Anfänge und Status

 
 
Anfänge und Status

Vom Faustkeil zur Bierdose

Während der letzten Eiszeit, als mächtige Eismassen die Polkappen bedeckten, lag der Meeresspiegel der Ozeane um 100 m tiefer als heute. Über die Beringstraße bestand eine Landbrücke zwischen Asien und Amerika. Vor über 13.000 Jahren wanderten Steinzeitjäger aus Asien über diese Landbrücke zum amerikanischen Kontinent. Vor rund 12.000 Jahren bildete die Kultur der Clovis-Jäger für zweihundert Jahre eine erste, flächenmäßig verbreitete prähistorische Kultur auf dem Kontinent. Den Namen verdanken sie dem ersten Fundort ihrer auf spezifische Art angefertigten Projektspitzen aus Feuerstein, dem Ort Clovis in Neu Mexiko in den USA.

  

     Die Clovis-Jäger waren möglicherweise nicht die ersten Einwanderer Amerikas, auf alle Fälle waren sie nicht die letzten Einwanderer. Vor 5000 Jahren folgten ihnen die Vorfahren der heutigen Inuit. Die Bezeichnung „Eskimo“ für sie geht auf das Cree-Wort „aayaskimew“ (Schneeschuhflechter) zurück. Um das Jahr 1000 n. Chr. erreichten Wikinger von Grönland aus den a merikanischen Kontinent, konnten dort jedoch nicht  dauerhaft Fuß fassen. Erst nachdem Christoph Columbus 1492 Amerika „entdeckt“ hatte, begannen sich die Spanier für die „neue“ Welt zu interessieren. Im 16. Jahrhundert dehnten sie, immer auf der Suche nach einem weiteren Eldorado ihr Herrschaftsterritorium von Mexiko nach Norden bis nach Kalifornien und nach Florida aus. England und Frankreich beschränkten sich in diesem Jahrhundert vorerst noch mit weiteren Erkundungen. Dabei fanden sie zwar keine Goldländer, dafür aber Pelze, die sich zu Gold machen ließen. Dies weckte im 17. Jahrhundert das Interesse mehrerer europäischen Staaten an der neuen Welt. 1608 gründete der Franzose Samuel de Champlain Québec am St. Lorenz Strom, 1626 errichteten die Holländer den Handelsposten Neu Amsterdam an der Mündung des Hudson River, 1630 entstand Boston in Neu England und 1638  setzten sich die Schweden am Delaware River in der Gegend des heutigen Philadelphia fest.       

Um dem Bedarf der europäischen Händler an Biberpelzen nachzukommen, dehnten einzelne Stämme ihre Jagdgebiete aus. Mit Hilfe von Feuerwaffen, die sie gegen Felle eingetauscht hatten, vertrieben sie andere Stämme. Eine Völkerwanderung von Osten nach Westen war die Folge.

Die Gewehre hatten ihnen die Europäer in durchaus eigennützigem Interesse überlassen. Denn die europäischen Mächte führten untereinander Krieg um ihre überseeischen Gebiete. Und sie gewannen jeweils indianische Verbündete, die für sie Stellvertreterkriege führten.

Im Laufe des 17. Jahrhunderts übernahm Groß Britannien die Handelsposten der Holländer und Schweden und im Frieden von Paris musste Frankreich 1763 seine Besitzungen in Nordamerika an Groß Britannien abtreten. Aber die Briten blieben nur bis 1776 die Herren Nordamerikas, bis zur Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Nach 1783 verblieb Groß Britannien nur noch der nördliche Teil seiner Besitzungen.

Die ersten Franzosen hatten sich bereits 1605 in Port-Royal (heute Annapolis Royal in Nova Scotia) angesiedelt und 1620 waren die Pilgrim Fathers bei Plymouth in Massachusetts gelandet. Die Besiedlung Nordamerikas durch die Europäer war eingeleitet – zu Lasten der Indianer, die zwar nichts gegen Handelsbeziehungen hatten, sich aber gegen eine immer stärkere Besiedlung ihres Landes, besonders durch die Engländer, auflehnten.

Weit stärker als Kriege und Vertreibungen trugen allerding Seuchen zum Untergang indianischer Kulturen bei. Epidemien dezimierten manche indianischen Völker so stark, dass die Reste keine Chancen mehr hatten, ihre eigene Identität zu bewahren.

Forschungsexpeditionen an die Nordwestküste Amerikas fanden erst im 18. Jahrhundert statt. In russischen Diensten drang Vitus Bering 1741 bis nach Alaska vor. Aber erst James Cook erkundete auf seiner dritten Reise 1778 die Küste bis Alaska hinauf. Alsbald entstanden auch an der Nordwestküste Handelsniederlassungen – russische in Alaska im Norden und britische südlich davon. Für kurze Zeit versuchten auch die Spanier, sich am Handel mit Seeotternfellen, die wegen ihres sehr dichten Pelzwerks in China sehr begehrt waren, zu beteiligen. Der Ort Port Alberni ist nach dem Kommandanten benannt, der von 1790-1792 auf Nootka Island die einzige spanische Festung auf heutigen kanadischen Boden befehligte.

1867 gestattete Großbritannien den Zusammenschluss der Provinzen Ontario, Québec, New Brunswick und Nova Scotia zu einer Konföderation, zum Dominion of Kanada; 1871 trat British Columbia der Konföderation bei. 1869 hatte die Hudson´s Bay Company das von ihr verwaltete Rupert´s Land sowie die North West Territories an Kanada abgetreten. Daraus gingen die heutigen Provinzen Manitoba (1870), Saskatchewan und Alberta (1905) sowie Verwaltungseinheiten Nunavut Territory, Northwest Territories und Yukon Territory hervor. Newfoundland wurde 1949 Mitglied der Konföderation.

Die Besiedlung Nordamerikas durch die Europäer geschah auf Kosten der dort lebenden Indianer. Sie waren den Siedlern, den Goldsuchern, den Geschäftsleuten im Weg. Man bekämpfte und verfolgte sie, beraubte sie absichtlich oder auch unabsichtlich ihrer Lebensgrundlagen, missionierte sie und entfremdete sie ihren Traditionen und man machte sie abhängig von den „Zivilisationsgütern“ des weißen Mannes. Die Steinzeitkultur der Indianer vor Ankunft der Europäer wandelte sich in vielen Fällen zu einer Bierdosenkultur. Oft sind ganze Trupps der Ureinwohner Amerikas ein kollektiver Sozialfall; nur wenigen Gruppen gelang es unter günstigen Voraussetzungen, sich anzupassen, eine eigene Nische in der fremden Kultur zu finden – falls sie nicht völlig assimiliert wurden.

  

 

 

Fort Victoria auf Vancouver Island (2006).

1867 gestattete Großbritannien den Zusammenschluss der Provinzen Ontario, Québec, New Brunswick und Nova Scotia zu einer Konföderation, zum Dominion of Kanada; 1871 trat British Columbia der Konföderation bei. 1869 hatte die Hudson´s Bay Company das von ihr verwaltete Rupert´s Land sowie die North West Territories an Kanada abgetreten. Daraus gingen die heutigen Provinzen Manitoba (1870), Saskatchewan und Alberta (1905) sowie Verwaltungseinheiten Nunavut Territory, Northwest Territories und Yukon Territory hervor. Newfoundland wurde 1949 Mitglied der Konföderation.

Die Besiedlung Nordamerikas durch die Europäer geschah auf Kosten der dort lebenden Indianer. Sie waren den Siedlern, den Goldsuchern, den Geschäftsleuten im Weg. Man bekämpfte und verfolgte sie, beraubte sie absichtlich oder auch unabsichtlich ihrer Lebensgrundlagen, missionierte sie und entfremdete sie ihren Traditionen und man machte sie abhängig von den „Zivilisationsgütern“ des weißen Mannes. Die Steinzeitkultur der Indianer vor Ankunft der Europäer wandelte sich in vielen Fällen zu einer Bierdosenkultur. Oft sind ganze Trupps der Ureinwohner Amerikas ein kollektiver Sozialfall; nur wenigen Gruppen gelang es unter günstigen Voraussetzungen, sich anzupassen, eine eigene Nische in der fremden Kultur zu finden – falls sie nicht völlig assimiliert wurden.

 

 

Korrekt, legal und registriert

 

Völker, Nationen oder Banden?

 

„First Peoples“ ist die politisch korrekte Bezeichnung für die Ureinwohner Kanadas – für die Eskimo, Indianer und Mestizen. Aber diese Bezeichnungen sind politisch nicht korrekt. Korrekt sind die Bezeichnungen „Inuit“, „First Nations“ und „Métis“. Nach dem Zensus von 2011 gab es ca. 1,363 Mio. First Peoples in Kanada, davon gehörten 851.000 zu den First Nations, 452.000 waren Métis und 60.000 Inuit.2

„First Nations“ ist ein rechtlich undefinierter Begriff, der in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts den Begriff „Indian Bands“ ablöste. Andere Bezeichnungen für die Indianer sind: „Amerindians“, „Native Americans“ oder „Native Canadians“, „Aboriginal Amerikans“ bzw. „Aboriginals“ sowie „Indians“. Das internationale Recht kennt keine „First Nations“ sondern nur „Indigenous Peoples“. Einige Indianer lehnen die Bezeichnung „First Nations“ als aufgezwungen ab und benutzen Bezeichnungen aus ihrer eigenen Sprache bzw. die Begriffe „Council“ oder „Community“.

Zur Verwirrung in der Terminologie hat die kanadische Gesetzgebung ihren Teil beigetragen. Bezog sich früher der Begriff „Nation“ auf das Volk eines Landes, der Begriff „Tribe“ (Stamm) auf eine Gruppe von Personen mit gleicher Sprache und der Begriff „Band“ (Trupp) auf eine Untergruppe eines Stammes, so setzte das Indianergesetz Ende des 20. Jahrhunderts eine „Band“ mit einer „Nation“ gleich. Der Streit um Begrifflichkeiten ist in Kanada noch voll im Gange. In kanadischen Quellen kommen Begriffe wie „ethnic group“ und „ethnicities“ vor. Beides beschreibt eine Gruppe mit gemeinsamen Territorium, gemeinsamer Sprache und gemeinsamer Kultur.

Das Indianergesetz definiert „Band“ als einen Verband (body) von Indianern, zu dessen Gebrauch und allgemeinem Nutzen Land bereit gestellt wurde, dessen legalen Titel ihre Majestät garantiert. Die Verwaltung der meisten Bands mit einem gewählten Häuptling (chief) und einem Rat entsprechend der Anzahl der Mitglieder folgt dem Indianergesetz. Zuständig für Indianerangelegenheiten ist das „Department of Aboriginal Affairs and Northern Development Canada“ (AANDC), das von 1966 bis 2011 „Department of Indian Affairs and Northern Development“ hieß und auch als „Indian and Northern Affairs Canada“ bekannt war. Unter einem Bundesminister in Ottawa ist es zuständig für die First Nations, Inuit und Métis, es führt die Indianerregister und es verteilt die Regierungsgelder, die in den meisten Fällen direkt an eine Band gezahlt werden. Eine „Assembly of First Nations“ vertritt die Indianer auf nationaler Ebene.

Die Zusammensetzung einer Band spiegelt nicht immer vergangene soziopolitische Organisationsformen wider. Aus Mangel an Verständnis hatte die Indianerbehörde zusammengehörende Bands auf getrennte Reservate verteilt sowie auch für eine effektivere Verwaltung mehrere kleine Verbände in einem gemeinsamen Reservat untergebracht. Außerdem hatte die Regierung in der Vergangenheit willkürlich einige Bands für „ausgelöscht“ erklärt und ihre Reservate aufgelöst. Auf Betreiben von Indianern entstanden besonders nach 1989 dagegen auch neue Bands, die traditionellen Gruppierungen gerechter wurden. 2011 gab es über 600 „Bands“ oder „First Nations“ in Kanada. Fast die Hälfte davon ist in den Provinzen Ontario und British Columbia anzutreffen.2

     

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts arbeiteten Bundesregierung und Provinzregierungen (soweit vorhanden) bei Vertragsverhandlungen mit den Indianern zur Einrichtung von Reservaten (reserves) zusammen. Bei solchen Verträgen erhielten die Indianer im Waldland von Ontario (vormals Upper Canada) in der Regel 80 Acres (32,37 ha) je Familie und in den nördlichen Prärien die doppelte Fläche sowie spezielle Jagd- und Fischrechte im Kronland. Daneben bezogen die Indianer „Vertragsgelder“ – Häuptlinge jährlich 25 $, Unterhäuptlinge 15 $ und die anderen Stammesmitglieder 5 $. Bei Vertragsabschluss erhielten wichtige Häuptlinge eine Winchester, eine Medaille und eine Uniform. In den Reservaten stellten ihnen die örtlichen Indianeragenturen Werkzeuge, landwirtschaftliche Geräte, Saatgut, Vieh und Netze zum Fischen zur Verfügung. Auch versprach ihnen die Regierung medizinische Versorgung sowie Schulen.

Von einer tatsächlichen „medizinischen Versorgung“ konnte man allerdings erst nach 1945 sprechen.

Die Einrichtung von Schulen überließen die Indianeragenturen in erster Linie römisch-katholischen (jesuitischen), anglikanischen, methodistischen und presbyterianischen Missionaren. Mit der Einrichtung von Schulen erhielten die Missionare gleichzeitig einen „Zivilisierungsauftrag“, dem sie durch Internatsschulen, „Residential Schools“ nachkamen. Der 1920 in Kanada eingeführte obligatorische Schulbesuch für Kinder zwischen sieben und 15 Jahren und ab 1944 die Streichung einer Art Kindergeld, wenn die Kinder keine Schule besuchten, verstärkte den Druck auf die Nativs, ihre Kinder in die Residential Schools zu schicken.

Diese Schulen waren oft weit vom Reservat entfernt, so dass die Kinder nur selten ihre Eltern sahen. Ihre Muttersprache zu benutzen, war den Kindern verboten. Das, was sie in den Schulen lernten, konnten sie anschließend nicht in ihren Herkunftsgesellschaften verwenden. Eine rapide „Entfremdung“ zwischen den Generationen war in Gang gesetzt.

Wie katastrophal die Verhältnisse an den Residential Schools waren, kam erst nach und nach ans Tageslicht: hohe Sterberate, da gesunde und tuberkulosekranke Kinder zusammenlebten, Unterernährung, harte körperliche Züchtigungen, sexueller Missbrauch und sogar medizinische Experimente ohne Wissen der Eltern. Gravierend waren auch die psychischen Schäden bei den Kindern. 1969 entzog die Regierung den Kirchen die Aufsicht über die Residential Schools und führte sie in eigener Regie weiter, bis sie 1996 die letzte dieser Schulen schloss.

Eine zur Wiedergutmachung bereitgestellte Summe von 390 Mio. Can$ reichte nicht aus, da die psychischen Spätfolgen weit größer waren, als anfänglich vermutet. Auch ging es um eine Wiedergutmachung für entgangene Lebenschancen der ca. 80.000 ehemaligen Schüler und Schülerinnen.24 Die Regierung kündigte 2005 an, 1,9 Milliarden Can$ für ein nach Aufenthaltsdauer und Alter gestaffeltes Programm an. Schwierigkeiten bei der Durchführung ergaben sich bei den Nachweisen zur Aufenthaltsdauer. Und viele der älteren Betroffenen konnten sowieso nicht mehr in den Genuss dieser Wiedergutmachung kommen!

Bis 1922 waren die meisten Indianer östlich der Rocky Mountains in Verträge eingebunden, aber noch bis 1950 kamen weitere Vertragsabschlüsse hinzu.

Das Gebiet von British Columbia machte eine Ausnahme in diesen Vertragswerken. Auf Vancouver Island hatte James Douglas 1843 Fort Victoria als Pelzhandelsposten der Hudson´s Bay Company gegründet. 1849 hatte Großbritannien die Insel zur Kronkolonie erklärt. Von 1851 bis 1858 war Douglas Gouverneur der Insel. In seiner Amtszeit schloss er 14 Verträge mit den Indianern auf der Insel (die sog. „Douglas Treaties“), in denen er die Belange der Ureinwohner respektierte, ihnen Jagd- und Fischrechte in ihren traditionellen Gebieten garantierte und sie bei der Festlegung von Reservatgrenzen einbezog. Auch bemühte er sich um Friedensstifter, die bei Konflikten zwischen Goldsuchern und Indianern vermittelten.

Goldfunde entlang des Frazer River 1858 veranlassten Großbritannien, British Columbia ebenfalls zur Kronkolonie zu erklären und Douglas als Gouverneur einzusetzen. Er bekleidete dieses Amt bis zu seiner Pensionierung 1864. 1866 vereinigte Großbritannien die beiden Kronkolonien Vancouver Island und British Columbia zur Kolonie British Columbia mit der Hauptstadt Victoria auf Vancouver Island; 1871 schloss sich British Columbia der kanadischen Föderation an. Vorausgegangen waren heftigen Diskussionen über einen Anschluss an die USA.

Nach 1858 hatten weder Großbritannien noch die Regionalversammlung Mittel für Verträge mit den Indianern zur Verfügung gestellt. Dennoch fuhr Douglas fort, mit den Indianern über die Einrichtung von Reservaten zu verhandeln. Hierbei ging er allem Anschein nach von mindestens zehn Acres (4 ha) je Familie aus. Sein für Indianerangelegenheiten zuständiger Nachfolger war bis 1880 Joseph Trutch, ein den Indianern wenig freundlich gesonnener Mann. Für ihn waren zehn Acres die absolute Obergrenze an Land je Familie in einem Reservat.

Als man 1860 am oberen Peace River Gold fand, verlegte die Regierung der Kronkolonie die Ostgrenze von British Columbia vom Kamm der Rocky Mountains nach Osten bis zum 12. Längengrad, um auch an diesen Goldfunden partizipieren zu können. Bis zum Anschluss 1871 hatte die Regierung der Kronkolonie bereits ein Netzwerk von Reservaten in der Provinz eingerichtet – ohne entsprechende Verträge mit den Indianern. Es gab lediglich die 14 von Douglas geschlossenen Verträge sowie Indianer im (neuen) Nordosten der Provinz, die unter den Vertrag Nr. 8 von 1899 fielen (den Vertrag Nr. 8 hatte die Regierung mit den Indianern im Waldland des heutigen Alberta geschlossen). Noch bis 1990 weigerte sich die Provinzregierung von British Columbia, Vertragsverhandlungen mit Indianern zu führen.

Seit 1876 regelte das „Indianergesetz“ (Indian Act) die Beziehungen zwischen den Indianern und der kanadischen Regierung. Dazu gehörten der Erwerb des Status als Indianer, die Wahl eines Stammesrats, die Nutzung des Reservats, die Finanzen und die Erziehung. Im Laufe der Jahre unterlag das Gesetz mehrfachen Veränderungen. So stellte es z.B. 1884 die direkte oder indirekte Teilnahme an Potlatschfesten und Sonnentänzen unter Strafe und die Behörden konfiszierten bei solchen Festen benutzte Gegenstände (als das Verbot 1951 aufgehoben wurden, häuften sich bei den Gerichten in British Columbia die Klagen auf Rückgabe von beschlagnahmtem Eigentum).

Die Fassung von 1927 untersagte Nicht-Indianern bei Strafandrohung, Indianer bei Landansprüchen zu unterstützen (davon betroffen waren auch Juristen indianischer Herkunft, die durch ihr Studium den Status als Indianer verloren hatten). Dagegen bestätigte es den speziellen Status von Indianern und es räumte ihnen gewisse Rechte ein, u.a. den Fortbestand der Reservate, staatliche Gesundheitsfürsorge und ein spezielles Bildungswesen. Allerdings hatte die Regierung drei Jahre zuvor (1924) ein Gesetz erlassen, das die Verkleinerung von Reservaten ohne Einwilligung der Reservatbevölkerung ermöglichte.

Zwischen 1947 und 1954 erhielten die First Nations das Wahlrecht auf Provinzebenen und 1960 erhielten auch die in Reservaten lebenden Indianer das Wahlrecht auf Bundesebene, das für die außerhalb der Reservate lebenden schon seit 1950 bestanden hatte. Die Reservate erhielten Alkohol und Tabak Privilegien, und es liefen Wirtschaftsentwicklungsprogramme für die Reservate an.

Die Verfassungsänderungen von 1982 bestätigten die Verträge mit den Ureinwohnern (First Peoples) als existierende und künftige Landrechtsabkommen und sie garantierten die „bestehenden“ Rechte der Ureinwohner. Die Definition von „bestehenden Rechten“ blieb den Gerichten überlassen.   

  Ein häufiges Phänomen in Kanada und in den USA – Spielkasinos, von pietistischen Landesvätern nicht geduldet, befinden sich in Indianerreservaten.

 

 Reservat mit Kasino bei Kenora/Ontario (2006).

Die Verfassung von 1982 hatte auch bei den Ureinwohnern die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern festgeschrieben. 1985 erließ die Regierung daraufhin eine Erweiterung zum Indianergesetz, das Gesetz C-31, das Ungleichheiten aufhob. Die letzte Version des Indianergesetzes stammt aus dem Jahr 1989.

1991 ernannte die Regierung einen Untersuchungsausschuss (Royal Comission), in welchem auch Vertreter der Ureinwohner berufen waren, um die Fragen der First Peoples zu klären. Dieser, mit 58 Mio. Can$ teuerste Ausschuss Kanadas, legte nach fünf Jahren (1996) einen fünfbändigen Bericht vor. 1998 reagierte die Regierung auf diesen Bericht und sprach allen Ureinwohnern des Landes ihr tiefes Bedauern für vergangene Aktionen der Bundesregierung aus, welche zu den schwierigen Seiten in den Beziehungen während der gemeinsamen Geschichte geführt haben. Darüber hinaus richtete sie einen Wiedergutmachungsfond von 350 Mio. Can$ ein und versprach die Bereitstellung von weiteren 250 Mio. $ während der nächsten vier Jahre (der Ausschuss hatte 1,5-2,0 Mrd. $ jährlich für die nächsten 15-20 Jahre vorgeschlagen).

Wenn auch unter Vorbehalten in einigen Punkten bestätigte die kanadische Regierung 2010 die rechtlich nicht bindende „United Nations Declaration of the Rights of Indigenous Peoples” von 2007.23 2007 hatte u.a. auch Canada gegen diese Erklärung gestimmt.

 

Zwei Arten von Indianern

In Kanada gibt es zwei Arten von Indianern:

– die registrierten Indianer, auch als „Status-Indianer“ bezeichnet

– und die nicht registrierten oder „Nicht-Status-Indianer“.

Ein Status-Indianer ist eine Person, deren Namen in einem Register der Bundesregierung verzeichnet ist. Die Kriterien zur Anerkennung als Status-Indianer änderten sich mehrfach und beinhalten u.a. Herkunft, Heirat, Bildung und Beruf.

Registriert zu sein, bringt einem Indianer gewisse Vorteile, besonders, wenn er in einem Reservat lebt. Dort zahlt er keine Einkommenssteuer auf Gelderwerb innerhalb des Reservats oder Verkaufssteuern auf Güter, die er im Reservat erwirbt. Andere Vorteile sind die medizinische Versorgung sowie Unterstützung für Wohnung und Ausbildung. In der Regel legt die Selbstverwaltung eines Reservats Höhe und Berechtigung einer Unterstützung gemäß der ihr zur Verfügung stehenden Mittel fest.

Nach den älteren Versionen des Indianergesetzes verlor eine Person ihren Status als „registrierter“ Indianer, wenn sie eine Hochschulbildung abgeschlossen hatte, der Armee beigetreten war oder aber die kanadische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Ebenso hatte eine Frau automatisch ihren Status als Indianerin verloren, wenn sie einen Nicht-Indianer bzw. einen Nicht-Status-Indianer heiratete. Die Nachkommen aus solchen Ehen galten nicht mehr als Indianer.

Das Änderungsgesetz 1985 und die Neufassung des Indianergesetzes von 1989 ermöglichten, dass Personen und ihre Nachkommen, die auf Grund älterer Rechtsbestimmungen ihren Status als registrierte Indianer verloren hatten oder bei der Registrierung abwesend gewesen oder übersehen worden waren, sich registrieren zu lassen. Dies kam besonders in British Columbia zum Tragen, wo 105.000 registrierten Indianern 79.000 nicht registrierte Indianer gegenüberstanden.

Gleichzeitig erlaubte die Regierung den First Nations, eigene Listen ihrer Mitglieder zu führen und selbst über die Stammesmitgliedschaft einer Person zu entscheiden. Nach diesen Änderungen war es möglich, dass eine Person, die keine historischen Verbindungen zu einer bestimmten First Nation hatte, sich als Indianer registrieren lassen und dass eine nicht als Indianer registrierte Person Mitglied eines Stammes werden konnte.

Einen speziellen Effekt löste die neue Gesetzgebung in British Columbia aus. Hier musste die Provinzregierung Vertragsverhandlungen mit Indianern aufnehmen. Eine aus Vertretern von Indianern, der Provinzregierung und der Bundesregierung zusammengesetzte „British Columbia Claims Task Force“ legte einen Sechs-Stufen Plan für die Aufnahme von Vertragsverhandlungen unter Aufsicht einer Vertragskommission vor. Der Plan trat 1992 in Kraft und um die Jahrtausendwende waren ca. 70 % der registrierten Indianer der Provinz in Vertragsverhandlungen vertreten.

Die in Kanada in Reservaten lebenden Indianer hatten zwischen 1950 und 1990 im zunehmenden Maße Möglichkeiten zur Selbstverwaltung erhalten. Probleme gab es dabei besonders durch die Unerfahrenheit in Finanzsachen und durch eine starke Bevölkerungszunahme infolge verbesserter Gesundheitsfürsorge nach 1945. Die Indianer weisen die höchste Geburtenrate in Kanada auf.

 

Exkurs über Begrifflichkeiten im Deutschen

Auch im Deutschen bestehen Definitionsschwierigkeiten, besonders, wenn man sich an englischsprachiger Literatur orientiert. In ursprünglichen Gesellschaften bilden nahe miteinander verwandte Personen eine

Großfamilie oder Haushaltsfamilie. Sie wirtschaftet gemeinsam und benutzt – auf die Indianer Nordamerikas bezogen – eine gemeinsame Kochstelle in einem Zelt oder einer Hütte. Je nach Größe ist die Abgrenzung zu einer

Sippe fließend. In der Regel bilden jedoch mehrere untereinander blutsverwandte Haushaltsfamilien eine Sippe. Die Verwandtschaft kann sich von der Vaterlinie (patrilinear) oder aber von der Mutterlinie (matrilinear) definieren. Daneben können sich aber auch mehrere Großfamilien einem

Klan zugehörig fühlen, der sich auf ein Totem (Tier, Pflanze, Gegenstand) zurückführt. Bei den Indianern an der Westküste ist (war) ein Klan in erster Linie eine Zeremonialeinheit. Auch hier gibt es unterschiedliche Abstammungslinien, also Patriklans und Matriklans. Gemeinsam ist ihnen die Klanexogamie, d. h. das Tabu von Heiraten innerhalb des Klans. Bei den Indianern bestand aber auch die Möglichkeit, durch Adoption die Klanzugehörigkeit zu wechseln. Die Übergänge von einem Klan oder einer Sippe zu einem

Stamm sind wiederum fließend. Ein Stamm ist die Einheit von Menschen (Familien, Sippen, Klans), die durch gleiche Sprache, gleiche geistige und materielle Kultur und geschichtliche Ereignisse verbunden sind und meist in einem Territorialverband zusammen leben. Hierbei kann das „Stammesbewusstsein“ unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Zur Verteidigung seines Territoriums (oder zur Eroberung neuer Territorien) kann ein Stamm aber auch eine politische Einheit bilden, wofür die „Stämme“ der Prärieindianer das beste Beispiel sind. Die gleichen Kriterien wie für einen Stamm gelten auch für ein

Volk. Im deutschen Sprachgebrauch verbinden sich mit „Volk“ unpolitische Begriffe wie „Volkskunst“, „-glaube“ und „-musik“. Wenn sich ein Volk politisch organisiert, entsteht aus ihm eine

Nation, eine Gemeinschaft mit staatstragender Kraft und durch das „Nationalbewusstsein“ ein Wille zur Zusammengehörigkeit. Begriffe wie „Nationalflagge“ oder „Nationalhymne“ unterstreichen im Deutschen den politischen Charakter einer Nation. Begriffe wie „Kulturvolk“, „Kulturnation“ und „Staatsnation“ stiften hingegen wieder Verwirrung.

Ethnie ist ein Begriff mit vielfachen Bedeutungsschichten. Bezogen auf ursprüngliche Bewohner eines Landes definiert „Ethnie“ eine abgrenzbare Menschengruppe, der eine kollektive Identität zugesprochen wird, u.a. durch gemeinsame Kulturzüge und ihre Sprache.

 

 

Ordnung muss

 

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