Kanada 2006 Teil 2
Inhalt Teil 2

Happy X-mas
– fröhlicheWeihnachten
 
Quer vor den Maritimes
liegt The Québec
 
New/Nouveau Brunswick
feierte auf  Französisch
 
Nova Scotia
warb mit seiner schottischen Tradition
 
Prince Edward Island
übte sich in britischer Zurückhaltung
 
Naturerlebnisse
mit Pilzgericht und Sessellift
 
Zurück zum Anfang
 
Die letzten Bilder
 
 Happy X-mas
– fröhliche Weihnachten

Das Hammock River Resort bei Orillia erreichte ich an einem Freitag Mittag. Es gab eine Werkstatt in Orillia, welche Abgastests vornahm. Der Mann, der sie durchführte, hatte sich jedoch bereits zum Wochenende abgemeldet.

 
Dauercamper und Boote prägten das Hammock River Resort.
 
Die „Hängematte“.

Letztes Frühjahr war das Resort Schauplatz eines Angelwettbewerbs gewesen. Für diesen Sommer hatten sich Adrianne und Bob, das Managerehepaar, etwas anderes einfallen lassen: Sie feierten mitten im Juli Weihnachten!

 
Am Freitag verteilte Santa Claus Lollies am Einlass zum Campground.
 
Am nächsten Vormittag fand ein Weihnachtsbaumschmücken als Wettbewerb für die Kinder statt.

Nachmittags folgte ein Hay Ride (eine Heuwagenfahrt) mit „Santa“. Inzwischen bereitete Bob als „Gehilfe“ von Santa ein Lagerfeuer vor, an welchem die Kinder nach der Fahrt Mashmallows und Weiner (sprich „Wiener“) rösten konnten.

Am Campfeuer sang Adrianne Christmas-Lieder zur Gitarre.

Die Kinder hatten reichlich Weiner und Marshmallows für die Erwachsenen übrig gelassen, die sich Bob und Adrianne dann etwas später am Lagerfeuer mit Freunden teilten (meine Bilder hatten mir Zutritt zu dieser Runde verschafft). Ich probierte die Marshmallows: Den ersten hielt ich zu lange übers Feuer, er weichte auf und rutschte vom Draht. Der zweite Versuch klappte besser und ich konnte das außen versengte, innen weich und klebrige, übersüße Zuckerwerk kosten. Es schmeckte ähnlich wie türkisches Lokum, nur die Pistazienkerne fehlten.

 
Adrianne und Bob.

Bob war früher Sänger in einer Band gewesen und in Kanada sowie in den USA herumgekommen und Adrianne war als Sängerin aufgetreten.

Auch mir hatte Santa einige Lollies geschenkt. Die meisten hatte ich weitergegeben, einen hatte ich in der Brusttasche meines Hemds übersehen. Nach der nächsten Wäsche hatte ich „süße“ Hemden!

Am Montag nach „Weihnachten“ konnte ich mich endlich „ehrlich“ machen und die Gültigkeitsplakette für das Nummernschild am Camry erwerben. Der Abgastest war eine Sache von zehn Minuten; das Warten im zuständigen Amt eine Sache von Stunden. Untergebracht im alten Bahnhofsgebäude der Stadt, diente der ehemalige Wartesaal jetzt als Wartehalle für Antragsteller. Das Amt verfügte über einen Automaten, aus welchem man eine Wartenummer ziehen musste. Nur fehlte eine elektronische Anzeigetafel. Um die nächste Nummer aufzurufen, mussten die Damen an den Schaltern jedesmal aufstehen und die Nummer in den Wartesaal rufen. Die Sachbearbeiterin, die ihren Arbeitsplatz am ehemaligen Fahrkartenschalter hatte, musste nicht aufstehen; sie konnte direkt von ihrem Platz aus in die Wartehalle rufen. Man sah ihr an, dass sie weniger Bewegung als ihre Kolleginnen hatte.
 
 

 Ontario – yours to discover

 Quer vor den Maritimes
liegt The Québec

Bob hatte mir eine Route nach Ottawa empfohlen, die rund 300 km durch Wald und kleine Orte führte. Nach 200 Kilometern hatte ich wieder einmal Probleme mit meiner Beleuchtungsanlage – und keine Werkstatt weit und breit, die den Schaden sofort beheben konnte. Der Meister einer Werkstatt bei Renfrew im Ottawa Tal war gründlich. Wenn das Verteilerkästchen ständig durchschmort, muss es irgendwo in der Anlage einen Kurzschluss geben, schloss er messerscharf. Er schickte mich mit dem Camry zur Toyota Niederlassung, während er den Kurzschluss im Trailer suchte. Auch im Auto war ein Relais durchgebrannt, ein neues nicht am Lager. Ich war mit einem gebrauchten Relais zum halben Preis einverstanden. Inzwischen hatte man in der Trailer-Werkstatt abgerissene Drähte im hinteren Kabelkasten gefunden. Sie hatten sich um das ausziehbare Netzkabel für den Stromanschluss auf einem Campingplatz gewickelt – eine Spätfolge des Unfalls in Wawa und diverser Auslotungen von Schlaglochtiefen. Ursprünglich hatte es mal eine eigene Schutzröhre für das Netzkabel gegeben.

Es führte kein Weg daran vorbei – um in die östlichen Küstenprovinzen Kanadas, in die „Maritimes“, zu gelangen, musste ich die Provinz Québec durchqueren und um nach Québec zu gelangen, musste ich durch Ottawa fahren. Die Fahrt durch die Hauptstadt der kanadischen Föderation verlief ganz gut – ich bin nur einmal ein Stück Einbahnstraße in falscher Richtung entlanggefahren, weil an einer Straßengabelung keine Schilder darauf hingewiesen hatten. Der Lastwagen, der mir entgegenkam, hat nicht einmal gehupt. Er war anscheinend darauf eingestellt, dass die Autofahrer in Québec ganz allgemein risikofreudiger fahren, nicht so vorsichtig-verhalten wie in den Provinzen, die ich bisher kennen gelernt hatte.
 
Québec war für mich ein eigenes Land – ein französisches Land, nicht mehr Kanada. Nicht nur der Fahrstil der Autofahrer war anders, auch die Verkehrsschilder waren es. Auf den Campingplätzen, hier einfach „Camping“ genannt, hätte ich Bier und Wein kaufen könne – entweder in Restaurants auf den Campingplätzen oder, wenn es kein Restaurant gab, im Office! Aber auch ohne alkoholische Getränke ging es auf den Campings wesentlich lauter zu als auf den Campgrounds. In den englischsprachigen Teilen Kanadas hatten laute Spottrufe der Männer und schrilles Gelächter von Frauen den allgemeinen Gesprächspegel eines Platzes durchbrochen; in Québec bewegten sich die Unterhaltungen auf viel höherem Phon-Niveau. Nur das Plärren der Kinder war überall gleich lautstark. Mit meinem Französisch an der Survival-Grenze konnte ich nichts zum frankophonen dB-Pegel beitragen.
 
Im unteren Ottawatal und am St. Lawrence dominierte die Landwirtschaft. Ständig lag ein Hauch von Gülle in der Luft. In diesem dicht besiedelten Teil Kanadas herrschte hohes Verkehrsaufkommen. Keine einsamen Straßen mehr, auf denen ich jedem anderen Fahrzeug freundlich zugewinkt hatte, froh darüber, nicht allein unterwegs zu sein. Wenn mir auf den Nebenstraßen, auf denen ich die Großstädte Montreal und Québec umfuhr, fünf Minuten lang kein anderes Fahrzeug begegnete – hatte ich mich verfahren.
 
In Québec hatte ich den statistisch nicht überprüften Eindruck, dass es kaum Ortsnamen ohne Saint bzw. Sainte gab. Die meisten Orte waren nach einem Heiligen oder einer Heiligen benannt. Und es gab schon komische Heilige! Zum Beispiel den „Saint-Louis-du-Ha! Ha“ (wobei die Franzosen das „H“ nicht aussprechen).

Ich war froh, als ich Québec hinter mir gelassen hatte. Durch ein Land zu fahren, in welchem ich mich nicht mit den Leuten unterhalten konnte, war langweilig gewesen. Meine Nachbarn auf den Campings hatten ebenso wenig Englisch gesprochen wie ich Französisch.

New/Nouveau Brunswick
feierte auf Französisch

An der Sprache merkte ich nicht, dass ich Québec verlassen hatte. In den Grenzregionen und entlang der Ostküste der Provinz war die Umgangssprache Französisch. Aber einen Unterschied zu Québec gab es schon: man (frau) verstand und sprach auch Englisch! New/Nouveau Brunswick ist die einzige offiziell bilinguale Provinz Kanadas (in Québec ist weder Englisch noch in den anderen Provinzen Französisch offizielle Amtssprache).

Die Provinz empfing mich mit einem Volksfest. In Edmundston sollte die „Foire Brayonne“ stattfinden, eine Kunst- und Künstlermesse, und die gesamte Brayonne (alte französische Bezeichnung für das Gebiet um Edmundston) feierte bereits Tage vorher. Auf dem Camping in St. Jacques gab es gleich zwei Musikbühnen – und mein Stellplatz lag im gleichen Abstand zu beiden Bühnen. Die Karaoke-Sängerin der einen Bühne machte Schluss, als es zu tröpfeln anfing – sie fürchtete um ihre Hightech-Anlage; die zweite Bühne machte weiter bis Viertel nach zwölf, am späteren Abend als Disko für Teenies. Aber vor zwei Uhr kamen die Teenies nicht zur Ruhe!

 
Die Brayonne feierte.
 
Der St. John River/Fleuve Saint-Jean in New/Nouveau Brunswick.

Meine Fahrt nach Osten führte mich auf der vierspurigen Autobahn an der Provinzhauptstadt Fredericton vorbei. Ohne die Schilder an den Abzweigungen hätte ich nicht gemerkt, dass ich an Fredericton vorbeigefahren war. Rechts und links der Autobahn war nur Wald zu sehen gewesen.

Das bekannteste Original von Fredericton ist kein Mensch, sondern der 19 kg schwere Coleman Frosch, der heute unter Glas im Museum zu bestaunen ist. 1885 war er, immerhin schon 3,6 kg schwer, in das Boot des Barkeepers Coleman gehüpft. Aber anstatt den Frosch zu küssen, hatte der Barkeeper ihn mitgenommen und mit einer speziellen Futtermischung aus Buttermilch, Maismehl, Insekten und Whiskey zum größten Frosch der Welt aufgepäppelt.

Auf der südlichen Hauptroute nach Osten war ich gut vorangekommen, hatte aber, jetzt mitten in der Haupturlaubszeit, nicht immer einen mit Hydro and Water (Strom und Wasser) bedienten Stellplatz auf den Campingplätzen gefunden.
 
„Kein Problem, ich habe 18 l Trinkwasser an Bord, mein ´Frischwassertank´ ist gefüllt und die Batterie im Wohnwagen ist voll aufgeladen“, sagte ich mir – bis ich mich mit dem Wasser aus dem Frischwassertank waschen musste. Es hatte einen eigenartigen Geruch. Alle Versuche, es „schön zu riechen“, nutzten nichts. Es roch nach faulen Eiern! Auf dem nächsten Campingplatz mit entsprechenden Anschlüssen leerte ich den Frischwassertank. Das Wasser aus den Hähnen in meinem Trailer stank weiter, obwohl es jetzt reines Leitungswasser vom Campingplatz war – sein sollte. Ich konnte es mir zwar technisch nicht recht vorstellen, aber als Herd der Verunreinigung kam nur noch mein nie benutzter Warmwassertank in Frage. Ich leerte ihn, spülte ihn zweimal durch, kaufte Desinfektionstabletten für Trinkwasser und schüttete eine Handvoll davon in jeden der beiden Tanks. Danach roch das Wasser wieder „normal“, also nach nichts.
 
1604 hatten sich Siedler aus Frankreich in Port Royal und später in anderen Orten auf Nova Scotia niedergelassen. Sie nannten ihre neue Heimat „Acadia“ und entwickelten in den nächsten 150 Jahren eine eigene Kultur und einen eigenen Dialekt. Nachdem Frankreich mit dem Vertrag von Utrecht 1713 das Gebiet an Großbritannien verloren hatte, verlangten die Briten von den Akadiern (Acadianes) einen Treueeid auf die britische Krone. Die Akadier weigerten sich beharrlich, ihn abzulegen. Sie wollten in Ruhe gelassen werden. 1754 kam ein neuer britischer Gouverneur nach Nova Scotia. Neue Besen kehren bekanntlich gut. Er wollte das „Akadierproblem“ endgültig lösen. Als sich die Akadier nach wie vor weigerten, den Treueeid abzulegen, deportierten und vertrieben die Briten 1755 ca. 14.000 Akadier aus Nova Scotia.
 
Im „Village Historique Acadien“ bei Caraquet auf der Acadian Peninsula/Péninsula Acadienne in New/Nouveau Brunswick erhielt ich einen Einblick in das Leben von akadischen Siedlern nach ihrer Vertreibung. Das älteste Gebäude stammte aus dem Jahr 1770. Es war die Werkstatt eines Besenbinders. Die anderen Gebäude stammten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. An ihnen ließ sich die Entwicklung einer akadischen Gemeinde von den Anfängen bis hin zur ersten Dampfmaschine und zum ersten Auto ablesen. Der Besuch hatte sich gelohnt.
  
Besenschnitzen aus einem Birkenast.                                          Ein Fidler unterhielt die Besucher.
 
 
Frauen beim Nachbarschaftsbesuch.
 
Nova Scotia
warb mit seiner schottischen Tradition

Beim Informationszentrum an der Grenze zu New Brunswick empfing ein Girl im Schottenlook die Touristen. Wenn neue Touristen ankamen, spielte das Girl eine kurze Melodie auf dem Dudelsack – es war jedesmal die gleiche Melodie.

Echte Schotten tragen nichts unter ihrem Kilt – war das Mädchen eine „echte“ Schottin?

Die ersten schottischen Aussiedlerfamilien, insgesamt 189 Seelen, waren 1773 in Pictou an der Westküste von Nova Scotia gelandet, nachdem die Briten zehn Jahre zuvor im Kolonialkrieg alle französischen Gebiete in Nordamerika erobert hatten. Den ersten Schotten folgten Scharen weiterer Highlander, die schließlich dem Gebiet ihren Namen gaben: Nova Scotia – Neu Schottland. Es heißt, dass die Waldberge in Nova Scotia und auf Cape Breton sie an ihre alte Heimat erinnerten. Ganz gewiss hat sie der Regen an Schottland erinnert – auch dort soll es ja häufig regnen.

In Pictou spielten – wie jedes Jahr zur Haupttourismuszeit – Laiendarsteller des historischen Vereins die Landung des Schiffes Hector mit den ersten schottischen Siedlern nach. Zwei Erzähler schilderten die Überfahrt und die Ankunft, der eine auf Englisch, der andere auf Gälisch.
 
Die Ehrengarde an der Hafenmole von Pictou schoss mit ihren Vorderladern Konfetti in die Luft;die Kostüme waren historisch – nur die Brillen waren zwar nicht von Fielmann, aber modern.

Seit sechs Jahren liegt eine Nachbildung des Schiffes in der Bucht. Trotz dieser „Attraktion“ war ich froh, nicht in Pictou bleiben zu müssen – gegenüber vom Hafen blies eine Fabrik, die Holz zu Pulp, zu Brei für die Herstellung von Papier, verarbeitet, ihre Rauchschwaden in den Himmel. Der Gestank verfolgte mich bis zum Campground – und der lag sechs Kilometer außerhalb der Stadt.

 
Blick auf die Bucht von Pictou – mit der Hector-Replica und der Pulp-Fabrik.

Bereits 1749 hatten die Briten Halifax als Garnison gegründet. Von 1799-1802 war Prince Edward, der Vater der späteren Queen Victoria, als Duke of Kent Kommandant von British North America gewesen und hatte sich in dieser Funktion vorwiegend in Halifax aufgehalten. Sein Abschiedsgeschenk an die Stadt war ein Glockenwerk aus Europa für die Old Town Clock am Festungshang.

 
Die Zitadelle von Halifax, die letzte von vier Festungen auf dem Hügel, stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
 
 
Selbst von der Zitadelle aus hatte ich keinen freien Blick auf den Hafen und das Wasser – moderne Hochhäuser versperrten die Sicht.

Die Kanonen einer Festung auf dem Hügel über dem Hafen beherrschten Stadt, Hafen und The Narrows, die Passage in das weiter landeinwärts gelegene Bedford Bassin. Heute gehört die Zitadelle von Halifax zum nationalen historischen Erbe Kanadas.

In den beiden Weltkriegen war Halifax Verteilerzentrum für Versorgungsschiffe nach Europa gewesen. 1917 hatte die Stadt dafür ihren Tribut zahlen müssen:

Am helllichten Tage und bei klarer Sicht kollidierten am 6. Dezember durch menschliches Versagen das mit hochexplosiven Material beladene französische Munitionsschiff Mont Blanc und das belgische Versorgungsschiff Imo in den Narrows. Die Mont Blanc fing Feuer – die Besatzung sprang in die Rettungsboote und ruderte an das Ufer von Dartmouth gegenüber von Halifax. Das verlassene Schiff trieb auf Halifax zu. 35 Minuten später explodierte es in der größten von Menschen verursachten Explosionen vor Hiroshima. Ein Kanonenrohr fand man fünf Kilometer entfernt vom Explosionsort und den tonnenschweren Ankerschacht drei Kilometer entfernt in der entgegengesetzten Richtung. Über 1900 Personen fanden den Tod und über 9000 wurden verletzt. Der nördliche Teil von Halifax – 130 ha – war dem Erdboden gleich gemacht. Häuser, welche die Explosion nicht zerstört hatte, brannten bis auf die Grundmauern ab, da die Bewohner Kohlen für den Winter eingekellert hatten. Am Tag nach der Explosion fegte ein Blizzard über die Stadt hinweg und bedeckte sie mit 40 cm Neuschnee. Der benachbarte US-Bundesstaat Massachusetts entsandte sofort ein Heer von freiwilligen Helfern sowie medizinisches Personal nach Halifax. Die Bewohner von Halifax waren so dankbar für diese schnelle Hilfe, dass sie noch heute der Stadt Boston jedes Jahr zu Weihnachten einen Tannenbaum schenken.
(Nach meinem Reiseführer: Canada, 8th ed., Victoria 2002, S. 437.)

Halifax am Atlantik hat einiges mit Victoria auf Vancouver Island am Pazifik gemeinsam: Auch Halifax ist ein eisfreier Hafen in einer Bucht, die sich tief ins hügelige Land hinein erstreckt, es ist mit 335.000 Einwohnern so groß wie Victoria und auch in Halifax gibt es Whale Watching. Die Hauptattraktion des Whale Watching in Halifax bestand dem Prospekt nach nicht im Sichten von Walen, sondern in einer Vorführung, wie man Hummer fischt.

Die Mädchen waren Köder – für die Touristen, nicht für die Hummer!

Dennoch, meinem Vergleich mit Victoria hielt Halifax nicht stand. Mir hatte Victoria besser gefallen, auch wenn ich inzwischen erfahren habe, dass die Stadtväter die Abwässer ihrer Stadt ungeklärt in den Ozean pumpen lassen.

Mein Campground bei Halifax lag an der Küstenstraße nach Peggy´s Cove. Es war eine zwar dicht besiedelte, aber malerische Küste mit zahlreichen Buchten, Inselchen und Klippen.

 
Bucht bei meinem Campground an der Straße nach Peggy´s Cove.

Peggy´s Cove an der St. Magarets Bay ist ein kleines Fischerdorf mit nur wenigen Einwohnern und eine der meistbesuchten touristischen Attraktionen in den Maritimes. In Reisehandbüchern warnten die Autoren allerdings vor dem Touristenandrang um die Mittagszeit und vor dem Nebel. Mit Recht! Zum Glück war Peggy´s Cove auch ein bei Malern beliebtes Motiv.

Medien in der ganzen Welt hatten 1998 den Ort erwähnt. Trauriger Anlass war der Flug 111, der Absturz einer Swissair Maschine am 2. September in die St. Magarets Bay gewesen, bei dem alle Personen an Bord den Tod gefunden hatten (215 Passagiere und 14 Besatzungsmitglieder).
 
Auf Nova Scotia und schon gar nicht auf Cape Breton, der durch einen Damm und eine Drehbrücke mit dem Festland verbundenen Insel im Norden, konnte ich den Darbietungen der Fiddler auf einem Ceilidh („Käliđ“ ausgesprochen, ein gälisches Wort für „Besuch“, „Treffen“) entgehen. Während meines ersten Besuchs eines Ceilidh im ehemaligen Gerichtssaal des „historischen“ Dorfes in Sherbrooke traf ich Adam Cooke Jr., seiner Visitenkarte nach Sänger, Liederschreiber, Satiriker, Darsteller und Klavierlehrer. Er trat mit Krysta auf. Krysta war 15 Jahre alt, noch völlig unbedarft – ihre Familie musste sie vor dem Auftritt daran erinnern, den Kaugummi auszuspucken – und mitreißend musikalisch. Sie spielte die Fiddel (Geige), Gitarre und das keltische Tamburin. Und sie sang Baladen. Noch zwei, drei Jahre wird Krysta mit Adam auftreten. Und dreißig Jahre später – wird sie dann aussehen wie Adrianne in Orillia?
 
Krysta MacKinnon.

Beim Besuch einer zweiten Ceilidh auf einem Campground auf Cape Breton traf ich Adam wieder und er stellte mich dem Publikum prompt als Fan aus Hamburg vor. Auf seinem Keyboard begleitete er eine Jugendgruppe von zehn Fiddler(innen). Die Zuhörer fanden es gut – aber das waren vorwiegend Angehörige.

 
Haus im britischen Kolonialstil vom Ende des 19. Jahrhunderts im historischen Dorf Sherbrooke.

 
„Historisches“ Sägewerk, noch funktionsfähig, bei Sherbrooke.
 
 Prince Edward Island (P.E.I.)
übte sich in britischer Zurückhaltung

Mit 5.700 qkm war Prince Edward Island die kleinste und am dichtesten besiedelte Provinz Kanadas, die ich heimsuchte. Im Durchschnitt 35 km breit und keine 400 km lang war die Inselprovinz so klein, dass ich auf die Bremse treten musste, um nicht sofort wieder am anderen Ende hinauszufahren.

Gewohnt, durch Reklametafeln an der Straße schon Kilometer vorher auf einen Campingplatz aufmerksam gemacht zu werden, fiel mir auf Prince Edward Island die Suche nach einem Campground schwer. Hier übte man sich in britischer Zurückhaltung: Werbetafeln, die in den anderen Provinzen einen verwirrenden Schilderwald vor einer Stadt bildeten, waren verboten.
 
Um vom Festland auf die Insel zu gelangen, gab es zwei Möglichkeiten: mit der Autofähre zwischen Caribou (bei Pictou) in Nova Scotia und Woodland Islands in P.E.I. und von New Brunswick aus über die Confederation Bridge. Die Fähre – sie stellt im Winter ihren Betrieb wegen des Packeises in der Wasserstraße ein – brauchte 90 Minuten für die 22 km lange Strecke. Über die 13 km lange Confederation Bridge war ich in 20 Minuten wieder auf dem Festland. Auf die Insel war ich umsonst gelangt, zahlen musste ich erst, als ich die Insel wieder verlassen wollte.
 
Die Confederation Bridge, 1997 fertig gestellt, hatte heftige Diskussionen auf der Insel ausgelöst.

In Charlottetown, der Hauptstadt von P.E.I., hatten 1864 die ersten Diskussionen über eine kanadische Föderation stattgefunden, die drei Jahre später gegründet wurde. Seitdem hält sich Charlottetown für den Geburtsort der Konföderation – ein Vergleich mit Maria Empfängnis schien mir angebrachter.

Die Stadt erinnerte mich an eine norddeutsche Hafenstadt: Ein großer Luxusliner im Hafen, enge, verstopfte Straßen mit mindestens drei Phasen Wartezeit vor jeder roten Ampel und Regen. Aber ich wollte in Kanada sein, nicht in Norddeutschland. Ich fuhr schnell weiter. Dabei übersah ich wieder einmal einen rechtwinkligen Knick in der Straßenführung und gelangte auf eine Route, die ich gar nicht fahren wollte. Kein Problem auf der kleinen Insel – nach 30 km Umweg auf einer Nebenstrecke durch eine wellige Landschaft, vorbei an Kartoffel- und Maisfeldern, war ich wieder auf der Hauptroute, dem Trans Canada Highway. Auch auf der Nebenstrecke hatte ich das Gefühl gehabt, in Norddeutschland, in der holsteinischen Schweiz, zu sein, allerdings mit weiß gestrichenen Holzhäusern statt roter Backsteinbauten.

Das Abschiedskonzert auf dem letzten Campground auf Prince Edward Island war kein Ceilidh, sondern einfache Country Music einer zwei Mann und einer Frau Kapelle. Der Unterschied bestand für mich nur in den Instrumenten: keine Fiddle und kein Tamburin, sondern Gitarren und Bass.

  Naturerlebnisse
mit Pilzgericht und Sessellift

Eine Woche hatte ich zeitlos glücklich verbracht – meine Armbanduhr war stehen geblieben. Ein erster Versuch, die Batterie in einem Juweliergeschäft austauschen zu lassen, war fehlgeschlagen: Die Damen im Geschäft konnten die Uhr nicht öffnen. Tage später fand ich einen Graveur, der zwar den Boden der Uhr aufschrauben konnte, aber keine passende Batterie auf Lager hatte. Im nächsten Juweliergeschäft ersetzte man die Batterie und schraubte den Boden wieder fest – zu fest. Datum und Uhrzeit ließen sich nicht mehr einstellen. Außerdem blieb die Uhr nach ein paar Stunden wieder stehen. Ich wusste nicht mehr, was die Stunde geschlagen hatte, denn mein Reisewecker ging nach dem Mond und die Autouhr war noch auf Central Standard Time (von Saskatchewan) eingestellt. Aber wozu auch brauchte ich als Rentner auf Reisen gequarzte Uhrzeit? Meine biologische Uhr zeigte mir an, wann ich wach war, wann ich müde wurde und wann ich Hunger hatte. ... Im nächsten Juweliergeschäft kaufte ich eine neue Armbanduhr! Meine alte Armbanduhr hatte man auch dort nicht wieder in Gang bringen können.

 
Bucht bei Bas-Caraquet an der „route du littoral acadien“ in Nouveau Brunswick.

Nach den vielen Touristenattraktionen wollte ich wieder Natur genießen. Der Mont/Mount Carleton Provincial Park in New/Nouveau Brunswick war nur 100 km von der Ostküstenroute entfernt – vielversprechenden 100 Kilometern, bergauf durch Wald. In den Waldbergen um den 820 m hohen Mount Carleton soll es noch Wölfe und Bären geben. Mit ihrem Besuch auf dem Campground rechnete man jedoch nicht. Die Abfallbehälter waren nicht – wie überall im Bärenland von Ontario – bärengesichert. Abends, am Campfeuer, lauschte ich dem Zetern der Eichelhäher und dem grollen der Düsentriebwerke von den Linienmaschinen auf ihrer Route hoch über mir.

 
Blick über den Nictou Lake auf den Mount Sagamook (777 m) im Mount Carleton Provincial Park.
 
Die William Falls im Park.

Der August sollte der „trockenste“ Monat in den Maritimes sein, was bedeutete, dass es auch sonnige Tage – Tagesabschnitte – gab. Das Wetter konnte von einer Stunde auf die andere umschlagen. Dennoch war das Klima angenehm, nicht so stickig feucht wie an den großen Seen. Am Mount Carleton hatte die Pilzzeit begonnen. Überall schossen sie aus dem Waldboden. Unter ihnen entdeckte ich auch Maronen. Früher – viel früher, als ich noch nichts von Kadmiumbelastung wusste und Jahrzehnte vor Tschernobyl – hatte ich Steinpilze, Maronen, Ziegenlippen und Birkenpilze, alles essbare Röhrenpilze, gesammelt. Vielleicht waren ja die Pilze hier in Kanada nicht so belastet wie in Deutschland. Ein Pilzgericht, mit Butter, Zwiebeln und Speck über dem Campfeuer gebrutzelt, wäre auch eine Art Naturerlebnis in Kanada, dachte ich mir.

Vielleicht verdankte ich kleinen weißen Maden, dass ich wohlbehalten und munter weiterfahren konnte. Die Unterseite der Pilze war voller Madenlöcher und beim Aufschneiden fielen mir die Maden entgegen. Ich hatte keinen Appetit auf eine Fleischmahlzeit.
 
Mein Pilzgericht genoss ich dann einige Tage später – mit gekauften Champignons – und nicht am Campfeuer, sondern in der Bratpfanne auf dem Herd zubereitet. Es war ein „durchschlagender“ Erfolg! Das muss an der Beilage aus Stampfkartoffeln gelegen haben – die eine oder andere Kartoffel war wohl nicht mehr ganz frisch gewesen – oder?
 
Der nächste Provinzpark, den ich in New Brunswick ansteuerte, befand sich um den 620 m hohen Sugarloaf Mountain bei Campbellton. Im Winter ist der Park ein beliebtes Abfahrtsskigebiet mit bis zu 150 cm Schnee, im Sommer kann man auf Rollgleitern in Betonrinnen einen Hang hinab sausen (wobei ich weniger „sauste“, sondern mehr die Belastbarkeit der Bremskufen testete).
 
Sessellift und Gleitbahn am Sugar Loaf.

Zur Entstehung des Sugarloaf Mountain haben die Micmac, die Indianer, die früher hier lebten, ihre eigene Legende:

Vor langer Zeit lebten Micmac am Ufer des Restigouche-Flusses. Hier erwarteten sie die Lachse, die zum Ablaichen den Fluss herauf kamen. Zu jener Zeit waren die Biber wirklich riesengroß. Eines Tages bemerkten die Micmac, dass die Lachse nicht mehr den Fluss hinaufschwimmen konnten, weil die Biber den Fluss mit einem Damm abgesperrt hatten. Die Micmac waren aufgebracht, denn, wenn die Lachse nicht mehr im Fluss laichen konnten, würde es bald keine Lachse mehr geben und das Volk hätte keine Nahrung mehr für den Winter.

Vergeblich versuchten die Krieger der Micmac mit ihren Kanus an den Damm zu gelangen, um ihn zu zerstören. Die Biber peitschen mit ihren riesigen Schwänzen auf das Wasser und die Kanus mit den Kriegern flogen durch die Luft – die Biber waren eben zu groß.

Daraufhin baten die Micmac den Loon, den Riesen Koluskap zu rufen. Auf dem Rücken eines Wales reitend kam Koluskap zum Lager der Micmac. Diese schilderten ihm ihr Problem. Koluskap ging zum Damm und zerstörte ihn mit seiner Kampfkeule. Fortgeschwemmte Teile des Dammes bildeten Inseln in der Bucht vor dem Fluss. Dann fing Koluskap den Anführer der Biber und wirbelte ihn am Schwanz durch die Luft. Als er ihn los ließ, landete der Biber meilenweit entfernt und versteinerte zu Fels – dem heutigen Sugarloaf Mountain. Den übrigen Bibern schlug Koluskap solange mit seiner Keule auf ihre Köpfe, bis sie zu ihrer heutigen Größe geschrumpft waren. Er versprach den Micmac, dass die Biber nie wieder so groß werden würden, dass sie Flüsse, in die Lachse zum Laichen kamen, absperren könnten.
(Nach der Informationsbroschüre des Sugarloaf Mountain Park.)

Meine „Natur mit Komfort“ fand ich schließlich auf der zur Provinz Québec gehörenden Gaspé-Halbinsel im Parc de la Gaspésie. Der höchste Berg in diesem Nationalpark ist der 1268 m hohe Mont Jacques-Cartier, benannt nach dem französischen Entdecker Cartier, der 1535 und noch einmal fünf Jahre später die Küste und den St. Lawrence bis zur Mündung des Ottawa River erforschte. Der Mont Jacques-Cartier und andere über 1000 m hohe Berge rund um ihn gehören zur Kette der Appalachen. Sie reicht im Süden in den USA bis an die Grenze von Florida und im Norden bis zur Spitze der Gaspé-Halbinsel und setzt sich – rein geologisch betrachtet – über Irland und England bis nach Skandinavien fort. Im Parc de la Gaspésie leben die letzten Caribou südlich des St. Lawrence auf freier Wildbahn. Weil Raubtiere zu viele Kälber rissen und den Fortbestand der Caribou-Herden gefährdeten, musste man etwas gegen Bären und Kojoten „unternehmen“, wie es in der Parkbeschreibung hieß. Man wird sie ausgerottet haben. Sonst aber schien noch reichlich Wildlife im Park vorhanden zu sein. Jedenfalls konnte ich dort in der Abenddämmerung meinen ersten, hinter Bäumen versteckten Elch „schießen“. Er äste im Gebüschen an einem Waldpfad und es störte ihn nicht, dass ich vorbeiging. Erst als ich stehen blieb und zu Fotografieren begann, trollte er sich behäbig davon.

Mein erster Elch (Moose) in der Abenddämmerung. Im ersten Moment hatte ich das große, dunkle Tier im Gebüsch für einen Bären gehalten! Eigentlich waren es ja zwei Elche: Eine Mutterkuh mit ihrem Kalb.

An den Gipfeln im Park stauten sich die Wolken und Nebeltropfen rieselten auf die Blätter, auf die Autoscheiben und auf die Brille. Hier herbstelte es bereits Ende August: Die Birken wurden gelb, die Espen (oder waren es Balsampappeln?) warfen ihre Blätter ab und die ersten Blätter färbten sich rot.
 
Im Parc de la Gaspésie.

20 km weiter in Richtung Küste schien die Sonne. Ich hätte die Küstenlandschaft an der Mündung des St. Lawrence bestaunen können, wenn nicht ein Warnlicht am Armaturenbrett zu leuchten begonnen hätte. Panikartiges Anhalten am Straßenrand und Nachschlagen im Benutzerhandbuch, was es bedeutete: entweder Tankverschluss oder Fehlfunktion am Motor. Der Tank war korrekt verschlossen! Mit halbem Gas – die Insassen der Autos, die mich überholten, schauten sich entgeistert nach mir um – schlich ich die 40 km bis zur nächsten Stadt, Matane.

Dort gab es sogar eine Toyota-Niederlassung und, obwohl es Freitag Nachmittag vor dem langen Wochenende zum Labour Day war, konnte ich den Camry sofort zur Inspektion in die Werkstatt fahren. Bei der Erklärung meines Anliegens außer einer Routinewartung dolmetschte ein Mitarbeiter der Verkaufsabteilung. Bis Feierabend fand und behob man den Schaden – der Kühler für meine Klimaanlage war ausgefallen. Was der Mechaniker sonst noch erklärte, verstand ich nicht (der einzige Mitarbeiter der Verkaufsabteilung, der Englisch sprach, war inzwischen mit einem Kunden auf Probefahrt). Nur das Wort „Korrosion“ hörte ich heraus. Bremsen und Motor seien in Ordnung, auch die Reifen für die nächste Zeit noch, versicherte man mir in einem Kauderwelsch aus Französisch für Ausländer, durchmischt mit einzelnen englischen Worten und verdeutlicht durch Zeichensprache. Diese Verständigungsart klappte sogar so gut, dass ich einen Campingplatz empfohlen und den Weg dorthin beschrieben bekam und erfuhr, wo die Stadtbibliothek war (Letzteres allerdings anhand einer Stadtplankopie).

 
  
  Quebec je me souvienne
 
New Nouveau Brunswick
 
Nova Scotia Kanada´s ocean playground
 
birthplace of confederation Prince Edward Island

   Zurück zum Anfang

Zurück nach Westen kämpfe ich auf der Autobahn durch die Provinz Québec einen Tag lang mit 60 km/h gegen den Wind an. Am nächsten Tag schaffte ich mit Rückenwind (und angelegten Ohren) 90-100 Kilometer in der Stunde. Noch lag ein letztes großes Hindernis vor mir: Montréal. Es gab keine Möglichkeit, auf Nebenstraßen die Stadt zu umgehen, außer einen Umweg durch die USA zu machen. Der einfachste Weg durch die Stadt war die Autobahn, welche ich die letzten beiden Tage gefahren war. Sie führte durch die Außenbezirke und bog dabei gleich drei Mal rechtwinklig ab.

Auf der Fahrt durch Montréal fand ich zum ersten Mal den Begriff „Highway“ (Hochstraße) angebracht. Der Durchgangsverkehr lief auf einem Netzwerk von Autobahnen, die sich über unzählige Viadukte vereinten und wieder trennten, am Stadtkern vorbei.

Das Entnervendste an der Fahrt auf diesem Netzwerk war der dichte Lastwagenverkehr auf meiner Strecke. Wie aus dem Nichts konnten plötzlich aus dem toten Winkel der Rückspiegel Fünfachser neben mir auftauchen und rechts und links an mir vorbei dröhnen, oft gefolgt von einer Kolonne weiterer „Brummis“. Als ich endlich den Ballungsraum Montréal hinter mir gelassen hatte, wies mein Hemd unter den Achseln dunkle Schweißflecken auf.

Wieder in Ontario ließ ich auch weiterhin keine touristische Pflichtbesichtigung aus, die mein Reiseführer empfahl. Ich besichtigte das „Upper Canada Village“ bei Morrisburg, wo Darsteller das Leben von Siedlern im Jahr 1863 nachspielten. Es gab einen Film über das Leben im Dorf auf DVD zu kaufen und ich „musste“ keine eigenen Erinnerungsfotos machen. Das Dorf verdankte seine Entstehung einem Staudamm, aus dessen Überflutungsgebiet man in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ältere Gebäude rettete und ca. 40 davon als Museumsdorf wieder aufbaute.
 
 
An das Upper Canada Village schloss der „Crysler Battlefield Park“ an, auf dessen Gelände 1813 eine kleine britische Einheit den amerikanischen Unabhängigkeitstruppen eine Niederlage beigebracht hatte und damit Kanada vor einer US-amerikanischen Eroberung bewahrte.
 
Im Crysler Battlefield Park exerzierten Gänse ihren „Gänsemarsch“.

Zu meinem Touristikprogramm gehörte auch Fort Henry:


Für die Touristen spielten Studentinnen der Universität Kingston „Fortbesatzung.“

Ich fand mehrere Gründe, um meinen Aufenthalt in Kanada Ende September zu beenden:

   Der Zustand von Wagen und Wohnwagen, denen ich keine größere Tour mehr zutraute – der Wohnwagen hatte sich nach und nach zu einem „Leukoplastbomber“              entwickelt und mein Vorrat an Isolierband zum Abdichten ging langsam zur Neige, und der Camry ruckte bedenklich, wenn ich den Vorwärtsgang einlegte (nicht immer, aber immer öfter);
   Mein Vertrag mit Vodafone lief Anfang Oktober aus, was die Möglichkeiten, ins Internet zu gehen oder zu telefonieren, einschränkte;

   Die meisten Campingplätze machten Anfang bis Mitte Oktober dicht; einige Provinz Parks waren bereits geschlossen;

    Ich wollte nicht wieder frieren wie im letzten Jahr;

    Die Abende wurden immer länger und ich schaute mir die mitgenommenen Filme auf DVD zum x-ten Male an.

Auf den Punkt gebracht: Ich wollte nach Hause! Für dieses Jahr hatte ich genug gesehen und erlebt. Bevor ich meine Tour durch Kanada dort beendete, wo ich sie vor drei Jahren begonnen hatte, in Barrie und in Toronto, tankte ich noch etwas kanadische „Wildnis“ im Wilderness Park eines Indianerreservats. Er lag zwar nicht im „Bärenland“, hatte aber einen Wanderpfad mit romantischen Ausblicken auf ein Flüsschen.
Der Black River im Rama Reservat bei Washago.

In Barrie schien nichts mehr so wie vor zwei Jahren zu sein. Der Campground, auf dem ich die ersten und die letzten Tage meines ersten Kanadajahres verbracht hatte, hatte einen neuen Besitzer und nannte sich jetzt „Family Campground“. An Barrie-RV erinnerte nur noch ein leerer Platz (Don, der Manager, soll angeblich wegen Unterschlagung im Gefängnis sitzen). Als ich Martha und Hans in ihrer Fabrik einen kurzen Besuch abstatten wollte, empfing mich dort ein neuer Besitzer, und vor ihrem Wohnhaus stand ein Schild: „for sale“ mit der Adresse eines Maklers. Selbst der Computerladen, in welchem ich letztes Jahr meinen Reisedrucker gekauft hatte, war wegen hoher Mietsschulden versiegelt.

Für meinen Trailer erwartete ich keine Pfennig mehr. Aber auch wenn er auf einem Schrottplatz landen sollte, dann wenigstens sauber! Die Endreinigung förderte einige „Altlasten“ zutage: Spagetti, die meine Schwester vor drei Jahren gekauft hatte, sowie drei Jahre alte Gewürze (besonders Knoblauchpulver), die Sohn Robert für seine Kochkünste verwendet hatte, Reis und Tütensuppen von Sohn Stephan aus dem vorigen Jahr sowie Kartoffeln und Zwiebeln von diesem Jahr, die ich als Beilagen zum Pilzgericht gekauft hatte. Ich hatte es bei dem einen Versuch, meine Kochkünste unter Beweis zu stellen, bewenden lassen und mich weiterhin von Tiefkühlkost ernährt. Bei Oetkers mag man sich über die temporären Absatzspitzen von Pizza-Produkten, die, zeitlich von West nach Ost versetzt, in den kanadischen Provinzen aufgetreten waren, gewundert haben.

Während des Putzens legte ich Pausen ein und übte zwischendurch noch ein wenig Hufeisenwerfen. Ein Nachbar auf dem Campground (er war der einzige Nachbar) hatte mich dabei beobachtet und bot mir ein Spiel an. Natürlich gewann er – aber nur mit doppelt so vielen Punkten wie ich. Später, am Campfeuer, hatten wir ein „Gespräch unter Männern“. Roger lebte in einem Kleinbus. Er stammte aus der Gegend von Barrie, war arbeitslos, nach der Trennung von seiner Frau aus dem Tritt geraten und er langweilte sich. Am nächsten Tag nahm er mich mit auf eine Tour durch die Gegend. Wir besuchten seine älteste Tochter mit ihren Kindern, schnitten bei einem Bekannten von Roger Kiefernzweige ab, die auf eine Telefonleitung drückten, besichtigten eine biologische Schaf- und Rinderfarm und er machte mich mit einem Freund bekannt, der aus Deutschland stammte. Abends aßen wir Chickenwings. Nicht irgendwo irgendwelche Chickenwings, sondern die frischen, nicht vorher tief gefrorenen Hühnerflügelchen, die eine Bar mit kleiner Küche in einem kleinen Ort jeden Mittwoch zum Sattessen anbot. Der Preis? Für insgesamt 30 Chickenwings und zwei Glas kanadisches Bier 25 Dollar (mit Trinkgeld). In der Bar traf Roger weitere Bekannte.

Roger (rechts) und der deutschstämmige. Ziggy (Siggi).
 
Ein weiterer Bekannter von Roger beim Chickenwing-Verzehr.

Auch die nächsten Abende hockten Roger und ich zusammen. Er brachte mir ein neues Kartenspiel bei und ich ihm Backgammon.

Wider Erwarten erhielt ich doch noch etwas Geld für den Trailer, den ich inklusive der Ausstattung für zwei Personen einem Händler angeboten hatte – fairerweise mit Bildern von den Beschädigungen nach dem Unfall, aber ohne spezielle Schwachstellen zu erwähnen. Den Scheck löste ich umgehend ein, damit es sich der Händler nicht noch anders überlegen konnte.

Der Trailer war verkauft und ich musste in ein Motel ziehen – in mein altbekanntes Lake Simcoe Motel in Barrie. Während ich noch überlegte, welche DVD ich mir diesen Abend noch einmal anschauen sollte, tauchte Roger auf. Er nahm sich ebenfalls ein Zimmer im Motel. Das Wochenende war gerettet!

Meinen Daunenanorak hatte ich umsonst mitgenommen. Er landete zusammen mit all meinen anderen ausrangierten Kleidungsstücken in einem Container für Altkleidung, den die Heilsarmee aufgestellt hatte. Ich meinte zwar, dass keines der abgetragenen und z. T. völlig zerschlissenen Stücke für einen Secondhandshop der Heilsarmee geeignet seien, aber Roger hatte mir zugeredet und auch gewusst, wo ein Container aufgestellt war.

Am Sonntag fuhr ich nach Toronto. Die chinesischen Nachfolger von Boris hatten den Caffee Stop beim Vaughan Inn wieder aufgegeben. Solange ich noch motorisiert war, konnte ich zwar meinen Kaffee und mein Essen in einer Mall besorgen, die nur drei Blocks entfernt war, dennoch vermisste ich die Bequemlichkeit meines Wohnwagens.

Am Montag gelang es mir, eine Rückfluggelegenheit für den Mittwoch zu erhalten. Alle anderen Termine waren bis Mitte Oktober ausgebucht. Mir blieb noch ein Tag, um mein Auto zu verkaufen – und der wurde hektisch. Die Toyota-Händler, denen ich meinen Camry anbot, merkten natürlich sofort, dass es ein Unfallwagen war, der nicht in das honoriges Sortiment von Gebrauchtwagen der Niederlassung passte. Inoffiziell hatten die Verkäufer jedoch Kontakte zu Gebrauchtwagengroßhändlern. Nach vielen Telefonaten vermittelte mich schließlich ein Toyota-Verkäufer an einen solchen Händler. Er fuhr mit mir auf einen großen, leeren Parkplatz, wo wir den Interessenten trafen. Der drehte mit dem Camry ein Paar Rennrunden um den Parkplatz. Der Camry spielte mit: kein Rucken in der Automatik, sauberes Brems- und gutes Motorverhalten und ich erhielt einen Scheck über eine Summe, die etwas geringer als die war, die ich für den Trailer erhalten hatte. Ich ließ mir meine Nummernschilder abschrauben und der Toyota-Verkäufer brachte mich mit dem Camry ins Vaughan Inn zurück. Bei so viel Service muss er eine fette Provision für seine Vermittlung eingestrichen haben.

Bevor ich am Mittwoch zum Flughafen aufbrach, löste ich jedoch den Scheck aus diesem etwas dubiosen Autoverkauf bei meiner kanadischen Bank ein. Der Scheck war gedeckt!

Es war noch einmal ein warmer, sonniger Tag vor einer angekündigten Regenperiode und ich genoss meine letzten kanadischen Sonnenstrahlen bei einem Pfeifchen auf dem Raucherplatz vor dem Flughafen.

Den „Indianersommer“ habe ich nicht erlebt, aber der wilde Wein hatte sich bereits rot gefärbt.

 
Die letzten Bilder von meinem gemütlichen Sommerheim für drei Jahre. 
 
  
 

 Adieu, Baerle-Express

 

 

Beide Teile in einer pdf-Datei herunterladbar unter Downloads.

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