Ordnung muss sein, bloß welche?

Auch wenn Zusammenfassungen und Zuordnungen nach aufgepfropften Kriterien erfolgen, sind sie unumgänglich, wenn man nicht 600 Einzelgruppen auflisten will. Die meisten First Nations oder Bands kann man zu größeren Einheiten zusammenfassen, zu Stämmen, definiert nach ihrem gemeinsamen Territorium, ihrer Sprache und ihrer Kultur. Hier tauchen die ersten Probleme auf, denn gelegentlich fehlt den so zusammengefassten Gruppen das Zusammengehörigkeitsbewusstsein, das ”Wir-Gefühl”.
 
 Vegetationszonen und Kulturareale
 
Für eine weitere Zusammenfassung bietet sich eine Einteilung nach Arealen an, in denen sich unter gleichen bzw. sehr ähnlichen Umweltbedingungen eine hervorstechende Wirtschaftsform entwickelt und die Kultur der Menschen in diesem Areal geprägt hat. Gleiche Umweltbedingungen sind z.B. in einer Vegetationszone vorhanden.
 
Vegetationszonen
 
Atlantische Küstenregion (Atlantic Canada)
Sie umfasst die Provinzen Newfoundland (einschließlich Labrador, dem zur Provinz gehörenden Festlandteil), Nova Scotia, Prince Edward Island, New Brunswick (den sogenannten ”Maritimes”) und die zur Provinz Québec gehörende Gaspé-Halbinsel. Boreale Nadelwälder im Norden, im Süden vermischt mit sommergrünem Hartholzwald, kennzeichnen die Vegetation dieser Region.
 
St. Lawrence Tiefland
Es erstreckt sich vom Süden der Provinz Québec entlang des Stroms und reicht im südlichen Teil der Provinz Ontario bis zur Pancake Bay des Lake Superior. Nadel- und Laubbäumen (darunter 80 verschiedenen Ahornarten) wachsen in dieser gemäßigten Laubwaldstufe.

Im äußersten Süden der Provinz Ontario, entlang des Lake Ontario und des Lake Erie, beginnt die Zone des südlichen Laubwalds.

Boreale Nadelwaldzone
In der von Labrador im Osten bis an die Rocky Mountains reichenden kanadischen Taiga wachsen kälteresistente Koniferen wie Fichten, Tannen, Föhren und Lärchen. In den südlichen Teilen kommen Papierbirken und Balsampappeln hinzu.
 
Lake of the Woods/Ontario (2006).

Im Nordwesten reicht die Taiga entlang des Yukon River bis an die Küste. Die Taiga geht im Osten in die gemäßigte Laubwaldzone über. Im Südwesten (Manitoba und Alberta) findet ein allmählicher Übergang in die Espen-Parklandschaft statt, den diskontinuierlichen Wälder aus Espen und Pappeln. 

Im Norden vermischt sich die Taiga mehr und mehr mit dem subarktischen Wald, in welchem noch Espen, Zwergbirken, Erlen und arktische Weiden vorkommen.

Arktische Tundra

Durch Permafrost in 20-60 cm Tiefe gedeihen hier nur noch Zwergsträucher, alpine Heiden sowie Polsterpflanzen. Um die Hudson Bay reicht die Tundra weit nach Süden hinein.
 
Prärien (Great Plains)
Der südöstliche Teil der kanadischen Prärien bestand ursprünglich aus Langgrassteppen, während im Westen Kurzgrassteppen vorherrschten. Den Abschluss der Prärien, die durch Sedimentablagerungen im Westen bis auf 900 m ansteigen, bilden die bewaldeten Foothills, die Hügelketten am Übergang zu den Rocky Mountains. Typisch für die Prärien sind lange, kalte Winter und kurze, heiße Sommer mit nur 90 frostfreien Tagen. In den zentralen Präriegebieten weht ein ständiger Sommerwind, der den Boden austrocknet und einen natürlichen Baumwuchs verhindert; nur an Wasserstellen und entlang von Flüssen und Creeks behauptet sich ein niedriger Baumbestand aus Espen, Birken, Erlen und Weiden.
 
 Prärie (wiederhergestellt) bei Wanuskewin/Saskatchewan (2005).
Kordilleren
Bei den Gebirgszonen im Westen Kanadas handelt es sich um extrem gegliederte Naturräume. Es kommen sowohl Hochgebirge mit alpinen Tundren und vergletscherten Plateaus in 3000-4000 m Höhe vor, verschiedene Waldzonen mit Nadelgehölzen an den Hängen und in den Tieflagen inneralpiner Täler bis hin zu gemäßigten Regenwäldern an der Westküste.

Semiaride kalte Steppenformationen befinden sich entlang der tief eingeschnittenen Täler des Okanagan River und des Frazer River sowie im südlichen Abschnitt des Kootenay-Nationalparks. Es sind mit Kiefern durchsetzte Federgrassteppen, in denen auch Ohrenkakteen vorkommen.

Bei Grand Forks/British Columbia (2006).

Pazifikküste
Das Gebiet zwischen dem 48. und 55. Breitengrad weist mit seiner stark gegliederten Küste große Unterschiede in den Temperaturen, den Niederschlägen und den Vegetationsperioden auf. Typisch für die äußerste Küste sind Regenwälder mit Douglasien, Hemlocktannen, Sitkafichten und ”Red Cedars” (Riesen-Thuja).
 
 
Kulturareale
Clark Wissler (1870-1947) und Alfred Kroeber (1976-1961) haben die Lehre von den ”Kulturzonen” (Kulturprovinzen) auf die Indianerstämme Nordamerikas übertragen. Aber die Grenzen der ”Cultur(al) Areas” sind fließend, fast jeder Ethnologe definiert seine eigenen Kulturareale für die Ureinwohner Nordamerikas, wobei nicht alle Bezeichnungen übereinstimmen und z. T. in sich uneinheitlich sind; eine Übereinstimmung mit den natürlichen Vegetationszonen besteht nur ansatzweise. Außerdem konnte ein Stamm (ein Volk) über mehrere Areale verbreitet sein. Kulturareale können daher nur als Orientierungshilfe dienen und weitere Diversifizierungen sind angebracht.
 
 
Subarktis
Im Norden grenzt die Arktis an dieses Areal, im Süden grenzen das innere Plateau, die Prärie und die östlichen Waldländer an die Subarktis. Da sich das Areal über den gesamten amerikanischen Kontinent zieht, scheint eine Unterteilung unumgänglich in:
Yukonniederung die Senke des mittleren Yukon River am nördlichen Polarkreis in Alaska;
Nordwestliches Bergland – ein durch Flussläufe stark gegliedertes Berg- und Waldhügelland;
Nördliches Waldland – die borealen Wälder des nordöstlichen Waldlands, das im Norden in die offene Tundra und im Süden in die Espen-Parklandschaft der nördlichen Prärien übergeht;
Östliches Waldland – das boreale Waldland südlich und östlich der Hudson Bay;
Südöstliches Waldland – die Mischwaldzone südlich davon, in der bereits Zuckerahorn und wilder Wasserreis vorkommen und die den Übergang von der südlichen Laubwaldzone zum östlichen Waldland bildet;
Atlantische Küstenregion – sie umfasst die kanadischen ”Maritimes” Nova Scotia, New Brunswick und Prince Edward Island sowie auch die Halbinseln Gaspé und in den USA den nördlichen Zipfel von Maine.

Die Stämme der Subarktis lebten als Wildbeuter von der Jagd, vom Fischfang und von der Sammelwirtschaft. Da das jagdbare Großwild (Mooses – i.e. Elche, Hirsche, Wapitis, Schwarzbären und im Westen auch Waldbisons) einzeln oder in kleinen Rudeln lebte, zogen die Waldlandindianer in kleinen Trupps, meist in Familienverbänden, in einem jährlichen Zyklus in Schweifgebieten umher, die gegenüber den Gebieten anderer Trupps abgegrenzt waren. Nur im Frühjahr und im Herbst versammelten sie sich zu gemeinsamen Treibjagten oder zum gemeinsamen Fischfang. Die Größe dieser Versammlungen hing vom Nahrungsreichtum des Gebiets ab und konnte wenige hundert bis weit über tausend Personen ausmachen.

In den Mischwäldern des südöstlichen Waldlandes lieferte der Zuckerahorn den dortigen Ureinwohnern den Ahornsirup und der an seichten Ufern wachsende wilde Wasserreis (Zizania aquatica) bot ihnen eine weitere wichtige Nahrungsquelle. Um einen effektiven Fischfang zu betreiben, bauten sie Fischwehre. Die Reste einer alten Fischfanganlage bei den Atherley Narrows zwischen dem Lake Simcoe und dem Lake Couchiching bei Orillia in Ontario sind heute eine nationale historische Stätte. Vier Pfahlreihen mit schmalen Durchlässen sperrten die Enge ab. An den gegeneinander versetzten Durchlässen warteten die Jäger in Booten auf die Fische, die andere Jäger in Booten auf sie zutrieben. Samuel de Champlain (1567-1635) hatte 1615 auf seiner Entdeckungsreise an den Lake Huron diese Art des Fischfangs der Indianer an den Atherley Narrows beschrieben. Lachse und Robben ergänzten das Nahrungsangebot der Indianer in der atlantischen Küstenregion.

Bei ihren Zusammenkünften wählten die Waldlandindianer bei Bedarf Kriegsanführer. Darüber hinaus bestanden keine übergeordneten Organisationsformen. Während der Zusammenkünfte führten die Waldlandindianer auch gemeinsame religiöse Zeremonien durch. Ihre Schamanen galten als Menschen, die mit übernatürlichen Kräften ausgestattet waren. Sie konnten das Jagdwild beschwören, die überall in der Natur vorhandenen Geister positiv oder auch negativ beeinflussen und einen bösen Zauber über Feinde aussprechen.

Nordwestküste
Die Pazifikküste Kanadas mit ihrem artenreichen Regenwald ist durch unzählige tiefe Fjorde (inlets, channels, arms), zahlreiche vorgelagerte Inseln und bis an die Küste reichende Gebirgszüge gekennzeichnet.

Die Stämme an der Pazifikküste und den küstennahen Flusstälern hatten ein reichliches Nahrungsangebot durch die Lachse in Flüssen und Seen sowie durch die Jagd auf Robben, Seelöwen und Wale, ergänzt durch Nahrung, welche die Frauen in den Regenwäldern sammelten. Die Landjagd war von zweitrangiger Bedeutung. Das reichhaltige Nahrungsangebot förderte die Entstehung größerer Dörfer, in denen die Indianer der Westküste den Winter, fallweise auch das ganze Jahr, verbrachten. In einem (Winter-) Dorf konnten 200 bis 1000 Personen leben. Die Bewohner eines Winterdorfes zogen im Sommer in kleineren Trupps umher. Vor Ankunft der Europäer waren einige Küstenregionen dichter besiedelt als sie es heute sind.

Die Dörfer bestanden aus zwischen 18 und 30 Metern langen Häusern, die aneinander gereiht an erhöhten Uferstellen standen. Bei den nördlichen Stämmen waren die Häuser mit vertikalen Planken verkleidet, hatten Giebeldächer und bemalte, zum Wasser hin ausgerichtete Frontseiten. Vor den Häusern standen z. T. riesige Totempfähle aus halbierten Stämmen der Red Cedar. Diese zur Thuja-Gattung der Zypressenfamilie gehörenden Bäume konnten bis zu 1000 Jahre alt werden und eine Höhe von 45 Metern sowie einen Durchmesser von sieben Metern erreichen. Ihr Holz lässt sich leicht spalten.

Im Unterschied zu den nördlichen Küstenstämmen wiesen die Häuser bei den Stämmen im Süden horizontale Planken auf und hatten Pultdächer. Totempfähle kamen seltener vor, dagegen waren Holzskulpturen üblich.

Jedes Haus stellte eine WG aus mehreren, miteinander verwandten erweiterten Kernfamilien mit je eigener Kochstelle dar. Das Oberhaupt (chief) eines Hauses, eines Geschlechts (lineage), hatte fast absolute Autorität. Er regelte die Kontakte mit den anderen Lineages im Dorf. Sein Amt war erblich. Mehrere Lineages, verteilt auf mehrere Winterdörfer, die sich auf einen gemeinsamen Vorfahren zurückführten, bildeten einen Klan. Innerhalb eines Klans waren Heiraten tabuisiert. Ein Klan stellte in erster Linie eine Zeremonialeinheit dar, durch ihn definierte sich jedoch auch ein Stammesterritorium.

”Stamm” war an der Nordwestküste gleichbedeutend mit Adelshaus. Es gab Unterschiede zwischen Adligen mit Anrecht auf eine Häuptlingsposition, Adligen mit Anrecht auf andere Titel und Vorrechte, Gemeine und Sklaven. Die Positionen wurden bei den Stämmen im Norden matrilinear vererbt. Die männlichen Nachkommen aus der Verbindung einer Adligen mit einem Nichtadligen hatten Anspruch auf die durch die Mutterlinie vererbten Positionen und Rechte, die aus der Verbindung eines Adligen mit einer Gemeinen dagegen nicht. Bei den Stämmen im Süden war die Erbfolge bilinear.

Potlatschfeste waren typisch für die Indianer der Nordwestküste. Der Begriff ist abgleitet vom Wort potlatsch (geben) in der Sprache der Chinook, die weiter südlich im US-Staat Washington leben. Man hielt sie im Winter zu besonderen Anlässen ab. Sie boten einem Mann Gelegenheit, durch Verschenken bzw. Vernichten von materiellem Besitz sein soziales Ansehen zu erhöhen. Anlass für ein Potlatsch konnte z. B. die Übernahme einer Häuptlingsposition sein. Durch die Annahme von Geschenken bestätigten die eingeladenen Gäste das Recht des Gastgebers auf seine neue Position. Diese Potlatschfeste hatten einen Rechtfertigungscharakter.

Im 19. Jahrhundert dezimierten von den Europäern eingeschleppte Seuchen die indianische Bevölkerung an der Nordwestküste, in einigen Fällen bis auf 10 % der ursprünglichen Mitgliederzahl eines Klans. Die Seuchen machten auch nicht vor den Adligen halt. Für die sozialen Positionen und mit ihnen verbundenen Aufgaben, u.a. bei Kulten, gab es häufig keine erbberechtigten Anwärter mehr. Andere Klanmitglieder, die durch den Fellhandel mit den Europäern zu Wohlstand gekommen waren, erhoben Anspruch auf eine unbesetzte Position und unterstrichen mit einem Potlatschfest ihren Anspruch. Gab es mehrere Rivalen, konnte es zu Gegenpotlatschfesten mit Rivalitätscharakter kommen. Gegen Ende des Jahrhunderts nahmen die Potlatschfeste reinen Vernichtungscharakter an; ihre Veranstalter zerstörten materielle Werte im großen Stil. Nach dem Verbot dieser Feste 1884 konfiszierte die Regierung die zur Vernichtung vorgesehenen Güter.

Die Küstenindianer führten untereinander blutige Kriege. Gefangene – in der Regel die aus überfallenen Dörfern entführten Kinder – standen als Sklaven auf der untersten Stufe der sozialen Hierarchie. In Notzeiten konnten die Sklaven ausgesetzt werden, gelegentlich wurden sie bei Potlatschfesten auch geopfert. In manchen Küstendörfern bestanden 30 % der Bewohner aus Sklaven.

Als Boote benutzten die Küstenindianer ausgehöhlte Stämme der mächtigen Red Cedar. Bei der Herstellung weichten die Küstenbewohner die Seitenwände der ausgehöhlten Stämme mit heißem Wasser auf, bauschten sie aus und hielten mittels Verstrebungen das Holz in der gewünschten Lage, bis es wieder härtete. Ihre Boote konnten zwischen fünf und über zwanzig Meter lang sein, einen aufgesetzten Bug haben und bis zu vierzig Personen einschließlich Handelswaren transportieren. 

Weiterhin typisch für die Küstenstämme war ein ausgeprägtes Schamanentum, bei dem in selteneren Fällen auch eine Frau als Schamanin fungieren konnte. Bei ihren Heilungszeremonien trugen die Schamanen gelegentlich Masken. Weit verbreitet waren Geheimbünde, deren Mitglieder als Maskentänzer auftraten und Dämonen nachahmten.

Inneres Plateau
Zwischen dem Küstengebirge und den Rocky Mountains liegt ein durch tiefe Flusscanyons, Gebirgszüge und Hochebenen stark gekammertes inneres Plateau mit aridem Charakter. Es erstreckt sich vom ”Canadian Plateau” in British Columbia nach Süden bis zum Columbia Basin in Washington und Idaho (USA). Seine Abgrenzung nach Norden ist ungenau; zumindest die südlichen Carrier sind gelegentlich als Stamm des inneren Plateaus angeführt. Auf Grund der klimatischen Bedingungen und den damit verbundenen geringeren Nahrungserwerbsmöglichkeiten wies das innere Plateau eine weit geringere Bevölkerungsdichte als die Küstenregionen auf.

Weit verbreitet waren bei den Stämmen des Plateaus Erdhütten (Pithouses): zwei Meter tief in die Erde gegrabene sechs bis zwölf Meter große Rechtecke mit Stützstangen in der Mitte, welche die konischen Dächer aus Balkenauflagen trugen. Zweige, Erde oder auch Rindenstücke bedeckten die Balkenauflagen. Das Rauchloch in der Mitte des Daches war meist der einzige Zugang zum Inneren; ein gekerbter Baumstamm diente als Leiter. Eine Erdhütte war die permanente Winterunterkunft für bis zu 30 oder 40 Personen; drei bis vier Erdhütten bildeten eine Siedlung, in der zwischen 100-150 Personen lebten.1 Im Sommer zogen die Stämme des inneren Berglandes in kleineren Familiengruppen von zehn bis 30 Personen umher. Ihre Sommerbehausung bestand aus einem konischen Stangenzelt, das – je nach örtlichen Gegebenheiten – mit Zweigen, Schilf, Rindenstücken oder geflochtenen Binsenmatten abgedeckt war.

Prärie – Nördliche Prärien
Die nördlichen Prärien erstrecken sich in einem großen Bogen nach Kanada hinein. An ihren Rändern geht die Steppenlandschaft in eine immer dichter mit bewaldeten Hügeln und Waldinseln durchsetzte Espen-Parklandschaft über.

Die Prärieindianer lebten von der Büffeljagd. Eigentlich jagten sie Bisons, denn die „Buffalo”, wie die Europäer sie nannten, waren Bisons. Eine traditionelle Jagdmethode war, eine Büffelherde über Klippen zu jagen (buffalo jump). Schon Vorfahren der heutigen Indianer hatten diese Jagdmethode vor über 5000 Jahren angewendet. Wenn es keine Klippen gab, über die man die Büffel treiben konnte, tat es auch eine steile Schlucht, deren Ausgang mit zugespitzten Pfählen versehen war. Eine andere Methode war, sich von allen Seiten an eine kleinere Herde anzuschleichen, die Herde zum Kreisen zu bringen und einzelne Tiere abzuschießen. Diese Art des Jagens von großen Herden erforderte mehr Jäger und die Jagdtrupps waren daher größer als bei den Bewohnern der borealen Wälder.

Bevor die Pferde nach Nordamerika und zu den Indianern kamen, wanderten die Indianer zu Fuß in die Grasebenen. Sie hielten Hunde, die sie zur Jagd und zum Ziehen kleinerer Lasten verwendeten. Im Winter benutzten sie Schneeschuhe, um sich vorwärts zu bewegen, aber die kalten Winter mit ihren eisigen Schneestürmen verbrachten sie meist im Schutze von Waldzonen.

Anfang des 18. Jahrhunderts erwarben die Indianer, die in den kanadischen Prärien bzw. an ihren Rändern lebten, Pferde von den Stämmen weiter im Süden. Innerhalb von zwei Generationen (50 Jahren) entwickelten sie sich zu typischen Prärieindianern. Nach Erhalt der Pferde verfolgten sie in einer dritten Jagdmethode Büffelherden zu Pferde und töteten einzelne Tiere aus kurzer Entfernung. Auch ermöglichte ihnen die größere Mobilität durch die Pferde, weiter in die Prärien vorzudringen, Zelte und Hausrat im größeren Umfang mit sich zu führen und schließlich das ganze Jahr in den Grasebenen zu verbringen. Ihre Stangenzelte, die Tipis, waren dieser Lebensweise in idealer Weise angepasst. Im Durchschnitt war ein Tipi mit acht Personen belegt.

Für die Stämme in den Prärien wurde der Büffel zur Existenzgrundlage. Sein Fleisch lieferte die Nahrung. Als Vorrat dörrten die Prärieindianer das Büffelfleisch, zerstampften es und verarbeiteten es anschließend mit Talg und Beeren zu Pemmikan. Die Felle der Büffel dienten als Kleidung und als Abdeckungen der Tipis, aus den Knochen stellten sie Werkzeuge her. Um die Büffel in noch ergiebigerer Weise jagen zu können, schlossen sich im Frühjahr und im Herbst die Jagdtrupps zu großen Stammesgemeinschaften zusammen – ein ausgeprägtes Stammeswesen mit Krieger- und Männerbünden entwickelte sich bei den Prärieindianern.

Da der Büffel die Existenz der Prärieindianer sicherte, spielte er auch in den religiösen Vorstellungen eine besondere Rolle. Er galt als Geschöpf des Sonnengottes und war ein heiliges Tier. Zur Verehrung des Sonnengottes war der Sonnentanz bei den Präriestämmen verbreitet: Tänzer umkreisten einen Pfahl, mit dem sie durch Riemen verbunden waren, die sie mit Knebeln durch die Haut am Rücken befestigt hatten. Auch schleppten die Tänzer auf die gleiche Weise an ihnen befestigte Büffelschädel mit sich. Sie tanzten bis zur Ohnmächtigkeit.

In den Weiten der Prärien trafen Stämme aufeinander, deren Sprachen zu unterschiedlichen Sprachfamilien gehörten. Zur Verständigung untereinander diente ihnen eine ausgeklügelte Handzeichensprache.

Beispiel für die Zeichensprache der Prärieindianer

(nach Iron Eyes Cody 1991)

Südöstliche Waldländer – St. Lawrence Flusstal und westliche große Seen
Die Völker entlang des St. Lawrence Flusstals mit seiner Verlängerung über den Lake Ontario und Lake Erie und südlichen Lake Huron lebten vorwiegend vom Anbau (verschiedene Mais-, Bohnen- und Kürbissorten, Sonnenblumen und Tabak). Anbauprodukte machten 80 % ihrer Nahrung aus, Jagd und Fischfang sowie das Sammeln von wilden Früchten und Gemüsen ergänzten den Speiseplan. Die Völker in diesem Gebiet wohnten in bis zu 60 m langen und zehn Meter breiten Langhäusern mit Satteldach und kannten für ihre Dörfer Palisadenbefestigungen gegen feindliche Angriffe. Die Dörfer konnten einen Raum von einem Acre bis zehn Acres (0,4-4,0 ha) einnehmen und aus bis zu 100 Langhäusern bestehen. Alle 15-20 Jahre, wenn der Boden an Fruchtbarkeit verloren hatte und die Jagderträge aus den umliegenden Wäldern zurückgingen, verlegten die Bewohner ihre Dörfer.
 

Bei den Stämmen der irokesischen Sprachfamilie in diesem Gebiet hatten die Männer zu Hause nichts zu sagen, denn in den Langhäusern herrschte das Matriarchat. Der Besitz eines Hauses oder des Wohnbereichs in ihm ging von der Mutter auf die Tochter über; die Männer zogen nach der Heirat in das Haus ihrer Frau (Matrilokalität). Die Frauen bestimmten, welcher Mann das Haus im Dorfrat vertreten durfte und die Klanmutter ernannte den Vertreter des Klans im Stammesrat. Im späten 16./frühen 17. Jahrhundert entstand unter ihnen ein politisches System aus Stämmebünden.

Tabelle 1: Kulturareale und Stammesgebiete

 

Kulturareal

geographische Region

Stämme, Völker, Ethnien

Subarktis

atlantische Küstenregion

Micmac, Abenaki (Maliseet)

 

südöstliches Waldland

Ojibwa, Ottawa

 

östliches Waldland

Algonquin, Attikamek,
(Swampy-, Moose-, James Bay-)  Cree, Innu (Montagnais, Naskapi),   Nipissing

 

nördliches Waldland

Beaver, Chipewyan, (Woodland) Cree, Dogrib, Ojibwa, Slavey

 

nordwest-liches Bergland

(nördl.) Carrier, Han, Nahane (Kaska, Tagish, Takutine), Kutchin, Nishka-Gitksan, Sekani, Tahlan, (Inland) Tlingit, Tutchone

 

Yukonnie-derung

Han, Kutchin

Nordwestküste

 

Bella Coola, Haida, Haisla, Heiltsuk, Coast Salish (mit Homalco Tsleil-Waututh), Klahoose, K´omoks, Musqueam, Squamish, Sliammon), Kwakiutl, Nootka, Oweekeno, Sechelt, Straits Salish, Tlingit, Tsimshian

Inneres

Plateau

 

(südl.) Carrier, Chilcotin, Gitksan, Halq´eméy lem (mit Stó:lō), Kootenay, Lillooet (mit Lil´wet´ul), Nlaka´pamux, Okanagan, Shuswap

Prärie

nördliche Prärien

Blackfoot Confederacy (Kainai, Pikuni, Siksika), (Plains-) Cree, Dakota, Gros Ventre, Nakoda (Assiniboin, Stoney), (Plains-) Ojibwa, Sarcee

Südöstliche Waldländer

St. Lawrence Gebiet und westliche große Seen

Abenaki (Maliseet, Passamaquoddy, Penobscot, Sokoki), Algonquin, Huronen (Wyandot), Irokesen (Cayuga, Mohawk, Onondaga, Oneida, Seneca), Mississauga, [Erie, Neutrals, Tionontati, Wenro – ausgestorben]

 
 
E. Franz

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