Here we go, Canada

 
 

                                                           Hardy was there, April 25 - Sept. 20. 2004

E. Franz
Hamburg, Oktober 2004
 
Inhalt
Bild
Kanada – Achtung, ich komme
(Here we go, Canada)
Im Reiche der Moskitos
(Vacation time – moskito time)
Hallo, Leute
(Hi there)
Mit dem „Bärle-Express“ unterwegs
(My name is Cub, Bear Cub)
Von den Bären zu den Bisons
(„How are you today?“ – „I woke up!“)
Ein Spritzer Arktis – ganz ohne Elche
(From the Bear Cub Express to the Polar Bear Express)
Das war ... „Spitze
(I had a great time)
 

 
 Kanada – Achtung, ich komme
(Here we go, Canada)

Die Stewardessen der British Airways waren so unattraktiv wie eh, auch wenn die meisten von ihnen nur noch Blusen mit dem geschmacklosen Design eines Polstermöbelbezugs der sechziger Jahre trugen. Selbst der schmale, kahl geschorene Flugbegleiter trug eine Krawatte mit diesem Muster. Er verschenkte sein flüchtiges Lächeln nur an ausgewählte männliche Fluggäste.

In der engen, speziell entlüfteten Raucherecke des Flughafens Heathrow mied man Blickkontakte untereinander. Man wirkte schuldbewusst. Die wenigen, ungemütlichen Barhocker waren besetzt; die meisten Raucher standen in sich gekehrt und zogen mehr hastig als genussvoll an ihren Glimmstängeln. Trotz des Andrangs herrschte um mich, dem Pfeifenraucher, ein respektvoller Sicherheitsabstand. Auch hier bei den Rauchern gab es noch keine echte Gleichberechtigung – zwei Drittel von ihnen waren Männer.
In Toronto brachte mich der Taxifahrer, ein Sikh mit Bart, aber ohne Turban, vom Flughafen zu einem Hotel der Hilton-Gruppe. Mit „dem“ Hilton hatte es nur den Zugehörigkeitsverweis gemeinsam. In diesem Hotel habe ich in einer Nacht drei Zimmer benutzt. Das einsame Mädchen an der Rezeption hatte kassiert und mir eine Zimmerkarte gegeben. Im Zimmer lagen noch verstreut die Sachen einer Frau herum – unter der Dusche habe ich sie nicht überraschte.
Im nächsten Zimmer musste ich mein generelles Verständnis für ungewohnte Techniken unter Beweis stellen. Bei dem Versuch, die Dusche in Betrieb zu nehmen, brach ich allerdings den Wasserhahn ab. Das Wasser spritze aus allen Rohren. Es war Sonntagabend. Das Mädchen an der Rezeption musste den Hausmeister herbei telefonieren. Inzwischen lief die niedrige Badewanne über. Es könnte ein Fabrikat aus Hongkong gewesen sein, dort für Größe XXL. Hier jedenfalls war es eine reine Po-Wanne. Als der Hausmeister kam, offenbar ebenfalls ein Inder, war das Bad bereits überflutet. In Socken watete er zu der Unfallstelle. Dort stellte er fest, was ich schon lange wusste: Der Haupthahn musste zugedreht werden. Bloß, der befand sich in einem verschlossenen Wandkasten. Den Schlüssel dafür musste der Hausmeister erst organisieren. Ich bekam mein drittes Zimmer. Das Duschvorhaben hatte ich unterdessen auf den nächsten Tag verschoben.

Der entscheidende Unterschied dieses Hotels zu den wesentlich billigeren Motels, in die ich danach umzog, war das Frühstücksbüfett. Nach dem Frühstück warf man sein Geschirr in eine große Tonne. Sie war aus Plastik – wie auch Geschirr und Besteck.

Ein warmer Südwind ließ die Temperatur auf über 20 Grad ansteigen. Jetzt fiel die Vorstellung schwer, dass es vorgestern noch a...kalt gewesen war. So kalt, dass die Pfützen über Nacht Eis angesetzt hatten, den Grackles, wohl entfernten Verwandten unserer Stare, ihr Tschackern vergangen war und Wildgänse ermattet auf dem Rasen vor dem Motel gelandet waren. Mit klappernden Zähnen hatte ich da der Reise keine humorigen Seiten abgewinnen können. Auf das kalte Wetter zu dieser Jahreszeit war ich nicht vorbereitet – schon gar nicht kleidungsmäßig. Das Erste, was ich mir in Kanada kaufte, war eine warme Unterhose.

Die teuren Taxifahrten in der ersten Woche hatten sich bezahlt gemacht. Sie waren Verkehrsunterricht – ich habe mich auch immer neben den Fahrer gesetzt – und Erkundungsfahrten in den nördlichen Randgemeinden von Toronto gewesen. Zwischen dem Highway 7 im Norden und der Steels Avenue im Süden, der Hurontario Street im Westen und dem Expressway 400 im Osten kannte ich mich schon fast besser als in Hamburg aus. Vor allem aber waren die Taxifahrer meine Pfadfinder, moderne Scouts, die mir beim Überleben halfen. Die meisten Taxifahrer in Bramalea und Brampton sind Sikhs, Sikhs in allen Stadien der Integration: mit Turban und Bart, nur mit Bart oder, die Jüngeren, ohne jedes äußere Zeichen. Neben ihrem indischen Englisch fühlte ich mich fast anglophon. Als immigrierte Minderheit haben sie das Überleben in ihrer DNA. Sie kannten sich im Nordosten von Toronto gut aus, zeigten mir die beste Bank, um ein Bankkonto zu eröffnen, berieten mich beim Autokauf, kannten Agenturen für die obligatorische Autoversicherung, wussten, wo die nächste Niederlassung des kanadischen Automobilclubs war und wo man kostenlos ins Internet gelangen konnte. Der „farbige“ Boy, der mich einmal fuhr, war zwar außerordentlich hilfsbereit, verstand aber Bahnhof. Als er während der Fahrt mit Verwandten telefonierte, verstand ich Bahnhof.
Durch die Taxifahrten gut vorbereitet, wagte ich mich in der zweiten Woche mit einem Leihwagen zuversichtlich in den Verkehr von Toronto. Die Leihgebühren waren zwar auch nicht geringer als die Taxikosten, aber ein Auto zur Verfügung zu haben, bedeutete für mich den Wiedereinstieg in die Menschheit. Kein 1000 m-Marsch mehr bei Regen und Kälte vom Motel zum nächsten Imbiss und endlich freie Wahl zwischen (fast) allen Küchen der Welt in ihrer kanadischen Variante – Spare Rips und Chicken Wings, Fries und Ketchup – selbst beim Chinesen.Nur ein kurdisches Restaurant fand ich nicht.    
Um den passenden Wohnwagen für den Campry, den ich in Bramalea kaufen wollte, zu finden, suchte ich die Händler für Freizeitfahrzeuge nördlich von Toronto auf. Der Charme von Barrie fing mich ein. Nur etwa 100 km nördlich von Toronto am Lake Simcoe gelegen, hatte die Stadt mit den vielen kleinen, älteren Häusern und deren verspielten Holzvorbauten, mit ihrer Lage am sanft ansteigenden Uferhang und mit den zahlreichen angebotenen Wohnungen das Flair eines Ostseebads. Hier grüßte man sich noch beim Spaziergang auf der Uferpromenade, auf der Straße ging man mit einem leicht entschuldigenden Lächeln aneinander vorbei. Der Name „Kempenfelt Bay“ für die Bucht, an der die Stadt liegt, sagt viel über ihren Charakter aus.

Auf dem Rückweg von Downtown Barrie zu meinem Motel beobachtete ich ein Eichhörnchen beim Russischroulettspielen: Es huschte gleich drei Mal über die stark befahrene Ausfallstraße – oder waren es drei Verschiedene, die ich nur nicht voneinander unterscheiden konnte?

In Barrie und Umgebung haben die wohlhabenderen Torontoner ihr Sommerhäuschen. Der Expressway 400 ist ab Freitag Mittag in Richtung Barrie hoffnungslos verstopft und ab Sonntag Mittag in Richtung Toronto.

Beim zweiten Besuch in Barrie blühten Flieder und japanische Kirschen. Fast hätte ich den Weg zum Motel nicht mehr gefunden. Die inzwischen belaubten Bäume verdeckten alle Wegmarken, die ich in Erinnerung hatte. Aber irgendwie landete ich dennoch nicht im Hilton sondern in dem preiswerten Lake Simcoe Motel. In Barrie erlebte ich meinen zweiten Frühling – in diesem Jahr. Am Tag vor der Abreise waren meine Söhne mit mir zur Obstblüte in Werder gewesen. Auch dort hatten einige japanische Kirschbäume geblüht. Und geregnet hatte es genau so wie in Barrie. Über der Bucht lag Dunst, der sich zum See hin zu Nebel verdichtete.

Fragt man einen Kanadier nach der Entfernung, gibt er die Fahrzeit an, und auf die Frage, wie viel sein Auto auf 100 km verbrauche, kann er nur angeben, wieweit er mit einer Tankfüllung kommt.

In der Informationsbroschüre des ADAC über Autokauf in den USA und in Kanada heißt es zwar, dass man eine Adresse angeben muss, an die dann der Fahrzeugbrief geschickt wird. Dass man aber ein kanadisches Autokennzeichen nur dann vom Transportministerium erhält, wenn man einen festen Wohnsitz in Kanada nachweisen kann – den von Verwandten, von Freunden oder von einer Firma z. B. – wird nicht besonders hervorgehoben. Mein Autohändler war ganz findig, er „erfand“ eine Adresse.

Auto und Wohnwagen waren abholbereit, ich musste sie nur noch bezahlen. Mein Geld sollte von Hamburg über Tokyo nach Toronto kommen. Ich hoffte nur, dass ich nicht das Flugticket für die Reise meines Geldes um die Welt bezahlen musste. Nach zehn Tagen hatte ich schließlich die Gewissheit, dass das Geld wieder auf meinem Konto in Hamburg war – abzüglich der Reisekosten! Ich hatte zwar noch immer kein Geld, aber die Bank war um 350 € reicher. Offenbar hatte es Deutschland „wegen ungenauer Angaben“ gar nicht erst verlassen. Die Banksysteme waren wohl nicht kompatibel, jedenfalls nicht für meine Hamburger Provinzbank. Der Versuch meines Sohnes, es über seine Postbank zu schicken, wenn auch in Raten, klappte da besser.

Auf Banküberweisungen zu warten ist auch eine Art, Kanada und die Kanadier kennen zu lernen. So lernte ich nicht nur die Trabantenstädte im Nordwesten um Toronto kennen sondern auch Boris, den Slowenen mit seinem Wein aus eigener Herstellung, der kurz zuvor einen Imbiss eröffnet hatte und dessen Frau eine gute Suppenköchin war. Nur, niemand in Kanada wollte ihre Suppen. Ich machte auch die Bekanntschaft von Stanley, den Dalmatier, der mit 80 Jahren noch immer in seinem Motel, dem Vaughan Inn, täglich nach dem Rechten schaute, und auch die eines Maurers aus „The Soo“ (Sault Ste. Marie), der aus Venedig stammte. Sein Lieblingswort war „f... you“. Alle waren überzeugte Kanadier, die in ihrer Jugend hierher gekommen waren.

Herumsitzen und Warten war bei diesem Wetter tödlich langweilig. Ich kann mich nicht erinnern, je während einer Reise so häufig Hemden und Socken durchgespült zu haben.

Für Kanada hatte ich bequeme Sachen eingepackt; nicht gerade die Neuesten, aber eben bequem. Beim ersten Spaziergang „um den Block“ – so ein Block war hier in Vaughan 2000x2000 m (falls meine Karte maßstabsgetreu war) – gab das erste Paar Schuhe seinen Geist auf: Beide Sohlen brachen in der Mitte durch. Wenn sich das bei den anderen Sachen so fortsetzt, werde ich wohl nackt und barfuß nach Deutschland zurückkehren.

Endlich hatte ich dann doch meinen Wagen und zwei Tage später meinen Wohnwagen. Wie versprochen war der Wohnwagen „sauber“ – allerdings ohne Mitwirkung von Frau Klementine. Ich hatte noch eine Zeit lang zu tun, bis ich herausgefunden hatte, welches Putzmittel wofür zuständig war. Meister Proper sah genau so aus wie in Deutschland, hieß hier aber Mister Net. Andere Putzmittel konnte ich nicht so leicht identifizieren. Da kam es schon mal vor, dass ich statt Geschirrspüler WC-Reiniger im Einkaufswagen hatte. Nur gut, dass auch Dr. Oetker seine Produkte in Kanada anbietet – ich musste also nicht auf meine gewohnte Pizza verzichten.

Die erste, kurze Fahrt vom Händler zum Campingplatz fand unter erheblichen Adrenalin Ausstoß statt. Den Anhänger rückwärts auf den Stellplatz einzuparken, gelang mir nicht. Der Platzbesitzer erledigte es für mich. Alle Systeme funktionierten. Ich konnte sie der Reihe nach ausprobieren, zuerst die Klimaanlage und in den nächsten Tagen bei Dauerregen die Heizung. Bei der Größe der Provinz Toronto ist die Wettervorhersage nie ganz genau. Keiner glaubte an eine wirkliche Schlechtwetterperiode in seinem Gebiet. Wirklich Bescheid wussten nur die Moskitos. Am Tag vor dem Regen und danach zwischen den Regenpausen waren sie überall, selbst im Kühlschrank. Hinterher lagen blutige Leichen herum – von erschlagenen Moskitos. Na ja, sie hatten wenigstens ihre Henkersmahlzeit gehabt. Etwas Gutes hatte der Regen: Ich konnte feststellen, dass der Wohnwagen regendicht ist. Selbst der zeltartige Bettanbau blieb bei Platzregen trocken. Was mir nachts ins Gesicht spritzte, war nur das Kondenswasser von innen.

Bei den schweren Gewitterschauern wagte ich mich nicht mehr vor die Tür; das dringendste Bedürfnis verkniff ich mir so lange wie möglich, zumindest solange, bis die Sachen vom letzten vor die Tür gehen wieder trocken waren. Mir kamen Zweifel, ob meine Idee so gut gewesen war, an Stelle der Chemietoilette in der Duschkabine ein Waschbecken einbauen zu lassen. Der Wohnwagen hatte nur ein Becken neben dem Herd gehabt und ich wollte nicht immer erst das Geschirr spülen müssen, bevor ich mich waschen konnte.

Im Süden der Provinz hatten zwei Tornados Häuser demoliert und Stromleitungen gekappt. Auf meinem Campingplatz standen die meisten Stellplätze knöcheltief unter Wasser. Mit meinem Platz hatte ich Glück. Er hatte einen soliden Untergrund aus Kies, und ich musste nur durch zwei Pfützen, um auf den Hauptweg zu gelangen. Kein Grund für die Kanadier, auf „ihr“ Barbecue zu verzichten. Jedesmal, wenn der Regen etwas nachließ, entfachten sie erneut ihre Holzfeuer und hockten mit angezogenen Beinen auf primitiven Sitzen unter großen Planen daneben. Der Qualm vom nassen Holz vermischte sich mit dem vom verbrannten Fett.

Der Wohnwagen wies weit mehr ungewohnte Techniken auf als meine Motelzimmer bisher. Mit dem mir eigenen technischen Verständnis erkundete ich sie nach dem Motto „Do-it-yourself und lerne“. Ich lernte! Dass ich jetzt zum Aufrollen meiner Markise auf das Dach des Wohnwagens klettern muss und dass mein Wasseranschluss ständig tropft, so dass ich den Wohnwagen immer leicht zur Seite geneigt parken muss, damit das Wasser nicht nach innen läuft, sind dabei kaum erwähnenswerte Nebensächlichkeiten.  

 
 Er zieht ihn vorn, den Trailer  "Franz".
Das ist er halb                                  und das jetzt ganz, der Trailer "Franz".
Hier ist man drin                                und ruht hier sanft, im Trailer "Franz"
 
 Im  Reiche der Moskitos
(Vacation time mokito time)

Im Juni besuchte mich Ute, meine Schwester. Das ungewöhnlich kühle Wetter hielt an. Auf dem Campingplatz bei Niagara glaubten wir nachts das Tosen der Fälle zu hören und ihr Beben zu spüren. Es war ein Platzregen auf den Wohnwagen, begleitet von Blitz, Donner und Sturmböen, die den Trailer schwanken ließen. Nach den ersten durchfrorenen Nächten kauften wir zusätzliche Decken und ließen die Heizung über Nacht laufen. Insgesamt gesehen hatten wir jedoch Glück mit dem Wetter. Immer wieder kam die Sonne durch und an windstillen Plätzen war es manchmal richtig warm. Nur ein Reisetag war wirklich verregnet. Kalt und regnerisch war es vorwiegend nachts – wenn meine Schwester Wäsche aufgehängt hatte. Bis wir endlich in einem Geschäft eine Wäscheleine gefunden hatten, benutzten wir dazu das Stromanschlusskabel des Trailers. Es war lang genug, um auch noch als Leine zwischen zwei Bäume gespannt zu werden.

  
Ute als angepasste Indianerin.

Auf unserer Route nach Norden zogen wir dem Frühling hinterher – und den Moskitos. Die schwarzen „Drachenfliegen“, Libellen, die angeblich die Moskitos fressen, waren hier noch nicht geschlupft. Unsere Ankunft auf einem Campingplatz verbreitete sich jeweils wie ein Lauffeuer unter den dortigen Moskitos. Schon während des Abkoppelns und Aufbockens des Trailers griff die erste Welle an. Erfolgreich waren diejenigen Moskitos, die sich unter die Brille oder auf einen Finger setzten, wenn ich keine Hand zur Abwehr frei hatte. Wenn die erste Welle trunken davon torkelte, kam die zweite – beim Anschließen von Strom und Wasser und beim Aufbauen der Schlafzeltalkoven. Obwohl mein Einsatzbereich mehr außerhalb und der meiner Schwester mehr innerhalb des Trailers lag (Betten richten, Essen kochen), litt sie stärker unter den Moskitos als ich. Sie gingen ihr unter die Haare in den Nacken und sie fanden einen winzigen Spalt zwischen ihrem T-Shirt und ihrer Hose. Nur wenige Male konnten wir, umnebelt von Moskito abwehrenden Räucherstäben, -spiralen und -kerzen, im Freien sitzen. Einen Nachschlag bekamen die Moskitos, wenn Ute Lagerfeuerromantik wollte. Bis mich der Qualm einhüllte und die Moskitos vertrieb, hatten sie ihren Jahresvorrat getankt.

Beliebte Jagdreviere der Moskitos waren auch die Waschräume auf den Campingplätzen. Während des Duschens hielt der warme Dampf die Meisten in Schach und den Rest konnte ich mit der Hand abwehren. Sobald ich mich jedoch auf die Toilette setzte, war ich ihnen hilflos ausgeliefert – dort kamen sie von unten!

Die Waschräume und Toiletten waren ein Kapitel für sich. Einige waren für Dreiarmige eingerichtet: Eine Hand musste den Hahn bzw. den Knopf in der Dusche ständig festhalten, weil er sich automatisch zurückdrehte. Mit den anderen beiden Händen konnte man sich dann waschen. Das Toilettenpapier war meist einlagiges „Fingerpapier“ – es bedurfte einer eigenen Technik, um nicht alles an den Fingern zu haben. Verwirrend für mich waren auch die uneinheitlichen Zeichen für Männer und Frauen. Als ich auf der Fähre über den Lake Huron die Toilette verließ, kam meine Schwester aus der Nebenkabine. Ich hatte die Zeichen verwechselt. Nicht alle Toiletten hatten eine Verriegelung. In einem Fernfahrerrestaurant stürmte Ute in die Toilette – und überraschte dort einen Mann, der gerade Wasser ließ.

Meine Schwester war gekommen, um die Weiten Kanadas zu „erfahren“, und sie hatte den festen Vorsatz, mir Dosensuppen und Tiefkühlpizzen abzugewöhnen. Dazu brauchte sie „gesunde“ Nahrung. Das Erste, was ich ihr gleich nach der Ankunft zeigte, war daher die Weite eines Einkaufszentrums, einer City Mall. Noch hatte sie keine Ahnung, was sie in meiner Dosenküche erwartete! Am nächsten Tag setzten wir die Begehung der Mall fort, diesmal, um Küchengeräte zu kaufen: Mein Brotmesser eignete sich nicht zum Kartoffelschälen, mein Pfannenmesser zerkratzte die Pfanne, mein Kochlöffel war zu weich und meine Nagelschere fand sie als Küchenschere dann doch nicht so geeignet. Nebenbei entdeckte meine Schwester das leichte kanadische Bier.

Die nächste Weite, die meine Schwester erfuhr, war die eines Häuserblocks. Die Station der Untergrundbahn zur Innenstadt von Toronto war nur einen Block vom Einkaufszentrum entfernt und ich wollte den gebührenfreien Parkplatz vor der Mall nicht gegen einen gebührenpflichtigen bei der Station tauschen. Der Wind blies durch ihre dünne Sommerkleidung; sie fror still vor sich hin. Es war ein so trüber Tag, dass wir vom CN-Tower, von dem man angeblich über den Ontario See bis zu den Niagarafällen sehen kann, nicht einmal den See sahen.  

Der CN-Tower bescherte uns einen der ersten „verpassten“ Höhepunkte unserer Rundreise durch die Provinz Ontario. In dem Dreh-Restaurant, wohin ich meine Schwester zum Essen einladen wollte, waren keine Plätze frei. Bei dem trüben Wetter waren wir nicht einmal darüber enttäuscht. Als Nächstes „verpassten“ wir den als unbedingt sehenswert empfohlenen Farmer Market in St. Jacobs, wo sich dienstags die Mennoniten in ihrer Tracht aus dem 19. Jahrhundert mit ihren Pferdedroschken treffen. Wir hatten uns auf dem Weg von Niagara dorthin zu oft verfahren. Auch an der bekannten überdachten Brücke im Mennonite Country fuhren wir vorbei – wir hatten wieder einmal die Abzweigung nicht gefunden. Die Prospekte legten den Besuch des Restaurants im Discovery Habour, einem Museumshafen bei Penetanguishene, nahe – wir verpassten den Mittagstisch. In Sault Ste. Marie packten die Teilnehmer des zweiten internationalen Trommlerfestivals gerade ihre Instrumente ein als wir ankamen; für eine Bootsfahrt durch die Schleusen für Hochseeschiffe, die den Lake Superior mit dem Lake Huron verbinden, fanden sich nicht mehr genügend Teilnehmer; ein hoher Wasserstand blockierte den Weg zu den indianischen Felszeichnungen am Oberen See und in Timmins sollte die Führung durch die unterirdische Goldmine erst zwei Tage später stattfinden, einmal wöchentlich statt täglich, wie auf der Webseite angekündigt. Als krönenden Abschluss der Reise hatte ich einen Ausritt im Westernstil vorgesehen. Bei der Ranch angekommen, empfing uns ein Schild: „Geschlossene Veranstaltung. Bitte kommen Sie zu einem anderen Zeitpunkt wieder“ –was uns überhaupt nicht mehr überraschte (der Ausritt fand dann am nächsten Tag doch wie vorgesehen statt). Nach The Soo (Sault Ste. Marie) lautete die morgendliche Frage meiner Schwester: 

„Haben wir heute etwas vor, was wir verpassen müssen?“

Hatte ich schon allein ein Problem gehabt, mir zu merken, wo ich gerade welches Schlüsselbund liegen gelassen hatte, so verdoppelte sich dieses Problem nach der Ankunft meiner Schwester. Im Anfang waren wir ständig am Suchen: Feuerzeug, Pfeifenstopfer, Auto- und Wohnwagenschlüssel, Socken, Kamm (Letzterer fand sich nicht in der Butter, aber in ihrer Nähe). Meine Schwester sah sich das nicht lange mit an und brachte erst einmal weibliche Ordnung in den Junggesellen Trailer. Sie führte Wandhaken, Kartons, Frischhaltebeutel und Plastikschalen ein. Nach ihrer Abreise fand ich so nach und nach fast alles wieder, einige liebevoll vorgekochte Speisen allerdings erst in verschimmelten Zustand. So entdeckte ich die mit Käse überbackenen Tomaten in der Backform rein zufällig, als ich die Bratröhre öffnete. Gewundert habe ich mich über die Kartoffeln in meinen Schuhen. Sie waren wohl beim Fahren hinein gekullert.  

Im Trailer war nur wenig Stauraum. Ich hatte Ute eine halb offenen Ablage über ihrem Bett frei geräumt. Auch ihr gelang das Verstauen der Wäsche in der Ablage nicht auf Anhieb. Nach der ersten Fahrt lagen ihre Höschen, BHs, Blusen und Strumpfhosen malerisch verstreut auf dem Boden im Wohnwagen. Aber schon noch kurzer Zeit verstaute sie ihre Sachen so gut, dass sie einige Söckchen und Strumpfhosen erst wiederfand, als sie am Schluss der Reise packte.  

Um vom Campingplatz im Norden der Stadt nach Niagara zu gelangen, musste ich mit dem Trailer über das z. T. vierzehn spurige Autobahnnetz in Toronto fahren (die Standstreifen nicht mitgezählt dienten drei Spuren in jeder Richtung dem Durchgangsverkehr und die übrigen den Ausfahrten bzw. Zubringern). Ich hielt mich stur auf der mittleren Spur, um nicht unversehens auf einer Abbiegerspur zu gelangen. Rechts und Links überholten mich andere Autos und riesige Laster mit sechs bis sieben Achsen. Sie fuhren mindestens 120 statt der erlaubten 100 km/h. Ein reines Glücksspiel war das Einfädeln in die nächste Autobahn. Beachtet der Fahrer im Wagen auf der rechten Spur mein Blinksignal oder gibt er Gas?

Nach Möglichkeit vermieden wir die Autobahnen. Am liebsten fuhren wir Nebenstraßen. Sie verlaufen schnurgerade bergauf und bergab. Gelegentlich machen sie einem scharfen Knick nach rechts oder links und dann wieder nach links oder rechts. Sie waren anscheinend nach frühen Vermessungen, bei denen die einzelnen Messtischblätter nicht genau aneinander anschlossen, gebaut worden. Wenn diese Knicks mit einer kreuzenden Straße zusammenfielen, verfuhren wir uns regelmäßig.   

Das ständige Geradeausfahren war mir zur Gewohnheit geworden. Wie sehr, zeigt folgender Standarddialog:

„Müssen wir hier abbiegen?“

„Ja“

„Okay“ ...

„Warum bist du weiter geradeaus gefahren?“

Bei der nächsten Gelegenheit wendete ich dann und fuhr zurück. Ich wurde regelrecht zu „Hardy, the king of turning“. Das war, solange mich Ute noch nach der Karte lotste. Später löste sie mich des Öfteren beim Fahren ab. Da musste sie das Wenden lernen.

Während unserer Rundreise durch die Provinz Ontario gerieten wir auch in mehrere Staus – gottseidank nicht vor, sondern hinter uns. Einmal suchten wir eine Abfüllstation für Propangas. „Propan, Gas, Benzin“ las mir Ute die Firmenschilder am Rand der Straße vor. Bei diesem deutsch-englischen Wortgemisch hätte ich stutzig werden sollen. So aber landeten wir auf einem Schrotplatz. 

Da der Trailer für zwei Personen etwas eng war, mussten wir uns einigen, wer sein Handtuch wo aufhängt und wo seine Schuhe hinstellt. Wir hatten eine Matte an der Tür, auf die wir unsere schmutzigen Schuhe von draußen aus und sauber für innen anzogen. Ute stieg rückwärts in den Trailer ein, um ihre Schuhe für draußen gleich parat zu haben; ich musste rückwärts aussteigen, weil ich vorwärts eingestiegen war und meine Schuhe falsch standen. Bei den diversen Schuhen und Sandalen am Eingang passierte mir eines Nachts, dass ich schlaftrunken mit zwei linken Sandalen zum WC wankte. Ute entfernte sich nachts nicht gerne weit vom Wohnwagen – und das nicht erst, nachdem ihr auf einem Campingplatz in der Nähe der Waschräume am helllichten Tag ein Bär über den Weg gelaufen war. Das hatte gewisse Nachteile. Als es einmal sehr windig war, kam sie mit nassen Hosenbeinen wieder.

Auf der Fahrt durch die kanadische Taiga hörten wir uns eine CD an, die Ute in einem indianischen Handelsposten gekauft hatte. Ich fand das Prasseln des Regens als Hintergrundgeräusch auf der CD etwas künstlich und unpassend. Als sie die CD herausnahm, prasselte es weiter. Das Verbindungskabel vom Wagen zum Trailer hatte sich gelöst und schleifte auf der Straße. Einige Drähte waren bereits blank gescheuert. In der nächsten Werkstatt (50 km entfernt) besorgte ich Isolierband und behob den Schaden. Da der Stecker nicht mehr hielt, sicherten wir das Kabel anfänglich mit Isolierband, später dann mit Blumendraht.

Es gab aber auch Dinge, die ich nicht reparieren konnte. Zum Beispiel die Anzeige für die Abwassertanks. Die Anzeige vom Küchenbecken stand erst auf drei Viertel, während in der Duschkabine das Spülwasser bereits über den Boden schwappte, und die vom Tank für das WC – jetzt Waschbecken – stand auf halbvoll, als mir beim Zähneputzen der letzte Becher mit dem Zahnputzwasser von unten wieder entgegen kam und über die Füße lief.  

Unter der Regie von Ute setzte sich die Dezimierung meiner Garderobe fort. Gleich am ersten Tag kaufte sie mir einen neuen Gürtel und bestand darauf, dass ich den alten entsorgte. Beim Ausritt verlor ich einen Absatz an meinen schwarzen Schuhen. An den Spitzen löste sich bereits die Sohle und die Zierränder hatten Bruchstellen. Auch diese Schuhe wanderten in den Mülleimer, gefolgt von einem Hemd, dessen Kragen völlig durchgescheuert war. Aber ich will ja nur noch drei Monate hier bleiben. Es besteht also Hoffnung, dass ich doch noch wenigstens mit Hemd und Hose nach Deutschland zurückkehre.

Ute und ich waren ein eingespieltes Team geworden. Das Abschiednehmen fiel uns beiden schwer. Unsere Gemütsverfassung während der letzten gemeinsamen Tage äußerte sich im folgenden Gespräch:  

„Gib mir dein Handtuch zum Aufhängen!“  

„Hier“ 

Etwas später:  

„Wo ist mein Handtuch?“

„Aufgehängt.“

„Ich brauch es aber!“

„Warum hast du es mir dann zum Aufhängen gegeben?“

„Ich dachte, ich hätte mich schon gewaschen.“

Oder aber in der Frage:

„Sag mal, schreibt man Kanu mit K oder mit N?“

Meine Schwester verließ mich schweren Herzens, voller Sorge, ob ich mich auch ohne sie weiterhin gesund ernähren würde – sicherheitshalber überließ sie mir vier teure Vitaminpräparate – ob ich auch die richtigen Abzweigungen finden würde, wenn ich allein durchs Land fuhr und ob ich meine sieben Sachen auch ohne ihre Hilfe zusammenhalten könnte. Nach der ersten Tagesfahrt ohne sie tropfte eine rote Soße aus dem Hängeschrank über der Kücheneinheit. Das Rot konnte ich schnell als Paprikapulver identifizieren. Die Tüte mit dem Paprika war umgekippt und aufgegangen. Aber die Flüssigkeit? Hinter der nächsten Klappe fand ich die Antwort. Dort hatte ich den Zerstäuber mit Utes Insektentinktur hineingestellt – und der war umgekippt. Mein Deckbett war aber nur ganz wenig rot eingefärbt.  

Die Moskito-Saga fand hier ihre unendliche Fortsetzung. Bremsen und Stechfliegen füllten die Freiräume aus, welche die Moskitos nicht wahrnahmen. Mein Brillengestell war völlig verbogen von den vielen Ohrfeigen, mit denen ich die Moskitos im Gesicht abgewehrt hatte. Besonders vor den häufigen abendlichen Gewittern waren sie so aggressiv, dass sie zu Dutzenden auf der Kleidung, an den Schuhen und in den Haaren saßen und so mit mir in den Trailer gelangten. Die nächste Zeit unterbrach dann lautes Klatschen die nächtliche Stille: Ich war auf Moskitojagd. Aber nicht alle dunklen Punkte an Wänden und Decke im Trailer waren Moskitos. Einmal, ich hatte meine Brille abgesetzt, schlug ich nach einem Moskito – und traf eine Schraube. Ein anderes Mal attackierten mich mehrere Moskitos, als ich mir gerade eine Tasse Milchkaffee zubereiten wollte. Als „faszinierend“ würde Spock vom alten Raumschiff Enterprise die todesverachtenden Anflüge der Moskitos und meinen Abwehrtanz kommentiert haben. Inzwischen kochte die Milch über. 

Während die Kanadier kurzärmelig und in Shorts herumliefen, brach ich Waldwanderungen noch wenigen hundert Metern ab, weil mich dichte Moskitoschwärme umgaben und in Mund, Nase und Ohren drangen. Sie spürten wohl, dass es durch die Präparate von meiner Schwester bei mir besonders vitaminreiches Blut zu tanken gab. Ich war zu „Hardy, dem Schwarm der Moskitos“ geworden.

Aber nicht nur im Wald und im Trailer, auch im Auto umschwärmten mich die Moskitos. Entgegenkommende Fahrer mussten mich wohl für einen völlig ausgeflippten Freak gehalten haben, wenn sie sahen, wie ich mich selbst ohrfeigte, abwechselnd mit der rechten oder linken Hand in der Luft herumfuchtelte und im Wagen um mich schlug.

  

 

 
Toronto: Mitten im Häusemeer eine Pioniersiedlung wie vor hundert Jahren.
 

Faszination Niagara-Fälle.

  
Zubereitung von "gesunder" Nahrung im Freien.
 
Camper-Stillleben.
  
Autofähre über den Lake Huron bei Tobermory.
Blick auf den Lake Superior.
Täuschungsmanöver – sie meinte mich!
 
 Hallo Leute
(Hi there)
Die Gespräche auf den Campingplätzen waren von ergreifender Vielseitigkeit. Jeder grüßte jeden:
„Hi there!“
„Hallo“
„Schöner Tag heute, nicht wahr?“
„Wunderschön. Aber es ist Regen vorhergesagt“
„Ach was, erst morgen!“
An dieser Stelle der Unterhaltung fielen gewöhnlich die ersten Tropfen und jeder eilte zu seiner Wohnburg. Einige der mobilen Heime mit ihren ausziehbaren Erkern, Vorzelten und Dachaufbauten ähnelten einer kleinen Burg; bei meinem Trailer dagegen drängte sich bei mir eher der Vergleich mit einem Schneckenhaus auf Rädern auf.
Unter günstigen Voraussetzungen konnten gesprächige Nachbarn die Fragen anschließen:
„Nein, aus Hamburg“
„Oh, Deutschland, nicht wahr? Ich war auch schon mal dort“
„Wo denn?“ pflegte ich daraufhin zu fragen, wobei ich so viel uninteressierte Höflichkeit wie nur möglich in meine Stimme legte.
„Sind Sie aus der Gegend hier?“
„Äh, weiß ich nicht mehr. Die Stadt hatte einen Flughafen, wo mein Anschlussflug nach ... weiter ging. Dort habe ich Verwandte besucht.“
Jetzt war es angebracht, sich gegenseitig vorzustellen. Wenn man sich dann später wieder sah, winkte man sich freundlich aus der Ferne zu. Die Privatsphäre begann auf dem Stellplatz – und dort war die Zugbrücke hochgezogen, selbst wenn sich alles im Freien abspielte.
Nach Möglichkeit ließ ich mir Stellplätze ohne unmittelbare Nachbarn geben. Ich wollte mir meinen eigenen Rundfunksender aussuchen und nicht beim Nachbarn mithören, wo ich die Lautstärke nicht regulieren konnte. In einem Provincial Park hatte ich einmal ein lauschiges Plätzchen unter Föhren, deren Äste in die Klimaanlage auf dem Dach meines Trailers ragten. Ich hatte mich vertan und den Picknickplatz neben meinem Stellplatz belegt. Aber so hatte ich auf der einen Seite reichlich Abstand zum Nachbarn – meinen eigentlichen Stellplatz – und zur anderen Seite Büsche. Und der Platz hinter mir war frei! Aber es war Wochenende, und die Chance, dass der Platz auch frei blieb, war gering. Ich lag schon in meiner Schlafkoje, als es nebenan lebendig wurde. Ein jüngeres Hobbycamper Paar versuchte ein Zelt aufzubauen, nachdem es das obligate Feuer angezündet hatte. Es zeltete offenbar zum ersten Mal. „Er“ meinte ständig, dass es wohl so gehen müsse und „Sie“ kicherte, als es dann doch nicht so ging. Irgendwann, ich war unterdessen eingeschlafen, hatten die beiden es geschafft. Das Zelt stand so nahe an meinem Schlafvorbau, dass ich ihr Bettgeflüster mitbekam. Hoffentlich hatte das Pärchen danach einen festen Schlaf und ist nicht bei jedem lauteren Schnarcher von mir hochgeschreckt.
Beim Anmelden auf einen Campingplatz fragte man mich stets, ob ich Haustiere dabei hätte. Ich brachte keine Haustiere mit, ich nahm welche mit: Ameisen, die ganz kleinen schwarzen, die gerne in der Küche nisten. Als ich die freundliche Dame im Office – sie war portugiesischer Abstammung – nach einem Mittel gegen Ameisen fragte, gab sie mir ein angebrochenes Fläschchen mit einem sehr wirksamen Mittel, wie sie mir versicherte. Ich sollte ein paar Tropfen auf den Pfad der Ameisen träufeln; sie würden davon trinken und auch die übrigen Ameisen im Nest anstecken. Also träufelte ich. Es dauerte eine Weile, bis sich die neue „Nahrungsquelle“ unter den Ameisen herumgesprochen hatte, aber dann versammelte ich die Kolonie in dicken Klumpen um die Tropfen. Es muss ein reiner Leckerbissen für sie gewesen sein! Im Nu war der Boden blitzblank geschleckt und auf der Suche nach weiteren Leckereien inspizierten sie den gesamten Trailer. Am nächsten Morgen waren die Ameisen so aktiv wie zuvor. Wieder träufelte ich und wieder versammelte sich die ganze Kolonie um die Tropfen. Dass sich diesmal ein paar weniger als am Vortag um die Tropfen versammelten, war wohl Wunschdenken. Also nahm ich meine neuen Haustiere mit auf Reisen. Mittags schaute ich nach ihnen. Es war ein recht holpriger Weg gewesen; die Tropfen waren weg und mit ihnen anscheinend auch die Ameisen. Nach einiger Zeit kam eine einzelne Ameise hervor. Ich hielt sie für einen Späher, der ausfindig machen sollte, ob wieder Leckerlis auf dem Ameisenpfad lagen. Da die nächsten Tropfen aber außer dieser einen Ameise keine Weiteren anlockten, handelte es sich wohl um die letzte fußkranke Ameise, die zurückgeblieben war, als die anderen wegen der schweren Beben, denen ihr Nest während der Fahrt ausgesetzt gewesen war, bei erstbester Gelegenheit den Trailer fluchtartig verlassen hatten. Es blieb lange bei dieser einen Ameise. Eine Zweite hatte ich beim morgendlichen Putzen aus dem Trailer gefegt. Nach einer besonders holprigen Fahrt war auch meine letzte Ameise verschwunden.
Eine Zeit lang hatte ich eine ordinäre Stubenfliege als Mitbewohnerin im Trailer. Aber eines Tages haben ich auch sie „erwischt“ – nicht getötet: Mit einem nassen Lappen zu Boden geschlagen und hinausgeworfen. Zehn Minuten später saß sie wieder auf dem Fliegengitter an meiner Tür als heische sie Einlass. Später muss sie mir heimlich gefolgt sein oder als blinder Passagier unterm Trailer mitgefahren sein, denn wenige Tage danach hatte ich sie wieder im Wohnwagen. Doch, Doch, ich bin mir ziemlich sicher das es die selbe Fliege war: Das gleiche boshafte Funkeln in ihren Facettenaugen und das gleiche hämische Grinsen um ihren Rüssel, wenn ich wieder einmal vergeblich versucht hatte, sie zu fangen.
Natürlich habe ich von Ontario aus auch einen Abstecher nach Québec gemacht. Ganze 150 km bin ich durch diese Nachbarprovinz gefahren. Die gleiche wellige Milchfarmlandschaft wie auf der Ontario Seite des oberen Ottawa Flusses, gelegentlich unterbrochen durch unwirtliche aber romantische Waldhügel mit eingelagerten Seen. Nur die Verkehrsschilder waren jetzt nicht mehr zweisprachig englisch und französisch, sondern nur noch französisch.
Auf dem Weg nach Québec hatte ich eine Abkürzung genommen, eine Nebenstraße, der Karte nach asphaltiert. Asphaltiert war sie, aber in einem so schlechten Zustand, dass selbst der Truck – der Einzige, der mir auf dieser Straße begegnete – mit 60 km/h dahin schlich. Ich „kroch“ stellenweise mit 20 km/h über die Buckelpiste. Jedesmal, wenn ich dachte, dass ich das Schlimmste überstanden hätte und Gas gab, lotete ich hinter der nächsten Kurve wieder die volle Tiefe eines Schlaglochs aus. Es war wohl eine landschaftlich sehr schöne, kurvenreiche Straße durch Waldhügel; gesehen habe ich kaum etwas davon, weil ich mich auf die Hügel im Straßenbelag konzentrieren musste. Ich war heilfroh, als ich ohne Achsenbruch nach 50 Kilometern und zwei Stunden Fahrt endlich die nächste, größere Straße erreichte.
Ein Blick in den Trailer bei der nächsten Rast ließ mich aufatmen. Die Einrichtung hatte es scheinbar gut überstanden, nur eine Unterhose war aus der Ablage geschleudert worden und die Rolle mit dem Toilettenpapier hatte sich abgewickelt und bildete eine lange Schlange auf dem Fußboden. Dann sah ich die Herdabdeckung. Sie hatte sich aus der Verankerung gelöst und lag quer auf dem Herd. Während ich sie wieder richtete, fielen mit die Teefiltertüten auf meinem Bettzeug auf (es ist zum Fahren auf dem zwischen den Sitzbänken eingeklappten Tisch zwischengelagert). Die Klappe des Hängeschranks über dem Abwasch musste aufgesprungen und wieder zugeklappt sein, trotz des starken Federscharniers, das eben dieses verhindern sollte. Die Filter waren nach draußen geschleudert worden, meine Zuckerdose stand kopf, der Zucker war gleichmäßig im Schrank und außerhalb verteilt. Als ich nachts einmal aufwachte, hatte ich einen süßen Geschmack im Mund: gezuckerte Filtertüte, die ich im Kopfkissenbezug übersehen hatte.
Meine Schwester hatte sich geweigert, den Gasherd mit meinem Feuerzeug anzuzünden, weil sie sich nicht die Finger zu verbrennen wollte. Ich hatte mir noch nie die Finger verbrannt, weil ich die Hand jedesmal schnell wieder zurückzuziehen pflegte, so schnell, dass ich dabei einmal den Topf mit Wasser, den ich eigentlich aufsetzen wollte, vom Herd gefegt hatte. Ute hatte also einen Flammenwerfer mit langem Rohr und dreifacher Kindersicherung gekauft sowie eine Flasche zum Nachfüllen. Aus Sicherheitsgründen enthielt sie eine schwer entzündbare Gasmischung. Im Prinzip funktionierte der Anzünder auch nach Utes Abreise noch – ich musste ihn nur erst mit meinem Feuerzeug anzünden. Später, als ich (wieder) einmal mein Feuerzeug verlegt hatte, kam ich darauf, dass der Funke des Anzünders allein ausreichte, um die Propangasflamme des Herdes zu entzünden.
Nach der Abreise meiner Schwester verwendete ich kaum noch das Spülmittel zum Abwaschen, um die Umwelt nicht zu belasten – und sparte einen Spülgang.
Da ich nicht fünf Monate durch Kanada gefahren sein wollte, ohne mindestens einen Elch und einen Bären zu Gesicht und eventuell vor die Kamera bekommen zu haben, machte ich mich ins „Nordland“ auf, jedenfalls an seine Grenze, dorthin, wo von der Trans-Canada (Highway 11)nur noch wenige, meist kürzere Stichstraßen nach Norden in den Wald führen. Hier, im Norden von Ontario, fand ich das, womit mich meine Schwester immer aufgezogen hatte: die Wildnis mit Komfort. Romantische Stellplätze in der Wildnis von Provincial Parks, mit weit entfernten Nachbarn, aber mit Duschen und Münzwaschanlagen sowie mit Stromanschluss für meinen Kühlschrank, meine Klimaanlage und meinen Laptop.
Die Moskito-Saga fand hier ihre unendliche Fortsetzung. Bremsen und Stechfliegen füllten die Freiräume aus, welche die Moskitos nicht wahrnahmen. Mein Brillengestell war völlig verbogen von den vielen Ohrfeigen, mit denen ich die Moskitos im Gesicht abgewehrt hatte. Besonders vor den häufigen abendlichen Gewittern waren sie so aggressiv, dass sie zu Dutzenden auf der Kleidung, an den Schuhen und in den Haaren saßen und so mit mir in den Trailer gelangten. Die nächste Zeit unterbrach dann lautes Klatschen die nächtliche Stille: Ich war auf Moskitojagd. Aber nicht alle dunklen Punkte an Wänden und Decke im Trailer waren Moskitos. Einmal, ich hatte meine Brille abgesetzt, schlug ich nach einem Moskito – und traf eine Schraube. Ein anderes Mal attackierten mich mehrere Moskitos, als ich mir gerade eine Tasse Milchkaffee zubereiten wollte. Als „faszinierend“ würde Spock vom alten Raumschiff Enterprise die todesverachtenden Anflüge der Moskitos und meinen Abwehrtanz kommentiert haben. Inzwischen kochte die Milch über.
Während die Kanadier kurzärmelig und in Shorts herumliefen, brach ich Waldwanderungen noch wenigen hundert Metern ab, weil mich dichte Moskitoschwärme umgaben und in Mund, Nase und Ohren drangen. Sie spürten wohl, dass es durch die Präparate von meiner Schwester bei mir besonders vitaminreiches Blut zu tanken gab. Ich war zu „Hardy, dem Schwarm der Moskitos“ geworden.
Aber nicht nur im Wald und im Trailer, auch im Auto umschwärmten mich die Moskitos. Entgegenkommende Fahrer mussten mich wohl für einen völlig ausgeflippten Freak gehalten haben, wenn sie sahen, wie ich mich selbst ohrfeigte, abwechselnd mit der rechten oder linken Hand in der Luft herumfuchtelte und im Wagen um mich schlug.
  

Wildnis mit „Komfort“ am Greenlake im Greenwater Provincial Park –

– und netten Nachbarn: den Chipmunks.
Wildnis mit weniger Komfort am Fushime Lake im gleichnamigen Provincial Park. 
 
Mit dem „Bärle-Express“ unterwegs
(My name is Cub, Bear Cub)

 

Mein Trailer hat jetzt auch einen Namen: Bear Cub, auf Deutsch also „Bärle“. Den Namen hatte er schon die ganze Zeit, ich hatte nur nicht darauf geachtet.

Man könnte seine Rundreise durch Ontario als Tour von Golfplatz zu Golfplatz gestalten, mit Tagesetappen von weniger als 100 Kilometern. Bei derart vielen Golfplätzen war es nur eine Frage der Zeit, bis ich auf einen Golfball trat. Ich steckte ihn als Kinder- oder Hundespielzeug ein, merkte aber bald, dass neben Schraubenzieher, Rohrzange, Taschenmesser und Isolierband auch ein Golfball ein nützliches Mehrzweckgerät in meinem Werkzeugkasten war: z. B. als Behelfsstöpsel für das Abwaschbecken, falls der eigentliche Stöpsel gerade Mal nicht zu finden war, als Hammer oder aber als Ersatz für eine Wasserwaage. Beim Aufbocken zeigte mir eine Wasserwaage am Trailer an, ob er in der Längsachse waagerecht stand; die Seitenachse war nicht zu verstellen und es gab daher keine Waage für sie. Da ich aber nicht gerne mit dem Kopf nach unten schlief, ließ ich vor dem Bettenmachen den Golfball erst einmal durch den Wagen rollen, um die Seite für mein Kopfkissen festzulegen.   

Ein gängiges Bild auf den Campingplätzen waren Frauen, die mit eingestemmten Armen zusahen, wie die Männer die Wohnwagen abkoppelten und die Anschlüsse legten. Sie warteten nur auf Tische und Stühle, um sie unter dem Vordach aufzubauen und endlich Kaffee kochen zu können. Mit Ute war das völlig anders gewesen. Sie hatte schon Strom und Wasser angeschlossen, während ich noch abkoppelte. Ein Kompliment, das ich ihr deswegen machen wollte, war – wie so häufig bei meinen Komplimenten – völlig daneben gegangen.   

Der Genuss von Alkohol ist auf den Campingplätzen nur im Privatbereich – also auf dem eigenen Stellplatz – erlaubt. Dennoch bringt jeder sein eigenes Bier, manchmal auch sein Wasserglas mit Whiskey, mit zu den Veranstaltungen: zum Bingo am Wochenende, zum Lagerfeuer und zum Hufeisenwerfen. Wenn es irgendwo laut auf dem Campingplatz wird, kann man wetten, dass zwei oder drei Parteien gegeneinander angetreten sind. Richtige Spieler besitzen ihre eigenes Hufeisenset. Ich habe das Zuschauen aufgegeben, nachdem einmal einem Spieler das Eisen aus der Hand rutschte und unter die Zuschauer flog. Außerdem hatte ich nie eine Bierdose in der Hand und war daher selbst als Zuschauer disqualifiziert. Die Versuche der Regierung, zumindest auf den Campingplätzen in den Provinzparks, eine Mülltrennung einzuführen, stecken erst in den Anfängen – und die bestehen vorwiegend aus Sammelkörben für Bierdosen.   

Außer Bier am Lagerfeuer trinken steht bei den Kanadiern das Fischen an der Spitze aller Freizeitbeschäftigungen. Die Regierung ist machtlos gegenüber der Angelleidenschaft der Bevölkerung. Der zuständige Minister rechnet zwar öffentlich vor, welcher volkswirtschaftlicher Schaden durch das Überfischen von Gewässern entsteht, verbieten kann er es jedoch nicht. Ein Verbot hätte sofortige Neuwahlen zur Folge, obwohl gerade erst Wahlen stattgefunden hatten. Die Regierung propagiert daher das CTR-Programm: catch, take a picture and release (ins Deutsche übersetzt das 3-F Programm: fischen – fotografieren – freilassen). Einige Campingplatzbetreiber, deren Plätze an einem See liegen, haben das Programm bereits umgesetzt. Sie erlauben das Angeln nur, wenn man die Fische hinterher wieder aussetzt, und sie bieten sogar spezielles Angelzeug ohne Haken an. Ich beobachtete ein Paar, das sein Wochenende damit verbrachte, bei jedem Wetter mit dem Kanu zum Angeln auf den See hinauszufahren. Wenn ein besonders großer Fisch den Köder geschluckt hatte, schallten laute Begeisterungsrufe über den See. An Land kam das Paar nur zum Essen und Schlafen. 

Irgendwo im Westen von Ontario überfuhr ich eine Zeitgrenze. Das kleine Hinweisschild am Straßenrand hatte ich übersehen. Gemerkt habe ich es erst am nächsten Tag, als ich vor einer Bibliothek stand und mich wunderte, dass sie noch geschlossen war. Ich hatte eine Stunde Zeit zum Einkaufen! E war ein sehr warmer, wenn auch windiger Tag und ich hätte an einem lauschigen Plätzchen im Park meine Pfeife rauchen können, wenn – ja wenn der Wind nicht den Gestank der Papiermühle über die Stadt geweht hätte. In Dryden, der jungen, nach einem ehemaligen kanadischen Minister benannten Stadt jenseits der Zeitgrenze im Westen von Ontario stank es wie in einer Fischfabrik. Ein eigener Rundfunksender warb für den Tourismus in der Stadt – jede Stunde mit den gleichen Text. Solange jedoch Weyerhaeuser(!) als Hauptarbeitgeber in Dryden seine Papiermühle betreibt, dürfte der Tourismus kaum florieren. Ich wunderte mich, dass hier überhaupt Menschen leben und arbeiten konnten.   

Zum täglichen Trainingsprogramm meiner kleinen grauen Zellen, zum „Braingym“ also, gehörte die Wasserlogistik, der Umgang mit den verschiedenen Wassersorten. Auf vielen Campingplätzen warnten Schilder davor, das Wasser unabgekocht zu trinken, da es zwar gefiltert, aber nicht „behandelt“, d. h. gechlort sei. Wenn es aus einem See stammte, war dieses Wasser bei starkem Wind, der den See aufwühlte, braun. Meistens war es windig und die meisten Campingplätze lagen an einem See. In den Duschen gab es kein anderes Wasser. Mir kamen Zweifel, ob meine braune Gesichtsfarbe echte Sonnenbräune war. Meine Wäsche hatte seit dem ersten Waschen mit Seewasser einen leichten Braunschimmer. Außerdem musste einmal jemand einen Teerklumpen in der Waschmaschine vergessen haben, anders konnte ich mir die dunklen Flecken auf meinen Hemden nicht erklären. Meine Haare waren längst nicht mehr so grau wie vorher – sie tendierten eher zum Brünetten hin (der braune Belag auf meinen Zähnen kam aber eindeutig vom Rauchen, nicht vom Seewasser). Das stark gechlorte „behandelte“ Wasser dagegen eignete sich allenfalls zum Zähneputzen. Zum Kaffeekochen und Trinken kaufte ich immer einen Vorrat an abgefülltem Quellwasser. Die Logistik bestand nun darin, jedesmal, bevor ich Wasser aufsetzte, es aus dem für die Bestimmung geeigneten Tank bzw. Kanister abzufüllen und es, wenn es zu heiß war, mit dem entsprechenden kalten Wasser zu mischen. Auch musste ich für die Aufenthalte in der „komfortablen“ Wildnis vorher darauf achten, genügend Wasser von jeder Sorte an Bord des Trailers zu haben.  

Die Haare feuchtete ich beim Kämmen übrigens nicht mit braunem Seewasser an – weil ich mich nach Thunder Bay nicht mehr zu kämmen brauchte. Dort hatte mir eine junge, hübsche, brünette Friseurin mit viel zur Schau gestellten gebräuntem Fleisch um ihren Bauchnabel, ungewollt endlich den richtigen Irokesenschnitt verpasst. Sie war weder mit meinem „Akzent“ noch mit meinen Haaren zurecht gekommen.  

In der zweiten Julihälfte fingen die Blaubeeren an zu reifen. Ich konnte mir vorstellen, wie die Bären bald die reifen Beeren bündelweis von den Stauden schlecken würden. Aber ich wartete nicht so lange und pflückte mir mein Abendessen: Blaubeersuppe, mit Milch aufgekocht und mit Köllnflocken angedickt, etwas nachgezuckert und zur Geschmacksverbesserung mit Walderdbeeren angereichert (das mit hinterher leicht Übel wurde, gehört eigentlich nicht mehr hierher).  

An die Kartoffeln, die noch meine Schwester gekauft hatte, erinnerte ich mich erst wieder, als die Keime aus dem Schuhschrank zu wuchern begannen. Da gab es dann Pellkartoffel mit Fischstäbchen. Zu der Gelegenheit trank ich die Flasche Bier aus, die noch im Kühlschrank lag – ebenfalls aus Utes Restbeständen. Auch dies bekam meinem Magen nicht so recht – oder lag es an dem Becher Milch und den Schokoladenkeksen zum Nachtisch? 

Zur Halbzeit machte ich eine Verlustbilanz. Nicht aufzufinden waren mein Pfeifenstopfer, ein Feuerzeug und ein Söckchen – und der Glaube, dass ich von Natur aus ein ordentlicher Mensch sei. Ich war ständig am Suchen und am Kramen. Zwei Tage später fand ich meinen Pfeifenstopfer wieder. Auch das Feuerzeug tauchte wieder auf – in der Tüte mit den Räucherspiralen und Zitronenkerzen gegen Moskitos. Ich fand es, als ich dort die Moskitohaube suchte, die mir Ute gekauft hatte. Was, wenn das fehlende Söckchen auch wieder auftaucht? Denn das einzelne, einsame Söckchen hatte ich nämlich inzwischen entsorgt. Zwei Tage später fehlte schon wieder ein Söckchen, als ich die Wäsche aus dem Trockner nahm. Dabei erinnerte ich mich genau, dass ich es am Tag zuvor noch angehabt hatte. [Beim Schreiben dieser Zeilen stellte ich mir Ute vor, wie sie beim Lesen – Vorlesen – die Augenbrauen hebt und sagt:   

„Dass Erhard Söckchen fehlen, überrascht mich gar nicht – bei dem großen Loch in seinem Wäschesack!“  

Nein, Ute, das Loch verstopfte ich doch immer mit deinem Plastikkaffeebecher von der Tankstelle, in den ich das Waschpulver abfülle!]. Das Söckchen fand ich übrigens später wieder, als ich ein frisches Hemd anzog: Es hatte sich im Ärmel versteckt!   
 
Der Current River bei Thunder Bay.
 Die angeblich "längste" Hängebrücke Kanadas über den Ouimet Canyon. 
Die Kakabekafälle bei Thunder Bay.
Der Wabigoon River bei Dryden.
Wasserflugzeugmuseum in Red Lake.
Der Otter Lake in Manitoba.
„Petroformen“ – aus Steinen ausgelegte Kultfigurer der Indianer; hier Schildkröte im Whiteshell Provincial Park;
im Hintergrund Stofffetzen an Bäumen und Sträuchern, ein Beweis, dass den hier lebenden Ojibwa die Steinzeichen heilig sind.
Nicht heilig, aber informativ: Der Wetterstein.
Die Abstecher in den Norden von Ontario auf der Suche nach Elchen und Bären waren erfolglos geblieben. Also fuhr ich in die Provinz Manitoba hinüber. Hier erweckte mein Bärle-Express einige Aufmerksamkeit.  

„Hast du den Trailer und das kleine Auto dazu gesehen?“ fragte eine Frau ihren Mann lautstark beim Spaziergang über den Campingplatz.   

Er hatte es – und auch mich hinter dem Fenster. Seine Antwort konnte ich nicht verstehen, weil der die Stimme senkte. Eine ältere Frau bewunderte – in gebührendem Abstand, wie es sich gehört – meinen Trailer. Ich erklärte ihr, dass ich noch einen zweiten Zeltalkoven für zwei Personen habe. Dann wollte sie wissen, ob ich eine Dusche habe und, als ich bejahte, ob das eine sei, bei der man sich zum Duschen auf die Toilette setzen müsse. Die Antwort, dass ich die Toilette gegen ein Waschbecken ausgetauscht hätte, befriedigte sie offensichtlich.  

„Ich habe so einen Anhänger noch nie gesehen“, gestand sie, „Sie müssen ihn wohl in Ontario gekauft haben?“

Und einem Mann, der eigens seinen Pick-up neben mir anhielt, musste ich erklären, wozu die zweite Kugel auf meiner Anhängerkupplung sei (für den Stabilisator). Er kannte eine derartige Vorrichtung nicht und hatte gemeint, sie sei für ein Motorrad oder dergleichen.

Auf diese Weise gewann ich Bekannte auf den Campingplätzen in Monitoba, das heißt, wir grüßten uns freundlich, wenn wir uns sahen. Im Allgemeinen reduzierte sich das Grüßen auf den Campingplätzen in dieser Provinz auf ein freundliches Gesicht.

Es war Montag gewesen, als ich gleich hinter der Provinzgrenze im Witheshell Provinzpark einen Campingplatz gesucht hatte. Zwar gab es genügend Plätze zum Auswählen, aber auf keinem konnte ich länger als zwei Nächte bleiben. Zwei Drittel der Stellplätze waren von Saisoncampern belegt und der Rest wegen eines langen Wochenendes bis auf drei oder vier Plätze vorbestellt. Die restlichen drei oder vier Plätze, so genannte „Walk-out“-Plätze, waren von Campern belegt, die sich jeden Morgen entscheiden konnten, ab sie verlängern oder abfahren. Mir zuliebe fuhr keiner ab. Am Donnerstag gab ich meine Versuche auf, in diesem Provinzpark, wo für die „Greenhorns“ aus dem Hinterland in den Büros der Campingplätze extra eine Broschüre über das Verhalten bei der Begegnung mit einem Bären auslag, „meine“ Wildnis mit Komfort zu finden. Ich hatte gehört, dass der Hecla Park weiter im Norden am Winnipeg See sehr hübsch sei.

Von den Bären zu den Bisons
(“How are you today?” “I woke up!”)

Meine Suche nach Elchen und Bären (der Singular hätte mir ja schon gereicht) führte mich nach „Neu Island“. Die Insel Hecla im Winnipeg See – heute durch einen Damm mit dem Festland verbunden – hat eine interessante Geschichte und eigenartige Bewohner. Sie war zwölf Jahre lang eine „Republik Neu Island“ mit Selbstverwaltung, bis sie 1887 der Provinz Manitoba angegliedert wurde. Die wenigen in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts noch auf der Insel verbliebenen „Isländer“ strebten den Status eines Provinzparks an und 1969 erklärte die Provinzregierung die Insel zum Park, um das kulturelle Erbes der Isländer auf ihr zu bewahren. Die Einheimischen, denen man ihre Herkunft aus Island noch ansieht, geben sich individualistisch. Auf meine Frage z. B., wie es denn so gehe, antwortete der Besitzer des Generalstore im Dorf statt des üblichen „großartig“:

„Ich bin heut aufgewacht!“

Isländisches Erbe auf Hecla.

Einen Elch oder einen Bären bekam ich auf Hecla nicht zu Gesicht. Auch nicht auf dem 12 km langen Lehrpfad, der Aufschluss über die „gesunde“ und „starke“ Moose-Population auf der Insel gab. Und als einmal ein Bär auf dem Campingplatz auftauchte und einen „Bärenalarm“ auslöste, kam ich mit meiner Kamera viel zu spät – Meister Petz war längst zurück in den Wald geflüchtet.

Lake Winnipeg bei Hecla.
 

Wo denn nun all die Elche zu finden seien, mit denen Hecla werbe, erkundigte ich mich. Ach ja, Elche (Elks) gäbe es auch auf der Insel, was ich meine, seien wohl die Moose. Der augenfälligste Unterschied sei das Geweih, das beim Moose breit und ausladend, während das des Elchs schlanker und dem Geweih eines Hirsches ähnlicher sei, belehrte man mich. An einem bestimmten Punkt der Insel habe man extra eine Aussichtsplattform gebaut, weil sich im Sumpfgelände dahinter die Moose zu Dutzenden zu tummeln pflegten. Also machte ich mich auf den Weg zu dieser Plattform – und sah keinen einzigen Moose, was ich den Viechern auch nicht verdenken konnte. Gleichzeitig mit mir bevölkerte nämlich eine chinesische Familie mit einer Schar von lärmenden und quengelnden Kindern die Plattform.

Um wenigstens ein selteneres Tierfoto zu schießen, fuhr ich zum Wanderweg durch die Sumpfmarschen. Isländische Siedler hatten früher versucht, dieses Gebiet trocken zu legen und landwirtschaftlich zu nutzen, ihre Dämme waren jedoch nicht hoch genug und das Gebiet ständig überflutet. Heute dienen die alten Dämme als Wanderwege. Dort in der Marsch gäbe es Hunderte von Pelikanen, hatte man mir gesagt. Man könnte sie sogar von der Straße aus sehen. Stundenlang wanderte ich über die Dämme, ohne einen einzigen Pelikan zu erblicken. Das heißt, ein weißer Punkt weit hinten im Schilf könnte einer gewesen sein, er war jedoch zu weit weg, um es genau zu erkennen. Dafür hüpften mir Dutzende von Fröschen über den Weg, eine Schlange verkroch sich im Ufergras und ich bemerkte Schleifpfade, die über die Dämme von einem See in den Nächsten führten. Sie mussten von Schildkröten stammen, die anscheinend immer an der gleichen Stelle über den Damm wechselten und von denen den Spuren nach einige enorm groß (und alt) sein mussten.

Selbst im Dorf Hecla, 20 km vom Campingplatz entfernt, sprach man mich vor dem Krämerladen – Verzeihung, Generalstore – auf Bärle an:

„Sie sind doch der Mann mit dem Camry und dem Trailer auf dem Campingplatz? Ich habe mich gewundert, wie das funktioniert.“

Zum Schluss der Befragung kam dann mit dem Ausdruck höchsten Erstaunens der Satz:

„Was, von Toronto sind Sie damit bis hierher gefahren? Und das ging?“

Wenn ich schon mit den Moose und den Bären kein Glück hatte, wollte ich wenigstens Bisons sehen und brach von Hecla weiter nach Westen in ein Gebiet auf, in welchem sich – zumindest den Prospekten nach – Bisonherden tummeln sollten.  

Bevor ich die Bisons erreichen konnte, erreichte mich meine Familie – in Form einer E-Mail-Nachricht, dass Sohn Robert in zehn (oder elf) Tagen in Toronto landen werde. Toronto – lag das nicht so an die 2300 km weiter im Osten? Also packte ich zwei bis vier Oktan mehr in den Tank (je nach Marke) – und war einen Tag zu früh am Flughafen von Toronto. Ich hatte einen Sonntag in meinem Kalender übersehen.

Diesmal hatte ich den Bärle-Express außerhalb der Stadt in einem „Erholungspark“ aufgebaut, wo man außer dem Lärm von einer nahen Eisenbahnlinie auch ein paar Naturgeräusche hören konnte (das nächtliche Keifen irgendwelcher Tiere, die ich bei Tage nie zu Gesicht bekam). 

Beinahe hätte ich Robert dann am Flughafen doch noch verpasst: Für seinen Flug war eine erheblich Verspätung angezeigt. Ich schaute mir die Andenkenläden an, trank Kaffe und ging zum Rauchen vor die Halle. Als ich dann zufällig wieder auf die Anzeigentafel schaute, war sein Flugzeug gelandet.

Eigentlich wollte sich Robert noch Toronto anschauen, aber wegen einer Großveranstaltung des Mountainbikervereins am Wochenende waren alle Stellplätze ausgebucht. Wir mussten unsere Zelte – das heißt unsere beiden Zeltalkoven – abbrechen und weiter fahren, was mir eine zweite Stadtbesichtigung ersparte.

Ein Spritzer Arktis – ganz ohne Elch
(From the Bear Cub Express to the Polar Bear Express)
Als ich mich auf den Rückweg nach Toronto gemacht hatte, wusste ich noch nicht, wann Sohn Robert landen würde. Dies sollte mir in einer weiteren E-Mail mitgeteilt werden. Die erste Bibliothek auf dem Weg zurück, die ich ansteuerte, um meine Mails abzurufen, öffnete erst in einer Stunde. Die zweite, nach der Zeitzone gelegen, hatte dafür schon seit einer Stunde geschlossen.  
Durch das regelmäßige Aufsuchen der Bibliotheken mit ihrem Internetzugang war ich zu einem regelrechten Bibliotheksspezialisten geworden. Die meisten Bibliothekarinnen kamen mir, trotz aller Unterschiede, sehr vertraut vor – als hätte ich schon einmal mit ihnen zu tun gehabt.  
Ute hatte meinen Pfeifentabak mitgebracht, zollfrei aus Tschechien, den Stephan besorgt hatte. Robert hatte einige nützliche Dinge für mich im Gepäck: eine Zange mit Multifunktionen, einen Hammer – damit ich meinen Golfball schonen konnte, doppelseitiges Teppichklebeband und einen Rest Teppichboden aus seiner Wohnung. Beinahe hätte er auch eine Schlauchwasserwaage eingepackt, aber der Einweggrill (nach Gebrauch zu entsorgen) hatte keinen Platz mehr für sie gelassen. Stattdessen hatte er eine Friseurschere im Gepäck, um meinen Irokesenschnitt zu begradigen. Der war jedoch unterdessen nachgewachsen und die Schere kam nicht zum Einsatz.
Sohn Robert.
Mein Ältester hatte sich vorgenommen, für mich zu kochen, damit ich als „Suppenkasper“ nicht vom Fleisch falle. Als Zeichen seiner Aufgabe als Koch hatte er eine – nein, keine Kochmütze sondern eine bunte Küchenschürze mitgebracht. Wenn sie nicht gerade in der Wäsche war, hing sie griffbereit beim Herd – zum Händeabwischen während des Kochens!

Einmal wollte er mich mit seiner Spezialität verwöhnen: Fisch. Und den wollte er ganz kanadisch am offenen Holzfeuer grillen. Er versprach mir ein Abendessen ohne Abwasch. Als wir vom Campingplatz aufbrachen, war das Wetter schön und eine Regenwahrscheinlichkeit von nur 20% vorhergesagt. In der nächsten Stadt kauften wir Aluminiumfolie, ein Beil zum Zerkleinern von Feuerholz und Fisch: Haifischfilet, Schellfischfilet und Kabeljaufilet – nicht gerade die regionalen Fischarten der einheimischen Hobbyangler.  

Bereits während wir einkauften, fing es an zu regnen und hörte bis zum Abend nicht mehr auf. Der erste Campingplatz, den wir ansteuerten, hatte Probleme mit seinen Stromanschlüssen. An die wenigen, die noch funktionierten, hatten sich die Dauercamper mit quer über die Wege gelegten Verlängerungskabeln angeschlossen. Auf der Suche nach einem Platz mit Stromanschluss fuhren wir über mehrere Kabel und dürften dabei einigen Campern die Stromzufuhr unterbrochen haben. Wir fanden keinen Stromanschluss. Den nächsten Campingplatz erreichten wir nach zwei Stunden (mit Verfahren in strömenden Regen). Der Fisch kam in die Bratröhre. Aus dem „abwaschfreien“ Abendessen wurde ein Nachtmahl mit dem größten Abwasch während der Fahrt.   

Später grillten wir dann doch gelegentlich am Feuer. Da wir uns jedoch nicht ganz auf das Niveau der Holzfäller begeben wollten, deren Steaks wir grillten, benutzen wir Teller, Messer und Gabel. Das Einzige, was ich hinterher nicht zu putzen brauchte, war der Herd.  

Mein Wasser sparendes Geschirrspülen bezeichnete Robert respektlos als „pütschern“, was zu der Wortschöpfung führte:  

„Wer ist heute mit Abpütschern dran?“  

Wenn ich keine Lust zum Abwaschen hatte, erfuhr die Wortschöpfung eine Steigerung durch den Satz:  

„Ich bin gar nicht so abpütscherwütig, wie du meinst.“  

Auf dem Weg nach Norden wurden die Nächte kühler. Wir froren und das Kondenzwasser tropfte. Also kauften wir zwei Nesselstoffbahnen als Baldachine (meine Provisorien waren jetzt ja Roberts Bettzeug) und einen Restposter Designerstoff, der doppelt gelegt eine warme Decke abgab. Es war ein Sparkauf à la Robert. Er achtete immer auf die Preise. Seinen Zigarettentabak kaufte er stets beim billigsten Händler am Ort, auch wenn wir dafür mehrere aufsuchen und dann doch zum ersten zurückkehren mussten. Ein regelrechtes Schnäppchen gelang ihm in einem Indianerreservat, wo er ein halbes Kilo steuerfreien, von Indianern angebauten Zigarettentabak erstand. Eine Woche lang schwelgte er im blauen Dunst der Rothäute. Zur Abreise musste ich ihm am Flughafen Zigaretten spendieren; den Tabak hatte er im Wohnwagen vergessen.   

In Cochrane stiegen wir vom Bärle-Express auf den Polar Bear Express um. Dieser „Express“ befördert im Sommer täglich Scharen von Touristen in den 186 Meilen (rund 300 km) entfernten Ort Moosonee am Moose River, gegenüber der Insel Moose Factory. Trotz dieser vielen Hinweise auf die Moose bekamen wir während der Fahrt keinen einzigen der Breitschaufelgeweihler zu sehen. Es war eine schöne Fahrt – für jemanden, der vier Stunden nördlichen Wald (boreal forest Taiga) mag, unterbrochen von drei größeren Flüssen und großen abgebrannten Flächen, an deren Rändern abgefackelte Fichten in Flaschenbürstenform nachwachsen.   

Der Moose River mündet in den James Bay, den südlichsten Zipfel des Hudson Bays. Es ist der einzige Gezeitenfluss Ontarios, immerhin mit eineinhalb Meter Gezeitenunterschied. Und weil im nördlichen Teil des Hudson Bays die Arktik beginnt, haben findige Tourismusmanager den Bummelzug nach Moosonee „Polar Bear Express“ getauft, der zum „Rande der Arktis“ fahre. Der eigentliche Polar Bear Provincial Park beginnt erst weitere 300 km nordwestlich von Moosonee.  

Um der Arktis noch ein Stück näher zu sein, mieteten wir ein „Wassertaxi“, eines der mit hochtourigen Außenbordmotoren versehenen flachen Boote und ließen uns an die Mündung des Flusses zur James Bay schippern. Aber erst, nachdem Robert im hintersten Winkel eines finsteren Stores einen Geldautomaten (ATM) entdeckt und ich das nötige Bargeld abgehoben hatte. Es war eine Spritztour im wahrsten Sinne des Wortes. Der Bug ragte gut einen halben Meter aus dem Wasser und das Heck lag so tief, dass sich unser indianischer Bootsführer auf zwei Schwimmwesten setzen musste, weil die Wellen über seinen Sitz spülten.

Moosonee hat keine Anbindung an das kanadische Straßennetz. Dennoch waren in den drei Straßen des Ortes ständig Autos unterwegs. Sie gelangten wie wir dorthin: per Bahn.

Schon in Cochrane waren uns die seltsamen Schriftzeichen neben Englisch und Französisch an den öffentlichen Gebäuden aufgefallen. In Moosonee standen sie auch auf nicht öffentlichen Gebäuden. Es war die Schrift der Sumpf-Cree (Swampy Cree), der Indianer, die hier leben. Missionare hatten diese Schrift im 19. Jahrhundert zur besseren Verbreitung ihrer Bibeltraktate unter den Cree „erfunden“. Auch die nördlichen Nachbarn der Cree, die „Menschen“ [∆∩o ∆C = î-nu-î-t], wie sie sich selbst bezeichnen, der „Rohfleischesser“ (Eskimo), wie ihre Nachbarn sie nennen, haben diese Schrift übernommen.

In der zweiten Woche von Roberts Aufenthalt musste ich in Sandalen oder Turnschuhen herumlaufen. Ich hatte mir auf einem privaten Campingplatz den Weg um den See, an dem er lag, beschreiben lassen und war einer Fahrspur bis zu einem Biberdamm gefolgt. Dann kam ich mir vor wie in dem Kung-Fu-Film, in welchem die Novizen des Shaolin-Klosters ein Becken mit lose darin schwimmenden Baumstämmen überqueren müssen, um in den Speisesaal zu gelangen. Über sauber aneinander gereihte Stämme, die wie eine Fortsetzung des Knüppeldammes aussahen, gelangte ich bis zu den Knien in den Morast. Bei der nächsten Bachdurchfurtung behielt ich die Schuhe gleich an, damit sie sauber wurden. Trocken waren sie erst nach einer Woche.

Robert sammelte an jedem Bach, an jedem See, Steine für seinen Vorgarten. Jeden Abend sortierte er zwar einige aus, dennoch füllte sich der Kofferraum meines Wagens mit Steinen jeder Größe. Zum Schluss mied ich Campingplätze an einem See oder Fluss, um zu verhindern, dass mein Kofferraum auf der Hinterachse schleifte.

Erstaunlicherweise brachte er alle Steine in seiner Reisetasche unter. Bis zum Einchecken am Flughafen hielten die Griffe; ob aber auch bis Berlin-Friedenau?

Obwohl wir nach einigen Tagen Übens das An- und Abkoppeln und das Auf- und Abbauen des Trailers in Rekordzeit schafften, verzögerte sich unsere morgendliche Abfahrt von einem Campingplatz immer mehr und unsere Tagesetappen wurden ständig kürzer. Dabei schliefen wir nicht etwa immer länger. Schuld war das türkische Scheschbesch-Spiel (Tabla), Backgammon, das Robert im Miniformat mitgebracht hatte. Uns hatte das Spielfieber gepackt. Nach dem Frühstück, bei Zigarette bzw. Pfeife und einer zweiten Tasse Kaffee, spielten wir, bis einer von uns – nach ein bis zwei Stunden – die Runde für sich entschieden hatte.

Robert hatte mir versprochen, das Loch in meinem Wäschebeutel zuzunähen. Für 50 Cent erstand er ein Nähzeugbriefchen. Als er zur Tat schreiten wollte, war es unauffindbar.

„Sollte dein Nähzeug auch mit in den Wäschetrockner?“

Ich hatte das Nähzeugbriefchen beim Herausnehmen der Wäsche aus der Waschmaschine zwischen den Socken entdeckt; es war wohl aus der Brusttasche eines seiner Hemden gerutscht. Jetzt war das Garn nass – und ich hatte mich längst schon an das Loch im Beutel gewöhnt.

Der „Schwund“ in unserer Junggesellenwirtschaft zu zweit hielt sich in Grenzen. Nach Roberts Abreise suchte ich lediglich einen Teelöffel. Der war nur verrutscht und außerdem nicht aus Silber. Es gab kein zerschlagenes Geschirr, keine angebrannten Töpfe, die man hinterher nicht wieder putzen konnte und keine Brandlöcher im Zeltalkoven, weil er auf seine morgendliche Zigarette im Bett verzichtet hatte (der klitzekleine Brandfleck auf der Tischplatte fällt neben den anderen Flecken kaum auf). Er hat eine neue Kurbel für die Dachklappe in der Duschkabine gekauft und sie angebracht, und er hat vor seiner Abreise noch die Klappe vom vorderen Alkoven für den Winter mit Textilklebeband abgedichtet. Er hat mich über Nebenstraßen von den Autobahnen weg gelotst und nur kurz geschmollt, wenn ich seinen Straßenvorschlägen nicht gefolgt war. Es war eine schöne Zeit mit meinem Ältesten, der sich von seiner besten Seite gezeigt hatte.

Robert "Koch" und eines seiner Menüs.
Unterwegs im Polar Bear Express.
Mündungslandschaft des Moose River.
Mit einem Cree-Indianer an der James Bay. 
Steinmännchen der Indianer (Objibwa, Cree).

Es gab Campingplätze, die uns besonders gefielen, entweder weil die Landschaft besonders romantisch war oder aber, weil sie originelle Eigenheiten aufwiesen.

  
Am Flame Lake bei Chapleau war es wild-romantisch.
Das Ufer der Georgian Bay im Kill Bear Provincial Park zeigte Spuren der Eiszeit.
 
Das war ... „Spitze“
(I had a great time)
Nach Roberts Abreise schlug das Wetter wieder einmal um. Es goss in Strömen, der Wind orgelte durch die Baumwipfel und wütende Böen rüttelten am Trailer. Ich musste einen Tag länger auf dem Campingplatz in Toronto bleiben, um meinen Zeltalkoven in trockenem Zustand zusammenlegen zu können. Weit gefahren bin ich dann nicht mehr. Ein paar Tage hier, ein paar Tage dort in einem Provinzpark, die zwar recht nett waren, jedoch keinem Vergleich mit den Parks außerhalb des Einzugsbereichs von Toronto standhielten. Aber sie waren die Woche über leer – fast leer – und auch am Wochenende nicht überfüllt. Da jetzt keine Großraumwohnwagen und –mobile mehr auf den Plätzen direkt neben mir standen, kam ich mir mit meinem Wohnwagen auch nicht mehr wie eine Cessna auf dem Flughafen unter lauter Boeings vor.   
In Hamburg war „gebackene Milch“ – auf der Herdplatte schön braun eingebrannte übergekochte Milch – meine Spezialität gewesen. Im Trailer probierte ich mitten in der Woche „gebackenen Milchreis“ aus. Der Reis unter der Abdeckplatte des Gasherdes stammte von Robert, der ihn beim Abfüllen verschüttet hatte, die übergekochte Milch von mir. 
Es war überhaupt ein „schwarzer“ Mittwoch gewesen und dabei nicht einmal der Dreizehnte! Abends schüttete ich den Inhalt meiner Tabaksdose auf den Fußboden und beim Aufkehren einen Becher mit Saft hinterher. Tabakwaren sind in Kanada kostbar, dafür sorgt die Regierung mit Steuern und Abgaben. Und meine Marke habe ich lediglich bei einem Händler in der Bramalea Mall im Norden von Toronto gefunden – bei einem persischen Händler! Sauber aufgefegt und wieder in die Dose gefüllt hatte ich danach eine Mischung, die wohl dem indianischen Gemisch für die Friedenspfeifen nahe kam: Auch ihr Kinikinit enthielt außer Tabak noch weitere Zutaten.  
Der schwarze Mittwoch hatte aber auch seine positiven Seiten. Ohne den gebackenen Milchreis hätte ich die Wanne unter der Abdeckplatte des Herds bestimmt nicht so gründlich geputzt und auch den Wohnwagen musste ich viel gründlicher aufwischen, als ich es sonst vielleicht getan hätte.

Für die große Saison-Endreinigung des Bärle-Express nahm ich mir eine Woche Zeit. Bereits am Montag vor meiner Abreise steuerte ich meinen allerersten Campingplatz bei Barrie an (das erste Mal soll man ja nie vergessen) und begann mit dem Putzen. Man sollte meinen, dass in so einem kleinen Wohnwagen nicht viel zu putzen sei – wenn, ja wenn Frau Klementine von Zeit zu Zeit einmal hineingeschaut hätte. Allein um die Bratröhre zu säubern, brauchte ich einen Tag. Gegen die Kohlekruste in ihr war selbst Roberts Reinigungsmittel für Bratröhren machtlos. Schließlich griff ich zum Schraubenzieher und meißelte die Kruste ab!
Auf wessen Seite das Wetter während der Endreinigung stand, weiß ich nicht – jedenfalls nicht auf meiner. Es war denkbar ungeeignet für so ein Vorhaben: warm, so dass ich ins Schwitzen kam und sonnig, so dass jedes Staubkorn und jeder Schmutzfleck zu sehen war. Am Einfachsten war noch das Ausfegen. Wie üblich kehrte ich den Schmutz von einer Ecke in die andere, bis er endlich nahe genug an der Tür war und ich ihn mit Schwung hinausbefördern konnte. Zusätzlich pulte ich diesmal jedoch noch den Schmutz aus den Ecken – mit dem Schraubenzieher – womit denn sonst?   
Beim Putzen fanden sich auch Dinge wieder, die ich seit Monaten vermisst hatte, z. B. die Moskitohaube, die Ute für mich gekauft hatte und die nach ihrer Rückkehr unauffindbar geblieben war. In einer E-Mail hatte mir meine Schwester noch einmal beschrieben, wo sie zu finden sei – bei den übrigen Moskitosachen. Gefunden habe ich sie, als ich das Auto säuberte. Sie lag in der Ablagetasche auf der Rückseite des Fahrersitzes. 

Während der letzten Woche versuchte ich, die Nahrungsmittel, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hatten, aufzubrauchen, besonders einen Rest Knoblauchleberwurst. Zu jeder Mahlzeit schmierte ich mir mehrere Stullen mit dieser Wurst – und muss wohl reichlich nach Knoblauch gerochen haben. Jedenfalls ließ sich keines der zahlreichen Stinktiere, die es angeblich im Park des Campingplatzes gab, in meiner Nähe blicken.
Ausgepackt und eingeräumt hatte ich meine Sachen im Wohnwagen viel schneller, aus auch wieder eingepackt. Immer wieder musste ich schwerwiegende Entscheidungen treffen: Soll das mürbe Unterhemd, das beim Ausziehen bereits am Rücken eingerissen war, noch einmal in die Wäsche und dann als Putzlappen im Wohnwagen bleiben oder gleich entsorgt werden? Der Kompromiss war, es nicht in die Wäsche zu geben sondern es gleich – als Putzlappen beim Schuhputzzeug zu verstauen.
Wehmütig fuhr ich mit meinem Bärle-Express die letzten 20 km vom Campingplatz zum Winterlager bei dem Händler in Barrie, bei dem ich den Trailer gekauft hatte. Strahlende Sonne beschien die bereits leicht herbstlich verfärbten Bäume. Das Unterstellen in Barrie war um Zweidrittel billiger als in Toronto und man wollte mir den Wohnwagen auch Winterisierung“ (wörtlich übersetzt), mit Druckluft das Wasser aus allen Leitungen und Tanks pressen. Wenn ich das allein gemacht hätte, hätte ich bestimmt das Abflussventil vom Warmwasserboiler nicht gefunden und sicher auch irgendein Knie an einem Abfluss vergessen. Außerdem habe ich gleichzeitig ein paar kleine Änderungen sowie das Ölen der quietschenden Türscharniere in Auftrag gegeben.  
Ich hatte mich an idyllischen, romantischen und wilden Landschaften erfreut, im Vorbeifahren auch mal etwas historisches angeschaut und Dinge bemerkt, die skurril waren oder mir kurios vorkamen, weil sie mir fremd waren.
 Idyllisch:
Whitefish River am Lake Huron.
Romantisch:
Georgian Bay.
Wild:
 
Otter Lake/Manitoba.
Historisch:
Wyebridge – jesuitische Arztpraxis in der Mission Sainte Marie among the Hurons (Nachbildung).

 Skurril:

     
Auf dem Platz am Daous Lake bei Sudbury hatten sich Dauercamper ihre eigene Idylle mit Herzchentür und Gartenzwergen eingerichtet.
 Kurios:
 
                    Schild-Kröte.                   Der einzige Bär, den ich sah, war dieser Pappkamarad.

Boris vom Imbiss nebenan traf ich nicht an. Er hatte eine Bypass Operation hinter sich, war aber bereits wieder zu Hause. Seine Frau kümmerte sich allein um das Geschäft. Dafür traf ich die Grackles und Kanadagänse wieder, die mit mir nach Norden und wieder zurück gezogen waren. Nun trennten sich unsere Wege:
 
  „Tschüs, passt gut auf euch auf, den im nächsten Jahr möchte ich euch wiedersehen!“
 
 Oh ja, ein nächstes Jahr im Bärle-Express ist vorgesehen – Kanada ist ja so groß!
 
P.S.: In Deutschland kam ich dann in Hemd und Hose und auch nicht barfuß an. Das letzte Paar feste Schuhe hatte durchgehalten – obwohl biberdammgebadet. Dass ich ein paar Kilo weniger wog, als ich mich zu Hause auf die Waage stellte, lag sicher an der abgenutzten Reisekleidung aus meinem Kanada-Fundus, die ich noch anhatte.
 
 
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