurzfristig abgesagt. Um es vorweg zu nehmen, während meines Aufenthalts explodierte in Antalya keine Bombe. Von der in Istanbul erfuhr ich in den Nachrichten. Aber Istanbul war 738 km entfernt. Meine einzige Sorge in Antalya war das Wetter gewesen. Am letzten Abend hatte es heftig geregnet und kaum war ich abgeflogen, als es Taubeneier hagelte.

Antalya. Erinnerungen wurden wach. Anfang der sechziger Jahre hatte ich als Reiseleiter Studentengruppen an die türkische Riviera begleitet. Jetzt sollte sich die Agentur Bronce Tours vor Ort um mich kümmern. Die Mitteilung hatte ich mit den Flugtickets bekommen. Am Bus der Agentur versammelte sich eine kleine Gruppe. Dass es 13 Personen waren, sagte der Agenturvertreter nur auf türkisch zum Fahrer. Auf deutsch verkündete er uns die nächste Änderung: Es gehe zum Corinthia Club Hotel in Tekirova statt zum angekündigten Hotel in Belek. Die Hotelansicht in den Unterlagen sei nur ein Beispiel für die Art des Hotels gewesen, in der wir untergebracht würden. Antalya war zwar inzwischen zu einer hässlichen Großstadt herangewachsen, aber geändert hatte sich anscheinend nichts. Schon damals hatte ich ein wichtiges Wort gelernt: Inşallah, “so Gott will”. Und der wollte nicht immer so. Ein Blick auf die Karte – Tekirova lag auf der anderen Seite von Antalya, der Seite mit den Kieselstein- statt den Sandstränden. Aber es war sowieso noch kein Badewetter, und diese Seite der Küste kannte ich kaum. Wir hatten Ausflüge mit dem Fischerboot zu ihr unternommen; auf der “Straße” war ich mit dem Auto noch im Sand steckengeblieben.

Das Hotel lag am Ende des Ortes in einem Hain aus Apfelsinen- und Zitronenbäumen mit Früchten und Blütenknospen, blühenden Mimosen- und Kameliensträuchern, Bananenstauden, Palmen und bizarr gewachsenen alten Pinien. Vom Zimmer der Blick auf zwei eigenartige Felsformationen im Meer, gegenüber die Aussicht auf den noch schneebedeckten 2375 m hohen Tahtalı Dağ. Eine bewachte Pförtnerloge an der Straße vermittelte den Eindruck von Sicherheit, auch wenn man die Anlage über den Strand unbemerkt verlassen und betreten konnte. Das Corinthia war ein Fünfsternehotel, allerdings mit türkischen Sternen. Zu den banalen Unvollkommenheiten dieses Paradieses gehörte der Rauchmelder im Zimmer. 53 Mal blinken, eine Sekunde Pause, 53 Mal blinken ... Von Zeit zu Zeit riss mich ein misstöniges kurzes "Peep" aus dem Schlaf. Dabei hatte ich weder geraucht noch Knoblauch mit aufs Zimmer genommen. War die Anlage etwa mit einem Geräuschpegelmesser gekoppelt? Einmal, als ich am großzügig geschwungenen Swimmingpool vorbei flanierte, hörte ich, wie ein Ehepaar, das sich dort sonnte, über einen lautstarken Schnarcher klagte, der es am Einschlafen hindere. Mein Zimmer lag zwei Stockwerke höher. Ich konnte es also nicht gewesen sein – oder etwa doch?

Komfort hat natürlich seinen Preis. Bereits im Bus vom Flughafen zum Hotel brachte der Betreuer Pauschalpakete an den Mann, in diesem Fall an die Touristen. Ein Paket für alle Eintrittspreise und Mittagessen auf den Ausflugstouren, an anderes mit fünf Abendessen im Hotel zum Vorzugspreis von je 20,- DM, fünf Mark unter dem regulären Preis. Für Türkeineulinge mit Wunsch nach gepflegtem Ambiente war das gut angelegtes Lehrgeld. Man blieb unter sich. Wer jedoch keine Berührungsängste mit Türken hatte, der konnte in Tekirova für den halben Preis essen und dazu noch ein bis zwei einheimische Biere trinken. Aber der Ort Tekirova hielt noch Winterschlaf, die meisten Restaurants würden erst öffnen, wenn die Frühlingssonne Touristen angelockt hatte.

In meinem Zimmer fand ich ein Angebot des Hotels. Für zwanzig Märker bot es im Winter zusätzlich zur Halbpension ein “Inklusivpaket” an, das ein Abendessen, Kaffee und Kuchen am Nachmittag sowie lokale Getränke mit und ohne Alkohol bis die Bar schließt, enthielt. Das gelte nur für die Wintersaison, sagten die Vertreter der Bronce Tours. Schon merkwürdig, dass ausgerechnet die Ria-Reisegruppe eine Saison eröffnete, die anderenorts noch gar nicht begonnen hatte.

Auf Individualisten sind die Veranstalter nicht vorbereitet. Pauschalreisende haben keine Eigeninitiative zu entwickeln. Mein Betreuer der ersten Stunde schien persönlich beleidigt, weil ich mich völlig aus dem sorgsam vorbereiteten Programm ausgeklinkt hatte, einem Programm, das vier von sechs Tagen ausfüllte. Er begegnete mir nur noch mit dem Lächeln eines Eiszapfens, wenn er mich überhaupt wahrnahm. Denn nebenbei war er damit beschäftigt, eine der jüngeren Teilnehmerinnen aus der Reisegruppe anzubaggern. Ich wollte mir historische Orte in der Nähe anschauen, die ich noch nicht kannte. Außerdem war gerade Wahlkampf, und der interessierte mich mehr als die zusätzlichen Besichtigungen einer Teppichmanufaktur, einer Lederwarenfabrik und einer Goldschmiede. Geschäftstüchtig sind sie ja, die Leute aus Antalya. Besonders den Touristen gegenüber. Die Türken im anatolischen Hinterland behaupten, dass ein Armenier fünf Levantiner und ein Levantiner fünf Türken über den Tisch zöge. Antalya liegt in der Levante; im hohen Mittelalter gehörte es zu Klein-Armenien. Und Bronce Tours ist ein Unternehmen aus Antalya.

Während der Zweitagestour nach Pamukkale, dem “Baumwollschloss” aus Kalksinterterrassen, konnte das Gepäck auf den Zimmern gelassen werden, sie blieben reserviert. Wer jedoch nicht mitfahren wollte, sollte 85,- DM für die zusätzliche Übernachtung im Corinthia zahlen. Sicher, Reservierung und Benutzung sind zweierlei. Aber schließlich hatte der Veranstalter durch den Rücktritt meines Sohnes fünf Frühstücke gespart. Ich versuchte den Preis zu drücken. Man bot mir einen Nachlass von 20,- DM an, da ich nicht am Abendessen teilnahm. Einheimische Individualtouristen hätten das Doppelte pro Nacht zu zahlen. Trotzdem blieb ich bockig. Ich suchte mir für eine Nacht ein anderes Zimmer – typisch türkisch, volksnah und billig. Preis 25,- DM. Für das eingesparte Geld mietete ich mir vier Tage lang einen Wagen, Preis 150,- DM. Na ja, meine Vorfahren waren eben keine Levantiner.

Ich fürchte, wenn meine Mutter diesen Bericht liest, wird sie den Fragebogen des Media Umfrageservice, für dessen Beantwortung sie die Reise gewonnen hatte, wohl doch nicht mehr abschicken.

 

 Download (pdf) ⇒Antalya

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