Kanada 2005 Teil 3

Inhalt Teil 3

Wenn´s dem Esel zu heiß wird
– fährt er in die Northwest Territories
Meile 0 des Alaska Highways
– im Vorland der Rocky Mountains
Von den Waldhügeln
– zu den Dinosauriern

 

Wenn´s dem Esel zu heiß wird
– fährt er in die Northwest Territories
Die Nummernschilder in den Territories haben die Form eines Eisbären. Aus gutem Grund. Wenn ich morgens aus dem Wohnwagen trat und die Sonne schien, hatte ich bereits Ende Juli, wo die Blätter der Birken und Espen noch grün und saftig und die Moskitos aktiv wie im Frühjahr waren, den Eindruck, in einen strahlenden, frischen Herbstmorgen zu kommen. Aber die Sonne schien nur selten für wenige Augenblicke. Unter der Wolkendecke und bei den häufigen Regenschauern stiegen die Temperaturen nicht über 13 Grad an und die Nachttemperaturen lagen bei fünf Grad.
Im Informationsbüro am 60. Breitengrad erhält man auf Nachfrage eine Urkunde. Sie bescheinigt, dass man ein ehrenwertes Mitglied der arktischen Abenteurer nördlich des 60. Breitengrades sei. 

Obwohl ich nun Mitglied der nördlichen Abenteurer war, wählte ich meine Route durch die Territories doch so aus, dass ich meine „Wildnis mit Komfort“ hatte – asphaltierte Straßen, Campingplätze mit Stromanschlüssen und eine öffentliche Bibliothek mit Internetzugang in der nächsten Stadt.

Gleich der erste Campground hinter dem 60. Breitengrad in einem Territorial Park hatte Stellplätze mit Stromanschlüssen. Im Waschraum für Männer befand sich ein ausklappbarer Wickeltisch. Ausdruck völliger Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern (Männer sind auch Mütter) – oder Ausdruck absoluter Prüderie (Geschlechtertrennung schon auf dem Wickeltisch)?

    Gleichberechtigung oder Prüderie?

Nachts hörte ich das Rauschen der Wasserfälle des Hay River. Die Louise Falls lagen hinter den Stellplätzen und die Alexandra Falls nur 1500 m weiter stromauf.

 
Louise Falls und Alexandra Falls am unteren Hay River.
 
 
Spricht er mit mir oder singt er mir etwas vor?
 
   
 Neugierig wie ein Rabe. Ornithologisch korrekt! In einem Museum fand ich die Bestätigung, dass es tatsächlich „Raben“ (Corvus corax) waren. 
 
 
Blick auf den Great Slave Lake bei Hay River.
Der Great Slave Lake ist mit 28.438 Quadratkilometern Fläche immerhin der zweitgrößte See Kanadas (die großen Seen im Osten zählen nicht, da sie sich Kanada mit den USA teilt). Und der Great Slave Lake ist der tiefste See in ganz Nordamerika – er erreicht eine Tiefe von 616 m!
Da ich nun schon am Südufer der Great Slave Lake war, wollte ich auch das Nordufer kennen lernen und nach Yellowknife fahren. Also fragte ich an einer Tankstelle in Hay River einen freundlichen „Territorianer“ (einen Einheimischen), ob ich auch mit meinem Wohnwagengespann nach Yellowknife durchkäme. Mit einem Blick auf den Bärle-Express versicherte er mir, das sei kein Problem. Nur die letzte Stunde müsse ich vorsichtiger fahren, da sei zum Teil Schotterstraße, aber gut befahrbar. Ich vertraute seiner Auskunft, denn er hatte mehrere Jahre in Düsseldorf gelebt und mir zum Abschied die Hand gegeben!
1898 waren die Wasserwege in den North West Territories eine wichtige Nachschublinie für die Goldgräber im Yukon-Gebiet und in Klondike gewesen. Gut dreißig Jahre später entdeckte man Gold- und Uranvorkommen am Great Slave- und am Great Bear Lake; Minenstädte schossen aus dem Boden und die ersten Straßen zu ihnen wurden gebaut, häufig nur als Winterwege, wenn durch zugefrorene Seen und Flüsse keine Transporte auf dem Wasserweg möglich waren. Auch der Highway 3 nach Yellowknife war ursprünglich nur ein Winterweg gewesen. Von Mitte Mai an bis in den Oktober hinein befördert eine Fähre die Fahrzeuge über den Mackenzie River; im Winter verläuft die Straße direkt über den zugefrorenen Fluss.
 
Fähre über den Mackenzie River am Highway 3.

Im Herbst, bevor der Fluss zugefroren ist, und im Frühjahr, wenn das Eis brüchig wird, ist die Straßenverbindung nach Norden oft wochenlang unterbrochen. Aber jetzt soll eine Brücke über den Mackenzie gebaut werden.

Nördlich von Fort Providence gibt es die nächsten 224 Kilometern keine Tankstelle und den nächsten Campinglatz erst nach 310 Kilometern in Yellowknife. Ich füllte meinen Tank auf und übernachtete im Fort Providence Territorial Park. Fort Providence ist eine kleine Siedlung von Dene-Indianern um eine ehemalige Missionskirche. Ein alter Indianer (71 Jahre alt) aus dem Ort kam abends mit seinem Pick-up am Campground (ohne Komfort!) vorbei und kassierte die Gebühren. Er hatte es nicht eilig und trank eine Tasse Kaffee bei mir im Wohnwagen. Wir unterhielten uns über Frauen.
Um Bisons auf freier Wildbahn zu sehen, muss man nicht unbedingt in den Yellowstone Nationalpark nach Wyoming in den USA fahren. Hinter der Fähre über den Mackenzie warnt ein Schild vor ihnen.
Das Schild war keine leere Versprechung. Zehn Minuten später sah ich den ersten Bison, der sich im Gebüsch am Straßenrand ausruhte. Anfangs hielt ich an, wenn ich einen Büffel sah und fotografierte – aus gebührender Entfernung, da sie ebenso unberechenbar sind wie Bären. Später hielt ich nur noch an, um Bullen vorbei zu lassen. Mein Wohnwagen war größer als sie – offenbar ein Grund, mir den Weg freizugeben. Es waren Waldbüffel. Das Mackenzie-Büffelschutzgebiet ist das letzte Gebiet, in welchem noch „echte“ Waldbisons (Bison bison athabascae) herum streifen.
 
Für die dreißig Kilometer Schotterstraße kurz vor Yellowknife brauchte ich eine Stunde. Die „gut befahrbare“ Schotterstraße war so schlecht, dass es im Wohnwagen Schuhe, Kaffeekanne und Becher aus dem Schränkchen unter der Spüle geschleudert und den Schmutz aus allen Ecken hervor gerüttelt hatte. Sicherheitshalber brachte ich hinterher den Camry zur Inspektion.
Der Ort Yellowknife am Nordufer des Great Slave Lake ist so alt wie ich. 1935 hatte ein Ingenieur die Goldvorkommen in Yellowknife aufgenommen und 1938 war eine Zelt- und Hüttenstadt von Prospektoren und Minenarbeitern entstanden. Zwei Minen – eine von Osten und eine von Westen – begannen mit dem Goldabbau. Die Schächte der inzwischen stillgelegten Minen befinden sich unter der heutigen Stadt. 1967 wählte die Zentralregierung Yellowknife zur Hauptstadt der Territories. 1991 fand man im Ödland 300 km nordöstlich der Stadt Diamanten. Seither rühmt sich Yellowknife, die „Diamantenhauptstadt Nordamerikas“ zu sein. Viel diamantenes konnte ich der Stadt nicht abgewinnen. Vielleicht lag das aber auch am Regen und an den Moskitos.
In den Territories stellen Indianer der Dene-Stämme einen Großteil der Bevölkerung. Schon im Informationsbüro am 60. Breitengrad hatte mich eine Indianerin empfangen. Eigentlich hatte sie mich nicht „empfangen“, sondern nur abwartend hinter ihrem Pult gesessen. Als ich kurz darauf noch einmal ins Büro zurückging, machte sie im Nebenraum mit einer Freundin Kaffeepause.
In Yellowknife betreiben die Indianer einen eigenen Rundfunksender. Hier berichten und kommentieren sie ausführlich, was in Nordamerika irgendwie mit Indianern zu tun hat. So erfuhr ich unter anderem von dem „bahnbrechenden“ Urteil eines Richters in Kanada. Der Richter hatte einen Métis freigesprochen (die Métis sind Nachfahren von Verbindungen zwischen Franzosen und Indianerinnen), der außerhalb der Saison und ohne Angelschein in einer Provinz gefischt hatte, in welcher er nicht geboren worden war. Wie die Indianer haben auch die Métis ein Recht auf freie Jagd und freien Fischfang, nach Auffassung der Staatsanwaltschaft jedoch nur in ihrer jeweiligen Heimatprovinz. Der Richter begründete sein Urteil damit, dass die Métis bei der Erschließung Kanadas weit von ihren Geburtsorten entfernt wertvolle Dienste geleistet hätten, Arbeitsmobilität also Bestandteil ihrer Kultur sei und sich ihre Rechte daher auf das gesamte Land bezögen.
 
Der Hafen von Yellowknife am Great Slave Lake.

Als das Wetter besser wurde, war ich bereits auf dem Weg zurück nach Süden. Südlich des Great Slave Lake war es wieder wärmer, Sonnenschein und kurze Gewitter wechselten einander ab. Irgendwie fand ich es ja fair von den Territories, dass sie mir mit den Gewitterschauern halfen, den Staub der Schotterstraße auf Wagen und Wohnwagen wieder abzuspülen.

     
Meile 0 des Alaska Highways
– im Vorland der Rocky Mountains
Der Peace River beherrscht das nördliche Alberta und den angrenzenden Teil von British Columbia. Er entspringt in den Rocky Mountains, fließt nach Osten, beschreibt einen weiten Bogen nach Nordosten und endet im Mackenzie-Wasser-system. Ich habe den Fluss mehrmals überquerte – auf Brücken und mit einer Fähre – und war jedesmal beeindruckt von dem tiefen Canyon, den er sich gegraben hat. Bei zehn Prozent Gefälle auf kurvenreichen Straßen die eine Seite hinunter und die anderen wieder hinauf, hatten Bremsen und Motor des Camrys Härtetests bestehen müssen.
1793 war der Entdecker und Fellhändler Alexander Mackenzie mit einigen Begleitern und einem Birkenrindenkanu den Fluss aufwärts gezogen, hatte einen Weg über die Rockies gefunden und schließlich den Pazifik erreicht. Mein Weg flussaufwärts auf der Asphaltstraße war etwas einfacher und schneller (die Betonung lag auf „Asphalt“; es gab auch einen direkteren Weg flussaufwärts, aber der war noch nicht durchgehend asphaltiert).
In Dawson Creek, der nordöstlichsten größeren Stadt von British Columbia, liegt der Kilometer Null des Alaska Highways. Hier, im Farmland, hat der Alaska Highway ebenso wenig etwas mit Alaska zu tun wie das Berliner Tor in Hamburg mit Berlin. In beiden Fällen ist das Endziel gemeint – Berlin, etwa 300 km entfernt bzw. Alaska, rund 2000 km entfernt. Den Highway haben die Vereinigten Staaten und Kanada gemeinsam gebaut. Ich wollte nicht noch mal nach Norden fahren – mir genügte der Abstecher in die Territories. Also blieb ich auf den ersten 100 Kilometern des Alaska Highways in der Peace Region.
Die Peace Region am oberen Peace River war bis 1860 ein Gebiet der Fallensteller, Fellhändler und Indianer geblieben. Nach Goldfunde am Peace River hatten die Kolonie British Columbia ihre Grenze von den Rockies nach Osten bis an den 12. Längengrad verlegt. Damit sicherte sie sich die Kontrolle über die Goldfunde und, was sie damals noch nicht wissen konnte, auch einen Anteil an den Erdöl- und Erdgasvorkommen im Nordwesten von Kanada. Weitere Goldfunde und der Durchgangsverkehr zu den Goldfeldern in Klondike 1898/1899 brachten Glückritter aus aller Welt in die Peace Region. Einige blieben. Aber erst 1912 gab die Regierung die Region zur Besiedlung im größeren Umfang frei.
In den Waldbergen vor den Rocky Mountains hat man den Canyon des Peace River für den Bau von Staudämmen ausgenutzt. 1962-1967 entstand hier der W.A.C. Bennett Staudamm. Er gehört zu den „größten existierenden Bauprojekten auf der Erdoberfläche“ und ist einer der größeren erdgefüllten Staudämme der Welt. Das Wichtigste am Staudamm ist ein unterhalb des Dammes in den Fels gehauenes Kraftwerk – eines der „größten unterirdischen Kraftwerke der Welt“ (die Kanadier schwärmen gerne in Superlativen). Der Williston Stausee hinter dem Damm hat eine Fläche von 177.300 ha. Er ist das größte Frischwasserreservoir von British Columbia.
Obwohl im Besucherzentrum unzählige Details über die Entstehung des Dammes und des Kraftwerks zu erfahren sind (in einer dicken Liste konnte ich den Damm u.a. mit dem Keban- und dem Atatürkdamm in der Türkei und dem Assuandamm in Ägypten vergleichen), Informationsbroschüren auf Deutsch ausliegen und sämtliche Maßangaben auch ins amerikanische Maßsystem umgerechnet sind, parkten nur vier Autos davor. Für die Wohnwagentouristen in das Yukon Territory und nach Alaska lag der Damm zu abseits vom Alaska Highway – ganze 100 km westlich ihrer Route. Die Strecken, die sie zurücklegen mussten, waren zu groß, um einen halben Tag für die Besichtigung eines Staudamms zu opfern.
 
Der W.A.C. Bennett Staudamm und der Williston See in der Peace Region.

Zwischen dem Damm und Chetwynd im Süden liegen zwei kleinere Indianerreservate, davon eines für Cree und Objibwa, deren Vorfahren es als Pelzjäger aus den Wäldern Ontarios hierher verschlagen hatte. An der Durchgangsstraße hat eine Objibwa mit ihren Schwestern einen Laden für indianisches Kunsthandwerk eröffnet, in welchem sie vorwiegend von ihrer Mutter gefertigte Mokassins und Birkenrindenkörbe verkaufen. Ich habe nichts gekauft – die Sachen, zwar schön, kunstvoll und arbeitsaufwendig hergestellt. –mir aber zu teuer.

Auf den 70 Kilometern zwischen Dawson Creek und Fort St. John hatten mich mehr Trailers (Wohnwagen), Motorhomes (Wohnmobile), Mobile Homes (Wohnkabinen im Huckepack-System), 5th Wheels (Pick-ups mit Auflagekupplung für große Wohnwagen) und Truck Campers überholt, als auf dem ganzen Weg in die North West Territories und zurück. Entsprechend groß und dennoch überfüllt waren dann auch die Campingplätze um Fort St. John, der letzten größeren Stadt am Alaska Highway vor dem Yukon Territory.
Auf dem Campingplatz in Fort St. John überraschte mich ein kräftiges Sommergewitter. Schutzlos aufgereiht zwischen den übrigen Campingfahrzeugen, bot der Wohnwagen den wütenden Gewitterböen so viel Angriffsfläche, dass ich im Wagen nicht nur wie ein Seemann breitbeinig laufen sondern auch breitbeinig sitzen musste, um das Schaukeln auszugleichen und ich befürchtete, der Wind könnte den Trailer von seinen Auflagen drücken. Dann kam der Hagel. Kieselsteingroße Hagelkörner peitschten gegen den Trailer. Wenn Regen auf das Kunststoffdach des Wohnwagens prasselt, ist es an sich schon laut. Als die Hagelkörner fielen, steigerte sich der Lärm ins Unerträgliche. Nach wenigen Minuten war ich bereit, Gummistiefel und Regenumhang zu ergreifen und den Wohnwagen zu verlassen. Der Hagel ging jedoch in „sanfteren“ Regen über und ich blieb im Bärle-Express.
Fort St. John ist, wie viele Städte in Kanada, eine Stadt vom Reißbrett. Die Orientierung fällt leicht, denn bis auf den Alaska Highway, der die Stadt diagonal von Südost nach Nordwest durchschneidet, verlaufen alle Straßen entweder von Norden nach Süden oder von Osten nach Westen. Sie sind durchnummeriert, wobei die Nordsüdstraßen „Road“ und die Ostweststraßen „Avenue“ heißen. Die Bibliothek lag an der Ecke 100 Ave. und 100 Road. Nach dem Besuch mehrerer ähnlich konzipierter Städte hatte ich mein „Aha“-Erlebnis gehabt und gemeint, das System erkannt zu haben: Ostwest=Avenue, Nordsüd=Road oder Street. Ich hatte mich geirrt – in der nächsten Stadt war es genau umgekehrt gewesen.  
Die Hirschkuh (Mule Deer) war so intensiv mit dem Abschlecken von Salzresten auf dem Asphalt beschäftigt, dass es sie nicht störte, als ich anhielt, ausstieg und sie aus wenigen Metern Entfernung fotografierte.
 
Ist das noch Wildlife?
 
 Von den Waldhügeln
– zu den Dinosauriern

Auf dem Weg von der Peace Region zurück nach Süden fuhr ich in den Waldhügeln einen weiten Bogen ostwärts. 

Wo der McLeod River in den Athabasca River mündet, liegt das Städtchen Whitecourt. Die Cree-Indiander hatten diesen Ort Sagitawah – „wo die Flüsse sich treffen“ genannt. 1897 befand sich hier ein Außenposten der Hudson´s Bay Company, 1904/1905 kamen die ersten Siedler und 1910 tauften sie den Ort in Whitecourt um. Mit dem Bau einer Eisenbahnlinie 1921 boomte das Holzgeschäft, 1952 entdeckte man in der Nähe Erdgasvorkommen. Heute lebt die Stadt vom Durchgangstourismus – es gibt gleich drei Campingplätze in ihr – und von der Holzindustrie. Schon von weiten sah ich über den Baumwipfeln im Tal den großen weißen Rauchpilz der Papiermühle und einen kleineren des Sägewerks. Im Gegensatz zu Dryden in Ontario war die Luft nicht schon meilenweit gegen den Wind vom Gestank der Papiermühle verpestet.
Whitecourt liegt ca. 740 m über dem Meeresspiegel, mitten in den Waldbergen und hat durchschnittlich 69 frostfreie Tage im Jahr. Noch gibt es in der näheren Umgebung des Ortes Farmen. Noch – denn bei einem Ausflug in die Umgebung wunderte ich mich über die vielen „Exit“-Schilder an den Zufahrten zu Gehöften, bis ich dahinter kam, dass es das Logo einer Maklerfirma war.
Unter den Dingen, die man im Gebiet von Whitecourt sehen und tun sollte, empfahl das Informationsblatt der Stadt auch das „Wildniserlebnis am Adlerfluss“, das für Fotoenthusiasten besonders geeignet sei. Im Informationsbüro erfuhr ich, dass ein kleiner Provinzpark gemeint war. Der einzige Wanderweg darin führte am ausgedehnten Campingplatz an einem See vorbei in den Wald und im Bogen zurück zum Campground. Wie üblich warnten Schilder vor Bären und ein neueres Schild vor einem Cougar, einem Puma, der in letzter Zeit hier gesichtet worden war.
Meine Fotoausbeute war mager. Außer zwei Eichhörnchen, die sich so intensiv stritten, dass sie meine Anwesenheit nicht wahrnahmen und einem Loon Pärchen bekam ich keine Tiere zu Gesicht. Die beiden Loons schwammen nahe am belebten Uferweg und ließen sich auch von den Tret- und Elektrobooten auf dem See nicht stören. Sie waren ganz offenbar an Menschen gewöhnt, systematisch angefüttert. Nachdem die Sportfischer den natürlichen Fischbestand des Sees schon vor Jahrzehnten abgefischt hatten, versucht man, dort Forellen zur Anzucht auszusetzen. Der erste Versuch schlug fehl, weil Hechte aus den Bächen zuwanderten und die kleinen Forellen auffraßen. Als Nächstes sperrte man die Bäche mit Fischgittern ab, vergiftete alle Fische, die sich noch im See befanden, und setzte neue Forellen aus. Logisch, dass bei dieser Methode, den See für Angler wieder interessant zu machen, auch die Loons, die von Fischen leben, eine Gefahr darstellten und man sie daher fütterte.
„Grauhörnchen“ versucht ein kleineres „Rothörnchen“ zu vertreiben.
 
  
Zwei Loonies = ein Toonie (kanadische Dollarmünzen).
Die Stadt Rocky Mountain House am North Saskatchewan River hat ihren Namen von einem alten Pelzhandelsposten. Von erhöhten Standorten aus kann man die Berge im Westen sehen. Der Handelsposten befand sich sechs Kilometer stromaufwärts der heutigen Stadt. Das, was von ihm übrig geblieben ist bzw. ausgegraben wurde, ist heute eine „National Historic Site of Canada“. Der Eintritt beträgt zwei Dollar (für Senioren) und ist für die beiden noch sichtbaren Kamine gerade angemessen.
In den Schauräumen ausgestellte Felle, die Handelsware des Postens. Um sie besser transportieren zu können, presste man die Felle mit „Fellpressen“ zusammen.
1799 hatten Männer der Northwest Company aus Montreal mit dem Bau einer befestigten Niederlassung am Fluss begonnen; wenige Tage später begannen Männer der Hudson´s Bay Company einen Steinwurf entfernt ihren Posten zu errichten. Bis zur Fusion der beiden Gesellschaften 1821 profitierten die Indianer von der Konkurrenz. In seiner Blütezeit trieb der Posten Handel mit neun Indianerstämmen, vorwiegend mit den Blackfoot der Umgebung. 1835 bauten die Männer der Company ein neues Fort weiter unterhalb am Fluss. Sie gaben es 1861 auf, weil der Pelzhandel nicht mehr einträglich genug war. Aus Enttäuschung darüber setzten die Blackfoot das verlassene Fort in Brand. 1868 entstand ein weiteres neues Fort, das jedoch nur bis 1875 besetzt war. Die beiden Kamine stammen aus diesem Komplex; ein Teil des Areals, welches das Fort eingenommen hatte, ist inzwischen in den Fluss gerutscht.
Fort und Handelsposten Rocky Mountain House waren unbedeutende Außenposten der Hudson´s Bay Company. Die ursprüngliche Idee, mit den Indianerstämmen jenseits der Rockies ins Geschäft zu kommen, war am Widerstand der Blackfoot gescheitert, die ihren Feinden, den Kootenay, keine Feuerwaffen gegönnt hatten. Nachdem der Métis-Trapper Yellow Haed (Tête Jaune) weiter nördlich den später nach ihm benannten Pass über die Berge gefunden hatte, lag das Fort am North Saskatchewan River abseits der neuen Handelsroute. Zunehmende Feindseligkeiten der Blackfoot führten schließlich zur Aufgabe des Postens. Alles in allem ein an sich unbedeutender befestigter Handelsposten, den man zu einem Ort der nationalen Geschichte Kanadas erklärt hat!

Alberta gilt als die Provinz Kanadas mit den meisten Sonnenscheinstunden im Jahr (2000 Stunden). Regnen soll es vorwiegend zwischen Juni und August und im Jahr sollen nicht mehr als 450 Millimeter Niederschlag fallen. Im Reiseführer stand nicht, dass diese 450 Millimeter an zwei Tagen Ende August fallen können! Schon als ich morgens aufbrach, hatte es in Strömen geregnet. In Drumheller, am Red Deer River, konnte ich dann am nächsten Tag nur noch in Gummistiefeln zur Toilette gehen.  

 
 Trotz ihrer knalligen Farben wirkten selbst die überall in der Stadt aufgestellten Dinosaurier trübsinnig.
In den Badlands am Red Deer River bei Drumheller hatte 1884 der junge Geologe Joseph Tyrrell nach Kohlevorkommen gesucht – und ein Dinosaurierskelett gefunden. In der Nähe der Fundstelle steht heute das Royal Tyrrell Museum. Als ich es an einem Wochentag Ende August – dem ersten schönen Tag nach dem Regen – besuchte, waren die Parkplätze voll belegt. Besucher aus aller Welt trafen sich hier, nicht nur Japaner mit ihren obligatorischen Kameras.
 
Dinosaurier Nachbildung vor dem Royal Tyrrell Museum.

Wer unter Claustrophobie leidet, sollte von einem Besuch des Museums Abstand nehmen. Wie die Paläontologen, die durch einzelne Funde nur schlaglichtartige Erkenntnisse über die frühe Geschichte unseres Planeten gewonnen haben und für die vieles noch im Dunkeln der Erde verborgen ist, tappt auch der Besucher über weite Strecken im Dunkeln durch die Räume. Bei meinem Rundgang verlor ich zweimal die Orientierung, und ich brachte es fertig, in eines der Exponate zu stolpern. Die schwarz angestrichene Barriere davor, die sich nicht vom dunklen Fußboden abhob, hatte ich erst bemerkt, als ich mir das Knie daran gestoßen hatte. Zum Glück waren bis auf wenige Ausnahmen alle Ausstellungsstücke Attrappen. Das ausgereifte Demonstrations- und Informationsprogramm, das mich auf Schritt und Tritt begleitete, brachte wenig Licht in die Finsternis des Museums.

Nachgebildetes Skelett eines Albertosaurus (kleiner und wendiger als der Tyrannosaurus rex).

Viel erhellender fand ich den Lehrpfad durch einen Abschnitt der Badlands beim Museum. Hier fand man die meisten Dinosaurier Knochen in Alberta, begraben unter einer Schicht festgepressten weißen Tons. Bei Regen verwandelt sich dieser Tonstein in einen schmierigen Brei; ganze Hänge rutschen ab und geben ab und an neue Knochenfunde frei. Die Indianer mieden die Badlands am Red Deer River, die auch sie als „schlechtes Land“ bezeichneten, Pferdediebe bevorzugten sie als Versteck. Anfang des 20. Jahrhunderts begannen Unternehmer mit dem Abbau von Mineralien. Der amerikanische Unternehmer Sam Drumheller war 1911 der Erste, der eine Kohlenmine in der Region betrieb. Heute sind einige der damals entstandenen Orte nur noch Geisterstädte.

  
Von Indianern gemieden, von Pferdedieben bevorzugt, von Minengesellschaften ausgebeutet: die Badlands am Red Deer River.
 
Auf kleinen Plateaus wächst Sage (Salbei), den die Indianer für Heilzwecke verwendeten. In den Canyons staut sich die Hitze; auch weiter südlich beheimatete Kakteen gedeihen hier.
Eine Fahrt mit der Bleriot-Fähre über den Red Deer River ist ein Muss im Besucherprogramm von Drumheller. Sie hängt mit Führungsseilen auf Rollen an einem Drahtseil, das über den Fluss gespannt ist und die Strömung drückt sie zum anderen Ufer. 1913 in Betrieb genommen, ist sie die Letzte von 13 Fähren dieser Art über den Fluss. Aber auch an ihr ging der Fortschritt nicht spurlos vorüber – ein Dieselmotor an Bord erleichtert heute dem Fährmann das Umstellen der Führungsseile.

 

 ⇒ Teil 4

 

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