Algonkin

Algonkin-Sprachfamilie
Abenaki/Abanaki (Alnôbak, Wabanaki)

„Abenaki“ (Leute des Ostens) ist eine nach geographischen und linguistischen Kriterien vorgenommene Gruppenbezeichnung für Stämme, deren Mitglieder sich selbst „Alnan-bal“ (Männer) nannten. Nach der geographischen Verbreitung unterscheidet man die westlichen Abenaki, deren Verbreitung  sich vom Ostufer des Lake Champlain bis zu den White Mountains in New Hamshire erstreckte, die östlichen Abenaki östlich der White Mountains und die maritimen Abenaki in den Küstenregionen.

 
Sokoki bzw. St. Francis Indians sind zwei Bezeichnungen für die westlichen Abenaki; die erste Bezeichnung stammte von den Franzosen, unter der zweiten waren sie in New England bekannt. Die
 
Penobscot, östlich der White Mountains, gehörten zu den östlichen Abenaki.

Die Franzosen nannten die maritimen Abenaki

 

Nation Luporem (Wolfsnation) welche die beiden Stämme

 

Maliseet (Malécite/Malizit; Etchimin bei den Franzosen) und

 

Passamaquoddy zusammenfasste. Die Verbreitung der Maliseet lag hauptsächlich im Westen von New Brunswick entlang des St. John River und nur ein Trupp von ihnen lebte in Maine. Das Gebiet der Passamaquoddy lag südlich davon um die Passamaquoddy Bay mit Hauptverbreitung in Maine und einem Trupp in New Brunswick.

In den drei geographischen Regionen waren drei unterschiedliche Dialekte des „Alnombak“ (Alnôbak), der Sprache der Abenaki, verbreitet, wobei die Dialekte der Passamaquoddy und der Maliseet am nächsten verwandt waren.

Die Abenakistämme kannten den Anbau von Mais, Bohnen und Kürbissen. Für den Anbau bevorzugten sie die Überschwemmungsgebiete von Flüssen; auf kärgeren Böden kannten sie auch eine Düngung mit Fischen. Im Frühjahr und im Sommer versammelten sich die Trupps zum Pflanzen, Fischen und Ernten an festen Plätzen in Dörfern, von denen einige befestigt waren. In der Regel betrug die Bevölkerung eines Dorfes nicht mehr als 100 Personen; größere Dörfer gab es lediglich bei den westlichen Abenaki in der Nachbarschaft zu den Irokesen. Die Behausungen in den Dörfern waren mit Rindenstücken oder geflochtenen Matten abgedeckte Kuppelhütten; gelegentlich kamen jedoch auch ovale Langhäuser vor. Im Winter zogen die Abenaki in kleinen Jagdverbänden ins Hinterland der Flüsse. Als Winterbehausung diente ihnen ein konisches, mit Rinde bedecktes Wigwam, dessen Form der der Tipis bei den Prärieindianern ähnelte.9

Nur in Kriegszeiten vereinigten sich mehrere Stämme der Abenaki unter einem einflussreichen Häuptling. Im Allgemeinen kennzeichnete jedoch das Fehlen einer zentralen Autorität die Gesellschaft der Abenaki. Selbst die Autorität von Stammeshäuptlingen war begrenzt. Wiederholt klagten französische Offiziere in ihren Berichten über die Schwierigkeiten der Abenaki-Häuptlinge, ihre Krieger zu kontrollieren.

Zwischen 1670 und 1725 hatten die Abenakistämme Penobscot, Passama­quoddy und Maliseet zusammen mit den Micmac den „Wabanakibund“ gebildet, einen mit den Franzosen alliierten Zusammenschluss gegen Irokesen und englische Siedler. Eine Strategie der Abenaki gegen die häufigen Unterwerfungsversuche durch die Irokesen und die Briten war, ihre Dörfer zu verlassen und sich an anderer Stelle zu Konterattacken neu zu formieren. Häufig zogen sie sich dabei über die Grenze auf kanadisches Gebiet zurück.

Vom 17. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts hatten Seuchen wie Pocken, Masern, Diphterie und grippale Infekte bis zu 70 % der Abenaki hinweggerafft. Nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) zählten die Abenaki weniger als 1000 Personen. Heute gibt es in den USA und in Kanada zusammen wieder rund 12.000 Abenaki.9

Durch ihre Rückzugstaktik nach Kanada galten die Abenaki in den USA als „kanadische“ Indianer, was zur Folge hatte, dass man sie nie insgesamt als Stamm anerkannte. Allerdings schlossen die Penobscot, die Passamaquoddy und ein Trupp der Maliseet Verträge ab, durch die sie einen kleinen Teil ihres Landes in Maine behalten konnten: die Penobscot ein Reservat, in welchem heute etwa 2000 Personen leben, die Passamaquoddy drei Reservate mit heute ca. 2500 Personen und der Trupp der Maliseet ein Reservat für ca. 600 Personen. Andere Abenaki leben verstreut in New Hamshire und Vermont, mit einer gewissen Konzentration am Lake Champlain. 1976 schlossen sich 2500 Vermont-Abenaki zur „Sokoki-St. Francis Band of the Abenaki Nation“ zusammen und gründeten einen Stammesrat mit Sitz in Swanton/Vermont. 1982 beantragte der Rat die Anerkennung der Gruppe als Stamm.9 In Kanada existiert ein Reservat für 400 Abenaki in Becancour bei Trois Rivéres/Québec sowie für 1500 südlich davon bei St. Francis. Die Vorfahren der hier lebenden Abenaki waren aus New England hierher geflohen. Etwa 2000 Maliseet leben in sechs Reservaten in New Brunswick sowie 470 in einem Reservat in der Provinz Québec.9

Die Dialekte der westlichen Abenaki sind so gut wie ausgestorben und nur noch etwa 1500 Personen beherrschen den Maliseet-Passamaquoddy Dialekt, wobei es sich bei den Maliseet vorwiegend um ältere Personen handelt.4

Algonquin (Algonkin)

Der größte Beitrag der Algonquin zur Geschichte war, dass man die Sprachfamilie nach ihnen benannt hat (zur besseren Unterscheidung des Stammes von der gleichnamigen Sprachfamilie hier in anderer Schreibweise wiedergegeben). Dabei dürfte der Name auf ein Missverständnis zurückgehen: Als der französische Entdecker Samuel de Champlain 1603 einem Siegestanz von Indianern beiwohnte, schnappte er das Wort „Allegonka“ auf, was in der Sprache der Maliseet „Tänzer“ bedeutet. Champlain bezog die Bezeichnung auf die ihm bis dahin noch unebkannten Indianer entlang des Ottawa River. Anscheinend hatten diese Indianer keine gemeinsame Stammesbezeichnung. Sie unterschieden sich in Trupps, die das ganze Jahr am oberen Ottawafluss und seinen Nebenflüssen verbrachten (die „Innländer“) und Trupps, die im Sommer an den St. Lawrence zogen. Innerhalb dieser beiden Gruppen gab es lediglich eine Gliederung in einzelne Trupps. Der größte und mächtigste Trupp, die „Kichesipirini“ (Leute des großen Flusses), lebte ganzjährig in einem befestigten Dorf auf der Morrison Insel im Ottawa River. Namen wie „Lake Temagami“ in Ontario oder „Lac Témisquamingue“ in Québec erinnern an weitere Trupps der Algonquin.

Da sich das Verbreitungsgebiet der Algonquin außerhalb der Wildreiszone an den großen Seen befand, waren sie auf die Jagd- und Sammelwirtschaft angewiesen. Erst 1608 hatten einige südliche Trupps mit dem Anbau von Mais begonnen. Den Winter verbrachten die Algonquin in kleinen Jagdtrupps, die sich aus erweiterten Großfamilien zusammensetzten, im Sommer versammelten sich diese Familien zu Trupps, um gemeinsam zu fischen und soziale Kontakte zu pflegen. Den Algonquin wurde nachgesagt, dass sie wegen der harten Lebensbedingungen sieche, verkrüppelte und schwer verwundete Personen ihrer Gruppe töteten.

Als Medizinmänner und Vermittler zur Welt der Geister nahmen Schamanen eine besondere Stellung ein. Sie konnte aber auch „böse“ Zauber aussprechen. Aus Angst vor einem „bösen Zauber“ waren die Algonquin Fremden gegenüber äußerst zurückhaltend, ihren wahren Namen preiszugeben.

Im „Biberkrieg“ (1630-1671) vertrieben die Irokesen bis 1642 die Algonquin vom St. Lawrence und vom unteren Ottawa River. Ein Teil der Algonquin zog nach Westen zu den Huronen. 1649 vertrieben die Irokesen auch die Algonquin aus dem oberen Ottawatal. Erst nachdem der Irokesenbund und die Franzosen 1667 einen Frieden geschlossen hatten, der sich auch auf die indianischen Alliierten der Franzosen bezog, kehrten die Algonquin in kleinen Trupps wieder ins Ottawatal zurück. Während der fast zwanzigjährigen Abwesenheit der Algonquin aus dem Tal hatten die Ottawa die Felltransporte vom Westen über den Fluss nach Montreal übernommen und die Franzosen hatten auf ihren Karten statt der früheren Bezeichnung „Grande Rivière des Algoumequins“ (Großer Fluss der Algonquin) „Rivière des Outauais“ (Ottawafluss) als neue Bezeichnung eingetragen.

Nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg verloren die Algonquin 1783 das untere Ottawatal an Tories, britische Loyalisten, die aus dem Gebiet der (heutigen) USA geflohen waren und in Kanada neues Siedlungsland erhielten. 1822 bewegten die Briten den Häuptling eines Trupps der Mississauga (Ojibwa), Land im Ottawatal zu verkaufen, Land, auf das eigentlich die Algonquin Anspruch hatten. Weitere Landverluste folgen, als 1840 Holzgesellschaften ins obere Ottawatal vordrangen.

Heute gibt es noch etwa 800 Algonquin in Kanada,9 die in zehn separaten „First Nations“ in Reservaten organisiert sind. Neun der Reservate, darunter eines bei Ville Marie am Lac Témiscamingue, befinden sich in der Provinz Québec, eines liegt in der Provinz Ontario.

Die Sprache der Algonquin mit Dialektunterschieden von Trupp zu Trupp ist den Dialekten der Ojibwa, Ottawa und Potawatomi nahe verwandt. Fast alle Algonquin sprechen noch ihre alte Sprache und benutzen Französisch (bzw. Englisch) nur, wenn es unbedingt erforderlich ist.

 
Anishinabeg (Ojibwa, Chippewa, Saulteaux/Soto, Bungee)

1640 berichteten jesuitische Missionare erstmals von den Indianern „an den Stromschnellen“, den „Saulteaux“, am Abfluss des Lake Superior in den Lake Huron, die sich im Frühjahr und im Herbst zum gemeinsamen Fischfang versammelten. 1648 errichtete Pater Jaques Marquette an den Stromschnellen eine Kapelle. Der Name der Stadt „Sault Sainte Marie“ (Stromschnellen der heiligen Maria) geht auf diese Kapelle zurück. Zu Pater Marquettes Zeiten lebten die Anishinabeg (Singular: Anishinabi) vom Gebiet des heutigen Sault Ste. Marie in der Laubwaldzone entlang des Lake Huron bis zum Nordufer der Georgian Bay. Ihre traditionelle Behausung war eine mit Birkenrinde abgedeckte kuppelförmige Hütte.

Der oralen Tradition der Ojibwa nach waren ihre Vorfahren von der Atlantikküste entlang des St. Lawrence über Montreal nach Westen gewandert und hatten sich aufgeteilt: Die Odawa (Ottawa) waren am Nordufer des Lake Huron und auf der Insel Manitoulin geblieben, die Ojibwa waren bis an die Stromschnellen bei Sault Ste. Marie gezogen und die Potawatomi an den Lake Michigan. Diese drei Stämme bildeten auch später noch die Alliance der „drei Feuer“ im Kampf gegen die Sioux im Westen und gegen die Irokesen im Osten.

Von Sault St. Marie aus breiteten sich die Ojibwa weiter entlang der Nordküste des Lake Superior um den See herum aus, wo Ende des 15. Jahrhunderts an dessen Südwestufer bei La Pointe auf Madeline Island/USA ein weiterer jährlicher Versammlungsplatz entstand.

Durch ihre Handelsbeziehungen zu französischen Fellhändlern waren die Ojibwa frühzeitig in den Besitz von Gewehren gelangt. Die Feuerwaffen ermöglichten ihnen, ihre Erzfeinde, die Sioux (die Abteilung der Yankton-Dakota, die später als Assiniboin bekannt wurde), aus dem Missisipi-Quellgebiet zu vertreiben.

Viele Erzählungen der Ojibwa handeln von den Kämpfen mit den Sioux. Eine davon rankt sich um die Kakabeka Fälle westlich von Thunder Bay: Die Sioux hatten die Tochter eines Ojibwahäuptlings gefangen und verlangten von ihr, dass sie die Krieger der Sioux zum Lager ihres Vater führe. Sie führte die Kanus mit den Kriegern flussabwärts – direkt in die Kakabekafälle. Noch heute soll man die Schreie der Krieger aus dem Tosen der Fälle heraushören. Die Ojibwa nannten die Fälle: „brüllendes Wasser“ – „Kakabeka“.

Die Kakabekafälle bei Thunder Bay/Ontario (2004).

Mit der Ausbreitung um den Lake Superior war die Westbewegung der Ojibwa noch nicht abgeschlossen. Über Flüsse und Seen (Kakabeka River, Lake of the Woods) drangen sie im Waldland weiter nach Westen bis in das Gebiet des unteren Red River am Lake Winnipeg und Lake Manitoba vor. Ende des 18. Jahrhunderts waren Ojibwa – die englisch sprechenden Weißen verstümmelten diese Bezeichnung zu „Chippewa“ – auf dem Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten von Michigan bis North Dakota und in Kanada von Ontario bis Manitoba verbreitet.

Von der North West Company (1821 mit der Hudson´s Bay Company fusioniert) als Fallensteller angeworbene Ojibwa-Trupps gelangten im Westen bis in die Vorberge der Rocky Mountains. 1794 z. B. stelle eine kleine Gruppe von Ojibwa im Gebiet von Fort Edmonton Fallen, zwei Jahre später mehrere Familien am oberen North Saskatchewan. Zur gleichen Zeit jagte ein Trupp von Ojibwa und Ottawa im Gebiet am Lac la Biche (Alberta). Begehrte Tauschobjekte der Ojibwa gegen ihre Biberfälle waren (neben Gewehren) Silberschmuck und Wampum-Gürtel.

Als die Biber seltener geworden waren, kehrten viele Ojibwa in den Osten zurück, einige blieben jedoch in den neuen Gebieten. Noch 1821 jagten etwa 30 Ojibwa im Gebiet des oberen Peace River.

Nachdem Kanada 1869 das Gebiet der Hudson´s Bay Company als „North West Territories“ übernommen hatte, strebte die Regierung Verträge mit den India-nern in diesem Gebiet an. In Manitoba unterzeichneten Ojibwa- (und Swampy Cree-) Trupps 1871 in Lower Fort Garry den Vertrag Nr. 1, durch welchen sie ihre Jagdgebiete aufgaben. In Alberta weigerten sich dagegen einige Ojibwa-Trupps beharrlich, Verträge zu unterzeichnen und in Reservate zu ziehen. Als die Bundesregierung 1931 die Zuständigkeit für die natürlichen Ressourcen der Provinzregierung übertrug, befürchtete das Department of Indian Affairs eine Privatisierung aller kommerziell nutzbaren Teile des Kronlands. Ohne Zustimmung der Betroffenen richtete es daher in aller Eile nordwestlich von Rocky Mountain House zwei Reservate für bisher noch nicht in Reservaten untergebrachte Ojibwa (und Cree) ein. 1950 nahm ein letzter Trupp Ojibwa den Reservatvertrag an. Andere Ojibwa unterzeichneten nie einen Vertrag. Sie fristeten ihr Leben als Gelegenheitsarbeiter und jagten weiter im Gebiet östlich des Jasper Nationalparks. In Kanada leben etwa dopppelt soviele Ojibwa wie in den USA, wo sich 1990 103 000 Personen als Ojbwa/Chippawa bezeichneten.10 Die USA hatten 1854 begonnen, die Ojibwa in Michgan, in Minesota bei Duluth und Grand Portage sowie seit 1857 in der White Earth Reservation, in Wisconsin und in North Dakota in Reservaten unterzubringen. 

Lake Winnipeg Saulteau und Plains Ojibwa.

Die Ojibwa am unteren Red River blieben weiterhin unter der Bezeichnung „Saulteaux“ bekannt. Ihr dortiges Schweifgebiet erstreckte sich im Süden bis zu den Turtle Mountains an der Grenze zu North Dakota. 1841 nahmen sie die Lebensweise von Prärieindianern an und lebten von der Büffeljagd. Hierbei bildeten sie häufig enge Jagd- (und Kriegs-) Gemeinschaften mit den Cree und auch mit den Verbündeten der Cree, den Assiniboin. Reservate dieser Ojibwa befinden sich auf kanadischem Gebiet von Südmanitoba über Südsaskatchewan bis nach Alberta.

 

Reservate dieser Objibwa befinden sich auf kanadischem Gebiet über Südmanitoba über Südsaskatchewan bis nach Alberta. Selbst in Britsh Columbia sind in einem Reservat östlich der Rocky Mountains am Westufer des Moberly Lake zwischen Fort Nelson und Chetwynd 900 Saulteau registriert.16 Auf US-amerikanischen Gebiet leben Angehörige dieser westlichen Ojibwa Gruppe in Northdakota. Insgesamt soll es 60 000 Plains Ojibwa geben, von denen etwa 10 000 Personen noch den Dialekt dieser Gruppe beherrschen.25

 

Mississauga

Auch nach Osten hatten sich Ojibwa entlang der Nordküste des Lake Huron über das Gebiet des Lake Simcoe bis östllich vom heutigen Toronto ausgebreitet. Am Lake Simcoe und dem nördlich angrenzenden Lake Couchiching befinden sich mehrere kleine Reservate der Ojibwa.

Unter den südöstlichen Ojibwa bildeten die Mississauga eine eigene Abteilung. Ursprünglich hatten sie an der Mündung des Mississagi River am Nordufer des Lake Huron und auf der gegenüberliegenden Insel Manitoulin gelebt und nicht an der allgemeinen Westwanderung teilgenommen. Im frühen 18. Jahrhundert begannen die Mississauga nach Südosten in das ehemalige Gebiet der Huronen zwischen dem Lake Erie und und dem Lake Huron abzuwandern, um leichter mit den Europäern Handel treiben zu können („Mississauga“ ist heute der Name einer Trabantenstadt von Toroto). Einer Schätzung von 1736 nach lebten an der Mündung des Mississagi River und auf Manotoulin etwa 250 Mississauga und etwa 1050 auf der Ontario-Halbinsel. Am Lake Ste. Claire, im Gebiet der heutigen Stadt Detroit, gab es fünf Dörfer der Mississauga. Der Name „Missaukee County“ bei Detroit erinnert noch daran. Um ihre Pelze an die Engländer verkaufen zu können, die mehr boten und bessere Tauschwaren als die Franzosen hatten, mussten die Mississauga das Gebiet des Irokesenbundes durchqueren. Nach anfänglichen Kämpfen mit den Irokesen bemühten sie sich 1708 um Durchzugsrechte. 1746 verbündeten sie sich mit den Irokesen und kämpften mit ihnen bis 1750 gegen die Franzosen. Die Franzosen vertrieben daraufhin mit Unterstützung der Ottawa die Mississauga von der Ontario-Halbinsel. Ein Teil der Mississauga zog zu den Seneca, einem Stamm des Irokesenbundes, der östlich des Lake Erie lebte. Die Allianz mit der Mississauga mit dem Irokesenbund hielt allerdings nur bis zum Ausbruch des französischen Indianerkriegs 1755.

In Kanada mussten die Mississauga ab1847 ihre Gebiete in Südontario an die britische Krone abtreten; 1847 gründeten sie die Gemeinde New Credit (1911: 266 Personen) im südlichen Ontario, wo sie sich völlig der Kultur ihrer europäischen Nachbarn anpassten. Die Vereinigten Staaten brachten auf ihrem Gebiet zwischen 1829 und 1842 die Mississauga in Reservaten unter.

Auf der Insel Manitoulin existiert mit Wikwemikong (Bucht der Biber) das einzige „nicht abgetretene“ Indianerreservat in Kanada. Es ist ein Reservat für die „Allianz der drei Feuer“ (Ojibwa, Odawa und Potawatomi).

1836 hatte ein Vertrag Manitoulin den Indianern zugesprochen. 1882 schloss die Regierung neue Verträge mit den Indianern auf der Insel ab, mit denen die Indianer ihre Landrechte an die Krone abtraten und die Indianerbehörde die Aufsicht über die Reservatverwaltung übernahm. Die Allianz der drei Feuer weigerte sich, den neuen Vertrag zu unterzeichnen und ihr Gebiet hat daher bis heute den Status von 1836. 1851 hatten jesuitische Missionare in Wikwemikong eine Kirche erbaut, 1888 daneben eine Residenz. Beide Gebäude brannten 1952 ab; an der Stelle der alten Kirche entstand eine neue.

Die neue Kirche in Wikwemikong/Ontario mit indianischen Symbolen an der Tür (2005).
 

Gitchi Manitou, Nanabush und die Midiwiwin

In den religiösen Vorstellungen der Ojibwa spielten und spielen – soweit sie nicht christianisiert sind – neben dem „Gitchi Manitou“, dem „großen Manitou“ als Weltschöpfer, weitere Manitous, Geister und Dämonen eine Rolle.

Um den Geist Nanabush, der menschlich-allzu menschliche Charakterzüge aufweist, ranken sich viele Erzählungen. Der Manitou „Aepungishimook“ war in das Land der Anishinabeg gekommen, hatte sich in Winonah verliebt und mit ihr vier Söhne gezeugt. Als der vierte Sohn, Nanabush (Wayanaboozhoo), geboren wurde, hatten seine älteren Brüder bereits die elterliche Hütte verlassen und der Vater war in seine Heimat zurückgekehrt. Kurz nach der Geburt starb Winonah und so wuchs Nanabush bei seiner Großmutter auf.

Nanabush, dargestellt als aufrecht stehendes Kaninchen mit übergroßen Ohren. Nanabush konnte sich in jedes Tier verwandeln und dessen Fähigkeiten mit der Verwandlung übernehmen. Er galt sowohl als Unterweiser, der den Menschen half, der Natur Nahrung abzugewinnen als auch als Gauner, der den Menschen Streiche, böse Streiche, spielte. Heute kann Nanabush den Menschen keine Streiche mehr spielen. Der „Sleeping Giant“, eine Felsformation an der Thunder Bay am Nordwestende des Lake Superior, ist nach den Vorstellungen der Ojibwa in dieser Gegend Nanabusch. Er erstarrte zu Stein, als die Weißen seine Silbermine entdeckten.

„Sleeping Giant“, Felsformation bei Thunder Bay/Ontario (2006).

Verbindungen zwischen der Welt der Menschen und der der Geister stellten die mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten „Midew“ (Schamanen) her. Sie waren Heiler, Seher und Priester zugleich. Während der jährlichen Zusammenkünfte leiteten sie religiöse Zeremonien an Kraftorten, meist Felsplateaus im Wald oder an einem Seeufer. An solchen Orten befinden sich entweder aus Steinen gelegte (Tier-) Geisterdarstellungen (Petroforms), in den Fels geritzte Zeichnungen von Geistern (Petroglyphs) oder aber farbige Felszeichnungen (Pictographs).

Weit Bekannt sind die Felsritzungen im Petroglyphs Provincial Park nordöstlich von Peterborough in Südostontario. Hier haben Protoalgonkin vor 1100-600 Jahren rund 900 Darstellungen in den weißen Marmorfelsen, den „Kinomagewapkong“ (Lehrfelsen, Teaching Rock) gekerbt. Es ist die größte bekannte Konzentration von Petroglyphs in Nordamerika. Die Ojibwa, die in das Gebiet eingedrungen waren, verehrten zwar den Felsen und halten noch heute religiöse Zeremonien mit Opfergaben bei ihm ab; die ursprüngliche Bedeutung der Zeichen war ihnen jedoch nicht mehr bekannt. Im Whiteshell Provincial Park im Waldgebiet von Ostmanitoba befinden sich zum Teil sehr alte Petroforms, von denen einige nicht mehr zu erkennen sind. Andere dagegen scheinen neueren Ursprungs zu sein und sind gut erkennbar. Für die Ojibwa des Gebiets ist der Felsrücken mit den Petroforms noch heute ein Ort der Verehrung.

Petroform (Schildkröte) im Whiteshell Provincial Park/Manitoba.
 
Kleidungstücke und Kleiderfetzen an den Bäumen zeugen von einer lebendigen Verehrung (2004).

Farbige Felszeichnungen der Ojibwa, Pictographs, hat man in Kanada an mehreren Orten lokalisiert. Die im Quetico Provincial Park/Südwestontario dürfen nicht photographiert werden, weil nach der Vorstellung der Indianer, mit dem Photo auch die magische Kraft, die jeder Darstellung innewohnt, weggetragen wird. Die Felszeichnungen am Agawa Rock im Lake Superior Provincial Park sind dagegen allgemein zugänglich – wenn der Wassergeist Misshepezhieu es zulässt. Bei hohem Wasserstand gelangt man nicht bis zur Felswand mit den Zeichnungen und bei hohem Wellengang ist es auf der Felsleiste unter der Wand gefährlich. Die mit rotem Ocker auf die Felsen gemalten Zeichnungen sind zwischen 150 und 400 Jahre alt. Erstmals 1851 ohne genaue Lokalisation erwähnt und später von Augenzeugen beschrieben, hat ein Forscher (Selwyn Dewdney) erst 1958 ihren genauen Standort ausfindig gemacht. Einige der Zeichnungen beziehen sich auf ein Ereignis im Krieg der Ojibwa gegen den Irokesenbund (Mitte des 17. Jahrhunderts), andere dürften Visionen von Schamanen sein. Viele Felszeichnungen, die in älteren Berichten erwähnt sind, fielen den Naturgewalten, speziell Felsabbrüchen, zum Opfer.

Darstellung des Wassergeistes Misshepezhieu mit Kopf, Körper und Klauen eines Luchses, stacheliger Mähne und Schwanz sowie mit Hörnern als Symbol der Kraft; unter ihm Wellenlinien, Agawa Rock (2006).
 
Mythische Fische am Agawa Rock/Lake Superior (2006).

Die Schamanen bildeten eine die Stämme der Ojibwa, Ottawa und Potawatomi übergreifende Gesellschaft, die „Mawnawjiwin“ (Midiwiwin/Medewewin), übersetzt als „Grand Medicine Society“, der auch Frauen angehören konnten. In der Midiwiwin gab es vier Ebenen der Mitgliedschaft, wobei die Aufnahme in eine Ebene jeweils langjährige Vorbereitungen und Unterweisungen durch ein Mitglied einer höheren Ebene voraussetzte. Jedes Mitglied war im Besitz einer Birkenrindenrolle mit Symbolen und Zeichen, deren Bedeutung nur initiierte Mitglieder der Gesellschaft kannten. Neben der Midiwiwin gab es die „Waubunowin“, die „Gesellschaft der Morgendämmerung“, deren Zeremonien vor Tagesanbruch endeten. Im Gegensatz zu den Midew, den „guten“, auf Heilung bedachten Schamanen, hatten die Mitglieder dieser Gesellschaft den Ruf, Hexereien und böse Zauber durchzuführen, die den Menschen schaden konnten.13

Atsina (Gros Ventre, Gros Ventres du Prairie, Fall Indians, Waterfall Indians)

Vor den ersten Kontakten mit Europäern hatten sich die Atsina von den Arapaho am Missouri abgespalten und waren in die kanadischen Prärien gezogen. Das Zentrum der „Dickbäuche der Prärie“ (Gros Ventres du Prairie), wie die Weißen sie bezeichneten, befand sich entlang des Milk River Gebiets in Montana, Südostalberta und Südwestsaskatchewan.

1793 überfielen Cree einen Trupp der Gros Ventre. Diese rächten sich an der Hudson´s Bay Company. Sie plünderten den Manchester House Posten der Gesellschaft und zerstörten im Jahr darauf das South Branch House. Aus Furcht vor Vergeltung verließen sie ihre alten Jagdgründe und zogen nach Südwesten. 1796 begannen sie Handel mit Fort Edmonton zu treiben. 1801 überfielen Cree und Assiniboin erneut Lager der Gros Ventre. Eine Pockenepidemie und ein harter Winter forderten weitere Todesopfer. Die Gros Ventre, welche die Europäer für ihre Probleme verantwortlich machten, töteten 1802 14 Irokesen aus dem Osten, welche die North West Company angeworben hatte und die sich auf dem Weg zum Chesterfield House unweit von Empress in Alberta befanden. Anschließend versuchten die Gros Ventre, allerdings erfolglos, den Handelsposten einzunehmen. Als Gerüchte aufkamen, dass sie sich mit den Arapaho und den Crow im Süden für einen Rachefeldzug verbündet hätten, gab die Gesellschaft das Chesterfield House auf.

1815 erstreckten sich die Jagdgründe der Gros Ventre im Norden bis an die Flüsse Bow und South Saskatchewan, im Westen bis Lethbridge, im Osten bis an die Grenze von Saskatchewan und im Süden nach Montana hinein. Nachdem Lewis und Clark 1804-1806 mit ihrer Expedition das Gebiet des oberen Missouri und des Yellowstone erkundet hatten und amerikanische Händler in das Gebiet vordrangen, begannen sich die Gros Ventre nach Süden zurückzuziehen und ausschließlich auf US-amerikanischen Gebiet zu jagen und zu handeln. Mitte des 19. Jahrhunderts lagen ihre Jagdgründe südlich der Cypress Hills. Bis 1861 waren die Gros Ventre Mitglied der Blackfoot Confederacy gewesen; nach einem Streit über gestohlene Pferde wurden sie erbitterte Feinde der Konföderation. Heute lebt der Stamm im der Fort Belknap Reservation in Montana.

Attikamekw (Attimewk, Attikamek, Tête de Boule)

Die Attikamek (Weißfische) am oberen St. Maurice Fluss in Québec sprechen eine Sprache, die dem Cree so eng verwandt ist, dass viele Linguisten sie als einen Dialekt des Cree ansehen. Politisch waren die Attikamek jedoch mit den Montagnais liiert. Die Attikamek mussten ihre Heimat nie verlassen, und sie haben weder ihre traditionelle Kultur noch ihre Sprache aufgegeben; lesen und schreiben können allerdings nur wenige die Sprache, in der es kaum Druckerzeugnisse gibt. Zweitsprache ist Französisch. Durch Staudammbauten wurde wiederholt Land der Attakamek überflutet; in jüngster Vergangenheit hat Quecksilber, das aus den Wasserkraftwerken in die Flüsse gelangte, die Trinkwasserversorgung des Stammes (und die der Montagnais) verseucht.

Ihrer Sprache wegen offiziell den östlichen Cree zugeordnet, beschlossen die Attikamek 1972, wieder ihren alten Namen „Attikamekw“ anzunehmen. 1996 waren in drei Reservaten in Québec 1747 Attikamek registriert,12 die mit den Montagnais und Naskapi einen gemeinsamen Stammesrat bildeten. Insgesamt dürfte es 4000-5000 Attikamek in der Provinz Québec geben.4

Innu

Montagnais und Naskapi sind zwei Gruppen des gleichen Volkes im subarktischen Waldland Ostkanadas, das sich als „Innu“ bezeichnet. Durch ein sprachliches Missverständnis hielten sie die Europäer für zwei verschiedene Stämme.

Ihre Sprache, das „Innu aimun“, zerfällt in das westliche und das östliche Montagnais-Innu (L- und N-Dialekt) sowie in das Naskapi-Innu (Y-Dialekt). Montagnais-Innu und Naskapi-Innu haben sich so stark auseinander entwickelt, dass es Linguisten gibt, die sie je als eigene Sprachen ansehen. Andere halten Montagnais-Innu und Naskapi-Innu für Dialekte des Cree bzw. auch für einen Unterdialekt des Montagnais-Innu. Geschrieben wird das Innu-aimun sowohl mit dem lateinischen Alphabet als auch mit der Schrift der Cree.

Die Innu kannten keine übergreifende politische Organisationsform. Sie streiften in kleinen Jagdgruppen von zehn bis zwanzig Personen umher, die sich einmal im Sommer in einem größeren Lager versammelten. Während die weiter im Süden lebenden Montagnais Jäger, Fischer und Sammler waren, lebten „die hinter dem Horizont“, die Naskapi, vorwiegend von der Karibujagd. Dementsprechend waren ihre Hütten mit Karibufellen abgedeckt, die der Montagnais dagegen mit Birkenrindenstücken.

Obwohl christianisiert, brachten die Innu viele vorchristliche Vorstellungen und Riten in ihr Christentum mit ein. Ein Ritual war das „Shaking Tend Ritual“ (Zeremonie des bebenden Zeltes) gewesen. Hierzu hatte sich ein Trupp in einer speziell zu diesem Zweck errichteten Hütte versammelt, um dem Schamanen zuzuhören, der mit den Geistern sprach und die Hütte, das Zelt, dabei erbeben ließ.

Kriege auf französischer Seite gegen die Irokesen sowie Seuchen hatten die Bevölkerung der Innu dezimiert. Im 19. Jahrhundert begann man, die Überlebenden in Dörfern anzusiedeln, wo sie in Armut und Abhängigkeit gerieten. Ein Trupp der Naskapi ließ sich erst 1916, als keine Karibu mehr durch ihr Gebiet zogen, am Davis Inlet in Labrador nieder. Heute versuchen die Innu die Kontrolle über ihr traditionelles Gebiet zurückzuerlangen, in welchem Holzhandelsgesellschaften den Wald nutzen, Bergbaufirmen Minen betreiben, Wasserkraftwerke gebaut werden und über welchem das Militär Tiefflüge mit Überschallmaschinen trainiert. Als Quecksilber aus einem Kraftwerk das Trinkwasser großflächig verseuchte, verlangten die Innu sofortige Einstellung aller Industrieprojekte auf ihrem Land.

Zur Anzahl der Innu machen die Quellen unterschiedliche Angaben. Naskapi leben in zwei Siedlungen, von denen eine 16 km nordöstlich von Schefferville in Québec nach eigenen Angaben auf ihrer Homepage 750 Einwohner hat; am Davis Inlet in Labrador leben ca. weitere 500 Naskapi.11 Etwa 800 Montagnais sind in Labrador anzutreffen, weitere 13.000 in Québec, u. a. bei Sept-Iles am Golf von St. Lawrence und am Lac Mistassini, wobei man die Innu am Lac Mistassini auch für Cree hält.

Mi´kmaq (Micmac)
Die Stammesbezeichnung ist aus der Grußformel des Stammes im frühen 17. Jahr-hundert „mi´kmaw“ bzw. „nikmaq“ („meine verwandten Freunde“) entstanden; die Eigenbezeichnung ist „Lnu´k“ (Menschen). Wegen ihrer kunstvollen Verarbeitung von Stachelschweinborsten bezeichnete man die Micmac gelegentlich auch „Porcupine (Stachelschwein) Indians“. Die Verbreitung der Micmac konzentrierte sich in den kanadischen Maritimes auf New Brunswick östlich und nördlich des St. John River, auf Nova Scotia und Cape Breton sowie auf Prince Edward Island und sie setzte sich nach Norden auf der zu Québec gehörenden Gaspé-Halbinsel fort. Ab 1630 war ein Trupp der Micmac auch im Südwesten von Neufundland anzutreffen.

Die Sprache, das „Mi´kmawi´simk“, gehört zur Micmac-Maleseet-Passamaquoddy-Gruppe der Algonkinsprachen. Sie zerfällt in Dialekte, wobei sich der Dialekt der Gaspé-Halbinsel, das „Restigouche/Listuguj“, so stark von dem in Nova Scotia gesprochenen Dialekt abhebt, dass untereinander Verständigungsschwierigkeiten bestehen (Restigouche/Ristigouche – Fluss am südlichen Beginn der Halbinsel; Listuguj – Ort an der Mündung des Flusses, gegenüber von Campbellton). Jesuitische Missionare, welche die Micmac zwischen 1610 und 1690 zum Christentum bekehrten, modifizierten die unter den Micmac üblichen Pictographs (Hieroglyphen), um den Bekehrten Gedächtnisstützen für die christlichen Gebete zu geben. Seit 1894 verwendet man das lateinschriftliche Alphabet zur Wiedergabe des Mi´kmawi´simk. 1974 führte man Sonderzeichen ein, um bestimmte Laute genauer zu bezeichnen.

Französische Berichte des 17. Jahrhunderts, verfasst von Personen, die sich längere Zeit in den Maritimes und unter den Micmac aufgehalten hatten, beschreiben die Kultur der Micmac zur Zeit der frühen Kontakte mit den Europäern. Die Micmac lebten in einzelnen Verbänden, die je ein bestimmtes Territorium beanspruchten. Anführer eines Trupps, ein „Sagamore“ (Häuptling), war ein Mann mit Führungsqualitäten. In Notzeiten musste er die Autorität aufbringen, Nahrungsmittel gerecht unter seinen Gefolgsleuten zu verteilen. Je nach Jahreszeit lebten die Micmac von der Robbenjagd an der Küste, vom Fischfang an den Flüssen, in die verschiedene Fischarten zum Laichen kamen, machten im Binnenland Jagd auf größere Säugetiere (Elche, Karibu, Hirsche, Bären und Biber) und jagten auf den Seen durchziehende Gänse- und Entenschwärme. Interessant ist die Schilderung einer Entenjagd: Die Jäger versteckten sich in einem Birkenrindenkanu und ließen es nachts mitten in einen ruhenden Entenschwarm treiben. Wenn sie im Schwarm waren, zündeten sie Fackeln aus Birkenrinde an. Die Vögel schreckten zwar auf, waren aber durch die Fackeln geblendet und flogen im Kreis um sie herum. Mit langen Stangen schlugen sie dann die Jäger aus der Luft. Zum Zubereiten von Nahrung verwendeten die Micmac sowohl Gefäße aus zusammengenähter Birkenrinde, indie sie heiße  Kochsteine legten als auch hölzerne Kessel. In den hölzernen Kesseln bereiteten sie u.a. „Elchbutter“ zu. Sie kochten die aufgebrochenen Knochen eines Elches aus. Fett und Knochenmark, das sich an der Oberfläche sammelte, schöpften sie mit hölzernen Löffeln ab. Bei ihren jahreszeitlichen Wohnortwechseln bevorzugten die Micmac als Behausung ein tipiförmiges Stangenzelt, abgedeckt mit Bahnen aus Birkenrindenstücken, wobei die einzelnen Rindenstücke mit den feinen Wurzeln von Fichten zusammengenäht und mit Fichtenharz abgedichtet waren.

Die Micmac waren die ersten Indianer im heutigen Kanada, in deren Gebiet permanente Siedlungen von Europäern entstanden. Bereits drei Jahre vor der Gründung von Québec hatten sich 1605 in Port Royal französische Siedler im heutigen Nova Scotia niedergelassen. Weitere Siedler folgten ihnen. Sie nannten ihre neue Heimat „Acadia“. Die Micmac duldeten die Siedlungen an der Küste und in den Marschen der Flüsse, da sich die Zahl der Siedler in Grenzen hielt und sie Vorteile aus dem Tauschhandel mit den Europäern zogen. In den ersten hundert Jahren lebten Micmac und Acadier friedlich nebeneinander – worauf die Acadier noch heute gerne hinweisen. Ohne Unterstützung mit Nahrungsmitteln durch den Micmac-Trupp von Häuptling Membertou hätten die frühen Siedler von Port Royal die ersten Winter wohl nicht überstanden.

Obwohl es durchaus zu gegenseitigen kulturellen Beeinflussungen kam, waren es letztlich die Micmac, die, besonders durch den Fellhandel, in Abhängigkeit von europäischen Handelswaren gerieten und dadurch Kulturzüge verloren, die sich über Jahrhunderte in Anpassung an die natürliche Umwelt entwickelt hatten. Die katholische Mission unter den Micmac trug weiterhin zum Wandel der ursprünglichen Kultur der Micmac bei.

In den kriegerischen Auseinandersetzungen, die zwischen England und Frankreich im 18. Jahrhundert in der „neuen“ Welt ausbrachen, gewann das Gebiet der Micmac immer größere strategische Bedeutung. 1710 nahmen britische Truppen Port Royal ein und im Vertrag von Utrecht musste Frankreich die Kolonie Acadia an England abtreten, behielt jedoch noch die Ile Royal (Cape Breton) und die Ile Saint-Jean (Prince Edward Island). Es war ein brüchiger Friede und beide Mächte verstärkten ihre militärische Präsens in den kanadischen Maritimes (die Briten gründeten u. a. 1749 die Festung Halifax).

Durch ihren römisch-katholischen Glauben und durch die alten freundschaftlichen Beziehungen waren die Micmac loyale Parteigänger der Franzosen in den britisch-französischen Auseinandersetzungen. Von 1670-1725 gehörten die Micmac dem „Wabanakibund“ der Abanaki-Stämme in den Maritimes und in Neu-England (Maine) an. Sie verteidigten ihr Gebiet gegen weitere (unerwünschte) Kolonisten. Für die Engländer waren diese Indianer jedoch „Wilde“ und sie setzten eine Prämie für jeden Indianerskalp aus, ohne Unterschied, ob von einem Mann, einer Frau oder einem Kind.

Nachdem die Briten Cape Breton und Prince Edward Island eingenommen und schließlich auch Québec erobert hatten (1760), waren die Micmac allein im Kampf gegen die Engländer. 1760 schlossen ihre Häuptlinge einen Friedensvertrag mit Großbritannien. Aber erneut gerieten sie in den Strudel von Ereignissen, die von den Weißen ausgingen. Während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1776-1783) flüchteten zunehmend britische Loyalisten in die Maritimes und die Micmac mussten immer weitere Gebiete abtreten. 1783 schufen die Briten neue Verwaltungsstrukturen in den Maritimes und teilten das Gebiet in die Provinzen Nova Scotia, Prince Edward Island und New Brunswick auf (die Gaspé-Halbinsel blieb bei Québec). Dies beendete die territoriale Einheit des Micmac-Gebiets und ihr Schicksal lag nun in den Händen der jeweiligen Provinzregierungen. Mit Gründung der kanadischen Konföderation 1867 ging die Zuständigkeit für die „First Peoples“ von den Provinzregierungen auf die Zentralregierung über.

Vor ihren ersten Kontakten mit den Europäern dürfte die Bevölkerung der Micmac an die 20.000 Personen betragen haben. Seuchen und Kriege des weißen Mannes dezimierte sie bis 1823 auf 1800 Personen. Heute leben in Kanada 28 Trupps der Micmac mit einer registrierten Gesamtpopulation von 16.000 Personen, davon ca. 14.000 in den Maritimes. Von diesen Micmac leben wiederum 70 % in 25 größeren Reservaten. Drei dieser Reservate befinden sich auf Prince Edward Island, wobei das flächenmäßig größte das von Lennox Island in der Malpeque Bay im Westteil der Insel ist. Neun größere Reservate sind in New Brunswick mit einer gewissen Konzentration an der mittleren Ostküste um Neguac, Miramichi und Richibucto anzutreffen. In Nova Scotia haben die Micmac 13 größere Reservate, u.a. bei Truro sowie in Eskasoni, Wagmatcook und Whycocomath auf Cape Breton an den Bras d´Or Lakes.

In den USA lebt ein Trupp der Micmac mit 500 Personen im Norden von Maine. Diesen Trupp erkannte die Provinzregierung erst 1973 und die Bundesregierung 1991 offiziell als „Tribe“ an.

Ein Vertrag zwischen den USA und Großbritannien von 1794 räumt den „Native Peoples“ uneingeschränkte Mobilität über die Grenze zwischen Kanada und den USA ein. Viele Micmac zogen den Nordosten der USA den kanadischen Maritimes vor. In der Umgebung von Boston leben allein 2000 Micmac und einige Hundert in New York. Insgesamt dürfte es um 25.000 Micmac geben, von denen noch 7500 bis 8000 Personen das Mi´kmawi´simk beherrschen.11 Die Zahl der Jugendlichen, die sich für die alte Sprache interessieren, ging seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ständig zurück.

Als es unter den Indianer in den Maritimes in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts Probleme mit Landansprüchen und den ungleichen Bildungschancen gab und als immer mehr Indianer ihre ethnische Identität verloren, riefen Aktivisten die „Union of New Brunswick Indians“ sowie die „Union of Nova Scotia Indians“ ins Leben. Von 1969-1976 war die monatlich erscheinende Zeitung „Micmac News“ Sprachrohr der Union of Nova Scotia Indians, danach bildete sie ein unabhängiges Meinungsforum der Micmac, stellte eine Verbindung zwischen den Micmac in den Reservaten und denen, die außerhalb der Reservate lebten, dar und vermittelte Einblicke in die Kultur der Micmac. 1990 musste sie ihr Erscheinen einstellen, weil die Regierung im Zuge allgemeiner Sparmaßnahmen zum Ausgleich des Haushaltsdefizits auch ihre Unterstützung von über zwanzig Kommunikationsgesellschaften der First Peoples im ganzen Lande strich.14

Nahiawuk/Nehiyawak (Cree, Christineaux/Kristineaux)

Die Cree sind mit über 200.000 Personen das größte Indianervolk Kanadas. Ihr Verbreitungsgebiet reicht vom nördlichen Québec bis zu den Vorbergen der Rocky Mountains in British Columbia. Anhand von Dialekten und Verbreitung teilt man die Cree ein in die

 

Swampy Cree (Sumpf Cree, vorwiegend in Manitoba),
– Moose Cree (in Nortontario bis Moose Factory),

– James Bay Cree (in angrenzenden Gebieten von Québec),

– Woodland Cree (Waldland Cree) und die
– Plains Cree (Prärie Cree).
 
Swampy CreeMoose Cree und James Bay Cree
Diese drei Gruppen im nördlichen Waldland zwischen Québec und Manitoba spre-chen unterschiedliche Dialekte, und zwar den N-, L- und Y- Dialekt des Cree. 1600 hatten französische Entdeckungsreisende Cree an der James Bay angetroffen und sie „Christineaux“ genannt. Im 17. Jahrhundert begannen jesuitische Missionare unter den Cree zu wirken und im 19. Jahrhundert „erfanden“ sie zur besseren Verbreitung ihrer Bibeltraktate eine eigene Schrift für die Cree. In ihr gibt es eigene Zeichen für einige wiederkehrende Silben, weshalb sie häufig als „Silbenschrift“ bezeichnet wird. Alle öffentlichen Gebäude in Cockrane/Ontario und nördlich davon tragen neben der Bezeichnung in Englisch und in Französisch auch die Bezeichnung in Cree-Schrift.

Die östlichen James Bay Cree auf dem Gebiet der Provinz Québec wurden nach 1960 wiederholt umgesiedelt, als die Provinz begann, auf ihre natürlichen Ressourcen zurückzugreifen. Mit Baubeginn des ambitiösen Wasserkraftprojekts an der James Bay 1971, das sieben Staudämme am La Grande Rivière vorsah, drohte den Cree in der Provinz ein weiterer Verlust großer Gebiete. 1975 kam es dann zu einer Einigung mit den betroffenen Cree: Für die Abtretung ihrer Landrechte entschädigte die Regierung die Cree mit 225 Mio. Can$, räumte ihnen spezielle Jagd- und Fischereirechte ein und gewährte ihnen eine größere Selbstverwaltung. Begriffliche Verwirrung entsteht durch die Eigenbezeichnung „Iynu“ der James Bay Cree, eine andere Aussprache von „Innu“, der übergeordneten Bezeichnung für Montagnais und Naskapi.

Cree aus Moose Factory an der James Bay/Ontario (2004).
 
Woodland Cree
Als die Cree im 17. Jh. mit Händlern der Hudson´s Bay Company in Berührung kamen, reichten die Jagdgebiete der Woodland Cree ungefähr bis zur heutigen Grenze zwischen Saskatchewan und Alberta. Hier, im Waldland, lebten sie in kleineren Familienverbänden und entwickelten keine ausgeprägten Stammesidentitäten.

Bereits nach kurzer Zeit war der Pelztierreichtum ihrer Gebiete ausgebeutet und die Cree begannen, weiter nach Westen vorzudringen. Im frühen 19. Jahrhundert kontrollierten die Woodland Cree das Waldland in Kanadas Westen.

Durch die enge Zusammenarbeit mit den Pelzhändlern gaben die Woodland Cree viele Aspekte der eigenen Kultur auf. Ein Teil von ihnen widmete sich ausschließlich der Pelztierjagd und geriet dadurch in völlige Abhängigkeit von den Handelsposten.

Viele Pelzhändler heirateten Cree-Frauen – die der Entdeckungsreisende Alexander Mackenzie als wohl proportioniert und mit ebenmäßigen Gesichtszügen beschrieb – die „Métis“ wurden geboren. Um 1890 waren die meisten Woodland Cree mit Métis vermischt.

1899 schickte die Regierung zwei Expeditionen in das Woodland (von Alberta). Wer sich als Indianer betrachtete, konnte im Vertrag Nr. 8 seinen Status behalten, wer sich als Métis ausgab, erhielt eine Anrechtsurkunde auf 160 Acres (64, 7 ha) Land.

Versuche, die Woodland Cree in ihren Reservaten (u. a. bei Lac la Biche und am Lesser Slave Lake) zum Ackerbau anzuhalten, blieben erfolglos, solange es noch Wild zu jagen und Fische zu fischen gab. Nebenbei verdingten sich viele Cree als Gelegenheitsarbeiter bei weißen Siedlern und Firmen, andere fanden Anstellungen in den großen Städten. Durch ihre engen Verbindungen zur Kultur der europäischen Einwanderer waren die Woodland Cree besser als manche anderen Indianer auf die Anforderungen der heutigen Gesellschaft vorbereitet.

Plains Cree
Bereits vor Ankunft der ersten Europäer waren Cree aus dem Waldgebiet in die offene Park- und Prärielandschaft vorgedrungen. 1730 berichtete ein Reisender erstmals von „Cree der Ebenen“ in Manitoba. In den folgenden dreißig Jahren beschleunigte die Nachfrage nach Pelzen, möglicherweise auch ein Mangel an jagdbaren Tieren als Nahrung im Waldland, die Wanderung von Cree in die Ebenen. Cree und die mit ihnen verbündeten Assiniboin begannen, entlang des North Saskatchewan nach Westen vorzudringen, wobei sie einen Keil zwischen die dortigen, zu der Zeit noch nicht mit Gewehren ausgerüsteten Stämme trieben. Sie drängten die Beaver an das Nordufer des Peace River ab und die Sarcee nach Süden, vertrieben die Blackfootstämme aus Südwestsaskatchewan und trieben sie in Alberta nach Süden. Den Pockenepidemien von 1736 und 1780/1781 fiel die Hälfte aller Cree zum Opfer, eine weitere Pockenepidemie 1818 sowie Seuchen wie Masern und Diphtherie forderten zahlreiche Todesopfer. Diese zahlenmäßige Schwächung mag die Cree daran gehindert haben, ihre Jagdgründe weiter auszudehnen.

Unter den Plains Cree unterscheidet man zwei Hauptabteilungen:  die am unteren North Saskatchewan in Saskatchewan und die am oberen North Saskatchewan, von denen einige Trupps im heutigen Alberta jagten. In der Prärie lebten die südlicheren Trupps ausschließlich von der Büffeljagd. Die Gruppen weiter im Norden verbrachten einen Teil des Jahres im Waldland, den anderen Teil in der Prärie. Da die Büffeljagd größere Jagdtrupps erforderte, schlossen sich die Plains Cree zu größeren Gruppen zusammen; ein ausgeprägtes Stammeswesen entstand. Neben der Jagd betätigten sich die Cree als Zwischenhändler für die Hudson´s Bay Company und tauschten bei den anderen Stämmen europäische Güter gegen wertvolle Pelze ein.

Die Plains Cree hatten bei ihren Hauptgegnern, den Blackfootstämmen, den Mandan, den Crow und den Gros Ventre den Ruf, grimmige Krieger zu sein. Oft überfielen sie zusammen mit Assiniboin und Ojibwa die Dörfer ihrer Feinde, um Pferde zu stehlen oder sie übten Vergeltung, wenn Jagdtrupps anderer Stämme in ihr Gebiet eingedrungen waren oder Feinde eines ihrer Lager überfallen hatten. Um 1880 waren die Büffel so gut wie ausgerottet. Bereits 1871 hatten Häuptlinge der Plains Cree die Regierung um Unterstützung gebeten. 1884 unterzeichneten Plains Cree in Fort Qu´Appelle den Vertrag Nr. 4, in welchem sie ihre Jagdgebiete in Südsaskatchewan gegen Unterstützung in Reservaten eintauschten. 1876 folgte der Vertrag Nr. 6 in Fort Carlton und Fort Pitt (mit Assiniboin und Ojibwa), in welchem die Indianer Zentralalberta aufgaben. Zur Unterzeichnung dieses Vertrags waren auch einige Cree-Häuptlinge erschienen, die meisten anderen unterzeichneten 1877 in Edmonton und in Blackfoot Crossing sowie 1888 in Sounding Lake Zusätze zu diesem Vertrag (auf diese Weise entstanden in Alberta 13 Reservate der Cree, später auf elf reduziert; in Britisch Columbia bestehen drei Reservate zwischen Fort Nelson und Chetwynd mit ca. 2500 Personen.16

Da die Büffel ausgerottet waren, gestaltete sich das Leben in den Reservaten für die Plains Cree schwierig. Einige Trupps von ihnen beteiligten sich daher 1885 am Aufstand von Riel, einem Métis. Um die Jahrhundertwende nahm die Bevölkerung in den Reservaten ständig ab, was dazu führte, dass sie einige Reservate teilweise oder ganz aufgeben mussten. Erst nach dem ersten Weltkrieg führte ein verbesserter Gesundheitsdienst wieder zu einem Anstieg der Bevölkerung. Beispiel des Keehiwin-Trupps in Alberta: 1876 – 211 Personen; 1908 – 145 Personen; 1996 – 1367 Personen.3

Ein Cree-Trupp in Alberta widersetzte sich lange Zeit der Unterbringung in einem Reservat und zog erst 1944 in das für ihn bereits 1931 bereitgestellte Reservat nordwestlich von Rocky Mountain House. In den USA (Montana) leben 8290 Cree.10

Bei Saskatoon am South Saskatchewan überwinterten im Tal eines kleinen Baches schon vor 6000 Jahren Steppenjäger. Auf einem Hügel beim Tal befindet sich eines jener rätselhaften „Medizinräder“, eine kunstvolle Petroform. Die Plains Cree (und auch ihre Verbündeten, die Assiniboin und Plains Ojibwa), die zuletzt hier die Winter verbrachten, nannten den Ort „Wah-nes-kay-win“, „Suche nach Frieden der Seele“ (Peace of Mind). Das gesamte Areal des „Wanuskewin Park“ gilt heute offiziell als ein Nationalerbe Kanadas.

 

     
Hain in Wanuskewin/Saskatchewan: Um die Bäumen gewickelte Stoffbahnen (2005).
 
Nipissing
Die Sprache der Nipissing ist den Dialekten der Algonquin, Ojibwa und Ottawa verwandt. Wegen ihrer geringen Anzahl betrachtet man sie entweder als östliche Gruppe der Ottawa, südliche Gruppe der Ojibwa oder nördliche Gruppe der Algonquin. Die Nipissing selbst distanzieren sich von diesen Zuordnungen.

Dieser sehr kleine Stamm am Lake Nipissing in Ontario beherrschte eine der wichtigsten Kanurouten, die vom Ottawa River und einem kleinen Nebenfluss bis fast an den Lake Nipissing und von dort über den French River an die Georgian Bay des Lake Huron reichte. Samuel de Champlain besuchte 1615 als erster Europäer die Nipissing (trotz Warnungen vor ihrer Hexerei). 1653 vertrieben die Irokesen die Nipissing vom gleichnamigen See. Die Nipissing flohen nach Westen zu den Ojibwa und Ottawa. Sie kehrten jedoch 1667 wieder dorthin zurück, nachdem ein Friedensvertrag zwischen dem Irokesenbund und den Franzosen auch die Alliierten der Franzosen eingeschlossen hatte.

1721 überredeten die Franzosen 250 getaufte Nipissing, zusammen mit 100 Algonquin und 300 Mohawk (Irokesen) in dem Missionsdorf Oka (von Algonquin und Nipissing so genannt; die Mohawk nannten es: „Kanesatake“) westlich von Montreal zu siedeln. Nur wenige der Nipissing in Oka überlebten eine Choleraepidemie 1835.

Heute sind in den Listen der „Nipissing First Nation“ in North Bay am Lake Nipissing über 1800 Stammesmitglieder registriert.11

Odawa (Ottawa)
Auch die Ottawa bezeichnen sich als „Nishnaabeg“ (Anishinabeg). Zusammen mit den Ojibwa und Potawatomi, welche die gleiche Sprache sprachen, waren die Ottawa in prähistorischer Zeit (vor Ankunft der Europäer) von der Atlantikküste an das Nordufer des Lake Huron abgewandert, wo die Insel Manitoulin und die Bruce Peninsula ihre Heimat wurde. Die drei Stämme bildeten die „Allianz der drei Feuer“ im Kampf gegen Irokesen und Sioux, wobei die Potawatomi, die „jüngeren Brüder“, die „Hüter des Feuers“ und die Ojibwa, die „älteren Brüder“, die „Hüter Glaubens“ waren. Der Name Ottawa (Odawa) leitete sich von dem Wort „Adawa“ (Händler) ab.

Als die Ottawa in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Stelle der Huronen als Zwischenhändler für den Pelzhandel mit den Franzosen in Montreal übernahmen, verdrängten die Irokesen sie von den Inseln im Lake Huron. Gleichzeitig dehnten die Irokesen ihre Jagdgründe auch auf die Michigan-Halbinsel aus.

Berühmt wurde der 1720 geborene Häuptling Pontiac, der Sohn eines Ottawakriegers und einer Ojibwasquaw. Als 1754 die französisch-britischen Auseinandersetzungen um die überseeischen Kolonien in Amerika auslösten, mischte sich Pontiac auf französischer Seite in den Kampf ein. Er vereinte 1755 die Ottawa mit den Ojibwa, Potawatomi, Delawaren, Shawnee, Mingo und Wyandot im Kampf gegen die Engländer.

Dass 1763 ein Friede von Paris den Krieg in Europa und in den Kolonien beendet hatte und dass Kanada an die Briten gefallen war, scherte Pontiac wenig. Er sah eine Chance zuzuschlagen, noch bevor sich die Engländer in den ehemaligen Grenzforts der Franzosen richtig eingelebt hatten. 1763/1764 führte er den größten und erfolgreichsten Indianeraufstand des 18. Jahrhunderts an. Mit Ausnahme von Detroit und Fort Pitt (dem späteren Pittsburgh), nahm er mit seiner Stämmekonföderation sämtlich Grenzforts im Gebiet der Konföderation ein und vertrieb Hunderte von Siedlern zwischen Virginia und Niagara. Bei den Kämpfen wandten die Indianer verschiedene Kriegslisten an. Um das Fort Michilimackinac an der Enge zwischen Lake Huron und Lake Michigan zu eroberten, veranstalteten sie z. B. ein Ballspiel, das als „la Cross“ noch heute ein kanadisches Nationalspiel ist. Während des Spieles schlugen sie den Ball über die Palisaden des Forts und baten die Briten, das Tor zu öffnen, damit sie weiter spielen konnten. Als die Soldaten das Tor öffneten, stürmten die Spieler, plötzlich bewaffnet, ins Fort. Die Waffen hatten die zuschauenden Indianerfrauen unter ihrer Kleidung versteckt gehalten. Nur drei Mann der Besatzung blieben am Leben. Sie waren in die Kirche des französischen Priesters geflüchtet und der konnte sie schützen – nicht als Priester vermutlich, sondern als Franzose.

Der Landhunger der Engländer war größer als ihre Verluste. Sie kamen wieder, und auf Dauer waren die Indianer den britischen Rund-um-die-Uhr-Soldaten nicht gewachsen. Die Indianer führten Krieg, wie sie jagten und sammelten, alles zu seiner von der Natur bestimmten Zeit. 1765 musste Pontiac einen Waffenstillstand und 1766 Frieden mit den Briten schließen. 1769 tötete ihn ein Indianer, den die Briten möglicherweise dafür gedungen hatten – was historisch jedoch nicht zu beweisen ist.

Auch nach Pontiacs Tod war der Widerstand der Ottawa nicht gebrochen. 1805-1812 gehörten sie zu den Verbündeten des Shawnee-Häuptlings Tecumseh in dessen Indianerfront gegen die Weißen.

Heute leben ca. 15.000 Ottawa in Reservaten in Ontario (u. a. auf Manitoulin sowie im Gebiet von Carleton Place, westlich von Ottawa), in Michigan sowie in Oklahoma.2

 

Soyi-tapix/Saukuitapix – „Prärieleute“, (Blackfoot Confederacy, Schwarzfuß-Indianer)
Früher nannten sie sich auch „Nitsi-tapix“ (echte Leute), heute ist es ihre Bezeichnung für alle Indianer. Bis 1861 waren die Gros Ventre eng mit der Blackfoot Confederacy liiert sowie bis zur Unterbringung in Reservaten 1877 auch die Sarcee.

Zwischen 1700 und 1725 hatten die Blackfootstämme von Stämmen weiter im Süden die ersten Pferde erworben, mit denen sie den Büffelherden leichter folgen konnten. Als Anthony Henday 1754 als erster Weißer direkte Kontakte mit den Blackfootstämmen bekam, hatten sie sich bereits zu „typischen“ Prärieindianern entwickelt und sie waren auch schon mit Gewehren ausgerüstet. Zu dieser Zeit kontrollierte die Blackfoot Confederacy das Gebiet zwischen den Rockies im Westen und dem heutigen Südsaskatchewan im Osten, zwischen dem North Saskatchewan River im Norden und dem Missouri im Süden.

Durch die größere Mobilität und dem leichteren Zugang zur Hauptnahrungsquelle, dem Büffelfleisch, hatte sich auch die Gesellschaftsstruktur verändert. Mehrere kleinere Familienverbände bildeten nun einen gemeinsamen Jagdtrupp, der aus zehn bis dreißig Tipis, also aus 80-240 Personen bestand. Diese Trupps waren einerseits groß genug, um sich gegen Feinde verteidigen zu können und andererseits klein genug, um mobil zu bleiben. Die Zusammensetzung der Jagdtrupps war variabel. Sie konnte sich durch Absplitterungen, Aufteilungen und Angliederungen – auch von Trupps anderer Stämme – ständig verändern.

Im Frühjahr und im Herbst versammelten sich die Jagdtrupps eines Gebiets zur gemeinsamen Büffeljagd; ein starkes Stammesbewusstsein entstand. Es gab Männerbünde und Stammes-häuptlinge, denen gewählte Stammesräte beiseite standen.

Die Errichtung von Handelsposten durch die Pelzhandelsgesellschaften in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts berührte die Blackfootstämme nur marginal. Da es in ihrem Gebiet keine Pelztiere gab, lagen die Posten wie Fort George, Fort Edmonton (errichtet1795) oder Rocky Mountain House am North Saskatchewan (errichtet 1799) am Rande des Schweifgebiets der Blackfoot Confederacy. Die Blackfootstämme tauschten dort Trockenfleisch, Büffelfelle und Pferde gegen Gewehre, Äxte und andere Güter des weißen Mannes ein.

Den Kern Blackfoot Confederacy bildeten die drei Stämme der

– Sik-sikah´/Siksika (Blackfoot),

– Kainai/Kainaiwa (Blood),

– Pikani/Pikuni (Peigan – sprich: „pay-gán“, Piegan in den USA, Peagan).

Einer Legende nach bedrohten Feinde von allen Seiten den Stamm und dieser teilte sich in drei Lager auf. Das Lager im Norden wehrte die Cree ab, das im Südwesten die Stämme aus den Bergen (Kootenay) und das im Südosten die Crow, Assiniboin und Lakota. Als ein Mann aus dem nördlichen Lager nach einiger Zeit die anderen beiden Lager besuchte, kam er durch ein Gebiet, in welchem ein Präriebrand gewütet hatte und seine Mokassins färbten sich schwarz, woraus für die nördliche Stammesgruppe die Bezeichnung „Schwarzfuß“ entstand. Als er im Südostlager nach dem Häuptling fragte, behaupteten alle, der Häuptling zu sein. Der Stammesname Kainai leitet sich von Akainai – „viele Häuptlinge“ – ab. Im Südwestlager fiel dem Mann aus dem Nordlager auf, dass die Frauen die Häute nicht sorgfältig abgeschabt und gegerbt hatten – es wurde der Stamm der Akipuni – der „schäbigen Häute“, was die Weißen zu „Peigan“ verstümmelten.

Um 1815 kontrollierten die Peigan einen 100 Meilen breiten Streifen entlang Rocky Mountains vom Bow River bis zum Missouri, die Blood lebten zwischen dem Red Deer River und dem Bow River und die Siksika nördlich von ihnen bis zum North Saskatchewan. Zu dieser Zeit jagten die Sarcee in den Beaver Hills südöstlich von Edmonton und die Gros Ventre südlich der Blood und östlich der Peigan. Als Prärieindianer drangen die Blackfootstämme nur in die Berge (z. B. in das Gebiet des Banff National Parks) vor, um Stangen für ihre Tipis zu holen, Bergziegen und Bergschafe ihrer Felle wegen zu jagen oder Überfälle auf die Kootenay auszuführen.

Durch den Druck der Überfälle von Cree und Assiniboin waren die Blackfootstämme bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nach Süden ausgewichen: Die Peigan hatten sich im Norden südlich des Bow River zurückgezogen und waren im Süden nach Montana vorgedrungen; die Siksika hatten sich im Gebiet von Blackfoot Crossing am Bow River konzentriert und die Blood waren in das Gebiet zwischen Lethbridge und den Sweetgrass Hills zurückgewichen.

Auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten errichtete die American Fur Company 1831 Fort Piegan am oberen Missouri. Alsbald entwickelten sich die Blackfootstämme zu gewieften Händlern, die Amerikaner und Briten gegeneinander ausspielten, um die besten Preise für ihre Büffelfellmäntel und Pelze zu erhalten (der Versuch der Hudson´s Bay Company, 1832, mit dem Peagan Posten östlich des Banff National Parks direkte Handelsbeziehungen mit den Peigan aufzunehmen, scheiterte am Widerstand des Stammes; die Company schloss den Posten nach kurzer Zeit wieder).

1855 schlossen die USA einen Vertrag mit den Trupps der Blackfoot in Montana, um für den geplanten Eisenbahnbau durch den Kontinent klare Rechtstitel auf das Indianerland zu erhalten. Die Blackfoot Trupps gaben den größten Teil von Montana für exklusive Jagdrechte, jährliche Zahlungen sowie weitere Vorteile auf. Bei der Unterzeichnung waren 14 Häuptlinge der Peigan zugegen, jedoch nur acht Häuptlinge der Blood und vier der Siksika (Blood und Siksika, deren Jagdgebiete überwiegend im britischen Kanada lagen, waren nicht am Vertrag interessiert). Wenige Jahre nach Vertragsunterzeichnung kamen zuerst Händler, dann Missionare und schließlich, nach Goldfunden in den Bergen von Montana 1860, Goldsucher, Kaufleute und Rancher in das Gebiet der Blackfootstämme. Besonders die Peigan wehrten sich gegen diesen Landraub durch die Weißen, es kam zu Auseinandersetzungen, die man 1866 als „Blackfoot war (Krieg)“ bezeichnete. 1870 überfiel der Major Eugene Baker irrtümlich ein friedliches Lager der Peigan. Im so genannten „Baker-Massaker“ starben 173 Personen, Frauen und Kinder inbegriffen. Aus Angst, dass man sie ausrotten wolle, flohen viele Blackfoot Trupps auf kanadisches Gebiet.

In Kanada hatten Whiskeyhändler entdeckt, dass sie in Südalberta und Südsaskatchewan unbehelligt von US-amerikanischen und kanadischen Behörden ihre Ware an die Indianer verkaufen konnten. 1869/1870 bauten sie ein Fort bei der heutigen Stadt Lethbridge und waren so erfolgreich, dass weitere Whiskey-Forts aus dem Boden schossen: Fort Whoop-Up, Standoff, Slideout, Spitzee, Elbow River, Lafayette Franch´s Post, Farwell´s Post. Die Blackfootstämme verfielen dem Alkohol, verarmten und wurden demoralisiert. 1874 schickte die kanadische Regierung die im Jahr zuvor gegründete North West Mounted Police (ab 1904 Royal North West Mounted Police und seit 1920 Royal Canadian Mounted Police) aus, um dem illegalen Handel ein Ende zu bereiten. Assistant Commissioner Col. James F. Macleod errichtete ein erstes Fort im kanadischen „wilden“ Westen, das später nach ihm benannte Fort Macleod am Oldman River.

 

Fort Macleod/Alberta: Nachbildung als Touris­tenattraktion in der gleichnamigen Stadt (2006).

Pockenepidemien und andere Seuchen hatten die Population der Blackfoot Confederacy stetig dezimiert, besonders die Pockenepidemie von 1837. Noch 1832 war die Zahl der Tipis bei den Peigan auf 750 geschätzt worden und bei den Blood und Siksika auf je 450, was eine Gesamtzahl von 13.200 Personen entsprach. 1841 waren es insgesamt nur noch 7200 Personen gewesen. Andere Krankheiten wie Masern und Keuchhusten bei Kindern, Tuberkulose, Skrofulose (eine Art Tbc) und Geschlechtskrankheiten dezimierten bis 1870 die Stammesmitglieder der Blackfootstämme weiter auf 6144 Personen.

Sik-sikah´
1877 schloss die kanadische Regierung bei Blackfoot Crossing am Bow River, südlich der heutigen Stadt Cluny, den Vertrag Nr. 7 mit den Siksika, Blood und Peigan (sowie Sarcee und Stoney), in welchem die Stämme das Land südlich von Vertrag Nr. 6 – im Wesentlichen das Land südlich des Red Deer River – bis auf die mit ihnen ausgehandelten Reservate aufgaben. Häuptling Crowfoot – IssapoMuxika – von den Siksika dominierte bei den Vertragsverhandlungen.

Chief Crowfoot, geboren um 1830, stammte aus der Verbindung eines Siksika mit einer Kainai. In seiner Jugend hatte er sich einen Namen als tapferer Krieger gemacht. Bereits zuvor ein einflussreicher Häuptling, übernahm er 1872 die Führung der Siksika.

Der Überlieferung nach hatten Häuptling Crowfoot und Colonel James Macleod von der damaligen North-West-Mounted Police Freundschaft geschlossen und der Häuptling unterstützte bei mehreren Gelegenheiten Col. Macleod in schwierigen Situationen. Auf Crowfoots Einfluss hin nahmen die Stämme der Blackfoot weder 1876 am Aufstand der Dakota unter Sitting Bull in den USA noch 1885 am Nordwest-Aufstand des Métis Louis Riel teil. Issapo Muxika verstarb am 4. April 1890 in Blackfoot Crossing an Tbc.

Der Vertrag Nr. 7 hatte den Siksika ein Gebiet entlang des Bow River zugesprochen. Nachdem die Siksika 1878 der letzten Büffelherde nach Montana gefolgt waren, zogen sie 1881 in das Reservat, wo sie vollständig von den Rationen, welche die Indianeragentur verteilte, abhängig waren. Zwei Jahre später, 1883, legte die Regierung die Grenzen des 470 Quadratmeilen (1216,83 qkm) großen Reservats fest. Als sich die Siksika im Reservat mit einigem Erfolg der Gartenwirtschaft zuwendeten, halbierte die Regierung nach der Ernte die Rationen.

Durch die abnehmende Stammespopulation – 1879 waren 2249 Siksika registriert worden, 1939 waren es nur noch 800 Personen gewesen – gerieten die Siksika Anfang des 20. Jahrhunderts unter zunehmenden Druck, Teile ihres Reservats zu verkaufen. Landverkäufe und -auktionen 1910, 1912 und 1918 brachten Geld in die Kassen der Reservatverwaltung, die davon Landwirtschaftsgeräte anschaffte, ein Krankenhaus baute und ein weit reichendes Wohlfahrtsprogramm finanzierte. Die enorm ansteigenden Lebenshaltungskosten nach dem zweiten Weltkrieg und eine Verdoppelung der Bevölkerung zwischen 1939 und 1958 zehrte die Geldreserven auf und 1958 erklärte der Oberhäuptling den Bankrott des Wohlfahrtsprogramms. Privater Unternehmensgeist war gefragt. Bis 1996 stieg die Bevölkerung im Reservat auf 4677 Personen an und die Überbevölkerung wurde zum Problem.3

 
Kainai
1877 waren die Blood der größte Stamm im südlichen Alberta. Er umfasste 3000 Personen und konnte 550 Krieger aufbieten. Im Vertrag von Blackfoot Crossing – zu dessen Aushandlung die Blood aus verletztem Stolz mit zwei Tage Verspätung erschienen – war für sie ein vier Meilen breiter Streifen bis Medicine Hat am Bow River, das trockenste Gebiet Albertas, vorgesehen gewesen. Nachdem sie 1978 die letzte Büffelherde in Montana gejagt hatten, bezogen die Blood ihr altes Wintergebiet am Belly River bei Fort Macleod. In einem neuen Vertrag erhielten sie 1883 ein Reservat zwischen dem Belly River und dem St. Mary River bei Fort Macleod, welches mit 352.600 Acre (1426,87 qkm) das größte Reservat Kanadas war (die südlichen Bezirke der Stadt Lethbridge sind nur durch den Oldman River vom Reservat getrennt).

Im Reservat begannen die Blood erst Kartoffeln und Steckrüben in kleinen Gärten anzubauen, alsbald kamen Gemüse und Getreide hinzu. Nebenbei zogen junge Krieger zum Pferdestehlen nach Montana und entkamen meist glücklich zurück über die Grenze.

1900 erhielten die Blood 1500 Rinder und begannen mit der Rinderzucht. 1916 wendeten sie sich dem großräumigen Getreideanbau in der Prärie zu. Versuche 1907 und 1919, Land von den Blood für weiße Siedler zu erwerben, schlugen fehl. Nach 1945 verpachteten sie jedoch gegen eine Ertragsbeteiligung Land an weiße Farmer.

Auch unter den Blood forderten Skrofulose, Tuberkulose, Grippewellen, Masern und Keuchhusten viele Opfer unter der unterernährten Reservatbevölkerung. Die Bevölkerung ging von 3071 Personen, die 1879 auf Listen für Vertragsgelder gestanden hatten, auf 1111 Personen im Jahr 1920 zurück. Danach verbesserte sich die medizinische Versorgung und 1996 lebten 8303 Personen im Reservat.3

Ein Care Centre in eigenwilliger moderner Architektur prägt das Verwaltungszentrum des Reservats. Gegenüber dem Care Centre befindet sich eine Oberschule und der Verlag der „Blood Tribe News“. In der Ausgabe vom 26. Mai 2006 (Vol. 18, Nr. 13) sind die Kosten von Flutschäden aus dem Jahr 2005 sowie die bisher erhaltenen Wiederaufbaumittel detailliert angeben (6,3 Mio. zu 1,6 Mio. Can$).

 
  Im Verwaltungszentrum des Kainai-Reservats/Alberta (2006).
 
 Pikani
1792 hatte Peter Fidler in Buckingham House (östlich von Calgary) eine Gruppe von Peigan getroffen und sie in ihre Jagdgründe begleitet. Über seine Beobachtungen führte er ein ausführliches Reisejournal. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits über Cree als Zwischenhändler Geräte und Werkzeuge der Weißen zu den Pikani gelangt. Fidler versuchte die Peigan zu überzeugen, direkte Handelsbeziehungen mit dem Buckingham House Posten aufzunehmen.

Seit 1855 unterschied man zwischen den „Amiskapi Pikuni“, den südlichen Peigan und den „Aputoki Pikuni“, den nördlichen Peigan. Die südlichen Peigan erhielten 1876 in Montana ein Reservat am Birch Creek und Two Medicine Creek, die „Blackfeet Indian Reservation“. Heute leben 23.234 Blackfoot in Montana.10 Bei dem Vertrag Nr. 7 von 1877 war die kanadische Regierung davon ausgegangen, dass die Blackfootstämme noch zehn Jahre lang von der Büffeljagd leben konnten. 1878 trieben jedoch Präriebrände die Büffel nach Süden und Osten. Die Blackfootstämme folgten 1878 der letzten großen Büffelherde nach Montana; 1879 kehrten keine Büffel mehr in die kanadischen Prärien zurück.

1877 hatten die nördlichen Peigan ein Reservat in ihrem bevorzugten Winterlagergebiet am Oldman River und den Porcupine Hills erhalten. 1879 zogen sie dort hin. Es gab Unregelmäßigkeiten bei der Erfassung ihrer genauen Anzahl: Einige Trupps zogen erst zu einem späteren Zeitpunkt in das Reservat, manche Peigan ließen sich sowohl in Montana als auch in Kanada registrieren, andere machten falsche Angaben zu ihrer Familiengröße. 1882 ermittelten ihr Indianeragent 849 Personen im Reservat, woraufhin die Grenzen des Reservats festgelegt wurden: 182,4 Quadratmeilen (472,47 qkm) am Oldman River sowie Holzeinschlagrechte auf 11,5 Quadratmeilen (29,78 qkm) in den Porcupine Hills. Im Reservat wendeten sich die Peigan der Landwirtschaft zu. Nach 1886 gab es jedoch Missernten in Folge, aber erst 1889 sah die Regierung ein, dass Wind, Trockenheit und Fröste eine erfolgreiche Landwirtschaft im Reservat unmöglich machten. Sie förderte daraufhin die Rinderzucht.

Skrofulose und Tuberkulose dezimierten bis 1898 die Population im Reservat auf 536 Personen, eine Grippewelle 1918 auf 250 Personen. Bessere medizinische Versorgung kehrte die Bevölkerungsabnahme um. 1996 lebten 2884 Peigan im Reservat.3 Von dem Geld, das sie1899 für die Genehmigung erhalten hatten, eine Eisenbahnlinie durch das Reservatgebiet zu bauen, hatten die Peigan eine Sägemühle erworben. 1909 erzwang die Regierung eine Abstimmung über den Verkauf von 28.496 Acres (11.532 ha) in der Nordwestecke des Reservats.

Über dem Tal des Oldman River befindet sich direkt nordöstlich des Reservats der „Head-Smashed-In (zerquetschter Kopf) Buffalo Jump“. Hier haben früher Präriebewohner Bisons über eine Klippe gejagt– und das schon seit 5800 Jahren. Seinen Namen erhielt der Buffalo Jump um 1850, als ein junger Peigan, geschützt unter einem Felsvorsprung, aus nächster Nähe miterleben wollte, wie die Bisons über den Rand der Sandsteinklippe zu Tode stürzten. Die Jagd an diesem Tage war äußerst erfolgreich und die sich immer höher auftürmenden Tierkörper drücken den Neugierigen an die Felswand und zerquetschten seinen Kopf. Der Haed-Smashed-In Buffalo Jump ist heute ein UNESCO Weltkulturerbe und noch immer ein bedeutender Ort für die Peigan.

 
Head-Smashed-In Buffalo Jump bei Fort Macleod/Alberta (2006).

 Reservate der Blackfoot, Sarcee und Stoney in Südalberta:

 
 

 

 

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