Von Toronto nach Tofino
 
 
 

Ein Sommer – vier Jahreszeiten

 Kanada 2005 

E. Franz
Hamburg, Oktober 2005
  
  
Inhalt Teil 1
Der frühe Vogel
– fängt den Sturm
Von Barrie  
– nach Barrie
Die schönen Tage von Aranjuez
– müssen erst noch kommen
Der Mai ist gekommen
– die Mücken schwärmen aus
Frühling in Wawa
– und ich konnte ihm nicht entrinnen
 
 
                  
  
Der frühe Vogel
– fängt den Sturm

Diesmal war ich ein früher Vogel gewesen. Vielleicht war aber auch der kanadische Frühling in Toronto wieder einmal zu spät dran. Egal, zu welcher Jahreszeit man nach Toronto kommt, das Wetter hält allemal Überraschungen bereit.

Während der ersten wärmeren Sonnentage Ende März hatte sich das Verlangen, zu meinem „Bärle-Express“ nach Kanada aufzubrechen, von Sonnenstrahl zu Sonnenstrahl gesteigert. Freitag, der erste April – der Tag der Abreise – kam, und es schien die Sonne. Einen Regenschirm einpacken? Wozu? Im Wohnwagen lagen doch noch die Plastikumhänge, die man auf den Booten bei den Niagarafällen bekommt; ein Schirm dürfte auf dem Campingplatz ebenso deplatziert sein, wie es mein Daunenanorak unterm Arm war. Letztes Jahr hatte ich Ende April in Toronto noch einen verspäteten Kälteeinbruch miterlebt. Diesmal wollte ich nicht wieder frieren und so schleppte ich tapfer den hässlichen blautannengrünen, stellenweise schon speckigen, abgetragenen alten Anorak mit mir herum. Auch er sollte, wie die meisten ausrangierten Sachen im Koffer, den Kleiderfundus im Wohnwagen aufstocken.
Am letzten Abend, beim letzten Scheck, Panik: „Wo sind die Flugtickets?“ Fieberhaftes Suchen. Nur die Kopien, die ich sicherheitshalber gemacht hatte, lagen auf dem Schreibtisch. Befanden sich die Originale etwa noch im Kopierer? Sie befanden sich!
Ich war früh aufgestanden und hatte reichlich Zeit bis zum Abflug am Mittag. Also befragte ich noch schnell das Orakel: Ich spiele eine Partei Spider Solitär auf meinem PC. Sie ging auf – die Sterne standen also günstig. Standen sie es wirklich? Um meinen Rücken nicht überzustrapazieren, hatte ich darauf verzichtet, das neu erworbene Schlauchkajak mitzuschleppen (Sohn Stephan hatte sein Interesse angemeldet). Der Fahrstuhl war wegen Revision außer Betrieb. Ich musste den Koffer die fünf Stockwerke über die Treppe hinunter zerren. Er wog mindestens 35 kg. Das war der erste Moment, wo ich mich fragte, weshalb ich eigentlich meinen natürlichen Lebensraum als Rentner – das Sofa vor dem Fernseher – verließ.
Im Flugzeug von London nach Toronto fand ich auf Anhieb den richtigen Platz – wenn auch in der falschen Reihe. Während des Fluges lernte ich eine weitere Eigenschaft jener Kanadier kennen, die nicht direkt aus dem Wald kamen: sich auf keinen Fall direkt anmerken zu lassen, wenn man das Verhalten eines Mitmenschen missbilligt. Der Fluggast, dessen Platz ich versehentlich eingenommen hatte, schaltete so diskret die Stewardess ein, dass ich es erst mitbekam, als sie mich nach meiner Bordkarte fragte. Dabei hatte er auf der anderen Seite des Ganges neben mir Platz genommen. Die Gäste in der Reihe vor mir – sie gehörten zu einem mitgliedsstarken Italo-Klan – hatten ihre Rückenlehnen weit nach hinten gekippt. Als das Essen auf unseren Tischchen stand, dippten die Fernsehschirme in den Rückenlehnen in unsere Bratwürste. Meine Nachbarin wandte sich an die Stewardess und bat um Abhilfe – in Zeichensprache, damit die Betroffenen ja nicht hören konnten, dass sie sich beschwerte.
Der Himmel in Toronto war bedeckt. Das hätte mich stutzig machen sollen. In der Nacht fing es an zu regnen; am nächsten Tag ging der Regen in Hagel und Schnee über. In Hamburg hatte man den Frühling schon ahnen können und bei der Zwischenlandung in London hatte sich bereits das erste Grün an den Büschen gezeigt. Von meinem Zimmerfenster im Vaughan Inn Ecke Hwy. 7 und Hwy. 50 sah ich nur windgepeitschte Bäume und dichtes Schneetreiben. Ich hing im Coffee Stop von Boris herum (er hatte sich nach seiner vierfachen Bypass Operation letztes Jahr wieder gut erholt), las und schrieb Tagebuch. Hier in Toronto schmolz der Schnee sofort wieder, im Hinterland gab es jedoch Probleme. Meine Bekannten hielten mich über die erreichten Schneehöhen auf dem Laufenden – in Inches. Natürlich hatte ich keine Umrechnungstabelle zur Hand. Da die meisten Menschen jedoch mit den Händen reden, erfuhr ich auch ohne Tabelle, dass im Umland bis zu 20 cm Neuschnee gefallen waren. Die Angewohnheit, mit den Händen zu reden, kann aber auch irritierend sein. Später, schon in Barrie, irritierte mich einmal der Fahrer eines Pick-ups, der mich mit seinem Gefährt rechts überholte. Mit der rechten Hand presste er sein Handy ans Ohr und mit der linken „redete“ er.
Als ich wegen des Schnees beschloss, noch eine Nacht im Inn zu bleiben und erst am Montag nach Barrie zu fahren, war wieder so ein Moment gekommen, wo ich mich fragte, warum ich meine nach Pfeifenrauch und neuem Teppichboden duftende Wohnung gegen dieses Motelzimmer eingetauscht hatte, das nach kaltem Zigarettenrauch müffelte. Nicht einmal das Leitungswasser konnte man trinken. Es schmeckte noch genau so scheußlich wie letztes Jahr, nur diesmal nicht nach Chlor, sondern nach Salz. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich mich ja entschlossen hatte, die Herausforderung nicht alltäglicher Situationen anzunehmen, um so dem siechenden Bregenverfall eines saturierten Rentners zu entgehen. Ein schwacher Trost in diesem Moment.
Einen anderen Trost hatte ich jedoch: Meine Handyverbindung nach Deutschland klappte auf Anhieb, und nach zwei Telefonaten mit Stephan kam ich über meinen Laptop ins Internet.
Obwohl vorhergesagt, schien am Montag die Sonne. Hinter Toronto hatte sich die Landschaft einen weißen Flaum zugelegt. Die Schneedecke nahm umgekehrt proportional zur Entfernung nach Barrie zu. Die Kempenfelt Baywar noch eisbedeckt und ich hatte das Gefühlt, direkt in den Winterurlaub gefahren zu sein.
In Barrie erhielt ich dann endlich die Weihe zum Vollmitglied der menschlichen Gesellschaft in Kanada (Halbmitglied war ich ja bereits durch Handy und Internetanschluss gewesen). Mit etwas Starthilfe für die leere Batterie sprang mein Camry sogar an und beschwingt fuhr ich ins Motel, wo ich mich für die nächsten Tage einrichtete. David, der Mann in der Werkstatt, hatte den Winter über privatisiert und war erst gestern wieder zurück gekommen. Meinen Wohnwagen hatte er sich noch nicht vorgenommen.

No panic, die Campingplätze werden wegen des Schnees sowieso erst in vierzehn Tagen aufmachen.“  

 
Das Vaughan Inn am Hwy. 7 im Schneeregen.
 
Barrie: die Kempenfelt Bay bei meiner Ankunft.
 
Von Barrie
– nach Barrie
 
Eines der verbliebenen malerischen Häuser in der Innenstadt von Barrie.

Das Glücks-Cookie vom chinesischen Büfettrestaurant in der Bayfield Mall prophezeite: „A thrilling time is in your immediate future“. Als wenn ich das nicht selbst gewusst hätte! Es hatte schon gleich am ersten Morgen in Barrie begonnen: Nach einer extrem kalten Nacht sprang der Wagen nicht an. In zwei Werkstätten ganz in der Nähe lehnte man es ab, mir Starthilfe zu leisten – keine Zeit dafür. Offenbar waren sie während des Winters mit solchen Anliegen überhäuft worden. In den gelben Seiten fand ich eine Nummer des CAA (das ist der kanadische ADAC, den ich auch mit meiner deutschen Mitgliedsnummer in Anspruch nehmen konnte), erhielt eine weitere Telefonnummer genannt und musste telefonisch einen Fragebogen ausfüllen. Eine Stunde später kam der Pannendienst und gab mir einen „Boost“ – für ein „Dankeschön“. Als Nächstes meldete ich den Camry bei Toyota zur Inspektion an, und ich erneuerte die Plakette auf meinem Nummernschild für das laufende Jahr. Wo ich das machen konnte, hatte mir mein Taxifahrer in Barrie, ein Pakistani aus Karachi, verraten.

Am ersten Tag in Barrie war es windig und der Himmel so tief regenverhangen, dass die Hügelbezirke des Ortes in den Wolken lagen. Danach schien die Sonne. Den Daunenanorak hänge ich beiseite – außer, wenn ich an der Bay spazieren ging. Dort wehte es kalt vom Eis herauf. Darüber, dass die Kanadier extreme Sportangler sind, hatte ich mich schon letztes Jahr mokiert. Jetzt lernte ich in Barrie eine neue Variante kennen: Eisfischen. Am ersten schönen Sonnentag hockten fünf Personen in Sichtweite der Standpromenade so unbeweglich vor ihren Eislöchern in der Bay, dass ich zweimal hinschauen musste, um sie als Menschen zu identifizieren. Es war wohl die letzte Gelegenheit in diesem Jahr, denn entlang des Südufers mit seiner starken Strömung Bucht einwärts, begann die Eisdecke bereits abzutauen.
Barrie, die zum Teil sogar malerische Stadt von 125.000 Einwohnern, hatte sich kaum verändert. Das schwarze Eichhörnchen huschte noch immer über die stark befahrene Straße (es musste wohl ein anderes als im vorigen Jahr gewesen sein, denn nachdem der Schnee geschmolzen war, habe ich einige überfahrene Eichhörnchen am Straßenrand gesehen). Noch immer gab es zahlreiche Häuser zu kaufen und Apartments zu mieten. Ein neuer Lebensmittelmarkt und einige Geschäfte waren am Westende der Stadt entstanden, nur einen Block vom Motel entfernt.
Es ist eine typisch kanadisch-amerikanische Kleinstadt. Ohne Auto geht hier nichts. In den Villenvierteln mit ihren Achtmeter-Straßen gibt es oft nicht einmal Fußgängersteige. Zum Glück konnte ich über die Strandpromenade nach Downtown Barrie, ins Stadtzentrum, laufen. Allerdings, außer meiner Bank, einem passablen italienischen Restaurant und einer Münzwäscherei, gab es dort nichts Interessantes für mich – die beiden Nachtbars und den Sexshop vielleicht ausgenommen. Aber was sollten die in einer Kleinstadt mit fünf konkurrierenden Kirchen auf einem Quadratkilometer schon bieten können? Vor der Wäscherei versuchten weiße Möwen und schwarze Krähen ein Konzert. Auf das Fortissimo konnten sie sich einigen, jedoch nicht auf eine gemeinsame Tonart – die Möwen kreischten und die Krähen krächzten. Die kleinen Gemischtwarenläden im Zentrum – in denen ich nie das fand, was ich gerade suchte – waren alle fest in chinesischer Hand. Inzwischen war die Liste der Dinge, die ich noch einkaufen wollte sowie derjenigen, die ich noch unbedingt einkaufen musste, immer länger geworden und passte nicht mehr auf die Rückseite eines Kassenbons von Famila. Also schrieb ich sie auf einen größeren kanadischen Kassenbon um – den ich dann verlegte.
Das Leben aus dem Koffer im Motelzimmer war nicht unbedingt mein Geschmack, zumal ich im Trailer ja einen fast kompletten Hausstand hatte. Bei nächst bester Gelegenheit holte ich mir dann einige lebensnotwendige Dinge wie Kaffeemaschine und Toaster aus dem Trailer. Und da ich schon mal am Räumen war, befreite ich auch den Kühlschrank im Wohnwagen vom Schimmel – im Herbst hatte niemand daran gedacht, ihn zu öffnen. Außerdem stellte ich fest, dass mein Handy, im Gegensatz zum schnurlosen Festnetztelefon in Hamburg, wasserdicht ist. Es war mir unbemerkt aus der Jackentasche in den Putzeimer gefallen. Hinterher funktionierte es immer noch. Das Problem mit dem Vanille gewürzten Kaffee, noch zu viel und eigentlich zu schade, um ihn wegzuwerfen, auch wenn weder meine Besucher noch ich ihn trinken wollten, hatte sich erledigt: Im Winter waren Mäuse in den Wohnwagen eingedrungen und hatten der Kunststoffdeckel der Kaffeedose durch- und den Deckel meiner Kaffeekanne angenagt. Ob sie noch im Trailer sind? Wenn sie das Kunststoffmenü überlebt haben, werde ich sie irgendwann hören und falls nicht – riechen.
Ich genoss das erste Frühstück im Motel mit getoastetem echten Dimpfelmeier Sonnenblumenkern- und Leinsamenroggenbrot und eigenem Kaffee – einem Rest aus dem Wohnwagen. Im Grunde war es wohl auch nicht viel gesünder als die Muffins, Donuts und Bagels, die ich mir sonst gekauft hätte, aber es war eben meine gewohnte Kost. Auf dem Kaffee schwammen einige winzige Fettaugen. Kamen sie vom Filterkaffee aus dem Vorjahr oder hätte ich Kaffeemaschine und Becher vorher doch noch einmal gründlich abwaschen sollen?
Die Tage in Barrie waren mit betriebsamer Hektik ausgefüllt, unterbrochen von unendlichen langen Phasen, in denen ich warten musste – auf die Änderungen am Trailer (das Reserverad befand sich vorne unter dem Trailer und sollte an die Heckwand), auf stärkere Federn für die Hinterachse meines Camry, die ich in einer Spezialwerkstatt bestellen und in einer anderen einbauen lassen musste, und ich warten darauf, dass wenigstens einige Campingplätze in der weitern Umgebung schon vor Mai öffneten. Selbst die Plätze, die eigentlich schon geöffnet sein sollten, hatten wegen des späten Schnees den Termin um zwei Wochen verschoben. Noch waren die Nächte recht frostig und die Betreiber trauten sich nicht, die Wasserleitungen zu den Waschräumen und zu den Anschlüssen auf den Stellplätzen in Betrieb zu nehmen. Ich fuhr viel mit dem Auto spazieren, weil ich es genoss, mit dem Camry über die Straßen zu gleiten (nur fliegen ist schöner – da gibt es weniger Luftlöcher als auf der Straße Schlaglöcher). In der ersten Woche kam so die Entfernung Hamburg-München leicht zusammen. Außerdem ging ich viel spazieren, man könnte es auch anspruchsvoller als „Wandern“ bezeichnen und, vor allen Dingen, eroberte ich mir meinen natürlichen Lebensraum zurück – in diesem Fall das Bett vor dem Fernseher.
Obwohl täglich die Sonne schien, lagen allenthalben noch Schneereste herum und das Eis auf der Bay dachte nicht daran, endlich zu schmelzen. In den kleineren, offenen Tümpeln nahmen dagegen die Wasserschildkröten ihr erstes Sonnenbad. 
Auf meinen „Exkursionen“ – Spaziergängen – habe ich auch herausgefunden, wie man Ahornsirup gewinnt. Die Bäume muten eher wie Patienten auf einer Intensivstation an, nur dass ihnen keine Lebenssäfte zugeführt sondern abgesaugt werden. Die Schläuche laufen in immer dickere zusammen, welche in große Tanks münden. Von dort pumpt man den Saft zum Eindicken in Kessel ab.
 
„Du kennst doch hier niemanden,“ hatte Ron, der Manager der Barrie-RV, gemeint, als ich einmal mehr nach meinem Bärle-Express geschaut hatte, „da musst du unbedingt Hans kennen lernen. Seine Eltern waren Ärzte. Er liebt deutsches Bier und ist mit Martha verheiratet.“
Auf Rons Vermittlung hin rief mich Martha just in dem Moment im Motel an, als ich gerade meinen Abendspaziergang der untergehenden Sonne entgegen auf der Seepromenade machte. Sie hinterließ eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Zwei Tage später hatte ich auch herausgefunden, wie ich den Anrufbeantworter abhören konnte und fand unter den vielen Nachrichten, welche an Gäste vor mir gerichtet waren, auch die von Martha. Ich rief zurück. Hans und Martha luden mich zum Abendessen ein und ich verschob den Auszug aus dem Motel um einen weiteren Tag.
Es war ein sonnenwarmer Tag wie im Mai. Wir saßen zum Essen – es gab Grillsteaks mit Spargel und schwäbischen Spätzle – und auch noch eine Pfeifenlänge danach auf der Terrasse. Dann wurde es kalt. In einer Mulde am schattigen Waldhang hinter dem Haus hatte sich immer noch Schnee behauptet. Während wir drinnen weiter erzählten, verlangten Marthas „Kinder“, drei Dackel, ihre Streicheleinheiten. Ausgerechnet der verrückteste und wildeste der drei hopste zu mir auf den Schoß. Schicksal?
Der nächste Tag war noch wärmer und schwüler. Die Federn für den Camry waren nicht geliefert worden und am Trailer waren meine Vorstellungen von einem besser zugänglichen Platz für den Reservereifen am technisch Machbaren gescheitert. Die Rückspiegel, Restbeständen aus der Wohnwagenzeit meiner Schwester, montierten wir im Wettstreit: Drei Spezialisten der Barrie-RV, darunter Ron, auf der einen und ich auf der anderen Seite. Die Spezialisten gewannen, weil einer von ihnen das System schneller begriffen hatte – auch wenn der von den Spezialisten montierte Spiegel später beim Fahren verrutschte.
Obwohl ich nach den ersten Wiedereingewöhnungskilometern große Lust verspürte, eine längere Etappe zu fahren, steuerte ich den nur 30 Kilometer entfernten Hammock Harbour Trailer Park bei Orillia an. Und das war gut so, wie sich alsbald herausstellen sollte.
Als ich das Wasser anschloss, plätscherte es unten wieder aus dem Trailer heraus. Die Ablaufventile meiner Wasserleitungen waren noch offen, die Verschlusskappen unauffindbar. Ohne Wohnwagen zurück zum Barrie-RV. Ron, der Chef, war nicht da und der Mechaniker, ein netter Junge, war neu und völlig ahnungslos. Beiläufig untersuchte ich jeden Wohnwagen, der ungefähr die Größe meines Bärle-Express hatte und fand tatsächlich einen, der das gleiche System zu haben schien. Ich versprach, die Verschlüsse zurück zu bringen, falls sie nicht passen sollten. Sie passten! Aber jetzt lief das Wasser auf dem Campingplatz nicht mehr. Es war wegen eines Rohrbruchs inzwischen wieder abgestellt worden.
Die wichtigste Arbeit hatte ich noch vor mir: meinen Wohnwagen einrichten. Hatte mein Daunendeckbett schon immer so gefedert? Die Federn flogen nur so im Wagen herum, als ich es aus der Plastikhülle nahm. Es war an mehreren Stellen angefressen, von Mäusen, wie die überall verstreuten schwarzen Krümel verrieten. In diesem Deckbett sind die Mäuse im Winter bestimmt nicht erfroren!
Das erste Abendessen im Wohnwagen (Hühnersuppe mit Reis, eine Dose, die im vorigen Jahr übrig geblieben war), der erste Scheck, ob ich ins Internet komme – und ich fühlte mich schon wieder völlig zu Hause.
Später lief auch das Wasser wieder und ich konnte endlich meinen Trailer an die Wasserleitung anschließen – es plätscherte noch immer. Diesmal aus dem Ablassventil des Warmwassertanks. Hinter der Abdeckung zum Tank fand ich alle Verschlusskappen meines Wohnwagens! Fairerweise musste ich sie an Stelle der Ausgeborgten abliefern. So schnell ließ mich Barrie nicht los.
 
  Die schönen Tage von Aranjuez
– müssen erst noch kommen
Nach den heißen Tagen kam wieder Regen und es wurde unangenehm kühl. Aber unter meinem neuen Deckbett – diesmal mit Baumwolle gefüllt – konnten mir auch Nachttemperaturen an der Frostgrenze nichts anhaben. Außerdem war der Trailer, so klein er auch war, mit Heizung und Warmwasser ausgestattet. Nachdem ich auch noch das letzte offene Ablassventil am Warmwasserboiler gefunden hatte, fühlte ich mich mit dem Wissen, dass der Wohnwagen insgesamt sechs Ablaufventile besaß, als echter „Experte“.
Der Regen hatte das Eis auf dem Lake Simcoe nicht sofort zum Schmelzen gebracht. Er hatte erst einmal die schwarze Schicht aus Ablagerungen der Luftverschmutzung, die das Eis noch zusammen hielt, abgespült. Am Wochenende begann dann die Frühjahrsfischsaison mit Angelwettbewerben. Der Hammock Harbour Campingplatz liegt am Lake Couchiching, sozusagen dem Wurmfortsatz des Lake Simcoe. Die ersten Sportfischer kamen bereits am Freitagmorgen und entfalteten ein lebhaftes Campleben – wohl ein Ausgleich für das stundenlange Stillsitzen in ihren Booten, das sie am nächsten Tag erwartete. Ihre Boote hatten sie natürlich mitgebracht, entweder als Anhänger an die Wohnmobile oder als Anglergemeinschaft, bei der einer den Wohnwagen (meist einen aufklappbaren Tenttrailer) und ein anderer das Boot heranschaffte. Nur das noch immer bestehende Verbot für Lagerfeuer – während der trockenen Zeit wegen der häufigen Grasbrände verhängt – schränkte ihre Camperfreuden ein. Wer nicht zu den Hobbyfischern gehörte, konnte am gleichen Wochenende zu den jährlichen Pfannkuchen- und Ahornsirupfestivals fahren. Ich fuhr zu Canadian Tireund kaufte einen neuen Abwasserschlauch für meinen Trailer.
Die Sportangler waren eine reine Männergesellschaft. Als schwarzes Brett diente ihnen eine Kreidetafel direkt über den Urinalen im Herrenwaschraum. Hier war die Ausbeute des ersten Tags angezeigt: vierzehn Barsche und ein Sportfischer! Darunter standen die größten Fänge:
Ross 13½ inches (34,29 cm) hard; Dorn 14 in. (35,56 cm) soft.“
In Deutschland würde man mit derartigen Längenangaben an dieser Stelle in einer Herrentoilette wohl andere Vorstellungen verbinden!
Nach vier Tagen Regen und nachdem ein Drittel der Stellplätze (wieder) unter Wasser stand, hob man das Lagerfeuerverbot auf. Bereits mittags begannen einige Camper mit dem Versuch, ein Lagerfeuer für den Abend zu entfachen. Da das mitgebrachte Feuerholz jedoch in großen Stapeln griffbereit nahe den Feuerstellen im Regen gelegen hatte, endeten die meisten Versuche im dichten Qualm. Ein Feuer überlebte bis zum Abend. Es lag verweist – offenbar hatte niemand Appetit auf Räucherfisch. Die Hobbyfischer gingen zwar nicht gerade mit den Hühnern schlafen, aber doch recht früh. Ob sie mit den Hühnern aufstanden, konnte ich nicht feststelle – die Parameter meiner Biorhythmen verhinderten es.
Da ich nicht viel zu tun hatte (im Grunde genommen hatte ich gar nichts zu tun), ging ich einer der wichtigsten Beschäftigung nach – wenn nicht der wichtigsten Beschäftigung des Camperdaseins: Shoppen. In den beiden Malls von Orillia kannte ich mich bald gut aus, und ich hatte in der Innenstadt ein Tabakgeschäft entdeckt, in welchem man mir meinen Pfeifentabak bestellte. Es war hinterher nicht so viel, wie ich bestellt hatte, aber immerhin! Auch nach Barrie kam ich noch einmal. Unterdessen waren die stärkeren Federn für meinen Camry doch noch eingetroffen.
„Willst du die Steuern sparen?“ sprach mich der Manager der Werkstatt, in welcher ich sie einbauen ließ, unter vier Augen an.
„Und wie läuft das?“ erkundigte ich mich etwas begriffsstutzig.
„250 cash. Dort drüben ist eine Bank.“
Die Werkstatt gehörte zu einer größeren Kette. Eine müde Mark also an den Büchern und an der Zentrale vorbei. Hinterher erinnerte ich mich, dass der Manager auch mit anderen Kunden Gespräche „draußen vor der Tür“ gehabt hatte.
Das ungemütlich kalte Regenwetter hatte auch eine gute Seite: Es gab keine Moskitos! Da ich mich jedoch kaum längere Zeit im Freien aufhielt – vom Trailer 15 Meter zur Toilette oder zwei Meter zum Auto – konnte ich das gar nicht so recht genießen. Ich hockte im Wohnwagen, rauchte eine unangemessene Lücke in meinen Tabakvorrat und ich sah mir sämtliche DVDs an, die ich mitgenommen hatte.
Während ich im Wohnwagen so vor mich hin sinnierte, fielen mir immer noch weitere Dinge ein, die ich am Bärle-Express verändern oder verbessern konnte. Das wiederum löste weitere Suchaktionen in den Geschäften nach der passendsten – manchmal sogar preisgünstigsten – Umsetzung aus. Also erneut Shoppen: Bücherstützen für meine 23 cm Bücher, Befestigungen für meine Lautsprecher, damit ich sie nicht immer abbauen und für die Fahrt einpacken musste, ein Schutzgitter für das offene Bord über dem hinteren Bettalkoven. Letztes Jahr war dort bei schärferem Bremsen die Wäsche meiner Schwester herausgerutscht und hatte sich im Wohnwagen verteilt. Um passende Stücke abschneiden zu können, musste ich eine ganze Rolle Plastikzaun kaufen.
Die wichtigste Neuanschaffung war jedoch ein Abwassertank auf Rollen. Meine Tanks im Trailer waren spätestens nach drei Tagen voll und bei längerem Aufenthalt an einem Platz hatte ich jeweils mit dem ganzen Gespann zur Dump(ing) Station (Abwasserentsorgungsanlage) fahren müssen. Aber wohin mit dem sperrigen Ding? Spannriemen besorgen und ihn am Heck an der Aufhängevorrichtung für Fahrräder, an der ich mir das Reserverad vorgestellt hatte, befestigen! Zu guter Letzt erhielt der Bärle-Express jetzt auch seinen Namen auf die Stirn geklebt – mit AE-Umlaut, da es unter den Buchstaben kein Ä gab.
 
Der "Baerle Express"
Hatte die erste Etappe vom Barrie-RV zum Campingplatz in Orillia 30 km betragen, so war die nächste schon doppelt so weit bis zu einem Campingplatz bei Port Severn. Ich war der erste Camper in diesem Jahr; das Wasser wurde erst am nächsten Tag angeschlossen und die Waschräume wurden zwei Tage später freigegeben. Nach der Betriebsamkeit auf dem Platz am Lake Couchiching war es auf dem bei Port Severn trotz Golfanlage vor dem Fenster so einsam, dass ich tagsüber keine fünf Personen zu Gesicht bekam. Für lautstarke Unterbrechung der Stille sorgten nur die Gänse.
Anfangs fand ich es noch ganz aufregend, mir und anderen zu beweisen, was für ein harter (fast) All-Wetter-Camper ich sei. Als aber die Temperaturen auch mittags nicht über +3 Grad anstiegen und nachts auf –3 Grad absanken und als dann auch noch die Heizung ausfiel, wollte ich nichts mehr beweisen – nur noch schöneres Wetter haben. Glücklicherweise hatte ich Bettzeug für zwei Personen an Bord und die Gasflammen des Herdes heizten auch ganz ordentlich.
 
Ich hatte euch doch versprochen, dass wir uns wiedersehen!
 
  Der Mai ist gekommen
– die Mücken schwärmen aus
Auch auf dem Trailer Park am Daoust Lake, bei Sudbury im „Regenbogenland“, war das Wasser noch nicht angeschlossen. Ich durfte mir meinen Wasserkanister direkt am Pumpenhäuschen füllen.
„Es ist Brunnenwasser, nicht vom See,“ versicherte mir Louise im Office, „jetzt im Frühjahr riecht es noch ein bisschen. Aber es ist in Ordnung – wir benutzen es selbst.“
Das Wasser war leicht gelblich gefärbt und roch wie das Brunnenwasser aus meinen Kindertagen bei „Omman und 0ppan uff´n Hoff“. Dort hatte die Rinne zur Jauchegruben direkt neben dem Brunnen begonnen.
Im Regenbogenland kam der Frühling rechtzeitig zum Muttertag. Nicht nur, dass es richtig warm war, auch die ersten Boten waren nicht zu übersehen. Nein, nicht Knospen oder Blumen, sondern Moskitos. Als ich sie am Abend ihren ersten Reigen tanzen sah, wusste ich, dass ich mir wegen meiner Heizung, die einfach für eine Nacht ihre Auszeit nahm, wenn ich zu viel an ihr herumspielte, keine Sorgen mehr zu machen brauchte; auf den Wetterinstinkt der Moskitos konnte ich mich verlassen. Vorerst zeigten sie allerdings nur mäßiges Interesse an mir. Sicherheitshalber sprühte ich jedoch meinen Wohnwagen mit einem Spray aus, das Moskitos und alle möglichen anderen stechenden Insekten, die es in meinem Wörterbuch nicht gab, abhalten sollte. Schließlich wollte ich nicht ausgerechnet in Kanada an Westnilfieber erkranken! Diese durch Moskitos auf Menschen und Tiere übertragene Virusinfektion aus dem Vorderen Orient – einer Theorie nach soll Alexander d.Gr. an ihr gestorben sein – war in New York eingeschleppt worden und hatte sich auch in Ontario verbreitet. Dort hatte man im letzten Jahr mehrere Tierkadaver gefunden, die mit dem Virus infiziert gewesen waren. Das Spray hinterließ auf allen glatten Flächen eine klebrige Sprühschicht. Also doch lieber Westnilfieber. Meine Konstitution war ja nicht durch Feldzüge und Exzesse so geschwächt wie es die Alexanders gewesen sein soll; ich hätte also Überlebenschancen.

Ein kleines, schwarz-weiß gezeichnetes Spechtweibchen (Downy Wood-pecker) hämmerte Morsezeichen auf einen hohlen Ast als Resonanzboden. In der Ferne antwortete ein anderer Specht in der gleichen Art. Nachmittägliches Schwätzchen zwischen Nachbarinnen oder Verabredung mit einem Lover? Bevor ich den Specht ausgemacht hatte, war ich einen Moment lang der Meinung gewesen, dass sich Pfadfinder in einer geheimen Morsesprache unterhielten.

 
Der Daoust Lake im (beginnenden) Frühling.
 
 
Über diese Stromschnellen im French River fuhren im 17. Jh. Missionare zu den Ojibwa-Indianern an der Georgian Bay.
Eines schönen Tages (wörtlich) fuhr ich weiter auf die andere Seite der Georgian Bay, auf die Insel Manitoulin. Dort fand ich einen Stellplatz mit Fensterblick auf eine der zahlreichen Buchten der Insel; ein Loon (Eistaucher) hatte sein Revier direkt in meinem Blickfeld, ein Biber schwamm am Ufer entlang und ein Waschbär versuchte, sich unter meinem Wohnwagen zu verstecken. Eine dichte Gruppe von kanadischen „Zedern“ (Thuja) schützte meinen Trailer vor Wind. Ein idealer Platz in einem parkähnlichen Gelände – solange die Touristen noch nicht strömten.
Das größte von sechs Indianerreservaten auf der Insel ist Wikwemikong (die Bucht des Bibers) im äußersten Osten. Im Reservat bilden Odawa (Ottawa), Ojibwa und Pottawatomi die „Föderation der drei Feuer“. Man sieht der Bevölkerung an, dass sie sich aus unterschiedlichen Stämmen zusammensetzt. In den Indianerverträgen von 1836 hatte man Manitoulin und seine Inseln den Indianern zugesprochen. Durch neue Verträge übernahm die Regierung 1862 das Indianerland. Lediglich die Häuptlinge von Wikwemikong weigerten sich, den neuen Vertrag zu unterzeichnen. Ihr Gebiet ist das einzige offiziell anerkannte „nicht abgetretene“ Reservat in Kanada mit dem Status von 1836.

Bereits 1648 hatte ein Jesuitenpater begonnen, die Indianer auf Manitoulin zu missionieren. Im Ort Wikwemikong errichteten die Missionare 1851 eine Kirche und daneben 1888 eine Residenz. Kirche und Residenz brannten 1954 ab.

Indianische Symbole schmücken die Tür der neuen römisch-katholischen Kirche in Wikwemikong auf Manitoulin.
Nach solchen Ausflügen „in die Fremde“ war es schön, wieder zurück in die eigene, warme Wohnwagenstube zu kommen.
Letztes Jahr bin ich auf dem Weg nach Norden dem Frühling hinterher gefahren – und den Moskitos. Dieses Jahr eilte ich dem Frühling voraus – und den Nachtfrösten hinterher. Pfingsten, ich war unterdessen in „The Soo“ (Sault Ste. Marie), erwischte mich eine erneute Schlechtwetterperiode. Vielleicht hätte ich mich doch nicht so sehr auf die Moskitos im Regenbogenland verlassen sollen. Was wussten die schon vom Wetter weiter im Norden? Hier, in dem 700 km entfernt und einen Breitengrad weiter nördlich gelegenen Algoma Distrikt war es regnerisch, windig und kalt. Im letzten Jahr hatte ich um diese Zeit in Toronto, noch ohne Wohnwagen und nur für den Sommer ausgestattet, gefroren. Dieses Jahr war ich besser ausgestattet, hatte meinen Wohnwagen und dennoch mir war nur noch kalt. Wenn ich hinaus in den Nieselregen blickte, auf die kahlen Bäume im Nebel, wenn ab und zu heftige Schauer auf das Dach meines Trailers trommelten, fühlte ich mich wie zu Hause in Hamburg – im November. Aber es war Mitte Mai!
Offenbar war ich nicht der einzige Deutsche, der falsche Erwartungen an das kanadische Wetter gestellt hatte. Mehrere Familien waren mit kleinen Kindern unterwegs. Sie liefen über Nacht den KOA-Platz (Kampgrounds(!) of America) an. Es war der einzige Campingplatz an der Durchgangsstraße nach Westen, der in dieser Gegend bereits voll in Betrieb war.
 
Frühling in Wawa
– und ich konnte ihm nicht entrinnen
„Wawa ist kein schlechter Ort für einen Aufenthalt“, versicherte man mir.
Es waren Durchreisende, die am gleichen Tag weiter fuhren. In meinem Kanadabuch stand, dass es in Wawa nicht viel zu sehen gäbe.
Am ersten schönen Tag war ich in The Soo wieder dem Frühling nach Nordwesten vorausgeeilt. Allerdings nur ganze 200 km. Dann hatte der Fahrer eines Tanklastwagens etwas gegen meinen Bärle-Express. Ich hatte einen Rastplatz gesehen, Gas weggenommen und wollte gerade zum Abbremsen auf den Standstreifen ziehen (machte ich aus Sicherheitsgründen immer – wenn möglich), als ich von hinten einen Stoß bekam. Mein Gespann setzte zu einer Linkspirouette an. Nach einer halben Drehung endete sie abrupt am Kühler des Tankers. Es ist nicht gerade das erhebendste Gefühl im Leben eines Menschen, links von sich den riesigen Kühler einesTrucks aufragen zu sehen, besonders, wenn dieser mit einer seiner Größe entsprechenden Heftigkeit an die Wagentür klopft. Nicht nur der Wohnwagen war hinten links eingedrückt und die Matratze vom hinteren Bettalkoven lag im Straßengraben, sondern auch Wagentür und Kotflügel waren demoliert; die Spiegel hatten sich in Einzelbestandteile aufgelöst.
Von der Tankstelle auf der anderen Straßenseite hatte man die Polizei und vorsorglich auch die Ambulanz verständigt. Beide kamen zur gleichen Zeit; die Ambulanz konnte jedoch unverrichteter Dinge wieder abziehen – niemand war verletzt!
Dass derartige Unfälle häufiger vorkommen, wusste ich. Nur hatte ich nicht damit gerechnet, dass es mir passieren würde. Bevor ich rechts ranfuhr, vergewisserte ich mich stets sorgfältig im Spiegel, ob jemand auffahren könnte – und fuhr eben weiter, wenn sich dicht hinter mir ein Fahrzeug befand. Den Tanklastenwagen hatte ich nicht im Rückspiegel gesehen. Er war bereits so dicht aufgefahren, dass er sich im toten Winkel der Rückspiegel befunden hatte.
Nach der Unfallaufnahme durch die Provinzpolizei von Ontario (OPP) durfte ich mein Gespann noch zu einem wenige Kilometer entfernten Campingplatz fahren. Und dort konnte ich sogar weiter im Wohnwagen übernachten; alle Systeme funktionierten noch und der vordere Bettalkoven war ja unbeschädigt.
 
Bremsspur des Trucks.
 
Ein etwas ramponierter Bärle-Express.
Dank meines ausgeklügelten Sicherungssystems (naja, das Eine oder Andere hatte auch meine Schwester dazu beigetragen) war im Wohnwagen lediglich die Zuckerdose zu Bruch gegangen. Die Duschkabine hatte eine gute Knautschzone für Kühlschrank und Heizung abgegeben und war jetzt stark verbogen. Wenn mir beim Waschen oder Zähneputzen etwas aus der rechten Hand fiel, musste ich unter den Trailer kriechen, um es aufzuheben. Bei einer solchen Gelegenheit fiel mir auch auf, dass sich die Rohrverbindung am Abwassertank der Duschkabine verschoben hatte und undicht war. Ich kaufte eine Schüssel zum Unterstellen.
„Bei uns gibt es Beauty Shops für Damen, hier in Kanada sind es, den Bedürfnissen der hiesigen Damen entsprechend, Body Shops“, dachte ich, als ich das Wort zum ersten Mal hörte – bis man mir einen Body Shop für meinen lädierten Camry empfahl – einen Beauty Shop für Autos.
Gleich das nächste Wochenende nach Pfingsten war wieder ein „langes“ Wochenende (Victoria Day). Die Reparaturwerkstatt schloss bereits am Freitag, weil Earl, der Chef, ein begeisteter Hobbyangler war.
Ich musste warten und erlebte in Wawa – ich weiß nicht mehr, zum wievielten Male – Frühling in Ontario: Nach einem warmen Tag die ersten Blätter an Sträuchern, die ersten Wildblumen, die ersten Moskitos und, quasi über Nacht, das erste Grün an den Espen (außer Birken die einzigen Laubbäume im Nordland) und die Gänse, die mir jetzt auch hierher gefolgt waren. Wawa heißt Wildgans in Ojibwa. Abends, auf der Bank vor dem Wohnwagen neben dem Feuer, überwand ich bei Pfeife und Wein allmählich den Schock. Leicht verräuchert und beschwipst stieg ich ins Bett.
Wawa hatte einen entscheidenden Nachteil: Es war Bell´s country – hier hatte die Telefongesellschaft Bell ihr Monopol. Für mein Handy und meinen Internetanschluss über den Laptop brauchte ich jedoch das Netz von Roger´s Wireless. Ich musste wieder auf altbewährte Kommunikationsmethoden zurückgreifen: auf Kartentelefon und öffentliche Bibliothek mit Internetzugang.
Bis 1998 war Wawa eine typische Minenstadt gewesen; dann schloss das letzte Erzbergwerk. Heute sind Weyerhaeuser mit seiner Holzindustrie und die Touristen die Hauptarbeitgeber für die 3700 Einwohner.
Seine Existenz verdankte Wawa einer Indianerin. 1897 entdeckte eine Ojibwa bei ihrem Lager am Lake Wawa zufällig Gold. Der Goldfund löste einen Goldrausch aus (gleichzeitig mit dem in Klondike), der bis 1906 anhielt. Später betrieben große Minengesellschaften einen kommerziellen Goldabbau, der mit dem zweiten Weltkrieg zum Erliegen kam. 1898 hatten Prospektoren auch reiche Eisenvorkommen entdeckt. Um die Jahrhundertwende entstanden die ersten Erzbergwerke in der Region. Die Indianerin, die den Goldrausch ausgelöst hatte, soll der Überlieferung nach lediglich 500 $ für ihren Fund erhalten haben.
An sandigen Uferstellen des Michipicoten River sah ich das Wasser vor lauter Goldpartikelchen flimmern. Das brachte mich auf die Idee, mich als Goldwäscher zu versuchen. Im 19. Jahrhundert wäre ich wohl verhungert, da ich Katzengold nicht von echtem Gold unterschied. Die meisten (Katzen-)Goldteilchen waren entweder zu klein zum Aufheben oder so dünn, dass sie zerfielen, sowie ich sie berührte. Meine Ausbeute nach stundenlangem Plätschern im Fluss beschränkte sich auf wenige, winzige dünne Goldplättchen, die nicht einmal die Hälfte vom Nagel meines kleinen Fingers bedeckten.
Bevor Gold gefunden wurde, hatte sich an der Mündung des Michipicoten River in den Lake Superior ein Umschlagplatz für den Pelzhandel befunden. Den ersten Handelsposten hatten die Franzosen 1725 errichtet; von 1827 an war der Michipicoten-Posten 60 Jahre lang das Hauptquartier der Hudson´s Bay Company für den Lake Superior. Von hier aus führten Kanurouten nach Weste bis Fort Williams, nach Osten bis Montreal und nach Norden über den Michipicoten, Missinaibi und Moose River zum Handelsposten der Gesellschaft an der James Bay.

Während ich untätig auf dem Campingplatz bei Wawa herumsaß, lernte ich meine täglich (besser: nächtlich) wechselnden Nachbarn schon an ihren Fahrzeugen zu unterscheiden. Zu dieser Jahreszeit waren drei Gruppen von Campern unterwegs: Rentner aus Kanada, Rentner aus den USA und Touristen aus Europa. Wenn Neuankömmlinge ein Boot dabei hatten, waren es Kanadier, wenn sie ein Auto im Schlepptau ihrer Wohnwagenburg hatten, waren es US-Amerikaner. Die Touristen aus Europa – meist intellektuelle Deutsche – fuhren Leihwagen, kleinere Fahrzeuge mit Firmenlogos und z. T. mit phantasievollen Landschaftsbildern bemalt. Alle drei Gruppen hatten eines gemeinsam: möglichst viele Kilometer pro Tag zurückzulegen. Wohin die Kanadier und US-Amerikaner fuhren, bekam ich selten mit. Die Deutschen waren von Osten nach Westen oder in umgekehrter Richtung einmal quer durch Kanada unterwegs. Sie standen ständig unter Stress, um ihren ausgearbeiteten Reiseplan einzuhalten. Ich hingegen saß müßig auf meiner Bank vor dem Wohnwagen, lauschte auf die Stimme(n) der Natur – und sehnte mich nach etwas Stress!

 
Veilchen am Bach – kanadische Version.
 
Romantischer Wasserfall bei Wawa.
 
(Katzen-)Goldstaub im Michipicoten.
  
 

 Teil 2

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