Sommer 2006 Teil 1

Baerle-Express, Ahoi!

 

Der Sonne hinterher 
Kanada 2006

E. Franz
Hamburg, Oktober 2006

Inhalt Teil 1

Bild

Erstens kommt es anders,
als man zweitens plant

Vom „singenden“ Holländer
zum „schreibenden“ Farmer

Ich war in der Wüste
und es hat geregnet

Mit Rückenwind
durch die Prärie

Mich ritt der Teufel
und ich fuhr in ein Bibelcamp

Bär auf zehn Schritt
und keine Kamera dabei!

 
 

Rideau Acres Camping Resort bei Kingston/Ontario.
 

Erstens kommt es anders,
als man zweitens plant

Morgens schien die Sonne und die Vögel sangen. Das Wetter sei eigentlich viel zu schön, um zu verreisen – meinte mein Phlegma. Nur, weil ich von Natur aus stur bin, hielt ich an meinem Reisevorhaben fest. Am Flughafen stellte sich dann das Reiseprickeln ein: Anspannung gepaart mit Neugierde auf das Kommende.

Während des kurzen Zwischenaufenthalts in Frankfurt deckte ich mich mit Reiselektüre für den langen Transatlantikflug ein. Lange hatte ich zwischen Actionkrimis, Psychothrillern und Kriminalkomödien geschwankt, Bücher gegriffen und wieder zurückgelegt. Die Zeit drängte und ich griff das nächstbeste Buch aus dem Sortiment. Erst während des Fluges bemerkte ich dann, dass es ein Liebesroman war.

Die Air Canada probierte anscheinend gerade ein neues Serviceprogramm aus, das der grauen Panther. Statt (mehr oder minder) schmucker Stewardessen versahen distinguierte ältere Herren mit grauen Haaren oder fortschreitenden Platten und ihrem Alter entsprechenden Bauchnabelwölbungen den Kabinendienst. Sie trugen zivile Kleidung – einer hatte sogar eine Strickjacke an. Hatte die Fluggesellschaft ein Abkommen mit einer Butleragentur geschlossen?

Mein zweiter Zwischenstopp auf dem Weg nach Vancouver war Toronto. Auch in Toronto schien die Sonne, es war warm und die Vögel zwitscherten. Das Vaughan Inn gleißte im Sonnenlicht; der alte Stan wuselte mit seinen 93 Jahren noch immer auf der Anlage herum. Boris vom Caffee Stop nebenan hatte allerdings nach seiner Bypass Operation anscheinend das Geschäft nicht weiterführen können und es im letzten Oktober an Chinesen verkauft. Keine Ahnung, was er machte. Auf meine E-Mails hatte er nie reagiert.

Als ich im Office des Inns nachfragte, ob das Wasser durch das Salzstreuen im Winter so salzig schmecke, erklärte man mir ausführlich, dass man noch am Experimentieren mit der Enthärtungsanlage sei. Das Wasser aus dem Tiefbrunnen sei so hart, dass es aufbereitet werden müsse, die Betreiberfirma habe aber noch nicht die richtige Einstellung gefunden. Ich erhielt eine Flasche Trinkwasser zum Zähneputzen mit auf den Weg.

Über Winter hatte ich an Computer und Fernseher wieder einmal geschafft, meinen Rücken total zu verspannen und meine Bauchmuskeln so erschlaffen zu lassen, dass ich den zusätzlichen Speckring nicht mehr einziehen konnte. Kleine Spaziergänge würden da Abhilfe schaffen, hoffte ich. Also lief ich los – am ersten Tag sechs Blocks weit und am zweiten vier (ein Block = zwei Kilometer). Mit meiner konkaven, nach außen gewölbten Stupsnase hätte ich mich allerdings nicht der Frühjahrssonne von Toronto aussetzen sollen. Toronto liegt eben südlicher als Hamburg, etwa auf der Höhe von Rom, und die Sonne brennt viel steiler von oben herab. Meine Nase sah noch eine Woche später so rot wie die eines Gewohnheitstrinkers aus.

Der gleiche kanadische Föderalismus, der mich letztes Jahr daran gehindert hatte, meine Jahresplakette für den Wagen in British Columbia zu erwerben, hinderte mich dieses Jahr daran, sie in Ontario zu bekommen – ohne die alle zwei Jahre fällige Abgasprüfung. Auch wenn sich Norm, Norm Centofanti, mein Dealer, bei dem ich den Camry gekauft hatte, bereit erklärte, mir die Plakette zu besorgen, wenn ich ihm den Prüfungsbericht zuschickte, nützte das erst einmal gar nichts. Denn auf Vancouver Island waren solche Prüfungen nicht obligatorisch und keine Werkstatt auf der Insel hatte daher die nötigen Kontrollgeräte.

Der Weiterflug nach Vancouver sollte um acht Uhr starten. Um rechtzeitig am Flughafen sein zu können, hatte ich mir gleich zwei Wecker gestellt. Keiner der beiden weckte mich: Der vom Hotel nicht, weil a.m. und p.m. (Vor- und Nachmittag) vertauscht waren, und meiner nicht, weil er eine halbe Stunde nach ging. Rechtzeitig wach war ich dennoch geworden, weil ich im Stundentakt geschlafen und ständig zur Uhr geschielt hatte.

Nach viereinhalb Stunden war ich um 10:30 in Vancouver und erneut strahlendem Sonnenschein ausgesetzt, während ich auf den Bus nach Victoria wartete. Mit meinem dicken Daunenanorak überm Arm kam ich mir so deplatziert wie ein Eskimo am Äquator vor. In Hamburg hatten die Kirschbäume zu blühen begonnen. In Toronto blühten die ersten Frühjahrssträucher und in Victoria auf Vancouver Island Flieder und Kastanien.

Freitag war der Tag der Wahrheit. Anstatt jedoch zum Campground zu eilen, um endlich Gewissheit zu erhalten, wie mein Baerle-Express den feuchten Winter in Victoria überstanden hatte, ließ ich die Zeit mit unnötigen Tätigkeiten verstreichen. Irgendwann fand ich dann keine Ausrede mehr vor mir selbst und machte mich auf den Weg. Der Campground lag näher beim Motel, als ich erwartet hatte – nur eineinhalb Blocks entfernt. Kein langer Weg, jedoch lang genug, um mir die schrecklichsten Szenarien auszumalen: platte Reifen, durchgerostete Karosserie, Modergeruch im Wohnwagen, Stockflecke und Schimmel in den Schlafalkoven. Ich war auf das Schlimmste gefasst – und wurde angenehm überrascht: Im Wohnwagen roch es angenehm nach den Kräutern, die ich dort letztes Jahr aufgehängt hatte, der Boden war noch immer so gefährlich glatt wie nach der Endreinigung im letzten Jahr, die Alkoven waren trocken, die Reifen hatten die Luft gehalten und am Camry stellte ich lediglich an den Bremsscheiben Rost fest. Nach mehreren Starthilfen brachte ich auch den Wagen wieder zum Laufen – und zur Inspektion.

Nach einer Woche auf Reisen war ein Waschtag angesagt, nicht aus Mangel an Wäsche, sondern wegen des allgemeinen Fassungsvermögens von Waschmaschinen. Im Trailer hatte ich noch Waschpulver vom Vorjahr. Es war gar nicht mal stark verklumpt. Auch genügend Quarter (25 Cent-Stücke) für den Waschsalon lagen noch im Sammelkörbchen.

Als ich die Wäsche aus der Maschine nahm, klebten Papierfetzen auf Hemden, Unterhemden und Unterhosen. Ich hatte mein Englisch-Wörterbuch mitgewaschen, welches ich ebenfalls im Wäschesack zum Campground transportiert hatte! Die Schrift auf den Fetzen war nicht mehr zu lesen – jedenfalls konnte ich auf keinem Fetzen auf einer Unterhose die Worte: „get out“ entziffern. Eine gute Seite hatte das Waschen des Wörterbuches – ich kaufte mir ein neues, wie ich meinte, besseres.

 
Im Schutz von Fort Victoria – 1843 von James Douglas als Pelzhandelsposten der Hudson´s Bay Company errichtet – hatte mein Baerle-Express sicher überwintert.

Nachdem der Camry zur Inspektion gewesen war und ich viel Geld für die Erneuerung verrosteter Teile an den Bremsen ausgegeben hatte, wäre der Trailer an der Reihe gewesen. Nur war die Werkstatt auf Wochen ausgebucht – frühester Termin in einer Woche. Eine Woche auf dem Fort Victoria Campground? Nein, absolut nicht mein Geschmack! Die Stellplätze lagen zu dicht beieinander und von der Autobahn schallte ständiger Lärm herüber. Zum Glück gab es ganz in der Nähe den Thetis Lake Campground. Er hatte zwar keinen drahtlosen Internetzugang – WLan in Deutschland, WiFi in Kanada – wie der Fort Victoria Campground und die Dumping Station für die Abwasserentsorgung lag versteckt und war schwer zugänglich. Ich hätte rückwärts an sie heranfahren müssen, wenn ich mir nicht im letzten Jahr den Abwassertank auf Rollen gekauft hätte. Aber der Campingplatz war preisgünstiger, lag aufgelockert an einem Berghang – ich suchte mir einen Stellplatz mit 50 Metern Abstand zu den nächsten Dauercampern aus – und der Betreiber stammte aus Heidelberg. Kaum dass ich „äh“ gesagt hatte, sprach er mich auf Deutsch an. Also selbst das „Äh“ muss auf Englisch wohl anders klingen – oder war die Satzstellung falsch gewesen?

 
 Der Thetis Lake im gleichnamigen Park.

Durch eine Hintertür gelangte man vom Campground direkt in den Thetis LakePark, einem Naherholungsgebiet am Stadtrand von Victoria, mit einem kleinen Strandbad und mehreren Wanderwegen. Ich übertrieb es nicht gleich so wie in Toronto – für ausgedehnte Wanderungen war es inzwischen zu warm geworden – dennoch schlug die Bewegungstherapie an. Jetzt konnte ich meine Gürtel wieder in die engsten zuletzt benutzten Löcher schnallen – oder sollte ich etwa mit meinem „Mollenfriedhof“ (bei mir ist es ja eher ein „Kekse-Erker“) die Gürtel ausgeleiert haben?

Obwohl tagsüber die Sonne vom Himmel brannte, so dass es an windgeschützten Stellen kaum noch in ihr auszuhalten war, sanken die Temperaturen nachts immer noch stark ab. Morgens, bei fünf Grad im Trailer, konnte ich regelmäßig die Funktionsfreudigkeit meiner Heizung überprüfen.

Bob von der Reparaturwerkstatt für Recreation Vehicles erkannte mich wieder – er hatte im letzten Herbst einen neuen Verbindungsstecker am Trailer angebracht – und redete mich mit „Fritz“ an. Immerhin!

Die Wartung nach der Winterpause war wirklich nötig gewesen. Erstens hatte das rechte Blinklicht am Trailer nicht funktioniert und zweitens hatte ich den Verdacht gehabt, dass neue Reifen für den Wohnwagen nötig seien. Mein Verdacht bestätigte sich, als die Räder abmontiert waren: Ein Rad wies eine Bremsabreibung auf, an der bereits die untere Stahlnetzschicht angegriffen war (vermutlich eine Spätfolge des Unfalls in Wawa). Mit der beruhigenden Versicherung, dass mein Trailer in Hinblick auf Reifen, Bremsen und Beleuchtung fit für die Saison sei, verließ ich Bens Werkstatt – und Victoria.

Für das lange Wochenende am Victoria Day müsse man vorbestellen, da seien bereits fast alle Campingplätze ausgebucht, warnte man mich. Ich war froh, kurz hinter Nanaimo in Qualicum Beach einen gemütlichen, parkähnlichen Campground zu finden. Dass Peter, der Betreiber, Holländer war, hörte sogar ich an seinem Englisch heraus.

„Auf der Reeperbahn nachts um halb eins ...“ sang er los, als er auf dem Meldezettel meine Hamburger Adresse sah.

 
Der Strand von Qualicum Beach.

In Qualicum Beach kam ich mir vor wie in einem englischen Badeort – an der Adria. Hier wohnten vorwiegend wohlhabende Rentner und Pensionäre, erklärte mir Peter. Man sah es den Häusern an. Die ärmeren Menschen im Rentenalter, darunter viele einsame Witwen, hatte ich als Dauercamper auf den Campingplätzen von Fort Victoria und Thetis Lake angetroffen.

„Es ist wie ein Virus“, hatte der Nürnberger gemeint, der mit Frau und Schwiegereltern aus Halle bereits das dritte Mal Camperurlaub im Westen Kanadas machte.

Ich konnte ihn gut verstehen. Von den Rocky Mountains bis zur Westküste von Vancouver Island bietet Kanada die imposantesten Landschaften, die mit einem Wohnmobil zu erreichen sind. Aber ich dachte immer wieder an die Wälder von Ontario mit ihren Seen, Wasserfällen und Moskitos. Ging es mir da wie einer Frau, die angeblich das erste Mal nicht vergisst? Ontario war die erste Provinz Kanadas gewesen, die ich kennen gelernt hatte. „Ontario yours to discover“ – ich hatte Ontario entdeckt.

 
Vom "singenden" Holländer
zum schreibenden Farmer

Am Sonntag zog eine Schlechtwetterfront von Norden auf und am „Victoria day“ lag eine dicke Wolkendecke über Victoria und ganz Vancouver Island. Erst nach zwei Tagen gönnte sich der Regen eine Pause, die lang genug war, um meinen Zeltalkoven trocken zusammenfalten zu können. Ich hatte genug Strand in Qualicum Beach gesehen, einer ganzen Schule von Weißkopfseeadlern (Bald Eagles) beim Flugtraining zugesehen und jeden Morgen mein Auto gesäubert – unglücklicherweise hatte es unter dem Schlafbaum der campingplatzeigenen schwarzen Krähen (American Crows) gestanden.

 Ich fuhr auf die andere Seite der Insel – ganze 45 km nach Port Alberni. Port Alberni liegt am Ende eines 35 km langen Fjords und war ein Stützpunkt der Spanier gewesen, bevor die Insel britisch wurde. Heute erinnert nur noch der Name „al Berni“ an die spanische Vergangenheit des Ortes. Aus dem Campingplatzführer hatte ich mir einen Campground herausgesucht, der allen „Komfort“ aufwies, den ich so brauchte und der dennoch um zwei Dollar preisgünstiger als die umliegenden Plätze war. Es war eine Farm, die „Collins Farms“, mit Kühen, Hühnern, zwei Ziegen, Eseln, Hunden – und mit Pferden. Wenn es um Pferde ging, war Anns Redefluss kaum zu stoppen. Ann war die Farmersfrau, die alles managte: die Registrierung für den Campground, die Vermietung von Ferienhäusern, den Verkauf von Blumenschalen und Farmprodukten (einschließlich selbst eingekochter Marmelade), eine Informationstour organisierte, auf welcher Politiker die Probleme kleiner Landwirtschaftsbetriebe kennen lernen sollten, und die mit einer Pferdezucht beginnen wollte.

Ganz nebenbei fragte ich: „Und wo sind die Pferde?“
Ann ließ alles liegen und stehen und führte mich zum Stall. Hier standen mehrere Fohlen, eine ältere, schwere Stute für die Farmarbeit sowie eine siebenjährige Zuchtstute und eine dreijährige Stute, die Ann gerade an den Sattel gewöhnte. Sie lud mich ein, am nächsten Vormittag beim Zureiten zuzuschauen.
 
Ann beim Zureiten.
 
 
Was eine echte Hirtenhündin ist, die möchte am liebsten auch Pferde kontrollieren.

Wenn Ann anwesend war, bestritt sie die Unterhaltung. Manchmal war ich mir bei ihrem Redefluss nicht sicher, wen sie gerade meinte: mich, ihren Mann oder ihre jüngste Tochter, die noch im Haus lebte. Einmal traf ich Bob allein im Office- Store- Living Room- Caffee an und stellte fest, dass auch er reden konnte. Bei der Gelegenheit erfuhr ich, dass seine Frau sich auf eine Verwandtschaft mit Robert Louis Stevenson, dem Verfasser vieler Romane, darunter „Die Schatzinsel“, berufen konnte. Das schien manches zu erklären – die Erzählfreudigkeit musste wohl in ihrer Familie liegen. Stevenson hatte zwar selbst keine Kinder gehabt, aber über seine Mutter hatten sich in Anns Familie die Erstausgaben seiner sämtlichen Bücher mit den Begleitschreiben an seine Mutter vererbt. Ein Onkel von Ann hat dann diese Hinterlassenschaft einem Museum vermacht, weil er nicht wusste, wem von seinen zahlreichen Neffen und Nichten er sie weitervererben sollte.

Zufällig hatte ich neben der Marmelade von Ann auch drei Bücher von Bob, ihrem Mann, entdeckt.

„Oh ja, Bob hat schon eine Auszeichnung für seine Geschichten bekommen!“ Ann war sichtlich stolz auf ihren Mann.

Bob, der „schreibende“ Farmer vom Somass River, hat seit 2000 drei kleine Bände mit humoristischen Geschichten über das Landleben veröffentlicht. Im Farmerehepaar Hap und Edna von Bobs Geschichten erkannte ich unschwer ihn und seine Frau wieder. Und Ann beteuerte, dass alle Geschichten wahr seien (so wahr wie meine Reiseberichte, vermutete ich). Den ersten Band – „short-listet for the 2001 Laecock Memorial Medal for Humor“ – hatte ich mir zum Lesen ausgeborgt, den zweiten kaufte ich und ließ ihn mir von Bob signieren. Er schrieb mir eine Widmung hinein. Nebenbei erwähnte er bescheiden, dass ein vierter Band in Vorbereitung und fast fertig sei; er brauche nur mehr Gelegenheiten zum Schreiben.

 
Ich war in der Wüste
und es hat geregnet

Obwohl ich mich trotz der guten Ausschilderung in Vancouver verfahren hatte, kam ich doch ohne Umwege auf den Hwy. 1 nach Osten. Das Wetter war wie in den letzten zwei Wochen mit Schauern durchsetzt; auch in Victoria und während der Überfahrt von Sidney nach Tsawwassen auf dem Festland hatte es gelegentlich geregnet.

„Das schlechte Wetter kommt aus dem Norden“, hatte ich mir gesagt und daher nicht die Nordroute über Port Hardy und die Inlandpassage nach Prince Rupert gewählt, sondern die Route entlang der Grenze zu den USA im Süden von British Columbia.

Seit 1871 ist der 48. Breitengrad von Vancouver bis an die Ostgrenze der Provinz Manitoba die Grenze zwischen Kanada und den USA, ohne Rücksicht auf jede Topographie.

Die kleine Stadt Osoyoos liegt am südlichen Ende des Okanagan-Tals und am Rande der „Pocket desert“ (Taschen-Wüste), die sich 50 km weit nach Norden erstreckt und maximal 20 km breit ist. In der Wüste gibt es Klapperschlangen, Coyoten und den kleinsten Vogel Kanadas, den Calliope Kolibri, sowie Kakteen. Osoyoos hat der Beschreibung nach ein „heißes, trockenes Klima“ und für gewöhnlich 300 Sonnentage im Jahr. Mich empfing der Ort mit Platzregen und Hagelschauer. In anderen Jahren müssen die Wein- und Obstplantagen rund um den Ort vom Frühjahr bis zum Herbst bewässert werden.

Er war 70 Jahre alt, noch immer aktiv und über das Internet wohl unterrichtet, was in Bayern so vor sich geht (Problembär, Schneefallgrenze Ende Mai bei 800 m). Kennen gelernt hatte ich ihn, als ich im strömenden Regen einen bestimmten Campground nicht finden konnte und nach dem Weg fragte. Dabei hatte man mir den Weg beschrieben: Nach der Brücke die zweite Straße rechts – oder war es doch links gewesen? Vor einem Haus hatte am Eingang die kanadische Fahne geweht, bescheiden ein Stück dahinter eine mit blau-weißem Rautenmuster.

„Ist das nicht die bayrische Fahne?“ hatte ich auf Englisch gefragte und in unverfälschten Oberbayrisch die Bestätigung erhalten, dass sie es sei. Anschließend haben wir dann noch längere Zeit miteinander „geratscht“.

„Heier muass I genga Mehltau schpritza – kost´ mi 100 Dollar“, klagte der Bayer aus Fischbachau am Tegernsee, der vor 20 Jahren hierher ausgewandert war, über den Regen.

Von einem Aufenthalt auf dem Nk´Mip Campground im Reservat bei Osoyoos hatte ich mir mehr versprochen. Das Desert Heritage Centre nebenan war eine einzige Baustelle für Ferienapartments, das Informationszentrum noch gar nicht eröffnet, Ausritte in die Wüste, in die man nur mit Genehmigung der Reservatverwaltung durfte, fanden noch nicht statt. Nicht einmal Pferde waren zu sehen. Ebenso wenig Indianer. Der Bayer hatte mich schon vorgewarnt, dass es um Osoyoos keine Indianer mehr gäbe. Die dunkelhäutigeren Menschen beim Ort seien Inder, die hier in Scharen die Plantagen aufgekauft hätten. Zu guter Letzt hatte das Museum in der Stadt – eine lang gestreckte, runde Wellblechhalle – nur an drei Nachmittagen in der Woche geöffnet und ich war am falschen Nachmittag dort.

 
 Osoyoos am gleichnamigen See, dessen Südzipfel schon in den USA liegen.

Auf dem Campground in Grand Forks am Kettle River bot sich mir ein vertrautes Bild: Sandsackbarrieren vor dem Haupthaus! Noch vor zwei Wochen hatte der Platz metertief unter Wasser gestanden, und auch jetzt war der Fluss, der im Sommer ein schmales Rinnsal sein soll, das man durchwaten kann, durch Schmelzwasser aus den Bergen stark angeschwollen.

 
Der Kettle River bei Grand Forks im Frühjahr.
 
 Landschaft bei Grand Forks.
 
 
Weißwedelhirsche, die sich auf einem Fabrikgelände sicher fühlten. 

Mein Gastgeber in Grand Forks, Brian, hatte mir aufs wärmste die Route über Nelson, mit einem Abstecher zu den warmen Quellen in Ainsworth Hot Springs, empfohlen. Dort könne man im warmen Quellwasser sitzen und über den Kootenay Lake schauen. Bei den Quellen war anscheinend gerade Seniorentag (ein Dollar Ermäßigung). Nichts Reizvolles weit und breit zu sehen, was mich bewogen hätte, mich zwischen die Seniorinnen und Senioren in das Becken zu quetschen. Sie saßen bis zur Brust im Wasser und ihre Blicke über den Beckenrand dürften gerade zu den nächsten Baumwipfeln gereicht haben.

 
 Der Kootenay Lake.
 
 
Natürlich gab es auch eine Fähre über den mehr als 100 km langen, aber nicht sehr breiten Kootenay Lake.

Ein schnauzbärtiger, jodelnder, Maßkrug schwenkender Bayer, der gegen Loonies aus dem Fenster einer überdimensionalen Kuckucksuhr schaut, ein „Platz“ mit einem „Gasthaus am Platzl“ und das „MozartHouse“ – hatte ich mich wieder einmal verfahren? Nein, diesmal nicht. Ich war in Kimberley, der „Bavarian City of the Rockies“, 1113 m hoch gelegen und damit eine der höchstgelegenen Städte Kanadas.

 
 Für einen Loonie jodelte er und schwenkte dabei den Maßkrug.
 
Das "Gasthaus am Platzel". Hier aß ich den schlechtesten Apfelstrudel meines Lebens.

Die Meinung des Autorenteams meines Reiseführers zu Kimberley: „It´s hokey, but what the hell.“

Die Südroute durch British Columbia war landschaftlich eine der reizvollsten gewesen, die ich gefahren bin. Ich war tagelang durch eine weitläufig angelegte Alpenlandschaft unterwegs gewesen und hatte mindestens drei Pässe mit 1382, 1535 m und den Crowsnest Pass über die eigentlichen Rockies an der Grenze zu Alberta mit 1396 m überwunden. Jedenfalls waren auf der Karte nur diese Pässe eingezeichnet gewesen. Tatsächlich jedoch hatte ich die Berge im rechten Winkel zum Verlauf der Kämme durchquert und der gute Camry hatte sich von einem Talsystem in das Nächste hinauf und hinunter arbeiten müssen.

In BC hatte es geregnet wie seit Menschengedenken nicht mehr. Selbst die Trockenzonen hatten so viel Nass abbekommen, dass es die Bezeichnung „aride Gebiete“ Lügen strafte. Aber zwischendurch war immer wieder mal für Stunden die Sonne durch die Wolkendecke gebrochen, es war warm, in der Sonne sogar heiß gewesen und es hatte keine Moskitos oder andere lästige Insekten gegeben. Für mich war der Mai ein schöner Sommer in British Columbia gewesen.

Beautiful British Columbia

Alberta Wild Rose Country

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Mit Rückenwind
durch die Prärie

Für Pfingsten war (wieder einmal) Regen angekündigt worden. Erst sollten die Schauer morgens beginnen, dann mittags. Es waren keine Schauer, sondern ein Landregen, und der begann um zehn Uhr vormittags. Sinnlos, bei diesem Regen einen Campingplatz anzufahren und meinen Zeltalkoven aufzuklappen. Also fuhr ich weiter, immer weiter. Erst nachdem ich die kurvenreichen Bergstraßen in British Columbia hinter mir gelassen hatte und mich nach den Foothills auf den bis zum Horizont durchgezogenen geraden Straßen in der Prärie von Alberta befand, hörte der Regen auf. Dafür setzte der heftige Präriewind ein. Diesmal musste ich nicht gegen ihn ankämpfen – er trieb mich vor sich her.

Unterwegs in Kanada wollte ich mich bewähren, Herausforderungen meistern, die für einen Rentner ungewöhnlich sind. Pfingsten durfte ich mich „bewähren“. Es fing damit an, dass ich auf einer Bergstrecke den Stau hinter mir vorbei lassen wollte und auf einen Pull out, eine Nothaltebucht, auswich. Dabei geriet ich in ein Schlagloch, ein tiefes, fieses, gemeines Pothole, das die Auflaufbremse meines Trailers auslöste. Kurze Schadensaufnahme im Wohnwagen: Die Leiste vor dem Bord mit den Büchern hatte dem Druck des Wissens nicht Stand gehalten und die Bücher hatten sich über Toaster, Kaffeemaschine und Bettzeug verteilt. Eine Notreparatur mit Leim und Nägeln hielt nur bis zum nächsten Schlagloch. Beim Befestigen mit Schrauben bekam die Leiste einen Sprung. Wird sie dennoch bei Schlaglöchern und scharfen Kurven die Bücher davon abhalten können, sich als Kopfkissen oder Frühstückstoast anzubieten?

Seit dem Pothole schepperte irgendetwas, wenn ich über Unebenheiten fuhr. Erst beim dritten Nachschauen entdeckte ich, dass sich das Reserverat unter dem Trailer gelockert hatte. Nachdem ich im letzten Jahr alle Ablassventile entdeckt hatte, hielt ich mich für einen „Experten“ in Bezug auf meinen Wohnwagen. In Bobs Werkstatt in Victoria hatte ich dann auch noch gesehen, wie das Reserverad am Trailer gelöst und dass dazu die Kurbel benötigt wird, welche ich die ganze Zeit nur für Ballast in der Ablage unter der Sitzbank gehalten hatte. Aber zusehen und selbst machen sind zwei ganz verschiedene Dinge. Ich musste bei Regen erst einmal halb unter den Wohnwagen kriechen, um herauszufinden, wo ich die Kurbel anzusetzen hatte.

Auf dem Campground am Oldman River in Fort Macleod dann der nächste Schreck. Kein Strom im Trailer! Aber da hatte ich schon gewisse Erfahrung: Sicherungskasten öffnen, alle Sicherungen untereinander austauschen – und siehe da, das Licht brannte wieder. Nur flackerten jetzt die beiden Birnen in der vorderen Deckenleuchte. Auch hier ein allgemeinerer Austausch – die Birnen hatten sich nur in der Fassung gelockert.

Und dann war da noch das Rollo am rechten Fenster. Die drei abgebrochenen und mit Isolierband geklebten Lamellenenden hingen jetzt völlig schief am Rollo. Gebrochene Glieder schient man doch, oder? Ich hatte gerade noch drei Streichhölzer, mit denen und weiterem Isolierband ich die Enden wieder befestigte. Nur die letzte Herausforderung des Tages habe ich nicht angenommen: Nach dem Wäschewaschen habe ich keine Hemdknöpfe angenäht!

Nachtrag: Halb im Einschlafen schreckte mich ein dumpfes „Plopp“ hoch und ich hatte das Gefühl, weicher als sonst auf meiner Matratze zu liegen. Beim Einfalten des Zeltalkovens am nächsten Morgen sah ich auch, warum: Die Halterung für den linken Stützstreben hatte sich gelöst und ich hatte nur noch auf einem Stützstreben geschlafen. In der Reparaturwerkstatt in Lethbridge löste Olaf das Problem mit vier größeren Schrauben und einer Art von Gummidübeln. Es war nicht zu überhören, Olaf war Berliner – aus Friedrichshain! Nach einigen Jahren in Frankfurt am Main war er mit 45 Jahren nach Kanada gereist – und geblieben. Ein freundlicher Händedruck – und ich konnte weiter fahren.

1874 hatte der erste Trupp der damaligen North-West Mounted Police (später die RoyalCanadian Mounted Police/RCMP) unter Führung von Assistant Commissioner J. F. Macleod ein Fort am Oldman River errichtet, um Law and order in den kanadischen „wilden Westen“ zu bringen.. 1957 baute der historische Verein der Stadt das alte Fort nach und richtete es als Museum ein. Heute wirbt die Stadt Fort Macleod dafür, Sitz der Polizeiakademie von Alberta zu werden.

 
Nachgebautes Fort Macleod als Museum. Eckturm mit Schießarte.

Das Gebiet am Oldman River war bevorzugtes Jagdgebiet der Pikani gewesen, eines Stammes der Blackfoot Konföderation. Unweit ihres heutigen Reservats liegt der „Head-Shmashed-In Buffalo Jump“. Hier haben früher Präriebewohner Büffelherden über die Sandsteinklippen gejagt – und das schon seit 5800 Jahren. Seinen Namen, „zerquetschter Kopf“, hatte dieser Büffelsturz um 1850 bekommen, als ein junger Pikani, geschützt durch einen Felsvorsprung, den Todesfall der Bisons aus nächster Nähe erleben wollte. Glücklicherweise für den Stamm – unglücklicherweise für den jungen Mann – war die Jagd an diesem Tag besonders erfolgreich gewesen. Die Tierkörper türmten sich so hoch auf, dass sie den jungen Mann gegen die Felswand drückten und seinen Kopf zerquetschten. Heute ist dieser Buffalo Jump ein UNESCO-Weltkulturerbe.

 

Der Head-Shmashed-In Buffalo Jump ist noch heute ein besonderer Ort für die Pikani; am windgepeitschten Baum auf der Klippe sind eine rote und eine weiße Stoffbahn angebracht.

Nach heutigen Verhältnissen nur einen Katzensprung entfernt liegt das Reservat der Kainai (Blood), eines weiteren Stammes der Blackfoot. Es ist das größte Indianerreservat in Kanada und von den südlichen Bezirken der Stadt Lethbridge nur durch den Oldman River getrennt. Das Fürsorgezentrum des Reservats (Kanai Continuing Care Centre) ist ein neues Gebäude mit eigenwilliger Architektur.

 
Das Care Centre im Kanai Reservat.

Heute betreiben die Blood Rinderzucht im großen Stil – weshalb es in ihrem Gebiet auch ein Verkehrszeichen gibt, das ich noch nicht gesehen hatte.

Der Lokalsender von Lethbridge hatte eine Schlechtwetterfront für Südalberta angekündigt. Auf einer Nebenstraße, die durch ländliches Gebiet führte, versuchte ich der Front nach Norden auszuweichen. Einen Tag später hatte sie mich eingeholt.

Auf der Nebenstrecke herrschte wenig Verkehr und auf den Campingplätzen an meiner Route war ich, außerhalb jeder Saison, unter der Woche fast allein. Der Nachteil war jedoch, dass diese Straße nicht zu den touristischen Aushängeschildern des Landes gehörte und daher ein Stiefkind des Straßenbauprogramms war. Auf ihr fand ich heraus, was die kleinen, verwitterten roten Fähnchen am Straßenrand bedeuteten: „Achtung, Buffalo Jump!“. Ähnliche Fähnchen hatten die Indianer verwendet, um die Büffel in die beabsichtigte Richtung zu treiben. Hatten die Fähnchen am Straßenrand die gleiche Bedeutung für die Autofahrer?

Seit „meinem“ Buffalo Jump in das Pothole war der Wurm in meiner Beleuchtungsanlage. Das rechte Blinklicht am Trailer blinkte gerade so lange, bis ich es beim morgendlichen Routinecheck vor der Weiterfahrt überprüft hatte. Wenn ich mich umdrehte, hörte es im gleichen Moment auf zu blinken. Erst ein Truckfahrer machte mich durch anhaltendes Hupen beim Überholen darauf aufmerksam, dass etwas nicht stimmte. Nicht nur das Blinklicht, auch die Bremsleuchte auf der rechten Seite funktionierte nicht. Im nächsten Ort suchte ich eine Autoreparaturwerkstatt auf. Der Chef hatte bereits Feierabend gemacht. Am nächsten Morgen prüfte er die Ausgänge des Verbindungssteckers zum Trailer und diagnostizierte, dass der Fehler in der Verkabelung des Hängers zu suchen sei.

Die nächste Werkstatt für Wohnmobile und Wohnwagen befand sich 80 km entfernt in Drumheller, der Dinosaurierstadt. Dieses Jahr empfing mich die Stadt mit weniger Regen als im Vorjahr. Der Chef der Werkstatt holte sein Messgerät – und stellte fest, dass es nicht am Trailer, sondern am Auto liegt. Aber es war Freitagnachmittag und er musste noch zu einem Kunden. Bis ich eine Autoreparaturwerkstadt ausfindig gemacht hatte, war auch diese unterdessen geschlossen.

Der Sonntag war nicht mein Tag gewesen, absolut nicht. Morgens, als ich vom Frühstückstisch aufstand, stieß ich die Kaffeekanne mit dem Rest Kaffee von der Spüle. Ich musste den Boden im Trailer aufwischen und die Hosenbeine meiner frisch gewaschenen Jeans hatten dunkelgelbe Flecken, denen man nicht unbedingt ansah, dass es Kaffeeflecken waren. Anschließend wollte ich während des unfreiwilligen Aufenthalts die Gelegenheit nutzen und mir auch das dritte Reservat der Blackfoot, das der Siksika am Bow River, anschauen. Immerhin fand ich die letzte Ruhestätte ihres bekannten Häuptlings Crowfoot auf einem Hügel an der Straße durch das Reservat – ein Schild am Wegrand hatte darauf hingewiesen. Fotografieren konnte ich das Grab nicht, weil die Batterien in meiner Kamera aufgebraucht waren und sich die Ersatzbatterien in der Fototasche ebenfalls entladen hatten. Der in Prospekten bereits groß angekündigte „Blackfoot Nation Historical Park“, ein Informationszentrum über die Geschichte des Stammes bei Blackfoot Crossing, war noch Baustelle.

Häuptling Crowfoot (Gemälde im Fort Macleod-Museum) hatte 1877 im Vertrag Nr. 7 die Aufgabe der Jagdgründe und die Unterbringung der Siksika im Reservat unterzeichnet.

Die Reparatur am Montag war eine Kleinigkeit – vom Aufwand her. Ein kleines Verteilerkästchen, welches die Signale vom Auto auf das Verbindungskabel zum Trailer überträgt, war angeschmort. Nach dem Austausch strahlten die Lichter an meinem Trailer wie noch nie zuvor. Die einzige Schwierigkeit bei der Reparatur hatte darin bestanden, dass der Geselle das Verteilerkästchen erst besorgen musste.

Ein kräftiger, böiger Wind von Steuerbord achterlicher als dwars (seemännisch) – von vier bis fünf Uhr (Fliegersprache) – trieb mich weiter nordwärts durch Prärie und Espenparklandschaft. Am Crane Lake, fast schon an der Grenze zu Saskatchewan, befand ich mich wieder in der nördlichen Nadelwaldzone. Ich hörte wieder den Kampfruf des Loon (Sterntauchers), den Dreiklang der Chickadee (Schwarzkopfmeise) und ich hatte wieder Moskitos. Nicht zu überhören waren die Robins. Diese Verwandten der Amseln mit ihrem rostroten Brustgefieder sind die Nachtigallen Kanadas. Sie singen morgens, noch bevor es dämmert und abends, wenn es längst dunkel ist. Nur ist ihr Gesang nicht so melodisch wie der unserer Nachtigallen. Wahrscheinlich haben sie nie Mozart, sondern nur American style country rock gehört. In Alberta und Saskatchewan spielten die Lokalsender keine andere Musik.

Abends wehte eine kühle Brise über den Crane Lake. Um meine abendliche „heiße Tasse“ etwas zu variieren, beschloss ich, mal wieder Tee zu trinken. Ein Plastikbeutelchen mit Tee befand sich noch vom Vorjahr bei den Teefiltern in der Küchenablage. Aufgebrüht schmeckte der Tee allerdings auffällig nach Majoran. Sollte in dem Beutelchen etwa ein Rest von den Fischgewürzen gewesen sein, die Robert vor zwei Jahren gekauft hatte? Ich kehrte zum Milchkaffee zurück.

Der Highway 55, die „Northern Woods and Water Route“, schlängelte sich in Saskatchewan durch eine reizvolle Landschaft, in welcher sich Farmen im Parkland mit fast menschenleeren Waldstücken des nördlichen (borealen) Nadelwaldes abwechselten.

 
Parklandschaft im nördlichen Saskatchewan.
 

Mich ritt der Teufel

und ich fuhr in ein Bibelcamp

Pünktlich zum Sommeranfang war der Sommer nach Saskatchewan gekommen – meinte jedenfalls der Nachrichtensprecher einer lokalen Rundfunkstation. Für mich war schon lange Sommer gewesen – seit ich auf Vancouver Island meine langen Unterhosen definitiv weggepackt hatte. Für Saskatchewan war es ein feuchter Sommerbeginn. Die Niederschläge der letzten Wochen hatten Straßen unterspült, Gebiete überflutet und eine ungewohnte Moskitoplage ausgelöst. Auch wenn ich die Tür meines Wohnwagens noch so vorsichtig öffnete, einigen Moskitos gelang es immer, hineinzuschlüpfen. Abends ging ich dann im Trailer auf Moskitojagd. Bis spät in die Nacht hinein schallte kräftiges Händeklatschen aus meinem Wohnwagen. Wenn ich eine Mücke „abgeklatscht“ hatte, dürften meine Nachbarn auf den Campingplätzen bei meinem jubelnden „Gotcha“ aus dem Schlaf hochgefahren sein.

Einer dieser Nachbarn auf einem Campground 50 km westlich von Prince Albert in Saskatchewan war Ernie (nicht Berth!). Ernie war Schaf- und Rinderzüchter aus dem Loon Lake Distrikt weiter im Westen. Beim üblichen „Woher und Wohin“ stellte sich heraus, dass er deutsche Vorfahren hatte. Seine Großeltern hatten mit ihm nur Deutsch gesprochen und er erinnerte sich noch an ein paar Wörter. Als wir uns am nächsten Morgen so gegen zehn Uhr vor unseren Wohnwagen trafen, zog ich ihn auf:

„Du magst wohl auch keine Würmer?“

Verständnislos schaute er mich an.

„Na, weil nur der frühe Vogel den Wurm fängt!“ klärte ich ihn auf.

Er musste lachen und so kamen wir weiter ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er mit seiner Frau unterwegs zu einer Seniorenfreizeit war, wo er einen Freund treffen wollte. War ich nicht auch ein Senior? Ich fragte weiter. Es sei eine für jeden Senior über 55 offene dreitägige Freizeit. Ich könne auch daran teilnehmen. Es läge sowieso auf meinem Weg, am Highway 55, irgendwo vor Nipawin. Gar nicht zu verfehlen, ich müsse nur auf den Wegweiser zum Torch Trail BibleCamp auf der rechten Straßenseite achten. Es habe nichts mit einer Kirche zu tun, versicherte er mir, man habe das Camp nur wegen seiner vielfältigen Möglichkeiten gewählt: Schwimmen, Reiten, Kutschfahrten, Hufeisenwerfen und vieles mehr. Ich achtete auf den Wegweiser.

Ernie hatte nicht gelogen. Es war keine Veranstaltung einer Kirche, sondern der CSSM. Im Büro von Brian, dem geschäftsführenden Direktor des Camps, durfte ich das Internet benutzen. Ich schaute schnell in meinen Briefkasten und wechselte zu Google: CSSM stand für „Canadian Sunday School Mission“, war 1927 in Winnipeg von einem Amerikaner aus den USA nach dem Vorbild der Sonntagsschulmission in den Vereinigten Staaten gegründet worden und seit 1929 in Saskatchewan tätig. Die Mission bezeichnete sich als „überkonfessionell-evangelisch“. Überkonfessionell-evangelisch waren auch die Teilnehmer der Seniorenfreizeit – Baptisten, die den Ton angaben, Mennoniten, Adventisten und vielleicht auch noch Mitglieder anderer Freikirchen – ich habe nicht alle nach ihrer Kirchenvergangenheit gefragt.

Dafür erzählten mir viele Teilnehmer freiwillig, dass sie deutsche Vorfahren hätten. Mehrere Ehepaare konnten noch „Niederdeutsch“ sprechen. Ihre Vorfahren stammten aus dem deutschen und holländischen Teil Westfrieslands, waren von dort in die Ukraine abgewandert und Anfang des 20. Jahrhunderts mit anderen Einwanderern aus der Ukraine in die kanadischen Prärieprovinzen gelangt. Unabhängig davon, woher sie stammten, die Senioren (und Seniorinnen) nahmen mich als einen der Ihren in ihrer Mitte auf und ich gewann einige neue Freunde unter ihnen. Besonders herzlich aber gestaltete sich das Verhältnis zu Ernie, der mich „gekeilt“, Verzeihung, für die Freizeit interessiert, hatte sowie zu seinem Freund Wayne. Immer wieder gab Ernie zum Besten, wo und wie wir uns getroffen hatten und wie ich ihn mit den Würmern aufgezogen hatte. 

Eine kirchliche Veranstaltung war die Freizeit allemal, mit täglichem Gottesdienst von 90 Minuten vor dem Mittagessen. Er fand in der „Kapelle“ statt, in einer Halle ohne die äußerlichen Attribute, wie ich sie aus einer Kirche kannte: ohne Kreuz, Altar oder Kanzel. Auf einem Podium standen die Instrumente einer Band – sicher einer Country Rock Band. Lediglich lange Kirchenbänke rechts und links des Mittelganges wiesen auf die Funktion der Halle hin. Die Gottesdienste bestanden aus einem Hymnen- und einem Predigtteil mit viel Spielraum für Ankündigungen und Klärungen organisatorischer Fragen. Befremdlich war für mich, dass die Gemeinde den Gesangssolisten mit Beifallklatschen honorierte, völlig in Erstaunen versetzten mich die Predigten. John, Senior Pastor der Faith Baptist Church in Regina, leitete seine Predigten jeweils mit zwei, drei lustigen Anekdoten ein, die in keinem Bezug zu seinem Predigttext standen. Eine dieser „Einleitungen“ fand ich besonders interessant und ließ sie mir kopieren:

Noah und die neue Arche

Im Jahr 2006 kam der Herr erneut über Noah, der jetzt in Kanada lebte, und sprach:

„Wieder einmal ist die Erde voller Gemeinheiten und überbevölkert und ich sehe das Ende allen Fleisches vor mir. Baue eine andere Arche und rette ein Paar von allem Lebendigen zusammen mit einigen rechtschaffenden Menschen!“

Er gab Noah die Konstruktionspläne und fuhr fort:

„Du hast sechs Monate Zeit, um die Arche zu bauen, bevor ich es 40 Tage und 40 Nächte unablässig regnen lasse.“

Sechs Monate später schaute der Herr hinab auf Noah und fand ihn weinend in seinem Garten – aber keine Arche.

„Noah“, zürnte er, „ich bin dabei, es regnen zu lassen. Wo ist die Arche?“

„Vergibt mir, oh Herr“, flehte Noah, „aber die Zeiten haben sich geändert. Ich brauchte eine Baugenehmigung. Ich habe mit dem Bauinspektor über die Notwendigkeit einer Sprenkelanlage diskutiert. Die Nachbarn behaupteten, dass ich den Bebauungsplan für den Bezirk verletze, wenn ich die Arche in meinem Garten baue. Außerdem überschreite der Bau die geltenden Firsthöhen. Um eine Entscheidung herbeizuführen, mussten wir sogar vor die Berufungsbehörde für Entwicklungsangelegenheiten gehen.

Dann verlangte die Abteilung für Straßen- und Wasserbau des Transportministeriums, dass eine Kaution hinterlegt werden solle, welche die anfallenden Kosten für die Entfernung von Strom- und Telefonleitungen sowie anderer oberirdischer Hindernisse auf dem Weg der Arche zum Meer decke. Ich argumentierte, dass das Meer hierher kommen werde, aber davon wollten sie nichts hören.

Das Holz zu beschaffen, war ein weiteres Problem. Hier in der Gegend sind Eulen gesichtet worden und es ist daher verboten, Bäume zu fällen, um den Bestand der Eulen zu sichern. Ich versuchte die Naturschützer zu überzeugen, dass ich das Holz brauche, eben um die Eulen zu retten – nichts zu machen!

Als ich begann, die Tiere einzusammeln, verklagten mich die Tierschützer. Sie vertraten den Standpunkt, dass ich wildlebende Tiere gegen ihren Willen einsperre. Außerdem machten sie geltend, dass es grausam und unmenschlich sei, so viele Tiere auf so engem Raum unterzubringen.

Die Umweltbehörde entschied, dass ich die Arche nicht bauen dürfe, bevor sie ein Gutachten über die Auswirkungen der vorgeschlagenen Flut auf die Umwelt erstellt habe.

Augenblicklich versuche ich gerade, mit der Menschenrechtskommission über die Anzahl von Minderheitsangehörigen ins Reine zu kommen, die ich beim Bau zu beschäftigen habe. Die Gewerkschaft wiederum meint, dass ich meine Söhne nicht beteiligen dürfe und besteht darauf, dass ich ausschließlich Gewerkschaftsmitglieder beschäftige, die Erfahrungen im Bau von Archen haben.

Um die Sache noch schlimmer zu machen, beschuldigt mich die kanadische Agentur für Zölle und Einkommen, dass ich versuche, Kanada illegal mit gefährdeten Arten zu verlassen und hat mein gesamtes Vermögen beschlagnahmt.

Vergib mir, oh Herr, aber es wird mich mindestens noch zehn Jahre kosten, um die Arche zu vollenden.“

Plötzlich klarte es auf, die Sonne schien wieder und ein Regenbogen spannte sich über den Himmel. Verwundert blickte Noah empor und fragte:

Du meinst, du bist nicht dabei, die Welt zu zerstören?“

„Nein“, antwortete der Herr, „die Regierung hat mich darin geschlagen.“

John schloss zwar seine Predigten jeweils mit einem Gebet ab, es gab jedoch kein gemeinsames Vaterunser und er erteilte keinen Segen. Dass ich nicht mit betete, fiel nicht auf. Jeder nahm zum Beten eine andere Haltung ein: Ich bemerkte nur wenige gefaltete oder übereinander gelegte Hände, einige stützten ihren Kopf in die Hände, wieder andere lehnten ihn auf die Rückenlehne der Bank vor ihnen, der Prediger betete mit geschlossenen Augen und Händen in den Taschen.

Als mich zwei Ladies in Anwesenheit des Predigers fragten:

„Und, hast du Jesus als deinen Erlöser in dein Herz aufgenommen?“

musste ich bekennen, dass ich ein Ungläubiger sei. Es schien meinem Ansehen im Seniorencamp nicht geschadet zu haben. Brian (der Direktor) schenkte mir zum Abschied ein Neues Testament mit Segensspruch und Widmung sowie ein T-Shirt des Torch Trail Bible Camps. Blitzlichter begleiteten die Geschenkübergabe in der Kapelle. Eine Lady überreichte mir die Mappe mit den während der Gottesdienste gesungenen Hymnen und John, der Prediger, gab mir seine Visitenkarte.

Im Camp lernte ich endlich Horseshoe (Hufeisenwerfen). Aus einer Entfernung von 40 Feet (ca. 12,20 m) muss ein Hufeisen möglichst nahe an einen Eisenstab im Horseshoe Pit geworfen werden. Wenn das Eisen um den Stab zu liegen kommt, ist es ein Ringer, der die höchste Punktzahl ergibt.

 

 Charles, Organisator der Freizeit und Horseshoe-Champion mit einem „Ringer“.

 

Ernie (auf der Bank).

Schon auf dem letzten Campingplatz vor dem Bible Camp hatte ich nach einem Waschsalon gefragt. Man hatte mir zwar den Weg beschrieben – am Ende der einzigen Hauptstraße im Ort –, nur hatten sich dort ein Museum und ein Altersheim befunden, aber kein Waschsalon. Nach den Tagen im Camp musste ich dringend meine Wäsche waschen – oder neue Unterhosen kaufen. Auch ging mein Kaffeevorrat zur Neige. Die Verköstigung im Seniorencamp war ausgezeichnet gewesen – aber der reichlich und oft angebotene Kaffee! Naja, ich hatte mir meinen eigenen Kaffee im Trailer aufgebrüht. Jetzt konnte ich schon fast den Boden der Kaffeedose sehen.

Der nächste größere Ort war Nipawin. Gai, eigentlich Agatha (sie wünschte die Betonung auf dem zweiten A) wohnte dort. Sie empfahl mir den Campground im Regionalpark bei der Stadt. In der Stadt gäbe es einen Waschsalon, vier Lebensmittelgeschäfte, Post, Bibliothek, Tankstellen und eine Autowaschanlage.

Agatha war Witwe und Zeugin meines Bekenntnisses als Ungläubiger gewesen. Das hatte ihren missionarischen Eifer entfacht. Ich war noch beim Einrichten meines Trailers, als sie mich auf dem Campground bei Nipawin besuchte. Wir verabredeten uns zum Abendessen beim Griechen. Es war wirklich griechische Küche! Nur gab es keinen Espresso hinterher. Eigentlich hätte ich gerne bei einer Tasse Kaffee im Freien (in den Restaurants herrschte überall Rauchverbot) ein Pfeifchen geraucht. Aber Agatha war allergisch gegen Raucher. Allerdings ging ihr ein Licht auf, weshalb ich im Seniorencamp immer wieder für einige Zeit in meinem Trailer verschwunden gewesen war. Ich hatte dort heimlich geraucht, aus Rücksicht auf einige Teilnehmer, die Rauchen für Sünde hielten.

In Manitoba legte ich Rast im Riding Mountain National Park ein. Im Park war ein Buschfeuer ausgebrochen und im Ort Wasgaming wehten sichtbare Rauchschwaden über den Clear Lake. Einige Bewohner blickten besorgt in die Richtung, aus der die Schwaden zogen.

 

Der Moon Lake im Riding Mountain Park mit rauchverschleierter Sicht.

Saskatchewan Land of Living Skies  

Friendly Manitoba
 
Bär auf zehn Schritte
und keine Kamera dabei

Der Canada Day und mit ihm ein langes Wochenende näherten sich – und ich näherte mich Kenora in der Provinz Ontario. Auch wenn ich mir den Nationaltag Kanadas nicht im Kalender angestrichen hätte, die Masseneinkäufe von Feuerwerkskörpern in den Geschäften und selbst an Tankstellen hätten mich auf das Ereignis aufmerksam gemacht.

Das lange Wochenende wollte ich in Kenora am Lake of the Woods im „SunsetCountry“ von Ontario bleiben und danach einen weiteren Versuch starten, endlich die Jahresplakette für mein Auto zu erwerben. Gut, dass mein Baerle-Express so klein geraten war. Ich hatte keinen Stellplatz reserviert, konnte meinen Express aber auf einem für Zelte vorgesehenen Platz im Campground von Kenora unterbringen. Der Campingplatz lag ein einer der vielen Buchten des Lake of the Woods und hieß: „Anicinabe Park Campground“.

„Und was hat der Campground mit den Ojibwa zu tun?“ fragte ich den Platzmanager.

Ich musste die Frage wiederholen. Beim zweiten Anlauf schaltete er, dass „Anischinabeg“ die Eigenbezeichnung der Ojibwa ist.

„Eigentlich nichts“, erklärte er, „früher, Anfang des 20. Jahrhunderts, war hier in Kenora die einzige Krankenstation weit und breit. Eine Krankenschwester hatte das Gelände des Parks erworben und als Übernachtungsplatz für die First Nations (die Indianer) eingerichtet, die mit dem Kanu von weit her zur Behandlung kamen. Heute betreibt die Stadt den Campground hier.“

 

 Eine Bucht des Lake of the Woods unweit vom Campground in Kenora.

Nach den Hamsterkäufen von Feuerwerkskörpern, die ich in Manitoba beobachtet hatte, war ich erstaunt über den „ruhigen“ Verlauf des Feiertags in Kenora. Kein Knallen schon Tage vorher wie bei uns vor Silvester, auch am 1. Juli nur gelegentlich von Jugendlichen abgebrannte Knallkörper. Um 11 Uhr abends dafür ein offizielles Feuerwerk auf dem Campground. Zu Silvester ist vor dem Haus 607 in der Fuhlsbüttler Straße in Hamburg mehr los. Dennoch Beifall der Zuschauer – und danach allgemeines Schlafengehen.

Die Straße am Campground führte weiter zu einem Indianerreservat – deswegen die vielen Indianer im Einkaufszentrum von Kenora – und zu einem Charity (Wohltätigkeits-) Casino, einem Spielkasino im Reservat. Keine Seltenheit in Kanada und den USA. Spielkasinobetreiber, die in einer Stadt von puritanischen Stadtvätern keine Konzessionen erhalten hatten, schlossen häufig im nächstgelegenen Indianerreservat günstige Konzessionsverträge ab.

 
 Reservat einer First Nation bei Kenora – mit Wegweiser zum Spielkasino.

Der zweite Versuch (oder war es schon der dritte?), eine Jahresplakette für meinen Wagen zu bekommen, schlug ebenfalls fehl. Ohne Emissionstest keine Plakette! Bloß, die Verordnung gilt nur für Südontario, hier im Nordwesten der Provinz hatte keine Werkstatt die entsprechenden Testgeräte.

Es war richtig heiß geworden, bis zu 30 Grad, und im Auto staute sich die Hitze. Um die Klimaanlage zu schonen und Benzin zu sparen, fuhr ich mit offenen Fenstern und offenem Verdeck. Das war laut, meiner vornehmen Blässe abträglich und brachte nichts. Also schloss ich Verdeck und Fenster wieder und schaltete die Klimaanlage ein.

Im Sunset Country kam ich dieses Mal am Dogtooth Lake vorbei. Hier hatte ich 1997 auf der Fahrt mit meinen Söhnen meine erste (und bisher einzige) Bärenfamilie in Kanada gesehen. Der Campground von damals existierte nicht mehr.

Auf dem nächsten Campingplatz in einem kleinen Provinzpark am Caliper Lake wunderte ich mich über die seltsamen schilfartigen Wasserpflanzen in einer Bucht. War das wilder Wasserreis? Er war es, wie ich in der nächsten Bibliothek in einem Pflanzenlexikon nachschlagen konnte.

 
Wilder Wasserreis (Zizania aquatica), den die Indianer vom Kanu aus ernteten.

Gegenüber der Stadt Thunder Bay, auf der anderen Seite der „Donnerbucht“, regt eine ungewöhnliche Felsformation die Phantasie an. Von weitem sieht sie aus wie ein „schlafender Riese“. Für die Ojibwa, die in der Gegend leben, ist der „Sleeping Giant“ der Spirit Nanabusch, der zu Stein erstarrte, als ein betrunkener Indianer den Weißen die Silbermine des Geistes verriet.

 
Der Sleeping Giant bei Thunder Bay.

Ein Teil des heutigen Neys Provincial Park am Lake Superior war 1941-1946 eines der 21 Kriegsgefangenenlager für deutsche Kriegsgefangene aus den überfüllten Lagern in England. Hierher waren Gefangene mit brauner Überzeugung gekommen. Es bestanden so gut wie keine Fluchtchancen: Auf der einen Seite lag der Lake Superior und die anderen drei Seiten waren durch moskitoverseuchte Wälder geschützt. 1965 hatte die Provinzregierung aus dem unterdessen demontierten Lager und dem umliegenden Gelände einen Provinzpark gemacht.

Abends war Bärenalarm im Park. Ganz in der Nähe meines Stellplatzes war ein Bär gesichtet worden. Ich zog sofort mit meiner Kamera in die Richtung los, wo er gesehen worden war – und kam zu spät. Er hatte inzwischen seinen Weg geändert und war einige Plätze entfernt auf der anderen Seite meines Stellplatzes aufgetaucht.

Eigentlich hatte ich erst nach dem Einkaufen abwaschen und zum Einkaufen in die nächste Stadt erst nach einem Mittagsschläfchen fahren wollen. Eine innere Stimme – sie klang wie die meines Vaters mit seinen Ermahnungen gegen den „inneren Schweinhund“ – empfahl mir jedoch, sofort abzuwaschen. Gut, dass ich auf sie gehört habe! Ich hatte nämlich vergessen, die Warmhalteplatte der Kaffeemaschine auszuschalten. Der Restkaffee in der Kanne war bereits zu einer braunen Teerschicht auf dem Kannenboden verdampft.

Die „nächste Stadt“ war der 35 km entfernte Ort Marathon mit weniger als 5000 Einwohnern. Wenn die Kanadier den Stadtnamen aussprechen, erkennt man nichts Griechisches mehr in ihm.

Auf dem Rückweg von der Stadt, wo ich auch gleich über den kostenlosen Internetzugang in der Bibliothek meine Mails gecheckt hatte, schaute ich im Eingangshäuschen des Parks vorbei. Ich wollte meinen Aufenthalt verlängern, um den Bären vielleicht doch noch zu Gesicht und vor die Kamera zu bekommen. Mein Stellplatz war jedoch für die nächsten Tage im Voraus reserviert. Enttäuscht wendete ich mich zur Tür – und erstarrte. Keine zehn Schritte von mir entfernt wollte ein Schwarzbär, offenbar ein noch junges Tier, die Straße überqueren. Gellende Schreie einer älteren Dame, die neben einem parkenden Auto stand, trieben ihn von der Straße zurück. Er blieb aber in den Büschen am Straßenrand und überquerte die Straße ca. 30 m hinter dem Eingangshäuschen. Und ich hatte zum Einkaufen meinen Fotoapparat nicht mitgenommen!

Es gibt Dinge, die klappen einfach nicht. Bei mir ist es (unter anderem) das Nachfüllen von Gasfeuerzeugen. Ich hatte eine Nachfüllflasche mit Butangas gekauft und es war mir sogar gelungen, zwei Feuerzeuge nachzufüllen. Nur bei dem Spezialfeuerzeug für den Gasherd versagte ich. Nicht nur Stephan kann einen Zimmerbrand entfachen (wie er es damals in unserer Wohnkabine mit seinem Hemd getan hatte). Ich war nahe daran, es ihm nachzutun. Vielleicht hätte ich den Nachfüllversuch doch weiter weg von der Suppe auf der Herdflamme machen sollen. Statt in das Feuerzeug zischte flüssiges Treibgas auf den Herd, vereiste und entzündete sich. Ich schielte schon nach meinem Feuerlöscher; zum Glück ließen sich die Flammen ausblasen.

Letztes Jahr hatte ich über den kalten Sommer geklagt, dieses Jahr stöhnte ich unter der Hitze. Besonders schwül-warm war es an den großen Seen. Und immer wieder die Höflichkeitsfrage der Kanadier:

„Ist das nicht ein schöner Tag heute?“

Worauf sie ein begeistertes:

„In der Tat, ein wunderschöner Tag!“ hören wollten.

Was aber sollte an einem Tag schön sein, an dem der Gummizug von der Unterhose am Bauchnabel – ein Stück darunter – festklebt, das Schwitzwasser aus den Socken in die Sandalen läuft und die Haare am Kopf sitzen, als käme man gerade aus der Dusche?

Wenn ich nachts alle Fenster und Luken öffnete, um etwas Durchzug im Trailer zu haben und um am nächsten Morgen, d. h. so gegen 10 Uhr, nicht in ein Auto steigen zu müssen, das sich in einen Brutofen verwandelt hatte, zog ein Gewitter auf. Bei den ersten Regentropfen musste ich aus dem Bett springen und alles, was offen war, schließen. Manchmal weckten mich erst die Donnerschläge auf. Dann stand am Morgen das Regenwasser auf den Fußmatten im Auto und aus dem Trailer musste ich Sitzkissen, Bettzeug und was sonst noch alles nass geworden war, zum Trocknen in die Sonne legen. Wenn ich aber vorsorglich alle Fenster und Luken schloss und wie meine Nachbarn auf den Campingplätzen fast die ganze Nacht über die Klimaanlage laufen ließ – zog bestimmt kein Gewitter auf!

Wie war der Spruch mit dem Wetter und der falschen Kleidung, den ich mir selbst schon oft vorgebetet habe? Hier traf er nicht zu! Ich hatte zwar kurze Hosen mitgenommen, aber erstens fand ich meine blassen Beine nicht sexy genug, um sie öffentlich vorzuführen, zweitens schwirrten immer noch vereinzelte Moskitos herum und drittens waren meine kurzen Hosen viel zu kurz – für kanadische Verhältnisse. Hier reichten die Shorts der Männer bis ans Knie oder darüber hinaus. Meine Shorts hörten eine Handbreit über dem Knie auf, waren also im Vergleich zu den kanadischen Shorts „Hot pants“. Als Sexprotz wollte ich nicht herumlaufen.

Der heiße Sommer hatte aber auch einen Vorteil: Dieses Jahr konnte ich die Felszeichnungen am Agawa Rock im Lake Superior Provincial Park besichtigen. Bei früheren Besuchen hatte einmal Hochwasser den Zutritt verwehrt und ein anderes Mal war die Felsleiste vor den Zeichnungen wegen zu hohen Wellengangs gesperrt gewesen. Die mit rotem Ocker aufgetragenen Felszeichnungen der Ojibwa sind zwischen 150 und 400 Jahre alt, stark verwittert und kaum noch zu erkennen. Sie stellen sowohl historische Ereignisse als auch die Visionen von Schamanen dar.

 
Felszeichnungen am Agawa Rock: der Wassergeist Misshepezhieu (Kopf, Körper und Krallen eines Luchses, Rücken und Schwanz eines Alligators und Hörner eines Stiers).
 
Blick vom Agawa Rock auf den Lake Superior.

Ein Schild in Blind River am Lake Huron wies auf einen Campground in 12 Minuten Entfernung hin. Nach zweimaligem Verfahren und 45 Minuten hatte ich ihn gefunden. Ein Gewitter zog auf. Ich konnte gerade noch meinen Trailer parken und den Zeltalkoven aufklappen, ehe es zu tröpfeln begann. Danach strahlte die Sonne wieder und die Adler kamen (wenn es denn wirklich Adler waren). Dutzende von ihnen segelten über dem Campingplatz am Duborn Lake.

 
Der „Berg“, nach welchem der Campingplatz am Duborn Lake „Mountain View Camp“ hieß.
 
Ein Himmel voller Adler (Ospreys – Fischadler?).

Sie flogen nicht, sie segelten. Ohne einen Flügelschlag, nur mit Korrekturen der Flügelstellungen und Richtungsänderungen, kreuzten sie wie Segelboote in Zickzackkursen gegen den Wind.

Das Gewitter am Duborn Lake war nur ein kurzer Schauer mit ein paar leichten Böen gewesen. 250 km weiter östlich, bei North Bay, fegte die gleiche Gewitterfront als Tornado übers Land und forderte zwei Menschenleben. Noch Tage danach war in weiten Gebieten die Stromversorgung unterbrochen. Auch auf dem Campingplatzvor North Bay, den ich extra wegen seines kostenlosen Internetzugangs ausgesucht hatte, waren Wasser, Strom und WiFi ausgefallen. Am späten Abend ging ein Jubelschrei durch den Campground – es gab wieder elektrischen Strom und etwas später auch wieder Wasser. Statt ins Internet konnte ich wenigstens unter die Dusche gehen.

Gewitter und Tornado hatten keine Abkühlung gebracht. Es war weiterhin warm und vor allem schwül. Ich fuhr drei Tage mit offenen Fenstern und offenem Verdeck. Danach hatte ich einen steifen Nacken.

 

2006 Teil 2

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