Sommer 2005 Teil 4

Kanada  2005 Teil 4
 
Inhalt Teil 4
Mit dem Filius durch die Rockies
– Schnee und Eis gratis
British Columbia
– Traumland der Deutschen
Nachbetrachtung
– warum ich nächstes Jahr wieder nach Kanada fahren muss
 
Mit dem Filius durch die Rockies
 – Schnee und Eis gratis

Den Weg vom Campground in Cochrane zu dem eine gute Autostunde entfernten Flughafen in Calgary hatte ich mir beschreiben lassen und ich fand ihn – fast auf Anhieb. Auch zurück verfuhr ich mich nur ein kleines Stück. Der Flughafen Calgary ist nicht Frankfurt am Main, nicht einmal Hamburg. Aber er ist nett gestaltet, und er hat Monitore, auf denen man in der Wartezone die Fluggäste an den Gepäckförderbändern beobachten kann. Um jedoch ganz sicher zu gehen, dass mein Sohn Stephan seinen Anschlussflug in Chikago auch erreicht hatte, nahm ich kurz nach der Landung der Maschine über Handy Kontakt mit ihm auf. Das „Roaming“ ist schon eine großartige Errungenschaft unserer Zeit. Über den amerikanischen Roamingpartner meiner Telefongesellschaft konnte ich Stephans Handynummer in Deutschland anwählen. Seine Telefongesellschaft ortete ihn bei ihrem amerikanischen Roamingpartner und die Verbindung von Calgary nach Deutschland und wieder zurück nach Calgary war hergestellt – für eine Entfernung von 200 Metern!

Von Cochrane konnten wir die Rockies sehen.

Der Campingplatz in Cochrane lag am Rande des Industriegebiets am Bow River, der aus den Bergen kam, die man in der Ferne sehen konnte. Bevor wir jedoch dorthin aufbrachen, wandten wir uns erst einmal ernsthaften Dingen zu: Wir kauften ein und suchten die Stadtbücherei auf, um dort im Internet unsere E-Mails zu checken.

Unser erster Eindruck vonden Rockies war gemischt. Bis zum Banff Nationalpark prägten Zementfabriken das Tal des Bow River und im ausschließlich für den Tourismus erbauten Ort Banff mit seinen heißen Schwefelquellen wimmelte es von kamerabewaffneten Touristen. Vom Campground am Johnston Canyon aus, auf halbem Weg zwischen Banff und Lake Louise gelegen, gewannen wir dann die ersten Eindrücke von der Schönheit der Rockies:

Wir fuhren am Castle Mountain entlang
 
und gingen – zusammen mit Busladungen von Touristen – den romantischen Johnston Canyon hinauf.
Gleich am zweiten Tag im Banff Nationalpark verursachte eine Gruppe Schneeziegen (Mountain Goats) einen mittleren Verkehrsstau auf dem Weg zum Campingplatz – durch fotografierende Touristen.

Für den Ausflug zum Lake Louise suchten wir uns den ersten Regentag nach einer Woche Sonnenschein aus.

 
Der Lake Louise.
In Cochrane war es an windgeschützten Stellen in der Sonne angenehm warm gewesen. Aber Stephan hatte vom malerischen Icefields Parkway gelesen und, als er merkte, dass mein Wohnwagengespann es schaffen würde, wollte er unbedingt über diese Straße durch die Berge fahren. Meine Hoffnung auf einen Schlechtwettereinbruch, der ein Passieren der beiden über 2000 Meter hohen Pässe mit Sommerreifen und Wohnwagenanhänger vereiteln würde, erfüllte sich nicht. Es regnete zwar einen Tag lang und in den Bergen fiel Schnee, aber zwei Tage später schien wieder die Sonne und die Straßenverhältnisse auf dem Icefields Parkway wechselten von „schlecht“ auf „gut“.
Auf dem Wilcox Creek Campground in 1800 Meter Höhe unweit des Tourismuszentrums am Athabasca Gletscher hatten wir einen wundervollen Blick auf eine schneebedeckte Bergspitze auf der anderen Seite des Tals – und Schneereste an schattigen Stellen vor unserem Wohnwagen. Das Abkoppeln und Einrichten des Wohnwagens verzögerte sich durch eine Schneeballschlacht. Nachts kroch dann die Kälte von den Bergen herab und bei empfindlichen Minusgraden froren wir in den dünnwandigen Zeltalkoven. Die Heizung lief zwar auf Hochtouren, war jedoch machtlos gegen den Kältestau in den Alkoven.
Auf dem Wilcox Creek Campground am Parkway war es romantisch – und kalt.
Am nächsten Abend organisierten wir unser Bettzeug um: Ich bekam sein Bettzeug und nahm meinen Flauschstreifen – eine gute Isolierung nach oben, wenn die Sonne auf das Zeltdach des Schlafalkovens brannte – als Unterlage gegen die Kälte von unten, Stephan packte seine Isoliermatte und das Inlett für seinen Globetrotterschlafsack aus. Dann schlüpfte er angezogen in den Schlafsack und ich ging mit Pullover und langen Unterhosen ins Bett. Fortan fror ich nicht mehr und Stephan kaum noch.

Der Athabasca Gletscher ist nur eine Zunge des 325 qkm großen und stellenweise über 300 m dicken Columbia Eisfelds auf durchschnittlich 3000 Meter Höhe. Die Schmelzwasser des Eisfelds fließen in drei Ozeane (wo sie allerdings nur noch als „Informationen“ ankommen dürften): über den Columbia River in den Pazifik, über den Athabasca River in den Mackenzie und ins nördliche Eismeer sowie über dem North Saskatchewan River in die Hudson Bay und damit in den Atlantik.

 
Ausflug auf den Athabasca Gletscher
(„Touri gelecktes Kanada“ – Ausspruch von Stephan).
Der Icefields Parkway, gesäumt von dreitausend Meter hohen Bergen.
Auf allen Campingplätzen, an Raststellen und an Wanderwegen wiesen große Tafeln darauf hin, dass man sich im „Bärenland“ befände, im Land der Grizzly- und Schwarzbären. Mehrere Wanderwege in entferntere Täler waren gesperrt, weil es auf ihnen zu Zwischenfällen mit Bären gekommen war. Die Zeitungen berichteten fast jede Woche über Zusammenstöße zwischen Menschen und Bären; in den meisten Fällen war es dabei für die Menschen dumm gelaufen – wie dumm, konnten Parkranger und Suchtrupps dann nur noch aus den Spuren rekonstruieren. Dennoch waren die Bären bei der Verteidigung ihres Lebensraums der menschlichen Technik unterlegen. Bei Lake Louise überfuhr ein Zug nachts eine Grizzlybärin. Ihre beiden Jungtiere flüchteten auf den Highway – und wurden überfahren. Ein drittes, älteres Jungtier, entkam in den Wald. Man suchte nach ihm, weil es keine Chancen hatte, den Winter zu überleben.
Wir fuhren zwei Wochen lang durch Bärengebiete und nächtigten auf Campgrounds in der Wildnis, ohne die geringste Spur eines Bären, geschweige denn einen Bären selbst zu sehen. Das veranlasste Stephan dazu, die These aufzustellen, dass es keine Bären mehr gäbe und die Zwischenfälle mit ihnen als besonderer Kick für die Touristen erfunden seien. Er hielt an dieser These fest, bis wir unseren ersten Bären, einen Schwarzbären, am Straßenrand sahen, der vor unserem Bärle-Express in die Büsche flüchtete – zu schnell zum Fotografieren.
Auch wenn wir die grandiose Berglandschaft am Icefields Parkway längst vergessen haben werden, an die letzten 30 km vor Jaspers werden wir uns stets erinnern. Stephan hatte gelesen, dass die Parallelstrecke über den Highway 93A schöner als der direkte Weg sei, und mir hatte er weis gemacht, dass sie einfacher zu fahren sei. Es war die alte Straße, kaum noch gepflegt, schmal und voller tiefer Schlaglöcher – wir brauchten drei Mal so lange wie auf der Hauptstraße!
Nach den hohen Pässen am Icefields Parkway nahmen wir den 1146 m hohen Yellow Head Pass zwischen Alberta und British Columbia kaum wahr. Anfang des 19. Jahrhunderts der Trapper aus dem Osten mit dem Spitznamen „Gelbkopf“ diesen Pass ausfindig gemacht. Der Pass und die Transkanadaroute über ihn erhielten den Namen des Trappers. Seinen Ruhm hatte er nicht mehr genießen können – 1827 töteten einheimische Indianer ihn und seinen Bruder.
  
British Columbia
 – Traumland der Deutschen

 British Columbia ist von Deutschen entdeckt worden. Die Provinz ist szenisch abwechslungsreich und eindrucksvoll, was sich bei den Touristen herumgesprochen hat. Nirgends in Kanada sah ich so lange Kolonnen von Wohnmobilen, bemalt mit bunten Landschaftsbildern und auffälliger Werbung der Vermieterfirmen. Auf den Campingplätzen war Deutsch die zweite Verkehrssprache. Zahlreiche Campingplätze warben mit dem Hinweis: „Wir sprechen Deutsch“ – was auch zutraf – falls die Besitzer nicht gerade gewechselt hatten.

Die Entdeckung der Provinz durch Deutsche hat ihre Geschichte. Schon vor Jahrzenten wanderten Deutsche, Österreicher und Schweizer nach BC aus. In Prince George kauften wir in der „Pastry Chef Bakery“ von 1965 – ihr Werbeslogan auf Deutsch ist: „Hier wird gebacken wie zu Großmutters Zeiten“ – deutsches Brot und in Lillooet in der Bäckerei deutschen Apfelstreuselkuchen. In Williams Lake gibt Krista Liebe monatlich „die kleine Zeitung mit Herz“ heraus, die frei erhältlich ist und ausführlich über aktuelle Ereignisse in Deutschland berichtet. Die Septemberausgabe 2005 enthielt Artikel über den Weltjugendtag in Köln, über Merkels Mannschaft für den Wahlkampf, über die Wahlprogramme der Parteien und über das Oktoberfest auf der Wies´n in München – mit Bayrisch für Anfänger.
Die deutschen Touristen schienen untereinander Probleme zu haben. Sie hielten sich bedeckt und wechselten nur selten ein paar Worte miteinander. Wir passten uns an – schließlich wollten wir nicht in Wahlkampfdebatten verwickelt werden. Ausnahmen bestätigten jedoch die Regel. Auf dem Wildniscampingplatz bei Lillooet tranken wir mit einem jüngeren und einem älteren Ehepaar Wein am Lagerfeuer. Es waren Schwaben. Dagegen waren die eingewanderten Deutschen jederzeit zu einem Schwätzchen bereit. Meistens hörten sie schon nach unseren ersten paar englischen Worten heraus, dass wir Deutsche waren.
Im Informationszentrum nach dem Yellow Head Pass hatten wir erfahren, dass die Fähre von Prince Rupert nach Port Hardy auf Vancouver Island für die nächsten zwei Wochen ausgebucht sei (durch deutsche Touristen, die im Voraus reserviert hatten, vermuteten wir). Wir wichen nach Süden auf die alte Goldgräberroute aus.
In den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts hatte man am oberen Williams Creek reichliche Goldvorkommen entdeckt, ein Grund für Großbritannien, British Columbia zur Kronkolonie zu erklären. Bakerville, genannt nach Billy Baker, der hier 1862 auf eine Bonanza gestoßen war, entwickelte sich zur größten Stadt westlich von Chicago und nördlich von San Francisco. Heute ist es ein liebevoll gepflegtes Museumsdorf mit Akteuren, die historische Persönlichkeiten nachspielen. Um an einen aussichtsreichen Claim am Williams Creek zu gelangen, kamen einige Goldsucher auf ausgefallene Ideen. Ein Goldsucher namens Davis, hatte z. B. bemerkt, dass ein Claim am Creek ein wenig länger als die anderen schien. Er maß nach und kam auf 33,6 m (112 Fuß) statt der 30 m, die das „Goldfeldergesetz“ von 1859 erlaubte. Auf dem Teilstück von 12 Fuß (3,6 m) steckte er seinen eigenen Claim ab, fand Gold im Wert von 12.000 $ und erhielt den Spitznamen „Twelve Foot Davis“. Als er seinen Claim für ausgeschöpft hielt, verkaufte er ihn. Sein Nachfolger holte noch einmal die gleiche Menge an Gold aus dem Claim und verkaufte ihn an chinesische Goldgräber. Die gruben noch tiefer in den Felsgrund und fanden Gold für 25.000 $. Damals lag der Goldpreis bei 16 $ die Unze (31,1035 kg). Solche Geschichten erinnern allerdings nur an erfolgreiche Goldsucher – und das waren die Wenigsten. Die meisten wurden nicht alt genug, um Erfolg zu haben: Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mannes in den Goldfeldern lag bei 30 Jahren!
Kidding Steve und Lumber Hardy; Verwandte von uns, waren beim Goldrausch am Williams Creek dabei – wie dieses (gefälschte) Archivfoto beweist.

In über hundertjähriger Tätigkeiten hatten die Goldgräber das Tal des Williams Creek völlig umgestaltet: Sie hatten Wälder abgeholzt und der Regen hatte Erde und Gestein von den Hängen ins Tal gespült, sie hatten einen Hügel abgetragen und den Creek umgeleitet. Im Führer durch Bakerville hieß es hoffnungsvoll, dass die Vegetation langsam wieder zurückgekehrt und dass das Tal in ein paar Jahrzehnten wieder üppig bewachsen sein würde. Aber zu welchem Preis? Stephan hatte sich eine Goldwaschpfanne gekauft und wir machten einen Ausflug in die Wälder, um uns als Goldwäscher zu versuchen. Uns fiel die Stille in den Wäldern auf – keine Vögel, die zwitscherten, keine Eichhörnchen, die über die Störung schimpften, nicht einmal Mäuse, die im Unterholz raschelten. Ganze Waldhänge waren braun, die Bäume befallen vom Pine Beetle (Kiefernkulturrüssler/Pissodes notatus?), einem 3 mm großen Schädling, der die Lodge Pole Pines befällt. Ob die milderen Winter, das gestörte ökologische Gleichgewicht oder beides schuld daran sind, dass er sich in Wäldern ausbreitete, die bisher von ihm verschont gewesen waren, mag dahin gestellt bleiben.

Keine Herbstfärbung – kranke Bäume!
Den Bach, den uns die Verkäuferin der Waschpfanne empfohlen hatte, fanden wir nicht und ein anderer Bach, in welchem wir unser Glück versuchten, war so kalt, dass Stephan noch nach Stunden die Füße kribbelten. Statt weiter Gold mit der Pfanne zu waschen, brutzelte Stephan über dem Campfeuer ein Mittagessen darin. Er konnte hinterher sogar die festgebackenen Essensreste wieder abscheuern – nur ging dabei auch die spezielle Beschichtung zum Goldwaschen ab. Danach rostete die Pfanne im Kofferraum meines Wagens still vor sich hin.
Der letzte Campingplatz mit Komfort im Goldgebiet befand sich in Wells, 30 km vor Bakerville. Der Ort, von einer noch tätigen Minengesellschaft errichtet, liegt in 1400 m Höhe. Nachts war es entsprechend frostig. Dafür sahen wir zwei Nächte hintereinander intensive Polarlichter. In unregelmäßigen Abständen leuchteten milchige Streifen, Spiralen und Nebelfelder am sternklaren Himmel auf und vermittelten den Eindruck eines überirdischen Feuerwerks. In Wells bekamen wir auch durch die Balladensängerin Sara Grey kanadische Kultur vermittelt. Wir waren erst nach der Pause hingegangen – zum halben Eintrittspreis, als Zuhörer Nummer einunddreißig und zweiunddreißig.

Auf unserem Weg weiter nach Süden fuhren wir durch das trockenste Gebiet von British Columbia. Hatten wir uns verfahren und waren im Vorderen Orient gelandet?

Trockenlandschaften am Cariboo Highway im Okanagan Country.
Mit einem Schlenker über den Lillooet Canyon und über Whistler, dem Schigebiet von Vancouver, kamen wir in Horseshoe Bay an die Fähre nach Vancouver Island – und mussten vier Stunden warten. Kolonnen deutscher Touristen vor uns wollten ebenfalls übersetzen.

Vancouver Island ist nur durch eine stellenweise sehr schmale Wasserstraße von vom Festland getrennt. Der Süden der Insel hat ein angenehm warmes Klima und ist dicht besiedelt. Dagegen ist der Westen der Insel wild zerklüftet, schwer zugänglich und kaum bewohnt. Fjorde ziehen sich 35 km und weiter ins Innere der Insel hinein. Nur drei asphaltierte und sehr kurvenreiche Straßen führen durch enge Waldschluchten an die Westküste.

Blick auf das Festland bei Campbell River.
Tofino an der Westküste von Vancouver Island.
In den Regenwäldern an der Südwestküste der Insel sind einige der größten Bäume der Welt von der Axt verschont geblieben: die größte Douglastanne, die höchste Sitkakiefer und die mächtigste Red Cedar (Cupressaceae) – eine Zypressenart also. 1979 hatte man eine Kiefer gefällt, deren größter Durchmesser 4,27 m (14 Fuß) besagen und die 478 Jahresringe aufgewiesen hatte. Eine Scheibe ihres Stumpfes ist im Heimatmuseum von Sooke ausgestellt.
Vor fast dreißig Jahren gefällt: 478 Jahre alte Kiefer.

Es war langweilig geworden, nachdem Stephan zu seiner Wanderung aufgebrochen war. Er wollte unbedingt den West Coast Trail gehen, eine 75 km lange Wanderroute, die als eine der härtesten Routen Kanadas gilt. Seine Versuche, mich in Form zu bringen und zum Mitwandern zu überreden, waren kläglich gescheitert. Schon die erste gemeinsame Wanderung im Johnston Canyon hatte bei mir erhebliche Trainingsrückstände offenbart. Auf der zweiten Wanderung vom Lake Louise zum Lake Agnes hinauf hatte sich dann eine ausgesprochene Konditionsschwäche bemerkbar gemacht. Erst auf dem Rückweg, getrieben vom einsetzenden Schneetreiben, überwand ich sie und wir schafften den Weg hinunter in Rekordzeit. Den dritten Trainingsmarsch vom Icefields Parkway zum Wilcox Pass hinauf hatte Stephan dann bereits allein unternommen.

Ohne unsere abend- bis mitternächtlichen Schesch-Besch Runden (Backgammon), ohne die Kalauer und Wortneuschöpfungen von Stephan – „unrausbar“ war eine davon, wenn er nicht hinter dem Tisch im Wohnwagen hervorkam (kommen wollte), ohne die gemeinsame Routen- und Campingplatzwahl und nicht zuletzt ohne seine Kameradschaft beim Fahren sowie beim Auf- und Abbauen auf den Campingplätzen, war es langweilig geworden. Wie langweilig, merkte ich erst, als mich eine Reparatur am Camry drei Tage in Tofino aufhielt und ich wieder Zeit fand, den Reisebericht fortzusetzen.
Man konnte Stephan und mir viel nachsagen nur nicht, dass wir uns vornehm benommen hätten. Jetzt fehlten mir sogar seine lutherischen Lebensäußerungen nach dem Essen.
Nach fünf Tagen meldete sich Stephan über Handy. Er war mit stinkenden Socken, kaputten Schuhen und wundem Rücken aber sonst wohlbehalten in Victoria angekommen. Da ich inzwischen nur bis Campbell River am Ostufer gekommen und Victoria keine 300 km entfernt war, verabredeten wir und für den nächsten Tag in Victoria. Bei der Gelegenheit konnte ich ihm seine Sachen nachbringen, die er im Wohnwagen zurückgelassen hatte. Um schneller voranzukommen und um beweglicher zu sein, ließ ich den Wohnwagen in Campbell River zurück.
Victoria liegt an der Südspitze von Vancouver Island, ist die Hauptstadt von British Columbia und hat ein fast mediterranes Flair. Aber statt das Nachtleben der Stadt zu erkunden – den häufigen Polizeisirenen nach, die wir hörten, muss es recht intensiv gewesen sein – spielten wir im Motel Schesch-Besch um die Endentscheidung. Um Mitternacht schlenderten wir zur Meile 0, dem Beginn des Trans Canada Highways am Pazifik. Was die beiden Waschbären in den Büschen direkt am Motel bei unserem Anblick dachten, haben sie nicht verraten. Sie schauten uns nur mit großen Augen an.
Blick auf das Parlamentsgebäude, dem Wahrzeichen von Victoria.
Südwestküste bei Sooke.

Am nächsten Tag brachte ich Stephan nach Sidney zur Fähre nach Vancouver (genau genommen brachte er sich selbst dorthin, denn er fuhr den Wagen). In Vancouver wollte er einen Englischkurs belegen. Ich benutzte den Aufenthalt in Victoria, um einem Einstellplatz für das Wohnwagengespann ausfindig zu machen. Wieder zurück im nördlichen Teil der Insel, erwischte mich dann noch einmal Regen, ein anhaltender, zweitägiger Landregen – die Regenzeit an der Westküste hatte begonnen.

Es war Zeit geworden, für das nächste halbe Jahr Abschied vom Nomadenleben im Wohnwagen zu nehmen. Ich merkte es daran, dass sich das Öffnen der Suppendosen immer dramatischer gestaltete. Dabei hatte ich in Barrie einen neuen Dosenöffner gekauft, weil der alte Öffner über Winter Grünspan angesetzt hatte. Der neue Öffner hatte schöne weiße Kunststoffgriffe – und war mit jeder Dose stumpfer geworden. Zuletzt musste ich zusätzlich Taschenmesser, Schraubenzieher und Hammer zu Hilfe nehmen, um eine Dose zu öffnen.
Die Endreinigung, bevor ich Wagen und Trailerin den Winterschlaf schickte, war längst nicht mehr so arbeitsaufwendig wie im letzten Jahr. Ich benötigte keine zwei Tage mehr, um den Backofen zu reinigen, sondern nur noch zwei Stunden. Um den Reinigungsvorgang auf fünf Tage zu verteilen, war ich nach einer ausgeklügelten Arbeitseinteilung, vor allem aber nach einer intensiven Pausenplanung vorgegangen. Als Letztes hatte ich den Fußboden im Wohnwagen nicht nur gewienert sondern auch gebohnert. Beinahe hätte ich dann einem nachträglichen Putzunfall gehabt: Der Boden war so glatt geworden, dass ich in Söckchen Schlittschuh darauf laufen konnte.
Inzwischen hatte sich Stephan erneut bei mir angekündigt. Weil an der Universität in Vancouver keine Termine mehr frei gewesen waren, hatte er sich kurz entschlossen zur Prüfung an der Universität in Victoria gemeldet. Es war der Freitag vor dem langen Wochenende über Thankgiving und vor dem Victoria-Marathon.
Die Universität von Victoria könnte das Kaninchen als Wappentier wählen. Während ich gegenüber von der Busstation auf dem Campus auf Stephan wartete, konnte ich unzählige Kaninchen beobachten, die auf den Rasenflächen ästen und um parkende Autos hoppelten: dunkelgraue, weiße und in allen Variationen schwarzweiß Gescheckte. Manche waren so zutraulich, dass sie mich auf Armlänge herankommen ließen, nur, gestreichelt werden wollten sie dann doch nicht.
Mit der Verkehrsführung in Victoria hatten Stephan und ich so unsere Probleme. Egal, für welche Spur ich mich entschied, irgendwie landete ich immer auf einer Abbiegespur und musste in die ungewollte Richtung abbiegen oder mich wieder in die richtige Spur zurückdrängeln, zugegebenermaßen wenig vorschriftsmäßig und auch nicht immer rücksichtsvoll. Dabei setzte ich auf den Narrenfreiheitsbonus des Ortsunkundigen. Als ich Stephan von der Universität zum Motel brachte (den Wohnwagen hatte ich vor dem langen Wochenende winterfest machen lassen), raufte er sich als Beifahrer die Haare – soweit man bei seinem kanadischen Militärschnitt überhaupt noch von Kopfhaaren sprechen konnte. Am nächsten Tag fuhr er und revanchierte sich, indem er in falscher Richtung in eine Einbahnstraße einbog und später ein Hupkonzert hinter uns provozierte, weil er von der falschen Spur nach links abbiegen wollte und auf die entsprechende Ampelschaltung wartete.

Wir wollten uns nicht ohne eine Whal-Watching Tour von Vancouver Island verabschieden. Und wir hatten Glück: Obwohl die Saison schon ihrem Ende zuging, sichteten wir wenige hundert Meter vor der amerikanischen Küste einen ganzen Klan von Schwertwalen (Orcas) mit ihren schwarzen Rücken, weißen Bäuchen und gebogenen Rückenfinnen. Der Bootsführer kannte sie fast alle: das alte fünfzigjährige Männchen, den einsam aufgewachsenen Junggesellen, den man anfänglich für ein Weibchen gehalten und daher den Namen „Fea“ gegeben hatte und die Mütter mit ihren Kälbern. Ein Kalb war im Frühjahr geboren und schwamm noch dicht bei der Mutter. Auch die flache Schwanzflosse eines Buckelwals sahen wir kurz auf das Wasser klatschen, als er nach dem Luftholen wieder abtauchte. Die Orcas, meist als „Killerwale“ bezeichnet, leben vom Lachs- und Robbenreichtum in den Gewässern um Vancouver Island. In den letzten Jahren hat ihre Zahl zugenommen; die Bootführer der Touren von Victoria aus vermissten seit einigen Wochen lediglich ein Weibchen aus dem gesichteten Klan. 

 
  Schutzanzüge für Whale Watcher.
 
Tatsächlich, ein Orca!
Will der etwas von uns?
Ach so, er will sich nur vorstellen.
  
Nachbetrachtung
– warum ich nächstes Jahr wieder nach Kanada fahren muss

„Warum haben Sie sich das angetan?“ In der Frage meiner Nachbarin in Hamburg – die, welche meinen Briefkasten eingehütet hatte – schwang eine gehörige Portion Fassungslosigkeit mit. „Erholung war das doch nicht!“

Gute Frage. Erholung war es nicht gewesen – wovon hätte ich mich als Rentner auch erholen sollen? Eher war es eine Flucht gewesen – eine Flucht vor stundenlangem Sitzen am PC, zu viel Rauchen und zu wenig Bewegung. Das mit der Bewegung habe ich einigermaßen „auf die Reihe“ bekommen.
Wenn ich unterwegs auch manchmal gestöhnt und geflucht habe, so bin ich doch mit dem Gefühl zurückgekommen, es „geschafft“ zu haben, Herausforderungen gemeistert, viel „erlebt“ – und dabei „gelebt“ zu haben!
Wenn ich zu Hause geblieben wäre, hätte ich das Abendessen bei Hans und Martha in Barrie verpasst, und ich hätte auch nicht den Bodyliner Earl in Wawa kennen gelernt, der bei der Reparatur meines Trailers am Freitag Überstunden gemacht hatte, damit ich noch am Wochenende weiter fahren konnte. Ich hätte Bob nicht getroffen, der in Ignace gerade einen Campground eröffnete und sich dennoch einen Tag Zeit genommen hatte, um meinen Wohnwagen von innen wieder bewohnbar zu machen. Ich hätte auch nie in Fort Providence in den Northwest Territories mit einem alten Indianer Kaffee im Wohnwagen getrunken. Stephan und ich hätten nicht die Bekanntschaft von Rose-Marie gemacht. Sie hatte uns in einem Geschäft in Prince George die letzte preisgünstige Kaffeemaschine überlassen, die sie gerade gekauft hatte, weil wir Durchreisende waren und nicht auf eine Nachbestellung warten konnten.
Ich habe (fast) alle Jahreszeiten in Kanada erlebt: den Winter in Barrie, den Frühling in Wawa, den Sommer am Great Slave Lake und den Herbst in Victoria auf Vancouver Island, allerdings nicht den „American Native Summer“ (politisch korrekte Bezeichnung für „Indianersommer“), weil es auf der Insel keine heimischen Ahornbäume gibt. Ich bin bei Wind und Wetter unterwegs gewesen – bei Blitz und Donner, Regen und Nebel. Das Leben im Wohnwagen war etwas beengt gewesen. Besonders, wenn er wie ein Schiff auf hoher See schaukelte, stieß ich schon mal etwas um. Die rote Markierung auf meiner Straßenkarte von Alberta ist kein neues Indianerreservat sondern Himbeersaft.

Ich war in den „Woodlands“, den borealen Nadelwäldern, die stellenweise derart abgeholzt waren, dass nur noch Birkenarten und Espen nachgewachsen waren. Ich bin die endlosen geraden Highways durch die Prärie mit ihren Weizensilos und Erdölpumpen in den Feldern gefahren. Mit Stephan habe ich Eis, Schnee und Massentourismus in den Rockies erlebt und Orcas vor der amerikanischen Küste gesehen. 

Ich hätte nie die Enten im Frühling,
die American Robins beim Balzen
oder die Nebelinsel im Lake Superior gesehen.
In Hamburg hätte ich nie erfahren, woran und wobei man sich die Finger überall stoßen, klemmen, verbrühen, verbrennen oder ratschen kann. Bei den vielfältigen Möglichkeiten hatte ich unterwegs ständig mindestens eine Stelle gehabt, die den vollen Einsatz einer Hand eingeschränkt hatte.

Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, einmal länger Zeit auf einem schönen Campingplatz mit vielen Wanderwegen in der Nähe zu bleiben. Aber bei jedem Campingplatz fand ich ein Haar in der Suppe – einen Vorwand, weiter zu fahren und nachzuschauen, ob der nächste Campground nicht doch noch makelloser sei. Das Weiterfahren war wie eine Droge gewesen.

Auch solche Abende auf einem Campingplatz hatten mich nicht davon abhalten können, zum nächsten weiterzufahren.
Die Warnschilder vor Wildwechsel hatten von Highway zu Highway gewechselt. Mal war es ein elegant wie eine Gazelle springender Hirsch gewesen, dann wieder ein hüpfender Ziegenbock mit Maikäferfühlern als Geweih und ein drittes Mal ein majestätisch schreitender Hirsch. Es gibt zwar verschiedene Hirscharten in Kanada – Mule Deer, White-tailed Deer und Elk (Wapiti)– welche Art jedoch wie hüpft, habe ich nicht herausgefunden. Um es herauszufinden, muss ich nächstes Jahr unbedingt noch einmal nach Kanada.
 

 

 Alle Teile in einer pdf-Datei herunterladbar unter Downloads.

Nach oben