Kanada 2005 – Teil 2

Inhalt Teil 2

Der Bärle-Express rollt wieder
– und ich mit ihm
Die Prärie
– und ihre Tierchen
Saskatchewan
– die Provinz der Offenbarungen
Alberta
– das Land der wilden Rose
Der Bärle-Express rollt wieder
– und ich mit ihm
Drei Wochen war s´Expressle krank, jetzt rollt es wieder – Gott sei Dank!
Nach fast drei Wochen (genau 20 Tagen) konnte ich meinen Weg nach Westen fortsetzen. Das Auto war repariert und der Wohnwagen äußerlich geflickt und mit neuen, höher angebrachten und stärker leuchtenden Rück- und Bremslichtern versehen. Auf den ersten Kilometern orientierte ich mich mehr durch den einen noch verbliebenen Zusatzrückspiegel nach hinten als durch die Scheibe nach vorne.
Als ich in Wawa aufbrach, war es zwar bewölkt und ab und zu fiel leichter Regen, aber es war mit 20o angenehm warm. „Bestes Reisewetter“, dachte ich. Dann wurde es plötzlich kühl. Nebelschwaden, die aus den Waldschluchten heraufzogen, vermischten sich mit dem Dampf von der Straße. Ich wollte Scheinwerfer und Rücklichter anschalten – keine Reaktion, weder am Camry noch am Wohnwagen. Die nächste „Stadt“ (4000 Einwohner), in der ich eine Werkstatt aufsuchen konnte, war noch 60 2929km entfernt. Aber hier im Wald am Straßenrand stehen zu bleiben, schien mir fast noch gefährlicher, als weiter zu fahren. Also fuhr ich weiter, wobei ich jeden Moment erneut einen Stoß von hinten erwartete.
„Warum hat mir Earl vom Crack´s Body Line in Wawa eigentlich zwei Sicherungen für das Auto in die Hand gedrückt, als er mir Camry und Trailer übergab?“ überlegte ich. „Sollte es sich mit der Beleuchtung genau so verhalten wie mit der Heizung im Wohnwagen, die wieder lief, nachdem ich reihum alle Sicherungen gegeneinander ausgetauscht hatte?“
Es verhielt sich so! Dennoch steuerte ich den nächsten Campingplatz an. Fürs Erste war mein Bedarf an Stress gedeckt.
Der Bärle-Express rollte zwar wieder, aber noch konnte ich den hinteren Bett-alkoven nicht benutzen und die Duschkabine sah immer noch wie nach einem Tornado aus. Deshalb fuhr ich in Thunder Bay bei einem Fachgeschäft für Campingwagen vorbei. Die Auskunft war deprimierend: Eine Reparatur würde die üblichen „einige Tage“ dauern (hatte ich das nicht schon in Wawa!) und einen vierstelligen Betrag ausmachen. Billiger ginge es nicht – schließlich stände der Ruf der Werkstatt auf dem Spiel. In der Zwischenzeit müsste ich in einem Motel übernachten. Hatte nicht ein Tischler in Wawa, den ich wegen der Innenreparaturen angesprochen hatte, gemeint, dass er die Schäden in „ein paar Stunden“ beheben könne – wenn er Zeit hätte. Er hatte nur keine gehabt. Aber in irgendeiner Kleinstadt würde ich schon noch einen Tischler finden, der Zeit hat, hoffte ich und fuhr weiter.
Beim nächsten Stopp in Ignace – bereits jenseits der Zeitgrenze, der arktischen Wasserscheide und der Schönwetterzone (hier blühte gerade der Flieder) – fragte ich Bob, den Betreiber des Campingplatzes, nach einem Tischler. Er hörte sich meine Geschichte an, begutachtete die Schäden und erbot sich, sie zu reparieren. Obwohl sich die Arbeit in die Länge zog und er einen ganzen Tag brauchte, lohnte es sich. Für „eine Hand voll Dollar“, einschließlich Materialkosten, war der Wohnwagen wieder wie vorher bewohnbar und nachdem ich noch ein paar kleine Schönheitspflästerchen angebracht hatte, sah er auch wieder recht manierlich aus.
Auf der Fahrt von Thunder Bay nach Ignace hatte ich übrigens endlich einen Moose gesehen, einen Bullen mit prächtigen Schaufeln – er lag tot am Straßenrand.

Bob hatte 10 Acres (4 ha) Land erworben und die offizielle Lizenz, darauf einen Campingplatz zu betreiben, am Tag meiner Ankunft erhalten. Hinter dem Platz erstreckte sich „sein“ Wald, in dem es Moose, Biber und auch einen Bären gäbe, wie er mir versicherte. Ich entdeckte keines dieser Tiere, dafür aber drei junge Adler, die zuerst abstrichen, dann aber, als ich stehen blieb, neugierig immer nähere Kreise um mich herum segelten.

  
Neugierige Adler (Ospreys – Fischadler).
 
 Ladyslipper – ähem, „Frauenschuh“.
  
 Die Prärie
– und ihre Tierchen

Nachdem ich in Manitoba kurz hinter der Grenze zu Ontario die Taiga – den nördlichen Wald – verlassen hatte, wartete ich darauf, endlich die Prärie zu sehen. Ich fuhr durch eine Parklandschaft. Immer wieder unterbrachen bewaldete Hügel und kleine Wäldchen die offenen Fl33ächen. Nach und nach wurde die Landschaft zwar offener und der Baumbestand kümmerlicher, aber die „endlose Weite“, nur mit Gras bewachsene sanft rollende Hügel, blieb aus. Entlang der häufigen Creeks – moskitogebärende morastige Pfuhle – wuchsen Büsche und vom Überlebenskampf gekennzeichnete Bäume.

 
Landschaft im Tal des Qu´Appelle.

Karl May war bestimmt kein Naturbursche gewesen. Wahrscheinlich hat er nie eine Nacht im Freien, ohne Zelt, nur in eine Decke gehüllt, verbracht – schon gar nicht in Nordamerika. Wenn seine Helden am Lagerfeuer sitzen – der Romantik wegen am Ufer eines Baches, wo es besonders viele Moskitos gibt – oder wenn sie im unbekannten Gelände auf Finger- und Zehenspitzen durch Büsche und Gras schleichen, verschweigt er, wie oft sie sich an Brennnesseln verbrannt, an Disteln zerstochen oder an Giftsumach (poison ivy) verätzt hatten. Er erwähnt auch nicht, wie übersät von Zecken anschließend ihre Kleidung war. Bei meiner „Erkundung“ des Campingplatzes bei Portage la Prairie in Manitoba geriet ich auf einen schlammigen Pfad und wich in das ungemähte Gras neben dem Pfad aus. Zurück im Wohnwagen entdeckte ich unzählige Zecken an meinen Hosenbeinen. Sie ließen sich nicht einfach abschütteln; ich musste Zecke für Zecke abklauben. Jedesmal, wenn ich die Türklappe öffnete, um eine weitere entdeckte Zecke ans Freie zu setzen, strömten Scharen von Moskitos herein. Mit Zeckensuche – eine fand ich sogar noch, als ich meine Unterhose auszog – und Moskitojagd hatte ich dann ein abendfüllendes Programm.

 

Am nächsten Tag geriet meine zoologische Artenbestimmung ins Wanken. Ein weiteres kleines braunes Tierchen mit unproportioniertem Hinterleib krabbelte aus meiner Wäsche, ohne sich festgesaugt zu haben. Waren es also doch keine Zecken oder war ich nicht der richtige Wirt für diese Unterart? Die komischen Tierchen krabbelten auch an mir hoch, wenn ich nachts in die Büsche ging, um „mein Wasser abzuschlagen“, wie es Hauptmann in einer Novelle vornehm ausdrückte. Ihre bevorzugte Wanderroute waren die Innenseiten meiner Hosenbeine. Ich musste hinterher sofort alles ausziehen und gründlich absuchen, sonst hätte ich sie im Bett gehabt.Sie schienen wirklich nicht zu beißen oder zu stechen, aber ihr Krabbeln war gewöhnungsbedürftig.
Auskünfte über diese Tierchen blieben unbefriedigend:
„Wenn sie nicht beißen, dann sind es diese Käfer, die es seit zwei Jahren hier überall in der Prärie gibt. Ich habe sie vorher nie gesehen.“
In der Prärie turnten Streifenhörnchen im Kühler meines Autos herum –
 
– und auf dem South Saskatchewan River sah ich Pelikane (einen Pelikan).
 
  Saskatchewan
– die Provinz der Offenbarungen
Saskatchewan stammt aus der Sprache der Cree-Indianer und bedeutet etwa: „Fluss, der sich dreht“. In der Mitte der Provinz vereinen sich der North- und der Southsaskatchewan aus den Rockies in Alberta zum Saskatchewan, dessen Wasser über das Seensystem in Manitoba schließlich in die Hudson Bay abfließt.
Obwohl auf meiner Karte keine Zeitgrenze zwischen Manitoba und Saskatchewan verzeichnet war, ging meine Uhr in Saskatchewan eine Stunde vor. Die Provinz ist das größte Weizenanbaugebiet Nordamerikas und darüber hinaus die Wiege der sozialistischen Bewegung in Kanada. Die Einwanderer aus Europa haben ihre Spuren nicht nur in den Ortsnamen hinterlassen – Lemberg und Neudorf liegen bei Melville – sondern auch in der Bauweise ihrer Häuser. Ein Gebäude, das wie das Mittelteil eines Wikingerschiffs aussieht, deutet auf Siedler aus Skandinavien hin. Schon die alten Wikinger hatten auf ihren Raubzügen unter ihren umgedrehten Booten überwintert.
In Saskatchewan hatte ich gleich mehrere „Aha“-Erlebnisse, die für mich Offenbarungen waren. Eine davon war, dass ich endlich kanadische „Elche“ zu sehen bekam – auf einer „Elk Farm“, hinter einem Weidezaun. Es waren Hirsche – Wapitis. In Kanada sind die Wapitis eben Elks und die Elche eben Moose!
Auch in der Artenbestimmung meiner kleinen Krabbler kam ich einen Schritt weiter. Ausrechnet als ich mein Mittagsschläfchen halten wollte, krabbelte etwas auf meiner Brust herum. Ich wurde unleidlich und gab keine Ruhe, bis ich das Tierchen gefangen und auf eine Nadel gespießt hatte. Da „offenbarte“ sich mir, dass es acht Beine hatte. Es war eine Zecke! Wie ich später erfuhr, haben diese Waldzecken die Strategie, an ihren Wirten bis in den Nacken zu krabbeln und sich dort am Haaransatz festzusaugen. Bei mir war ihnen der Weg bis zum Nacken wohl zu weit gewesen. Das aufgespießte Tierchen muss übrigens ein Weibchen gewesen sein – wer sonst würde beim Schlafen meine Brust bekrabbeln?

Mehr zufällig als absichtlich gelangte ich auf den „Yellow Head“ (Trans Canada Yellow Head Highway), der in Reiseführern häufig erwähnten nördlichen Route zur Pazifikküste. Der Yellow Head führte mich über Yorkton, Mozart und Kandahar(!) am großen Natronsee (Big Quill Lake) nach Saskatoon. Obwohl es die nördliche Route war, bekam ich doch ansatzweise eine Vorstellung von der eigentlichen Prärie.

 
So ungefähr muss die echte Prärie einmal ausgesehen haben –
 
 
 
– und so sieht sie heute aus.
 

Wenn ich abends Nachrichten und Wetterbericht hörte, war ich froh, so weit nach Norden ausgewichen – abgekommen – zu sein. Im Süden der Provinz, entlang der Hauptroute nach Vancouver, tobten Tornados und es regnete Golfball große Hagelkörner. Hier im Norden gab es nur kleinere Gewitter mit ganz normalen heftigen Regenschauern.

Auch Saskatoon hat seinen Namen von den Indianern. Misaskwatomin, das die Weißen zu Saskatoon verballhornten, ist in der Sprache der Cree die Bezeichnung für die Saskatoonbeere, einer hochstaudigen, fleischigen Blaubeerenart.
Nur wenige Kilometer nördlich der Stadt liegt der zum Nationalerbe erklärte Wanuskewin Park. Im dortigen Tal eines kleinen Baches, der in den South Saskatchewan River mündet, haben schon vor 6000 Jahren Steppenjäger ihr Winterlager aufgeschlagen und Büffel (Bisons) über Steilhänge in Fallen getrieben. Auf einem Hügel beim Tal befindet sich eines der aus Steinen gelegten rätselhaften „Medizinräder“ der Indianer. Bei den Cree hieß dieser Ort Wah-nes-kay-win, „nach Frieden des Geistes suchen“.
 
Das Tal von Wanuskewin.
In einem Hain unterhalb des Hügels waren Stoffbahnen um Bäume gewickelt, ein Zeichen, dass die in der Gegend lebenden Indianer heute noch diesen Ort verehren.
 
Mit einer Schüssel Büffelsuppe, dazu reichlich Maisbrot, schloss ich den Besuch in Wanuskewin ab. Frieden des Geistes hatte ich ebenso wenig gefunden, wie die Büffelsuppe von echten Bisons gestammt haben dürfte. Die Adlerfedern, die man im Gift Shop verkaufte, waren jedenfalls eingefärbte Truthahnfedern gewesen.
 
Alberta
– das Land der wilden Rose

Jede Provinz in Kanada hat nicht nur eine eigene Farbe für die Kennzeichen der Kraftfahrzeuge, sonder auch einen eigenen Slogan auf den Nummernschildern. In Ontario lautet der Slogan: „Ontario – deins zum Entdecken“ (Ontario – yours to discover) und die Kennzeichen sind dunkelblau; in Alberta sind die Kennzeichen rot mit dem Spruch: „Alberta – Land der wilden Rose“ (Alberta – wild rose country).

Wilde Rosen sah ich nur wenige in Alberta, dafür folgte ich auf meinem Weg nach Nordwesten der Fliederblüte. Die Sträucher sahen aus wie Flieder, sie dufteten wie Flieder, nur die Blätter waren etwas anders als bei unserem Flieder.

 
Wilde Rosen (Rosa acicularis) und kanadischer Flieder (Miss Canada) in Alberta.
Während der Fahrt durch die offene Parklandschaft wehte ein stetiger, kräftiger Wind. Wenn er von hinten kam, erreichte ich auf den langen, geraden Strecken leicht über 100 km/h; kam der Wind jedoch von vorne, war ich froh, wenn ich eine Geschwindigkeit von 80 km/h halten konnte. Meistens konnte ich es nicht.

Alberta lernte ich in Etappen kennen. Während der ersten Etappe besuchte ich ein ukrainisches Museumsdorf, welches das Leben der Einwanderer zwischen 1900 und 1915 veranschaulichte und ich sah meine erste Büffelherde – eigentlich sind es ja Bisons – nicht etwa in einem Nationalpark, sondern auf einer eingezäunten Weide dahinter. Ob es nun Wald- oder Präriebüffel waren, konnte ich nicht herausfinden. Wahrscheinlich wussten sie es selbst nicht. Nachdem die Waldbüffel um 1900 bis auf einen Rest von 250 Tieren ausgerottet waren, hatte man sie im Wood Buffalo Nationalpark mit den kleineren Präriebüffeln gekreuzt. Heute läuft ein Programm, durch Rückkreuzungen den „echten“ Waldbüffel wieder nachzuzüchten.

 
Bisons – als Zuchtherde hinter einem Zaun.

Die erste Alberta-Etappe endete auf Diesels Eulenhut Campingplatz, 30 km hinter dem Ort Lac La Biche. Der See Lac La Biche soll sehr fischreich sein – jedenfalls behaupten das die Veranstalter von Angelwettbewerben.

 
Abendstimmund am Owl River bei Diesel´s Owl Hoot Campground.
Die Nachricht über den Gesundheitszustand meiner Mutter war besorgniserregend. Die Familie (meine beiden Söhne) hatte sich schon bei ihr versammelt und wartete auf mich. Nur mit Hemden, Socken und Unterhosen für zwei Tage im Rucksack – mehr war gerade nicht sauber – fuhr ich nach Edmonton. Den Wohnwagen hatte ich in einem entlegenen Winkel des Campingplatzes zurückgelassen.
Flughafen Edmonton: Am Sonntag einen Flug für den nächsten Tag nach Frankfurt zu bekommen, war kein Problem, eher die Bezahlung. Seit den Reparaturkosten in Wawa waren meine Kreditkarten noch nicht wieder abgerechnet worden und ich war nicht mehr kreditwürdig! Aber Edmonton rühmt sich, das Finanzzentrum Albertas zu sein. Nach einer Nacht im Hotel und einigem Herumirren am nächsten Vormittag fand ich dann auch eine Filiale meiner kanadischen Bank und ließ mir eine Bankanweisung über den Flugpreis ausstellen. Rechtzeitig zum Abflug kam ich zum Flughafen zurück. Meinen Wagen hatte ich auf dem Parkplatz hinter dem Hotel abgestellt – ein kostenloser Service.
Nach zweiwöchigem Gastspiel in der Oberpfalz begann die zweite Alberta-Etappe. Meine Mutter hatte sich etwas erholt und die Familie war abgereist. Die Fahrt zu Diesels Eulenhut stimmte mich nur äußerlich auf Kanada ein; ich brauchte noch einige Tage, bis ich auch mit meinen Gedanken wieder in Kanada war. 
Gleich beim ersten Aufenthalt auf dem Campground hatte mir Mr. Diesel ein Buch über den Erfinder Rudolf Diesel gezeigt und stolz erklärt, dass er mit ihm verwandt sei – sein Urgroßvater war der Bruder von Rudolf gewesen. Nach meiner Rückkehr zeigte er mir seinen Stammbaum, der bis ins frühe 17. Jahrhundert zurück reichte. Seine Frau stammte von den Bermudas und war portugiesischer Herkunft, seine Enkelin eine halbe Cree-Indianerin. Als ich die professionelle Arbeit der Ahnentafel lobte, gab es zu, dass sie seine Schwester angefertigt habe – er selbst könne weder lesen noch schreiben.
Eigentlich wollte ich nicht nach Fort McMurray, einer der Erdölhochburgen von Alberta. Ich hatte mich verfahren. Als ich es bemerkte, war es zurück fast ebenso weit wie vorwärts. Also fuhr ich weiter, stundenlang durch verkohlte Wälder, in denen Waldbrände gewütet hatten, und schlich hinter überdimensionalen Schwertransportern her, die mit zwei Zugmaschinen riesige Maschinenteile in die Wildnis des nördlichen Waldes beförderten.
Der Campingplatz am Rande von Fort McMurray war voll belegt. Hier hatten sich Ölleute für den Sommer eingerichtet. Man hatte mich übrigens gewarnt, nicht am Sonntag nach Fort McMurray zu fahren. Die Ölleute arbeiten vier Tage zehn Stunden lang und haben dann drei Tage frei. Freitags rasen sie nach Edmonton, um sich dort übers Wochenende zu zerstreuen und sonntags wieder zurück. Außerhalb der Stadt, in der Nähe des Flughafens, fand ich einen noch nicht ausgebuchten Campingplatz. Es war ein familienfreundlicher Platz mit Badeteich, Elektrobooten und entsprechendem Lärm. Eine hohe, steile Böschung fiel zu einem Bach ab, der sich im Bogen um das Campinggelände schlängelte. Unzählige Biberdämme stauten den Bach in kleine Sumpfseen.
Gibt es noch Biber im Creek, oder hat sie der Lärm vom Campingplatz vertrieben?“ wollte ich vom Betreiber wissen.
Es gäbe noch Biber, erklärte er, sie kämen sogar manchmal bis zum Campingplatz herauf. Allerdings sei unlängst einer ihrer Dämme gebrochen. Er wisse noch nicht, was eigentlich passiert sei.
„Naja,“ dachte ich, „vielleicht sind die Biber zur Sommerfrische tiefer in die Wälder gezogen, um sich vom Lärm über ihren Köpfen zu erholen.“
Außer einem Zentrum über die Entdeckung von Ölsand gab es in Fort McMurray nicht Interessanten für Touristen – und dieses Zentrum interessierte mich nicht. Ich beeilte mich, wieder zurück auf den verfehlten Weg zum Lesser Slave Lake zu kommen.

Am Lesser Slave Lake kam mir die Idee, zum großen Bruder des Sees, den Great Slave Lake, zu fahren. Um für einen Aufenthalt weiter im Norden gerüstet zu sein, musste ich mich zu einer Reparaturwerkstatt für Trailer durchfragen. Meine Batterie für den Wohnwagen lieferte keinen Strom. Dass sie nicht funktionierte, war mir aufgefallen, als ich nach dem Unfall alle Systeme überprüft hatte. Auf den Campingplätzen mit Komfort – mit Stromanschlüssen – hatte ich sie nie gebraucht; im Norden, mit Übernachtungsplätzen ohne Stromanschlüsse, wollte ich nicht auf Wasserpumpe, Radio und eventuell Heizung verzichten müssen. Außerhalb einer Stadt, abgelegen am Wegrand, fand ich eine Werkstatt. Es war ein kurzer Aufenthalt. Der Meister schloss nur die richtigen Kabel an die richtigen Pole und schaltete einen Kurzschlusshebel wieder an. Dabei hatte ich bei Barrie RV prüfen lassen, ob die Batterie richtig angeschlossen war!

 
Lesser Slave Lake, mit 180 km Länge der größte See Albertas.
Als Nächstes füllte ich meinen Frischwassertank auf, und ich kaufte einen 20 l Kanister mit Trinkwasser. Der war schwer und unhandlich. Ich musste das Wasser portionsweise in einen Zehnliterkanister abfüllen. Der Zehnliterkanister hatte zwar einen praktischen Verschluss zum Gießen, war aber nicht zum Nachfüllen konstruiert. Beim ersten Versuch, die Verschlusskappe zu lösen, brach ich mir die Fingernägel ab: Griff in die Kulturtasche, herauswühlen der Nagelfeile und Nägel richten. Dann besann ich mich auf den Schraubenzieher als Universalwerkzeug. Der Kappe ging ab, der Schraubenzieher rutschte ab: Griff in das Sanitätsschränkchen, Pflaster herauskramen und Handballen verarzten. Nach dem Umfüllen ein weiterer Griff in den Schrank mit den Putzmitteln, Wischlappen herausfischen und das reichlich verschüttete Wasser aufwischen.
 
Ebenso typisch wie Rosen und Flieder sind für Alberta auch Öl- und Gaspumpen in den Feldern und Wohnviertel aus transportablen Fertighäusern.
 
Auch Einwanderer aus den Steppen der Ukraine haben zur Besiedlung der Prärieprovinzen Saskatchewan und Alberta beigetragen.
 
 
 

                       Teil 3

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